Søren Sveistrup

Der Kastanienmann

Eine niedrige Decke aus dunkelgrauen Wolken hängt über der Stadt, als Kommissarin Naia Thulin und ihr neuer Partner Mark Hess an einen entsetzlichen Tatort gerufen werden: einen Spielplatz, auf dem eine leblose Frauengestalt im Gras sitzt, an den Pfosten eines Kletterhäuschens gelehnt, zusammengesunken wie eine Stoffpuppe. Sie hat nur eine Unterhose an und ein Hemd, das von Regen durchnässt und mit dunklen Blutflecken übersät ist. Der Frau fehlt eine Hand, und an einem Balken hinter ihr hängt eine kleine Figur aus Kastanien, die vom Wind hin- und hergeschaukelt wird. Als Thulin diese scheinbar harmlose Figur sieht, bleibt ihr instinktiv für einen Augenblick das Herz stehen. Nicht zu Unrecht, wie sich später herausstellen wird, denn sie entdecken einen Fingerabdruck an dem Kastanienmännchen, der von einem Mädchen stammt, das ein Jahr zuvor verschwunden ist und als tot gilt – die Tochter der Politikerin Rosa Hartung. Kurz darauf wird eine weitere Frau ermordet aufgefunden, zusammen mit einem weiteren Kastanienmann. Thulin und Hess kämpfen gegen die Zeit, denn es ist klar, dass der Mörder auf einer Mission ist, die noch lange nicht vorbei ist ...

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Marius öffnet die Haustür. Im Flur ist es dunkel, und er vernimmt einen Geruch von Feuchtigkeit und Schimmel und noch von etwas anderem, von dem er nicht so richtig sagen kann, was es ist.
»Ørum, hier ist die Polizei.«
Es kommt keine Antwort, aber er kann weiter drinnen im Haus das Wasser laufen hören und betritt die Küche. Das Mädchen ist ein Teenager. Vielleicht 16 oder 17 Jahre alt. Ihr Körper sitzt immer noch auf dem Stuhl am Esstisch, und das, was von ihrem zerschossenen Gesicht übrig ist, liegt in einer Schale mit Haferbrei. Auf der anderen Seite des Esstischs kauert auf dem Linoleumfußboden noch ein lebloses Wesen. Ein Junge, auch Teenager, etwas älter, mit einer großen, klaffenden Schusswunde in der Brust, sein Hinterkopf lehnt linkisch am Herd. Marius Larsen erstarrt. Natürlich hat er schon öfter Tote gesehen, aber noch niemals etwas wie das hier, und einen kurzen Augenblick ist er gelähmt, bis er seine Dienstwaffe aus dem Holster im Gürtel holt.
»Ørum?«
Marius geht weiter, während er ruft, jetzt hält er die Pistole vor sich. Immer noch keine Antwort. Die nächste Leiche findet er im Badezimmer, und diesmal muss er sich die Hand vor den Mund halten, um sich nicht zu übergeben.
Das Wasser läuft aus dem Hahn in die Badewanne, die schon längst bis an den Rand gefüllt ist. Es fließt weiter auf den Terrazzofußboden zum Ablauf und vermischt sich mit
dem Blut. Die nackte Frau, vielleicht die Mutter, liegt in einer verdrehten Stellung auf dem Fußboden. Ein Arm und ein Bein sind vom Torso abgetrennt. Später im Obduktionsbericht wird stehen, dass sie mit einer Axt abgeschlagen wurden, die sie mehrmals getroffen hat. Erst, während sie in der Badewanne gelegen hat, und danach, als sie in dem Versuch wegzukommen, auf dem Boden gekrochen ist. Dort wird auch stehen, dass sie anfänglich versucht hat, sich mit Händen und Füßen zu verteidigen, die deshalb große Wunden aufweisen. Ihr Gesicht ist nicht mehr zu erkennen, weil die Axt benutzt wurde, um ihr den Schädel zu zerschmettern.
Marius erstarrt beinahe bei dem Anblick, doch plötzlich nimmt er aus dem Augenwinkel eine schwache Bewegung wahr. Halb unter einem Duschvorhang verborgen, der in
die Ecke geworfen ist, erahnt er einen Menschen. Marius zieht den Vorhang ein klein wenig beiseite. Es ist ein Junge. Zerzaustes Haar, ungefähr zehn, elf Jahre alt. Er liegt leblos im Blut, aber ein Fetzen vom Vorhang bedeckt den Mund des Jungen und vibriert schwach und stoßweise. Marius beugt sich schnell über den Jungen, entfernt den Vorhang ganz, nimmt seinen leblosen Arm und sucht nach einem Puls. Der Junge hat Schnittwunden und Kratzer an Armen und Beinen, T-Shirt und Unterhose sind blutig, und direkt bei seinem Kopf liegt eine Axt. Marius findet den Puls des Jungen und erhebt sich rasch.
In der Wohnstube sucht er fieberhaft das Telefon und findet es neben dem vollen Aschenbecher, der auf den Teppich fällt, aber da hat er schon das Revier dran, und er ist klar genug im Kopf, um einen ordentlichen Bericht durchzugeben. Ambulanz. Verstärkung. Eile. Keine Spur von Ørum, macht den Leuten Beine. Sofort! Als er auflegt, ist sein erster Gedanke, schnell wieder zu dem Jungen zu kommen, als ihm plötzlich klar wird, dass da noch ein Kind sein muss, denn der Junge hatte doch eine Zwillingsschwester.
Marius sieht sich um und geht zum Eingang und der Treppe zum oberen Stockwerk zurück. Als er an der Küche und der offenen Tür zum Keller vorbeikommt, hält er abrupt
an und sieht nach unten. Da war ein Geräusch. Schritte oder ein Kratzen, aber jetzt ist es still. Marius holt seine Dienstwaffe wieder hervor. Öffnet die Tür sperrangelweit und bewegt sich vorsichtig die Stufen hinunter, bis seine Füße behutsam auf dem Betonboden landen. Seine Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, und dann sieht er die offene Tür am Ende des Ganges. Sein Körper zögert und sagt ihm, dass er hier stehen bleiben sollte. Auf die Ambulanz und die Kollegen warten, aber Marius denkt an das Mädchen.
Als er sich der Tür nähert, kann er sehen, dass sie gewaltsam aufgebrochen wurde. Schloss und Stahlbeschläge liegen auf dem Boden. Marius betritt einen Raum, der von den schmutzigen Kellerfenstern nur schwach erhellt ist. Dennoch ahnt er mit einem Mal das kleine Wesen, das sich ganz hinten unter einem Tisch in einer Ecke versteckt. Marius eilt hin, senkt die Pistole, beugt sich herab und sieht unter den Tisch.
»Es ist okay. Es passiert nichts mehr.«
Das Mädchen kauert zitternd in der Ecke und verbirgt sein Gesicht in den Händen.
»Ich heiße Marius. Ich bin von der Polizei, und ich bin hier, um dir zu helfen.«
Das Mädchen bleibt ängstlich hocken, als würde es ihn nicht hören, und plötzlich wird Marius auf den Raum aufmerksam. Er sieht sich um, und ihm geht allmählich auf,
wofür er benutzt worden ist. Marius erschauert. Da fällt sein Blick durch die Tür auf die schiefen Holzregale im angrenzenden Raum. Für einen Augenblick vergisst er das
Mädchen und tritt über die Schwelle. Er kann nicht abschätzen, wie viele es sind, aber es sind viele, mehr als er zählen kann. Kastanienmänner und Kastanienfrauen. Auch
Tiere. Große und kleine, kindliche und gruselige, viele von ihnen unfertig und deformiert. Marius starrt sie an, ihre Anzahl und Verschiedenheit, und die kleinen Figuren auf den
Regalen verwirren ihn für einen Moment, als der Junge hinter ihm durch die Tür tritt. Im Bruchteil einer Sekunde denkt Marius, dass er nicht vergessen darf, die Techniker untersuchen zu lassen, ob die Tür zum Keller von außen oder von innen aufgebrochen wurde. Im Bruchteil einer Sekunde erkennt er, dass hier etwas Schreckliches ausgebrochen sein könnte, wie die Tiere aus ihrer Umhegung, aber als er sich dem Jungen zuwendet, flimmern seine Gedanken nur vorbei wie kleine, verwirrte
Wölkchen am Himmel. Und dann trifft die Axt seinen Kiefer, und alles wird schwarz.

Die vollständige Leseprobe als pdf

Das sagen die LeserInnen

Rezension zu dem Debütroman von Søren Sveistrup

13.10.2019

Kommissarin Naia Thulin von der Kopenhagener Kripo steht kurz vor einem Karrieresprung: Sie will in die moderne Abteilung Cyber-Kriminalität wechseln. Doch in ihren letzten Tagen bei der Mordkommission bekommt sie noch einen Fall auf den Tisch: Eine junge Frau wurde ermordet, praktisch hingerichtet und brutal entstellt. Der oder die Täter legten ihre Leiche ausgerechnet auf einem Kinderspielplatz ab. Das ist nicht alles: Wer immer das getan hat, hinterließ eine ziemlich unheimliche Botschaft – eine kleine Figur, aus Kastanien gebastelt und versehen mit Fingerabdrücken eines Mädchens, das seit einem Jahr verschwunden ist. Es bleibt nicht bei einem Mord und nicht bei einer Kastanienfigur, wieder mit den Fingerabdrücken des Kindes, der verschwundenen Tochter einer Politikerin. Außerdem findet Naia Thulin beunruhigende Gemeinsamkeiten bei den getöteten Frauen. Thulin, die endlich weg will von der Mordkommission, muss bei den Fällen mit Mark Hess zusammenarbeiten. Der war früher bei Europol und ist von einem Job als Mord-Ermittler auch nur mäßig begeistert. Doch die beiden müssen sich zusammenraufen, denn nicht nur die Medien verlangen lautstark nach Aufklärung …

Kritik:

„Der Kastanienmann“ ist das Debüt von Søren Sveistrup. Der Däne fiel bisher vor allem durch seine Drehbücher auf – unter anderem schrieb er für die TV-Serie Kommissarin Lund. Jetzt hat er sich an seinen ersten Roman gewagt und dabei einen 600 Seiten starken Thriller vorgelegt. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen: Das war eine mehr als gute Idee.

Denn Søren Sveistrup gelingt, was Krimi- und Thriller-Autoren heute scheinbar immer schwerer zu fallen scheint: Seine LeserInnen über so viele Seiten hinweg bei der Stange zu halten. „Der Kastanienmann“ ist ein Pageturner geworden, der nicht nur Fans von anderen Nordic-Noir-Thrillern sehr gefallen dürfte, sondern durch seinen eigenen Stil frischen Wind ins Genre bringt.

Dass Sveistrup Erfahrung als Drehbuchautor hat, merkt man dem Buch durchaus an. Seine Schreibweise ist äußerst dynamisch, mit einem gut aufgebauten Spannungsbogen und vielen, häufig sehr überraschenden Wendungen – und natürlich reichlich falschen Fährten, die immer wieder für neue Spannung sorgen.

Zu einem guten Roman gehören natürlich auch interessante Charaktere, und hier wählt Søren Sveistrup einen schönen Kniff: Beide Protagonisten wollen eigentlich nicht, beziehungsweise nicht mehr, bei der Mordkommision sein, müssen aber zusammenfinden, um die brutalen Morde aufzuklären. Die Presse hängt ihnen im Nacken, und die Politik spielt auch mit hinein. Beide stehen unter hohem Druck und sind trotzdem nicht immer ganz bei der Sache – ein Umstand, der sie zu Charakteren macht, die man nicht gleich auf Anhieb sympathisch findet. Das macht auch ihr Zusammenspiel spannend, und wie sie es schaffen, doch noch zu einem guten Team zu werden, ist lesenswert.

Mein Fazit:

„Der Kastanienmann“ ist definitiv ein Thriller-Highlight, das so gar nicht wie ein Erstlingsroman wirkt. Im Gegenteil: Über 600 spannende, zum Teil nervenaufreibende Seiten später fragt man sich, ob dieser Roman der Auftakt zu einer neuen Reihe sein wird? Zu wünschen wäre es. Doch auch wenn sich Søren Sveistrup entscheidet, dass seine Kommissare in diesem Band ein einmaliges Auftreten hatten, so wären weitere Romane aus seiner Feder doch ein echter Gewinn. Dass er neben Drehbüchern auch sehr gut die Belletristik bedienen kann, hat er mit diesem Werk jedenfalls mehr als bewiesen.

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Muss man gelesen haben

09.10.2019

Wow kann ich da nur sagen. Mich hat ja das Cover, der Titel und der Klappentext sehr angesprochen und dachte das muss ich lesen. Dann dachte ich oh je ein Debüt und dann noch so viele Seiten, ob das was wird. Aber nichtsdestotrotz habe ich das Buch gelesen und ich bin froh dass ich es getan habe. Denn ich hätte das nie erwartet was sich dahinter verbirgt.
Der Autor hat mich wirklich in seinen Bann gezogen und bis zum Ende hin gefesselt. Spannung pur ist angesagt.
Man rätselt mit und versucht den Fall aufzuklären, aber leider vergeblich. Der Autor schickt den Leser auf Irrwege. Zudem sind einige Wendungen mit eingebaut, dass man tatsächlich nichts herausfinden kann. Aber die Aufklärung kommt am Ende.
Es gibt verschiedene Sichtweisen, Wasch persönlich immer toll finde, da man noch mehr Hintergründe erfährt und es die Spannung zusätzlich erhöht.
Der Autor hat mein Thrillerherz absolut höher schlagen lassen und mich damit mehr als überzeugt.
Es gibt nichts zu kritisieren.
Von mir gibt es eine glasklare Leseempfehlung und mehr als verdiente 5 von 5⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

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Søren Sveistrup
© Les Kaner

Søren Sveistrup im Gespräch mit Barry Forshaw

Die bemerkenswerte dänische Serie „The Killing“ (in Deutschland: „Kommissarin Lund“) wurde schnell zu einem Kult und zu etwas, das man sehen musste. Schuld daran war (neben der faszinierenden, unbeirrbaren Heldin Sarah Lund) das großartige Drehbuch, geschrieben von Søren Sveistrup. Nun hat der Autor einen spannungsgeladenen Debütroman verfasst, „Der Kastanienmann“, der in jeder Hinsicht ebenso beeindruckend ist wie seine Autorschaft für das Medium Fernsehen. Barry Forshaw, Autor von „Nordic Noir“, hat mit ihm über dieses neue Buch gesprochen …


Ihr Debütthriller „Der Kastanienmann“ bekommt großartige Kritiken. Was war die Inspiration für das Buch?

Vor ein paar Jahren habe ich meinen Jüngsten, Sylvester, vom Kindergarten abgeholt. Vor dem Haus stand ein großer Kastanienbaum, und die Kinder in der Tagesstätte bastelten „Kastanienmännchen“ und sangen dazu. Es war ein Kinderlied, das den Herbst willkommen heißt, und eine Zeile lautete: „Kastanienmann, komm herein, Kastanienmann, komm herein.“ Aus irgendeinem Grunde gruselte es mich ein wenig dabei – unschuldige Kinder, die ein unbekanntes Wesen aus der Natur zu sich einladen! Ich schaute mir das Männchen näher an, das ihnen als Vorbild diente, und mir wurde klar, dass ein Kastanienmännchen keine Hände oder Füße hat – um ehrlich zu sein, sieht es amputiert und ein bisschen furchteinflößend aus. Im Geiste stellte ich es mir an einem Tatort vor, als Signatur einer verwirrten Seele. Und so begann die Entwicklung des Buches.

Ihre Detektive, Thulin und Hess, sind sehr anders im Vergleich mit Ihrer berühmtesten Kreation Sarah Lund aus „The Killing“. War das eine bewusste Entscheidung?

Ja. Sarah Lund konnte kein zweites Mal erfunden werden. So sehr ich ihre Figur liebe, wollte ich doch im „Kastanienmann“ mit neuen Protagonisten arbeiten. Hess war die erste Figur, die in meinen Gedanken lebendig wurde, ein ausgebrannter Europol-Mitarbeiter, der nach Kopenhagen zurückkehrt. Das war vielleicht, weil ich mich damals, ehrlich gesagt, selbst ausgebrannt fühlte. Und Thulin vertritt, glaube ich, eine andere Seite von mir – diejenige, die sich über mein Gefühl des Ausgebranntseins sehr geärgert hat.

Ist der dichte Plot Ihres Romans durch reale Ereignisse angeregt?

Nein, nicht direkt. Doch in dem Jahr, bevor ich zu schreiben anfing, wurde bekannt, dass eine Reihe von dänischen Behörden ihre Verantwortung gegenüber Kindern, die vom Amt in Obhut genommen worden waren, vernachlässigt hatte. Das dänische Wohlfahrtssystem ist weltberühmt und sehr verlässlich, doch diese Kinder hatten jahrelang gelitten, und zunächst wollten die Vertreter des Systems das nicht zugeben und versuchten, die Sache zu vertuschen. Das hat mich – zusammen mit Fällen aus der Vergangenheit wie die Charles Lindbergh-Entführung – inspiriert.

Fällt es Ihnen schwer, sich in die Gedanken eines Mörders wie dem im „Kastanienmann“ hineinzuversetzen?

Nun, ich finde es schwierig, aber möglich – wenn ich meine eigene albtraumhafte Vorstellung einer solchen Person heraufbeschwöre! Natürlich kann man immer einen Haufen Interviews lesen und Recherche in Sachen Psychologie betreiben und all das – die Bedeutung von kaputten Kindheiten und schwierigen Umgebungen einbeziehen –, doch letztendlich ist es für mich eigentlich immer unverständlich, warum solche Individuen unter uns auftreten. Ich glaube, deshalb beschäftigt mich dieses Thema immer weiter – deswegen und natürlich weil die paranoide Idee eines omnipotenten Puppenspielers das schlimmste kriminelle Szenario ist, das man sich vorstellen kann. Tatsächlich hat das Schreiben von Kriminalgeschichten für mich sehr viel damit zu tun, meine eigenen Ängste darzustellen und zu erforschen. Man könnte das auch Therapie nennen. Oder … nehme ich an … Masochismus.

Wie sehen die Herausforderungen aus, wenn Sie als gefeierter skandinavischer Drehbuchautor nun plötzlich einen so kraftvollen Roman hinlegen?

Den Plot und die Figuren für einen Roman zu kreieren ist tatsächlich weitgehend die gleiche Arbeit, wie wenn ich dies als Drehbuchautor tue. Der große Unterschied ist aber natürlich, dass der Roman alles ausschließlich durch Sprache aufbaut. Durch Worte werden individuelle Bilder im Kopf des Lesers erzeugt, während der Drehbuchautor versucht, Bilder für den Film zu erschaffen, die das Publikum dann gemeinsam sieht. Als Romanautor muss man also sehr viel akkurater und genauer sein, was Worte betrifft, und ständig überprüfen, ob die Wörter, die man verwendet, das genaue Bild oder Gefühl erzeugen, das man benutzen will; man hat keinerlei Hilfe von Schauspielern, Regisseuren, Musik oder Sound. Auf persönlicher Ebene muss man außerdem mit der Skepsis umgehen können, die konservative Denker im Business ausdrücken, wenn man von einer Bühne auf die andere wechselt.

Als ich Sie nach der Ausstrahlung von „The Killing“ in England interviewte, haben Sie davon gesprochen, dass Fernsehkrimis ein gemeinschaftlicher Prozess sind. Empfinden Sie das Schreiben als einsamere Tätigkeit?

Ja, ohne Frage. Aber das ist auch ein Grund gewesen, warum ich diesmal gern einen Roman schreiben wollte – ich wollte allein sein, ohne Einschränkungen. Der gemeinschaftliche Prozess macht mir immer noch viel Spaß, doch in gewisser Weise ist es auch befreiend, vor dem „Shooting“ – oder dem kreativen Prozess – nicht die Meinung von fünfzig Leuten einholen zu müssen. Als ich um die Zwanzig war, studierte ich an der Universität in Kopenhagen Literatur, und ich träumte davon, selbst einmal ein Buch zu schreiben. Doch mir die gefiel die Vorstellung nicht, dabei allein zu sein – und ich besaß damals auch noch nicht die Fähigkeiten. Nun habe ich im Laufe der Jahre Selbstvertrauen gewonnen, und plötzlich hatte ich den Mut dazu. Aber, um ehrlich zu sein, ich finde immer noch, dass es schrecklich einsam ist!

Damals haben Sie mir auch erzählt, dass Sie die Anonymität des Drehbuchschreibers mögen. Wie geht es Ihnen nun mit der Aufmerksamkeit, die „Der Kastanienmann“ Ihnen verschafft?

Gute Frage! Ich hatte vergessen, dass ich Ihnen das erzählt habe. Tatsächlich habe ich bis zur letzten Version des Manuskripts den dänischen Verleger immer wieder gefragt, ob man nicht anstelle meines Namens ein Pseudonym verwenden könnte. Mit einem Mal kriegte ich total Schiss, ganz allein aufzutreten, weil sie mir erzählten, das Buch sei bereits in 25 Länder oder so verkauft. Das macht mich natürlich extrem stolz, aber ich muss zugeben, dass ich manchmal doch ernsthafte Probleme mit persönlicher Aufmerksamkeit habe. Vor zwanzig Jahren wäre ich splitternackt durch die Straßen gerannt, um berühmt zu werden, aber heute kriege ich Tics und nervöse Attacken, wenn ich ein Kamerateam auf mich zusteuern sehe. Trotzdem bin ich froh, dass der Verleger darauf bestand, es unter meinem eigenen Namen zu veröffentlichen. Die Kritiken sind überall großartig, und es ist eine reine Freude, die Leserinnen und Leser zu treffen.

Das Nordic-Noir-Genre scheint immer noch sehr gesund zu sein. Glauben Sie, dass es nun von Fernsehdramen wie „The Killing“ und „Die Brücke“ wieder dorthin zurückgeht, wo es einmal anfing – zum Papier?

Nein, ich glaube, es entwickelt sich einfach, wie es das bisher auch schon getan hat, weiter auf verschiedenen Bühnen. Wenn ich Bücher schreibe, dann ist das nur ein Teil davon. Doch ich stimme Ihnen zu, dass das Genre Nordic Noir bei guter Gesundheit zu sein scheint. Und ich glaube, das liegt an der langen Tradition, die schon vor dem Durchbruch in anderen Ländern da war.

Welche skandinavischen Autoren haben Sie zuerst beeinflusst?

Ich denke, das müssen Maj Sjöwall und Per Wahlöö gewesen sein. Mein Vater las nur drei Sorten Bücher: solche über Psychologie, über Künstler – oder Krimis. Wenn ich es recht entsinne, mochte er Sjöwall und Wahlöö sehr gern, und irgendwann interessierte ich mich auch dafür, nahm mir eines der Bücher, ohne etwas Besonderes zu erwarten, und zu meinem Erstaunen war es sehr viel gruseliger als die ganzen Sherlock-Holmes- und Agatha-Christie-Geschichten, die ich bis dahin gelesen hatte. Auch die Methode von Sjöwall und Wahlöö, die Gesellschaft zu beobachten, während in einem Mordfall ermittelt wird, war sehr inspirierend.

Skandinavische Kriminalromane haben anderen Nationen ein sehr neues Bild von Ländern wie Dänemark vermittelt. Ist das finstere Szenario, das Sie zeichnen, zutreffend – oder spiegelt es schlicht die Anforderungen des Thriller-Genres wider?

Die Antwort lautet: beides. Meiner Ansicht nach sind die besten skandinavischen Kriminalromane diejenigen, die die dunklen Aspekte von Problemen in der Gesellschaft untersuchen und beleuchten, während sie gleichzeitig die Anforderungen des Thriller-Genres bedienen. Skandinavien ist natürlich nicht Sodom und Gomorrah – aber es ist auch kein Märchenland. Man sagt, das Klima würde die Mentalität der Menschen widerspiegeln und beeinflussen, und in Dänemark haben wir durchaus das kuschelige „Hygge“, aber wir haben auch dunkle Monate im Jahr, die man eine Art von November zu jeder Zeit nennen könnte. Oder noch schlimmer: Januar. Allerdings geht ja das Gerücht um, die Dänen seien in Wirklichkeit die Latinos von Skandinavien.

„Der Kastanienmann“ ist zum jetzigen Zeitpunkt in 25 Länder verkauft worden. Interessieren Sie sich für (zum Beispiel) die englische Ausgabe, oder vertrauen sie einfach Ihren Verlegern?

Ich vertraue meinen Verlegern, doch die Details des Plots sind so zahlreich und so vielfältig, dass in der Übersetzung Teilchen des Puzzles verloren gehen können, wenn man nicht immer wachsam bleibt. Da mir das bewusst ist, habe ich die Übersetzung der englischen Ausgabe sehr eingehend begleitet, und ich bin über das Ergebnis sehr glücklich.

Nordic-Noir-Romane sind bekannt dafür, dass sie nicht mit Grausamkeiten sparen. Wie sind Sie mit diesem Thema umgegangen?

Es ist unmöglich, Kriminalromane zu schreiben, ohne Gewalt ehrlich darzustellen, doch ich muss zugeben, dass die schrecklichsten und blutrünstigen Details zu schreiben nicht gerade zu meinen Lieblingsaufgaben gehört. Folterszenen zum Beispiel sind schwierig. Sich einen Menschen vorzustellen, der dem Tod auf solche Weise entgegensieht, das ist so unangenehm und grauenvoll. Aber es fühlt sich falsch an, wenn ich meinen eigenen Ängsten da nicht ins Gesicht sehe. Und manchmal sind die Gewalt und die grausamen Details von entscheidender Relevanz – zum Beispiel, wenn sie aus etwas entstehen, das der Täter selbst erlebt hat. Grundsätzlich bin ich mehr ein Fan des Whodunit und der Spannung: Ich habe Freude daran, eine fesselnde Atmosphäre zu schaffen, mit Figuren, die im Dunkeln tappen und nicht wissen, wem sie trauen können. Doch alles das, was ich oben beschrieben habe, ist nur „Theaterdonner“ – am Ende geht es in der Story im Grunde immer um etwas völlig anderes, das zu Beginn nicht sichtbar ist.

Sie haben mir erzählt, wie Sie als Junge Zeichen in Ihrer Umgebung „decodiert“ haben. War das wegweisend für Ihre spätere Karriere? Und Sie haben mir auch von Ihrer Flucht aus einer liebevollen, aber dysfunktionalen Familie berichtet. Wie hat diese Erfahrung Ihr Schreiben von Kriminalromanen beeinflusst?

Ja, man könnte sagen, dass ich in einer Familie aufwuchs, die viele Probleme und Geheimnisse beherbergte. Die Erwachsenen versuchten, sie zuzudecken, anstatt darüber zu reden, doch das hat nicht geholfen. Die Probleme gärten, und deshalb begann ich, sehr aufmerksam zu sein, was bestimmte Zeichen anging: Wie klang die Stimme meiner Mutter, wenn sie zur Tür hereinkam? Warum blieb mein Vater so lange im Keller? Warum weinte meine Tante in der Küche? Wenn ich zurückschaue, denke ich, dass ich zum Detektiv wurde, um in der Welt der Erwachsenen zu überleben und zu navigieren, und ich glaube, das beeinflusste mein Schreiben. Ich fühlte mich zu Kriminalromanen hingezogen, und jetzt verschlüssele ich etwas, das der Leser – oder der Kriminalkommissar – entschlüsseln muss.


(ins Deutsche übersetzt von Susanne Dahmann)

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