Søren Sveistrup

Der Kastanienmann

Eine niedrige Decke aus dunkelgrauen Wolken hängt über der Stadt, als Kommissarin Naia Thulin und ihr neuer Partner Mark Hess an einen entsetzlichen Tatort gerufen werden: einen Spielplatz, auf dem eine leblose Frauengestalt im Gras sitzt, an den Pfosten eines Kletterhäuschens gelehnt, zusammengesunken wie eine Stoffpuppe. Sie hat nur eine Unterhose an und ein Hemd, das von Regen durchnässt und mit dunklen Blutflecken übersät ist. Der Frau fehlt eine Hand, und an einem Balken hinter ihr hängt eine kleine Figur aus Kastanien, die vom Wind hin- und hergeschaukelt wird. Als Thulin diese scheinbar harmlose Figur sieht, bleibt ihr instinktiv für einen Augenblick das Herz stehen. Nicht zu Unrecht, wie sich später herausstellen wird, denn sie entdecken einen Fingerabdruck an dem Kastanienmännchen, der von einem Mädchen stammt, das ein Jahr zuvor verschwunden ist und als tot gilt – die Tochter der Politikerin Rosa Hartung. Kurz darauf wird eine weitere Frau ermordet aufgefunden, zusammen mit einem weiteren Kastanienmann. Thulin und Hess kämpfen gegen die Zeit, denn es ist klar, dass der Mörder auf einer Mission ist, die noch lange nicht vorbei ist ...

Søren Sveistrup im Gespräch mit Barry Forshaw

Die bemerkenswerte dänische Serie „The Killing“ (in Deutschland: „Kommissarin Lund“) wurde schnell zu einem Kult und zu etwas, das man sehen musste. Schuld daran war (neben der faszinierenden, unbeirrbaren Heldin Sarah Lund) das großartige Drehbuch, geschrieben von Søren Sveistrup. Nun hat der Autor einen spannungsgeladenen Debütroman verfasst, „Der Kastanienmann“, der in jeder Hinsicht ebenso beeindruckend ist wie seine Autorschaft für das Medium Fernsehen. Barry Forshaw, Autor von „Nordic Noir“, hat mit ihm über dieses neue Buch gesprochen …


Ihr Debütthriller „Der Kastanienmann“ bekommt großartige Kritiken. Was war die Inspiration für das Buch?

Vor ein paar Jahren habe ich meinen Jüngsten, Sylvester, vom Kindergarten abgeholt. Vor dem Haus stand ein großer Kastanienbaum, und die Kinder in der Tagesstätte bastelten „Kastanienmännchen“ und sangen dazu. Es war ein Kinderlied, das den Herbst willkommen heißt, und eine Zeile lautete: „Kastanienmann, komm herein, Kastanienmann, komm herein.“ Aus irgendeinem Grunde gruselte es mich ein wenig dabei – unschuldige Kinder, die ein unbekanntes Wesen aus der Natur zu sich einladen! Ich schaute mir das Männchen näher an, das ihnen als Vorbild diente, und mir wurde klar, dass ein Kastanienmännchen keine Hände oder Füße hat – um ehrlich zu sein, sieht es amputiert und ein bisschen furchteinflößend aus. Im Geiste stellte ich es mir an einem Tatort vor, als Signatur einer verwirrten Seele. Und so begann die Entwicklung des Buches.

Ihre Detektive, Thulin und Hess, sind sehr anders im Vergleich mit Ihrer berühmtesten Kreation Sarah Lund aus „The Killing“. War das eine bewusste Entscheidung?

Ja. Sarah Lund konnte kein zweites Mal erfunden werden. So sehr ich ihre Figur liebe, wollte ich doch im „Kastanienmann“ mit neuen Protagonisten arbeiten. Hess war die erste Figur, die in meinen Gedanken lebendig wurde, ein ausgebrannter Europol-Mitarbeiter, der nach Kopenhagen zurückkehrt. Das war vielleicht, weil ich mich damals, ehrlich gesagt, selbst ausgebrannt fühlte. Und Thulin vertritt, glaube ich, eine andere Seite von mir – diejenige, die sich über mein Gefühl des Ausgebranntseins sehr geärgert hat.

Ist der dichte Plot Ihres Romans durch reale Ereignisse angeregt?

Nein, nicht direkt. Doch in dem Jahr, bevor ich zu schreiben anfing, wurde bekannt, dass eine Reihe von dänischen Behörden ihre Verantwortung gegenüber Kindern, die vom Amt in Obhut genommen worden waren, vernachlässigt hatte. Das dänische Wohlfahrtssystem ist weltberühmt und sehr verlässlich, doch diese Kinder hatten jahrelang gelitten, und zunächst wollten die Vertreter des Systems das nicht zugeben und versuchten, die Sache zu vertuschen. Das hat mich – zusammen mit Fällen aus der Vergangenheit wie die Charles Lindbergh-Entführung – inspiriert.

Fällt es Ihnen schwer, sich in die Gedanken eines Mörders wie dem im „Kastanienmann“ hineinzuversetzen?

Nun, ich finde es schwierig, aber möglich – wenn ich meine eigene albtraumhafte Vorstellung einer solchen Person heraufbeschwöre! Natürlich kann man immer einen Haufen Interviews lesen und Recherche in Sachen Psychologie betreiben und all das – die Bedeutung von kaputten Kindheiten und schwierigen Umgebungen einbeziehen –, doch letztendlich ist es für mich eigentlich immer unverständlich, warum solche Individuen unter uns auftreten. Ich glaube, deshalb beschäftigt mich dieses Thema immer weiter – deswegen und natürlich weil die paranoide Idee eines omnipotenten Puppenspielers das schlimmste kriminelle Szenario ist, das man sich vorstellen kann. Tatsächlich hat das Schreiben von Kriminalgeschichten für mich sehr viel damit zu tun, meine eigenen Ängste darzustellen und zu erforschen. Man könnte das auch Therapie nennen. Oder … nehme ich an … Masochismus.

Wie sehen die Herausforderungen aus, wenn Sie als gefeierter skandinavischer Drehbuchautor nun plötzlich einen so kraftvollen Roman hinlegen?

Den Plot und die Figuren für einen Roman zu kreieren ist tatsächlich weitgehend die gleiche Arbeit, wie wenn ich dies als Drehbuchautor tue. Der große Unterschied ist aber natürlich, dass der Roman alles ausschließlich durch Sprache aufbaut. Durch Worte werden individuelle Bilder im Kopf des Lesers erzeugt, während der Drehbuchautor versucht, Bilder für den Film zu erschaffen, die das Publikum dann gemeinsam sieht. Als Romanautor muss man also sehr viel akkurater und genauer sein, was Worte betrifft, und ständig überprüfen, ob die Wörter, die man verwendet, das genaue Bild oder Gefühl erzeugen, das man benutzen will; man hat keinerlei Hilfe von Schauspielern, Regisseuren, Musik oder Sound. Auf persönlicher Ebene muss man außerdem mit der Skepsis umgehen können, die konservative Denker im Business ausdrücken, wenn man von einer Bühne auf die andere wechselt.

Als ich Sie nach der Ausstrahlung von „The Killing“ in England interviewte, haben Sie davon gesprochen, dass Fernsehkrimis ein gemeinschaftlicher Prozess sind. Empfinden Sie das Schreiben als einsamere Tätigkeit?

Ja, ohne Frage. Aber das ist auch ein Grund gewesen, warum ich diesmal gern einen Roman schreiben wollte – ich wollte allein sein, ohne Einschränkungen. Der gemeinschaftliche Prozess macht mir immer noch viel Spaß, doch in gewisser Weise ist es auch befreiend, vor dem „Shooting“ – oder dem kreativen Prozess – nicht die Meinung von fünfzig Leuten einholen zu müssen. Als ich um die Zwanzig war, studierte ich an der Universität in Kopenhagen Literatur, und ich träumte davon, selbst einmal ein Buch zu schreiben. Doch mir die gefiel die Vorstellung nicht, dabei allein zu sein – und ich besaß damals auch noch nicht die Fähigkeiten. Nun habe ich im Laufe der Jahre Selbstvertrauen gewonnen, und plötzlich hatte ich den Mut dazu. Aber, um ehrlich zu sein, ich finde immer noch, dass es schrecklich einsam ist!

Damals haben Sie mir auch erzählt, dass Sie die Anonymität des Drehbuchschreibers mögen. Wie geht es Ihnen nun mit der Aufmerksamkeit, die „Der Kastanienmann“ Ihnen verschafft?

Gute Frage! Ich hatte vergessen, dass ich Ihnen das erzählt habe. Tatsächlich habe ich bis zur letzten Version des Manuskripts den dänischen Verleger immer wieder gefragt, ob man nicht anstelle meines Namens ein Pseudonym verwenden könnte. Mit einem Mal kriegte ich total Schiss, ganz allein aufzutreten, weil sie mir erzählten, das Buch sei bereits in 25 Länder oder so verkauft. Das macht mich natürlich extrem stolz, aber ich muss zugeben, dass ich manchmal doch ernsthafte Probleme mit persönlicher Aufmerksamkeit habe. Vor zwanzig Jahren wäre ich splitternackt durch die Straßen gerannt, um berühmt zu werden, aber heute kriege ich Tics und nervöse Attacken, wenn ich ein Kamerateam auf mich zusteuern sehe. Trotzdem bin ich froh, dass der Verleger darauf bestand, es unter meinem eigenen Namen zu veröffentlichen. Die Kritiken sind überall großartig, und es ist eine reine Freude, die Leserinnen und Leser zu treffen.

Das Nordic-Noir-Genre scheint immer noch sehr gesund zu sein. Glauben Sie, dass es nun von Fernsehdramen wie „The Killing“ und „Die Brücke“ wieder dorthin zurückgeht, wo es einmal anfing – zum Papier?

Nein, ich glaube, es entwickelt sich einfach, wie es das bisher auch schon getan hat, weiter auf verschiedenen Bühnen. Wenn ich Bücher schreibe, dann ist das nur ein Teil davon. Doch ich stimme Ihnen zu, dass das Genre Nordic Noir bei guter Gesundheit zu sein scheint. Und ich glaube, das liegt an der langen Tradition, die schon vor dem Durchbruch in anderen Ländern da war.

Welche skandinavischen Autoren haben Sie zuerst beeinflusst?

Ich denke, das müssen Maj Sjöwall und Per Wahlöö gewesen sein. Mein Vater las nur drei Sorten Bücher: solche über Psychologie, über Künstler – oder Krimis. Wenn ich es recht entsinne, mochte er Sjöwall und Wahlöö sehr gern, und irgendwann interessierte ich mich auch dafür, nahm mir eines der Bücher, ohne etwas Besonderes zu erwarten, und zu meinem Erstaunen war es sehr viel gruseliger als die ganzen Sherlock-Holmes- und Agatha-Christie-Geschichten, die ich bis dahin gelesen hatte. Auch die Methode von Sjöwall und Wahlöö, die Gesellschaft zu beobachten, während in einem Mordfall ermittelt wird, war sehr inspirierend.

Skandinavische Kriminalromane haben anderen Nationen ein sehr neues Bild von Ländern wie Dänemark vermittelt. Ist das finstere Szenario, das Sie zeichnen, zutreffend – oder spiegelt es schlicht die Anforderungen des Thriller-Genres wider?

Die Antwort lautet: beides. Meiner Ansicht nach sind die besten skandinavischen Kriminalromane diejenigen, die die dunklen Aspekte von Problemen in der Gesellschaft untersuchen und beleuchten, während sie gleichzeitig die Anforderungen des Thriller-Genres bedienen. Skandinavien ist natürlich nicht Sodom und Gomorrah – aber es ist auch kein Märchenland. Man sagt, das Klima würde die Mentalität der Menschen widerspiegeln und beeinflussen, und in Dänemark haben wir durchaus das kuschelige „Hygge“, aber wir haben auch dunkle Monate im Jahr, die man eine Art von November zu jeder Zeit nennen könnte. Oder noch schlimmer: Januar. Allerdings geht ja das Gerücht um, die Dänen seien in Wirklichkeit die Latinos von Skandinavien.

„Der Kastanienmann“ ist zum jetzigen Zeitpunkt in 25 Länder verkauft worden. Interessieren Sie sich für (zum Beispiel) die englische Ausgabe, oder vertrauen sie einfach Ihren Verlegern?

Ich vertraue meinen Verlegern, doch die Details des Plots sind so zahlreich und so vielfältig, dass in der Übersetzung Teilchen des Puzzles verloren gehen können, wenn man nicht immer wachsam bleibt. Da mir das bewusst ist, habe ich die Übersetzung der englischen Ausgabe sehr eingehend begleitet, und ich bin über das Ergebnis sehr glücklich.

Nordic-Noir-Romane sind bekannt dafür, dass sie nicht mit Grausamkeiten sparen. Wie sind Sie mit diesem Thema umgegangen?

Es ist unmöglich, Kriminalromane zu schreiben, ohne Gewalt ehrlich darzustellen, doch ich muss zugeben, dass die schrecklichsten und blutrünstigen Details zu schreiben nicht gerade zu meinen Lieblingsaufgaben gehört. Folterszenen zum Beispiel sind schwierig. Sich einen Menschen vorzustellen, der dem Tod auf solche Weise entgegensieht, das ist so unangenehm und grauenvoll. Aber es fühlt sich falsch an, wenn ich meinen eigenen Ängsten da nicht ins Gesicht sehe. Und manchmal sind die Gewalt und die grausamen Details von entscheidender Relevanz – zum Beispiel, wenn sie aus etwas entstehen, das der Täter selbst erlebt hat. Grundsätzlich bin ich mehr ein Fan des Whodunit und der Spannung: Ich habe Freude daran, eine fesselnde Atmosphäre zu schaffen, mit Figuren, die im Dunkeln tappen und nicht wissen, wem sie trauen können. Doch alles das, was ich oben beschrieben habe, ist nur „Theaterdonner“ – am Ende geht es in der Story im Grunde immer um etwas völlig anderes, das zu Beginn nicht sichtbar ist.

Sie haben mir erzählt, wie Sie als Junge Zeichen in Ihrer Umgebung „decodiert“ haben. War das wegweisend für Ihre spätere Karriere? Und Sie haben mir auch von Ihrer Flucht aus einer liebevollen, aber dysfunktionalen Familie berichtet. Wie hat diese Erfahrung Ihr Schreiben von Kriminalromanen beeinflusst?

Ja, man könnte sagen, dass ich in einer Familie aufwuchs, die viele Probleme und Geheimnisse beherbergte. Die Erwachsenen versuchten, sie zuzudecken, anstatt darüber zu reden, doch das hat nicht geholfen. Die Probleme gärten, und deshalb begann ich, sehr aufmerksam zu sein, was bestimmte Zeichen anging: Wie klang die Stimme meiner Mutter, wenn sie zur Tür hereinkam? Warum blieb mein Vater so lange im Keller? Warum weinte meine Tante in der Küche? Wenn ich zurückschaue, denke ich, dass ich zum Detektiv wurde, um in der Welt der Erwachsenen zu überleben und zu navigieren, und ich glaube, das beeinflusste mein Schreiben. Ich fühlte mich zu Kriminalromanen hingezogen, und jetzt verschlüssele ich etwas, das der Leser – oder der Kriminalkommissar – entschlüsseln muss.


(ins Deutsche übersetzt von Susanne Dahmann)

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