Diese faszinierende Saga erfindet die Fantasy neu und zieht dich mit einer umwerfenden Story in eine Welt voller Drachen, starker Frauenfiguren und politischer Intrigen.
Der Bestseller endlich auch auf Deutsch!



Der Orden des geheimen Baumes - Die Magierin

In ihrem epischen Fantasy-Roman „Der Orden des geheimen Baumes“ hebt Samantha Shannon das Genre auf die nächste Stufe. Mächtige Frauen lenken und beeinflussen das Schicksal ihrer Welt, ob als Königin, Magierin oder Drachenreiterin. Doch die Welt ist geteilt: Während im Westen alle Drachen als absolut böse verdammt werden, werden diese im Osten als göttergleiche Wesen verehrt. Trotz dieser gegensätzlichen Weltanschauungen müssen die Menschen des Ostens und des Westens zusammenarbeiten, als ein riesiger bösartiger Drache aus der Vergangenheit wieder aufersteht. Drei starke Frauen nehmen die Herausforderung an, die Bewohner beider Reiche zu vereinen, um die Menschheit zu retten …

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TEIL I
GESCHICHTEN DER ALTVORDEREN

Und ich sah einen Engel vom Himmel herabfahren,
der hatte den Schlüssel zum Abgrund und
eine große Kette in seiner Hand. Und er ergriff den Drachen,
die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan,
und fesselte ihn für tausend Jahre.

Und warf ihn in den Abgrund und verschloss ihn und setzte ein Siegel oben darauf, damit er die Völker nicht mehr verführen sollte, bis vollendet würden die tausend Jahre.

OFFENBARUNG, 20.1–3

Leseprobe

1. KAPITEL
OSTEN

Der Fremde entstieg dem Meer wie ein Wassergeist, barfuß und bedeckt mit den Narben seiner Reise. Er taumelte wie trunken durch die dunstige Gischt, die Seiiki wie Spinnenseide einhüllte.
Die Geschichten der Altvorderen sangen davon, dass Wassergeister dazu verdammt waren, in der Stille zu leben. Dass ihre Zungen geschrumpft wären, ebenso wie ihre Haut, und nur Seetang ihre Knochen umhüllte. Sie lauerten in den Untiefen und warteten darauf, die Unachtsamen ins Herz des Schlundes hi­nabzuziehen.
Tané fürchtete diese Geschichten nicht mehr, seit sie dem Kindesalter entwachsen war. Jetzt schimmerte ihr Dolch vor ihr im Licht, die Klinge gebogen wie ein Lächeln, und sie richtete ihren Blick auf die Gestalt in der Nacht.
Als sie das Wesen anrief, zuckte es zusammen.
Die Wolken rissen auf und ließen das Mondlicht durch, das sie bislang verborgen hatten. Genug, dass sie ihn sehen konnte, so wie er war. Und hell genug, dass auch er sie sah.
Es war kein Geist. Es war ein Fremder. Sie hatte ihn gesehen, und er war auch kaum zu übersehen.
Er war sonnengebräunt, mit Haar so blond wie Stroh und einem Bart, aus dem das Wasser troff. Die Schmuggler mussten ihn ins Wasser geworfen und ihm gesagt haben, er solle den Rest des Weges schwimmen. Es war klar, dass er ihre Sprache nicht kannte, sie aber verstand ihn gut genug, um zu begreifen, dass er um Hilfe bat. Dass er den Kriegsherrn von Seiiki sehen wollte.
Ihr Herz hämmerte donnernd. Sie wagte nicht zu sprechen, denn wenn sie ihm offenbarte, dass sie seine Sprache verstand, würde das eine Verbindung zwischen ihnen schaffen, und sie würde sich selbst verraten. Verraten, dass sie Zeugin seines Verbrechens war so wie er Zeuge des ihren war.
Denn eigentlich sollte sie in Abgeschiedenheit sein. Sicher hinter den Mauern des Südhauses, bereit sich zu erheben, gereinigt für den wichtigsten Tag ihres Lebens. Jetzt jedoch war sie befleckt. Unwiederbringlich beschmutzt. Und das nur, weil sie noch einmal vor dem Tag der Entscheidung ins Meer hatte eintauchen wollen. Es kursierten Gerüchte, dass der Große Kwiriki jene begünstigte, die den Mut besaßen, sich hinauszuschleichen und während der Abgeschiedenheit die Wogen des Meeres aufzusuchen. Statt­dessen hatte er ihr diesen Albtraum geschickt.
Ihr ganzes Leben lang hatte sie einfach zu viel Glück gehabt.
Und dies war ihre Strafe.
Sie hielt den Fremden mit dem Dolch auf Abstand. Im Angesicht seines bevorstehenden Todes begann er zu zittern.
In ihrem Verstand wirbelten die Möglichkeiten umeinander, jede schrecklicher als die vorige. Wenn sie diesen Fremden den Bütteln übergab, musste sie auch gestehen, dass sie die Abgeschiedenheit gebrochen hatte.
Dann würde der Tag der Entscheidung für sie womöglich nicht kommen. Der ehrenwerte Statthalter von Kap Hisan, dieser Provinz von Seiiki, würde die Götter niemals zu einem Platz rufen, der von der Roten Seuche beschmutzt worden war. Es konnte Wochen dauern, bevor die Stadt wieder als sicher galt, und bis dahin hatte man bestimmt entschieden, dass die Ankunft des Fremden ein schlechtes Zeichen gewesen war und dass erst die nächste Generation von Schülern, nicht ihre, die Chance bekam, Reiter zu werden. Es würde sie um alles bringen.
Sie durfte ihn nicht melden. Und ebenso wenig konnte sie ihn allein lassen. Wenn er tatsächlich die Rote Seuche hatte, würde Tané die ganze Insel in Gefahr bringen, wenn sie ihn unbeaufsichtigt umherstreifen ließ.
Es gab nur eine Möglichkeit.
Sie band ihm ein Stück Tuch um Mund und Nase, damit er die Pestilenz nicht ausatmete. Ihre Hände zitterten. Als sie fertig war, führte sie ihn vom schwarzen Sand des Strandes hinauf in die Stadt, ging so dicht hinter ihm, wie sie es wagte, und drückte ihm die Spitze ihres Messers in den Rücken.
Die Hafenstadt Kap Hisan schlief niemals. Tané steuerte den Fremden durch die Nachtmärkte, vorbei an geschnitzten Schreinen aus Treibholz, unter den Seilen mit blauen und weißen Laternen entlang, die zu Ehren des Tags der Entscheidung aufgehängt worden waren. Ihr Gefangener betrachtete all das schweigend. Die Dunkelheit verhüllte seine Gesichtszüge, aber sie tippte mit der flachen Seite der Klinge auf seinen Kopf und zwang ihn, ihn zu senken. Dabei versuchte sie die ganze Zeit, ihn so weit wie möglich von den anderen fernzuhalten.
Sie hatte bereits eine Idee, wie sie ihn isolieren konnte.
Direkt an das Kap schloss sich eine künstliche Insel an. Sie hieß Orisima und war für die Einheimischen so etwas wie eine Sehenswürdigkeit. Der Handelsposten war Heimstatt einer Handvoll Händler und Gelehrter aus dem Freistaat Mentendon. Neben den Lacustrinern, die auf der anderen Seite des Kaps lebten, hatte man nur den Mentenen erlaubt, weiterhin Handel mit Seiiki zu treiben, nachdem sich die Insel von der Welt abgeschottet hatte.
Orisima.
Dorthin würde sie den Fremden bringen.
An der von Fackeln beleuchteten Brücke zum Handelsposten waren bewaffnete Wächter postiert. Nur wenigen Seiikin war es erlaubt, sie zu betreten, und sie gehörte nicht dazu. Der einzige andere Weg am Zaun vorbei führte durch das Landungstor, das sich nur einmal im Jahr öffnete, um die Kolonne mit Waren von den mentenischen Schiffen durchzulassen.
Tané führte den Fremden zum Kanal hinab. Sie konnte ihn nicht selbst nach Orisima hineinschmuggeln, kannte jedoch eine Frau, die das vermochte und die bestimmt genau wusste, wo im Handelsposten sie ihn verstecken konnte.
Es war schon lange her, dass Niclays Roos Besucher empfangen hatte.
Er schenkte sich gerade ein genau bemessenes Quantum Wein ein, einen winzigen Teil seiner dürftigen Zuteilung, als es an der Tür klopfte. Wein war eines seiner letzten Vergnügen in der Welt, und er war gerade dabei gewesen, den Duft einzuatmen, diesen glorreichen Moment zu genießen, bevor er den Wein kostete.
Und jetzt diese Unterbrechung! Natürlich. Seufzend riss er sich von dem Wein los, stemmte sich hoch und kommentierte das plötzliche Pochen in seinem Knöchel mit mürrischem Brummen. Das Zipperlein plagte ihn wieder einmal.
Es klopfte erneut.
»Ach, gebt doch Ruhe!«, murrte er.
Der Regen prasselte auf das Dach, während er nach seinem Gehstock angelte. Pflaumenregen, nannten die Seiikin ihn zu dieser Jahreszeit, wenn die Luft dick und feucht wie Wolken war und die Früchte an den Bäumen schwollen. Er humpelte über die Matten und fluchte leise, bevor er die Tür einen Spalt öffnete.
In der Dunkelheit draußen stand eine Frau. Ihr dunkles Haar reichte bis zur Taille, und sie trug eine Robe mit einem Muster aus Eisblumen. Vom Regen allein konnte sie unmöglich so durchnässt worden sein.
»Guten Abend, gelehrter Dr. Roos«, sagte sie.
Niclays hob die Brauen. »Ich verabscheue Besucher zu dieser späten Stunde. Oder zu irgendeiner anderen Zeit.« Es wäre angebracht gewesen, sich zu verbeugen, aber er sah keinen Grund, diese Fremde zu beeindrucken. »Woher kennt Ihr meinen Namen?«
»Man hat ihn mir genannt.« Sie gab keine weitere Erklärung ab. »Ich habe einen Eurer Landsleute bei mir. Er wird heute Nacht bei Euch bleiben, und ich hole ihn morgen bei Sonnenuntergang wieder ab.«
»Einer meiner Landsleute.«
Seine Besucherin drehte den Kopf ein wenig zur Seite. Eine ­Silhouette löste sich von einem nahegelegenen Baum.
»Schmuggler haben ihn vor Seiiki abgesetzt«, fuhr die Frau fort. »Ich bringe ihn morgen zum ehrenwerten Statthalter.«
Als die Gestalt ins Licht seines Hauses trat, überlief es Niclays kalt.
Der Mann auf seiner Schwelle war blond, genauso durchnässt wie die Frau, und Niclays hatte ihn noch nie in Orisima gesehen.
In der Handelsniederlassung lebten zwanzig Menschen. Er kannte ihre Gesichter und Namen. Und das nächste mentenische Schiff mit Neuankömmlingen würde erst später in der Saison eintreffen.
Irgendwie waren die beiden unbemerkt in den Handelsposten gelangt.
»Nein.« Niclays starrte den Mann an. »Bei den Heiligen, Weib, versuchst du etwa, mich in ein Schmuggelgeschäft zu verwickeln?« Er griff nach der Tür. »Ich kann keinen Eindringling verstecken. Wenn irgendjemand davon erfährt…«
»Eine Nacht.«
»Eine Nacht oder ein Jahr – man würde uns in jedem Fall die Köpfe abschlagen. Gute Nacht.«
Bevor er die Tür schließen konnte, schob die Frau ihren Ell­bogen in den Spalt.
»Wenn Ihr es tut«, sie war Niclays jetzt so nah, dass er ihren Atem spüren konnte, »werdet Ihr mit Silber belohnt. So viel Silber, wie Ihr tragen könnt.«
Niclays Roos zögerte.
Silber war in der Tat sehr verlockend. Er hatte einmal zu oft betrunken mit den Wachen Karten gespielt und schuldete ihnen mehr, als er in seinem ganzen Leben verdienen würde. Bis jetzt hatte er ihre Drohungen mit dem Versprechen von Juwelen aus der nächsten mentenischen Lieferung beschwichtigen können, aber er wusste sehr gut, dass kein einziger Edelstein an Bord des Schiffes sein würde, wenn es schließlich kam. Jedenfalls nicht für Seinesgleichen.
Sein jüngeres Selbst drängte ihn, das Angebot anzunehmen, und sei es nur um der Aufregung willen. Noch bevor sein älteres, klügeres Selbst intervenieren konnte, wandte sich die Frau zum Gehen.
»Ich komme morgen Nacht zurück«, warf sie über die Schulter zurück. »Sorgt dafür, dass niemand ihn sieht.«
»Warte!«, zischte er ihr wütend nach. »Wer bist du?«
Doch sie war bereits verschwunden. Mit einem kurzen Blick auf die Straße und einem frustrierten Grunzen zerrte Niclays den verängstigt wirkenden Mann in sein Haus.
Das war Wahnsinn! Wenn seine Nachbarn spitzkriegten, dass er einen Eindringling aufgenommen hatte, würde er vor einen sehr wütenden Kriegsherrn gezerrt werden, der nicht gerade für seine Barmherzigkeit bekannt war.
Und doch hatte Niclays genau das gerade getan.
Er verschloss die Tür. Trotz der Hitze stand der Fremde zitternd auf den Matten. Die olivfarbene Haut seiner Wangen war von der Sonne verbrannt, und seine blauen Augen waren vom Salzwasser gerötet. Um sich selbst zu beruhigen, holte Niclays eine Decke, die er aus Mentendon mitgebracht hatte, und gab sie dem Mann. Der nahm sie wortlos entgegen. Er hatte wahrlich jede Menge guter Gründe, verängstigt auszusehen.
»Woher kommst du?«, erkundigte sich Niclays barsch.
»Verzeiht«, flüsterte sein Gast. »Ich verstehe nicht. Sprecht Ihr Seiikin?«
Inysh. Diese Sprache hatte er schon lange nicht mehr gehört.
»Das«, antwortete Niclays in derselben Sprache, »war kein Seiikin. Das war mentenisch. Ich bin davon ausgegangen, dass du ebenfalls von dort kommst.«
»Nein, Ser. Ich komme aus Ascalon«, kam die unterwürfige Antwort. »Darf ich nach Eurem Namen fragen, um Euch zu danken, da Ihr mir Schutz bietet?«
Typisch Inysh. Höflichkeit über alles. »Roos«, warf ihm ­Niclays hin. »Doktor Niclays Roos. Meisterchirurg. Die Person, deren Leben du mit deiner Gegenwart in Gefahr bringst.«
Der junge Mann starrte ihn an.
»Doktor…« Er schluckte. »Doktor Niclays Roos?«
»Gratuliere, Junge. Offenbar hat das Seewasser deinen Ohren nicht geschadet.«
Sein Gast holte tief Luft. »Doktor Roos«, sagte er. »Das ist eine göttliche Fügung. Die Tatsache, dass der Ritter der Gemeinschaftlichkeit mich ausgerechnet hierher zu Euch geführt hat…«
»Ausgerechnet?« Niclays runzelte die Stirn. »Sind wir uns denn schon einmal begegnet?«
Er bemühte sich, sich an seine Zeit in Inys zu erinnern, aber er war sicher, dass er diesen Mann noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Es sei denn natürlich, er wäre betrunken gewesen. Und er war in Inys oft betrunken gewesen.
»Nein, Ser, aber ein Freund hat mir Euren Namen genannt.« Der Mann tupfte sich mit dem Ärmel das Gesicht ab. »Ich war sicher, dass ich auf dem Meer sterben würde, aber Euch jetzt zu sehen, bringt mich ins Leben zurück. Dem Heiligen sei Dank.«
»Dein Heiliger hat hier keine Macht«, murmelte Niclays. »Wie lautet dein Name?«
»Sulyard. Meister Triam Sulyard, Ser, zu Euren Diensten. Ich war Schildknappe am Hof Ihrer Majestät Sabran Berethnet, der Königin von Inys.«
Niclays knirschte mit den Zähnen. Dieser Name entfachte glühende Wut in seinen Eingeweiden.
»Ein Schildknappe.« Er setzte sich. »Ist Sabran deiner am Ende überdrüssig geworden, wie sie all ihrer Untertanen überdrüssig wird?«
Sulyard versteifte sich. »Wenn Ihr meine Königin beleidigt, dann…«
»Was dann? Was willst du dann tun?« Niclays warf ihm einen Blick über den Rand seiner Brille zu. »Vielleicht sollte ich dich Triam Dummkopf nennen. Hast du eine Ahnung, was man hier mit Fremden macht? Hat Sabran dich hergeschickt, damit du einen besonders langsamen Tod stirbst?«
»Ihre Majestät weiß nicht, dass ich hier bin.«
Interessant. Niclays schenkte ihm einen Becher Wein ein. »Hier«, sagte er widerwillig. »Trink das.«
Sulyard leerte den Becher.
»Und jetzt, Meister Sulyard, kommen wir zu etwas Wichtigem«, fuhr Niclays fort. »Wie viele Menschen haben dich gesehen?«
»Man hat mich gezwungen, an Land zu schwimmen. Ich habe schließlich eine Bucht erreicht. Mit schwarzem Sand.« Sulyard zitterte. »Eine Frau hat mich gefunden und mit vorgehaltenem Messer in diese Stadt geführt. Sie hat mich in einem Stall zurückgelassen – und dann kam eine andere Frau und forderte mich auf, ihr zu folgen. Sie hat mich wieder ins Meer geführt, und wir sind zu einem Steg geschwommen. An seinem Ende war ein Tor.«
»Es stand offen?«
»Ja.«
Die Frau musste einen der Wächter kennen und ihn gebeten haben, das Tor zum Landungssteg offen zu lassen.
Sulyard rieb sich die Augen. Die Zeit auf See hatte ihm zwar übel zugesetzt, aber Niclays erkannte jetzt, dass er noch jung war, vielleicht nicht einmal zwanzig.
»Doktor Roos«, sagte er. »Ich bin in einer äußerst wichtigen Mission gekommen. Ich muss mit…«
»Ich muss Euch leider hier bereits unterbrechen, Meister Sulyard«, schnitt Niclays ihm das Wort ab. »Es interessiert mich überhaupt nicht, warum Ihr gekommen seid.«
»Aber…«
»Welchen Grund Ihr auch immer haben mögt, Ihr habt diese Insel ohne die Erlaubnis der Obrigkeit betreten, und das ist reiner Wahnsinn. Wenn der Oberste Beamte Euch findet und zum Verhör davonschleppt, dann möchte ich in aller Ehrlichkeit behaupten können, nicht die leiseste Ahnung zu haben, warum Ihr mitten in der Nacht auf meiner Schwelle aufgetaucht seid und glaubtet, in Seiiki willkommen zu sein.«
Sulyard blinzelte. »Der Oberste Beamte?«
»Das ist der für diese schwimmende Müllkippe verantwort­liche seiikinesische Beamte, auch wenn er sich selbst für einen niederen Gott zu halten scheint. Wisst Ihr denn wenigstens, was das hier für ein Ort ist?«
»Orisima, der äußerste westliche Handelsposten im Osten. Schon seine bloße Existenz hat mir Hoffnung gemacht, dass der Kriegsherr mich möglicherweise empfangen würde.«
»Ich versichere Euch«, erwiderte Niclays, »dass Pitosu Nadama niemals einen Eindringling an seinen Hof vorlassen würde. Was er jedoch tun wird, sobald er Wind von Eurer Gegenwart bekommt, ist, Euch hinzurichten.«
Sulyard erwiderte nichts.
Niclays überlegte kurz, ob er seinem Gast verraten sollte, dass seine Retterin vorhatte zurückzukommen, und zwar möglicherweise, nachdem sie der Obrigkeit seine Anwesenheit gemeldet hatte. Er entschied sich dagegen. Möglicherweise geriet Sulyard dann in Panik und versuchte zu flüchten, aber er konnte hier nirgendwohin.
Morgen. Morgen würde er wieder verschwunden sein.
In diesem Moment hörte Niclays Stimmen draußen vor der Tür. Schritte klapperten auf den hölzernen Stufen der anderen Häuser. Eine Faust krampfte sich um seine Eingeweide.
»Versteckt Euch!« Er packte seinen Gehstock.
Sulyard duckte sich hinter einen Wandschirm. Niclays öffnete mit zitternden Händen die Tür.
Vor etlichen Jahrhunderten hatte der erste Kriegsherr von Seiiki das Große Edikt unterzeichnet und allen außer den Lacustrinern und den Mentenen den Zutritt zur Insel verboten, um sein Volk vor der Drachenplage zu schützen. Auch nachdem die ­Seuche abgeklungen war, war das Edikt nicht aufgehoben worden. Jeder Fremde, der ohne Erlaubnis auf die Insel kam, wurde mit dem Tode bestraft. Ebenso wie jeder, der ihn beherbergte.
Auf den Straßen war von Wächtern nichts zu sehen, aber etliche seiner Nachbarn hatten sich zusammengeschart. Niclays trat zu ihnen.
»Was im Namen von Galian ist denn los?«, fragte er den Koch. Der Mann starrte auf einen Punkt über ihren Köpfen. Sein Mund war so weit aufgesperrt, dass er Schmetterlinge hätte fangen können. »Ich empfehle dir in Zukunft, diesen Gesichtsausdruck zu vermeiden, Harolt. Die Leute könnten dich für schwachsinnig halten.«
»Sieh doch, Roos!«, keuchte der Koch. »Sieh!«
»Ich kann nur hoffen…« Roos verstummte, als er der ausgestreckten Hand mit dem Blick folgte.
Ein gewaltiger Schädel erhob sich über den Zaun rund um ­Orisima. Er gehörte einer Kreatur aus Juwelen und Meer.
Ihre Schuppen dampften – Schuppen aus Mondstein und so hell, dass sie von innen zu glühen schienen. Eine Kruste aus edelsteinartigen Tropfen überzog jede einzelne. Die Augen wirkten wie brennende Sterne, und die Hörner schimmerten wie Quecksilber unter dem fahlen Mond. Mit der Eleganz eines im Winde wehenden Wimpels glitt die Kreatur an der Brücke vorbei und erhob sich in den Himmel, leicht und stumm wie ein Papierdrache.
Ein Drache. Während er über Kap Hisan emporstieg, tauchten weitere aus dem Meer auf und zogen einen Schweif aus kühlem Dunst hinter sich her. Niclays presste die Hand auf seine Brust, dort, wo sein Herz hämmerte.
»Aber was«, murmelte er, »wollen die denn hier?«


2. KAPITEL
WESTEN

Er war maskiert, natürlich. Das waren sie immer. Nur ein Narr würde in den Turm der Königin eindringen, ohne für Anonymität zu sorgen. Und wenn er sich Zutritt zu ihrem Vorzimmer hatte verschaffen können, war dieser Meuchelmörder sicherlich kein Narr.
Im Großen Schlafgemach hinter den Türen schlummerte Sabran tief und fest. Mit ihrem offenen Haar und den dunklen Wimpern auf ihren Wangen wirkte die Königin von Inys wie ein Abbild der Ruhe. Heute schlief Roslain Crest neben ihr.
Beide waren nicht gewahr, dass ein Schatten sich ihnen näherte, der Mord im Schilde führte.
Wenn Sabran sich zurückzog, oblag die Obhut über den Schlüssel zu ihren privatesten Gemächern einer ihrer Kammerzofen. Im Moment war dies Katryen Whithy, die sich gerade in der Horn Galerie aufhielt. Die Königlichen Gemächer wurden zwar von den Rittern des Leibes bewacht, aber vor der Tür zum Großen Schlafgemach wurde nicht immer eine Wache aufgestellt. Schließlich gab es nur einen einzigen Schlüssel.
Also bestand schwerlich die Gefahr, dass jemand dort unerlaubt eindrang.
Im Vorzimmer – dem letzten Bollwerk zwischen dem könig­lichen Bett und der Welt draußen – warf der Mordbube einen Blick über die Schulter. Ser Gules Heeth war auf seinen Posten vor der Tür zurückgekehrt, ohne etwas von der Bedrohung zu ahnen, die sich in seiner kurzen Abwesenheit hier eingeschlichen hatte. Der Mordbube legte die Hand auf die Tür, die ihn zur Königin führen würde, ohne Ead zu bemerken, die sich in den Dachbalken versteckte und ihn beobachtete. Lautlos zog der Eindringling einen Schlüssel aus seinem Umhang und schob ihn ins Schloss.
Es öffnete sich.
Eine Weile bewegte er sich nicht, wartete auf seine Gelegenheit.
Dieser hier war erheblich sorgfältiger als die anderen. Als Heeth einen seiner Hustenanfälle bekam, öffnete der Eindringling die Tür zum Großen Schlafgemach einen Spalt weit. Mit der anderen Hand zog er eine Klinge. Es war genauso eine Waffe, wie sie auch die anderen mit sich geführt hatten.
Als er sich bewegte, reagierte Ead.
Lautlos ließ sie sich von den Dachbalken hinter ihm auf den Boden fallen. Ihre nackten Füße landeten leicht auf dem Marmor. Als der Mordbube mit hocherhobenem Dolch ins Große Schlafgemach schleichen wollte, schlug sie ihm ihre Hand vor den Mund und rammte ihm ihren Dolch zwischen die Rippen.
Der Mordbube wehrte sich. Ead hielt ihn fest und achtete darauf, dass kein Tropfen seines Blutes auf sie spritzte. Als der Körper aufhörte, sich zu winden, ließ sie ihn zu Boden sinken und zog ihm die mit Seide gesäumte Maske herunter, die gleiche, wie sie auch alle anderen getragen hatten.
Das Gesicht darunter war noch sehr jung, kaum dem Jünglings­alter entwachsen. Augen, unergründlich wie das trübe Wasser eines Teichs, starrten blind zur Decke empor.
Es war niemand, den sie kannte. Ead küsste seine Stirn und ließ ihn auf dem Marmorboden liegen.
Fast im selben Moment, als sie wieder mit den Schatten verschmolz, hörte sie einen Hilfeschrei.
Bei Tagesanbruch war sie bereits auf dem Palastgelände unterwegs. Ein Netz aus smaragdbesetzten goldenen Fäden hielt ihr Haar zusammen.
Jeden Morgen hielt sie sich an dieselbe Routine. Vorhersehbarkeit bedeutete Sicherheit. Zuerst ging sie zum Meister der Post, der bestätigte, dass er keine Briefe für sie hatte. Dann ging sie zu den Toren, blickte auf die Stadt Ascalon und stellte sich vor, eines Tages durch diese Stadt zu schlendern und so lange weiterzugehen, bis sie den Hafen erreichte und ein Schiff fand, dass sie nach Hause nach Lasia brachte. Manchmal begegnete sie jemandem, den sie kannte, und sie nickten sich kurz zu. Schließlich ging sie ins Banketthaus, um gemeinsam mit Margret zu frühstücken, und danach, um acht Uhr, begann ihr Dienst.
Ihre erste Aufgabe heute bestand darin, die königliche Wäscherin aufzuspüren. Ead fand die Frau schon bald in einer Nische hinter der Großen Küche, verborgen hinter einem Vorhang aus Efeu. Ein Stallbursche schien die Sommersprossen auf ihrem Hals mit seiner Zunge zu zählen.
»Guten Morgen euch beiden«, sagte Ead.
Die beiden fuhren keuchend auseinander. Mit weit aufgerissenen Augen schoss der Stallbursche davon wie eines seiner Pferde.
»Mistress Duryan!« Die Wäscherin glättete ihre Röcke und knickste hastig. Sie errötete bis unter die Haarwurzeln. »Bitte, erzählt niemandem etwas davon, Mistress, sonst bin ich ruiniert.«
»Du brauchst nicht zu knicksen. Ich bin keine Edeldame.« Ead lächelte. »Ich hielt es nur für klug, dich daran zu erinnern, dass du Ihrer Majestät jeden Tag zu dienen hast. In letzter Zeit warst du ein wenig nachlässig.«
»Oh, Mistress Duryan, ich gebe zu, dass ich häufig mit meinen Gedanken woanders war, aber ich habe mir solche Sorgen gemacht.« Die Wäscherin rang die schwieligen Hände. »Die Dienstboten tuscheln, Mistress. Sie sagen, ein Wyrmeling hätte sich Rinder von den Weiden an den Seen geholt, vor nicht einmal zwei Tagen. Ein Wyrmeling! Ist es nicht beängstigend, dass die Diener des Namenlosen Einen erwachen?«
»Siehst du, da hast du selbst den Grund genannt, weshalb du sorgfältig deiner Arbeit nachgehen musst. Diese Diener des Namen­losen Einen wollen Ihre Majestät aus dem Weg räumen, denn ihr Tod würde ihren Herrn wieder in diese Welt zurückbringen«, gab Ead zurück. »Deshalb ist deine Aufgabe von größter Bedeutung, gute Frau. Du darfst nicht nachlassen, ihre Laken jeden Tag nach Gift abzusuchen und dafür zu sorgen, dass ihr Bettzeug stets frisch und duftend ist.«
»Selbstverständlich, ja. Ich verspreche, dass ich meinen Pflichten aufmerksamer nachgehen werde.«
»Das musst du nicht mir versprechen. Sondern dem Heiligen.« Ead deutete mit einer leichten Kopfbewegung auf das König­liche Heiligtum, das Sanktuarium. »Geh jetzt sofort zu ihm. Dann kannst du ihn vielleicht auch gleich um Verzeihung für deine – Indiskretion bitten. Geh mit deinem Geliebten dorthin und bittet ihn zusammen um Nachsicht. Und eile!«
Als die Wäscherin davonhastete, unterdrückte Ead ein Lächeln. Es war fast etwas zu einfach, den Inysh Furcht einzuflößen.
Doch ihr Lächeln erlosch rasch. Tatsächlich hatte ein Wyrmeling es gewagt, den Menschen Vieh zu stehlen. Obwohl diese drachenartigen Kreaturen schon seit Jahren aus ihrem langen Schlaf erwachten, waren sie bislang nur höchst selten gesehen worden – aber in den letzten paar Monaten hatten sich die Berichte über Sichtungen gehäuft. Es verhieß nichts Gutes, dass diese Bestien sich mittlerweile erkühnten, in besiedelten Gebieten zu jagen.
Ead hielt sich im Schatten und schlug den langen Weg zu den Königlichen Gemächern ein. Sie ging an der Königlichen Bibliothek vorbei, machte einen Bogen um einen der weißen Pfauen, die überall auf dem Palastgelände herumstolzierten, und trat unter die Kreuzgänge.
Der Palast von Ascalon, ein hoch in den Himmel ragender Triumph aus hellem Kalksandstein, war die größte und älteste Residenz des Hauses Berethnet, dem Monarchinnengeschlecht von Inys. Die Schäden, die das Bauwerk während des Zeitalters der Trauer erlitten hatte, als die Drakonische Armee ihren jahrelangen Krieg gegen die Menschheit begonnen hatte, waren längst ausgebessert worden. In jedes Fenster war gefärbtes Glas in allen Farben des Regenbogens eingelassen. Das Palastgelände beherbergte ein Heiligtum der Tugenden, Gärten mit schattigen Rasenflächen und die ungeheure Königliche Bibliothek mit ihrem marmorverkleideten Glockenturm. Das war der einzige Ort, an dem Sabran während des Sommers Hof halten mochte.
In der Mitte des Hofs stand ein Apfelbaum. Ead blieb stehen, als sie ihn erblickte. Schmerz brannte in ihrer Brust.
Es waren jetzt fünf Tage verstrichen, seit Loth mitten in der Nacht aus dem Palast verschwunden war, zusammen mit Vicomte Kitston Glaede. Niemand wusste, wohin sie gegangen waren oder warum sie den Hof ohne Erlaubnis verlassen hatten. Sabran hatte sich ihre Unruhe deutlich anmerken lassen, sie sichtbar wie einen Mantel getragen, Ead dagegen hatte ihre Bestürzung tief in ihrem Inneren verborgen.
Sie erinnerte sich noch an den Geruch von Holzrauch bei ihrem ersten Fest der Gemeinschaftlichkeit, an dem sie die Bekanntschaft von Vicomte Arteloth Beck gemacht hatte. Jeden Herbst trat der Hof zusammen, um Geschenke auszutauschen und ihre Gemeinschaft im Tugendtum zu feiern. Es war das erste Mal, dass sie sich persönlich gesehen hatten, aber Loth hatte ihr später verraten, dass er schon lange neugierig auf die neue Ehrenjungfer gewesen war. Er hatte die Gerüchte über jene Achtzehnjährige aus dem ­Süden gehört, die weder adlig noch von gemeiner Geburt sein sollte und ganz frisch in die Tugenden der Ritterschaft aufgenommen worden war. Viele Höflinge hatten gesehen, wie der Botschafter der Ersyr sie der Königin präsentiert hatte.
Ich bringe Euch weder Juwelen noch Gold, um das neue Jahr zu feiern, Euer Majestät. Stattdessen bringe ich Euch eine Dame für Euer Gefolge, hatte Chassar gesagt. Loyalität ist das größte Geschenk von allen.
Die Königin selbst war damals erst zwanzig Jahre alt gewesen. Eine Hofdame ohne Adelstitel und nicht einmal von adliger Geburt war ein überaus merkwürdiges Geschenk, aber die Höflichkeit hatte Sabran gezwungen, es anzunehmen.
Es wurde zwar das Fest der Gemeinschaftlichkeit genannt, aber diese Gemeinschaftlichkeit kannte durchaus Grenzen. Niemand hatte Ead an diesem Abend zu einem Tanz aufgefordert – niemand außer Loth. Er war breitschultrig, einen Kopf größer als sie, mit tiefschwarzer Haut und der warmen Sprachmelodie des Nordens. Alle am Hof kannten seinen Namen. Erbe von Goldenbirken – dem Geburtsort des Heiligen – und enger Freund von Königin Sabran.
Mistress Duryan, er hatte sich vor ihr verbeugt, wenn Ihr mir die Ehre erweisen würdet, mit mir zu tanzen, damit ich dem sterbenslangweiligen Gespräch mit dem Schatzkanzler entkommen kann, stünde ich tief in Eurer Schuld. Dafür würde ich eine Flasche des besten Weines von Ascalon holen und Euch die Hälfte davon überlassen. Was meint Ihr?
Sie hatte einen Freund gebraucht und etwas Stärkeres zu trinken. Also hatten sie drei Pavanen getanzt und den Rest der Nacht bei dem Apfelbaum verbracht, wo sie unter den Sternen getrunken und geplaudert hatten, obwohl er Vicomte Arteloth Beck war und sie nur eine Fremde. Bevor Ead sich’s versah, war eine Freundschaft zwischen ihnen erblüht.
Jetzt war er verschwunden, und es gab nur eine einzige Erklärung dafür. Loth hätte niemals aus eigenem Antrieb den Hof verlassen, erst recht nicht, ohne es seiner Schwester zu erzählen oder Sabran um Erlaubnis zu bitten. Die einzige Erklärung war, dass er gezwungen worden war.
Sowohl sie als auch Margret hatten versucht, ihn zu warnen. Sie hatten ihm gesagt, dass seine Freundschaft zu Sabran – eine Freundschaft, die noch aus Kindertagen herrührte – ihn irgendwann zu einer Bedrohung für ihre Heiratsaussichten machen würde. Sie hatten ihm gesagt, dass er jetzt nicht mehr so vertraut mit ihr umgehen dürfe, da sie nun älter waren.
Doch Loth hatte noch nie auf die Stimme der Vernunft gehört.
Ead riss sich aus ihrer Träumerei. Als sie aus den Kreuzgängen trat, machte sie einer Gruppe Bediensteter im Dienste Ihrer Durchlaucht Igrain Crest Platz, der Herzogin der Justiz, deren Emblem auf ihren Wappenröcken eingestickt war.
Der Sonnenuhr-Garten sog das Morgenlicht auf. Honigfarbenes Licht liebkoste seine Wege, und die Rosen, die die Rasenflächen säumten, schimmerten in sanftem Glanz. Der Garten wurde von den Statuen der fünf Großen Königinnen des Hauses Berethnet bewacht, die auf ihren Podesten über dem Eingang zum nahegelegenen Dearn-Turm standen. Sabran unternahm an solchen Morgenden gern einen Spaziergang, zumeist Arm in Arm mit einer ihrer Hofdamen, aber heute waren die Wege verlassen. Die Königin war zweifellos nicht in Stimmung, um zu flanieren, nachdem so nahe an ihrem Bett eine Leiche aufgefunden worden war.
Ead näherte sich dem Turm der Königin. Die Holzranken, die hinaufführten, waren mit dunkelroten Blüten übersät. Sie stieg die vielen Stufen im Inneren des Turms hinauf zu den Königlichen Gemächern.
Zwölf Ritter des Leibes, die jetzt im Sommer ihre vergoldeten Rüstungen und grünen Umhänge trugen, bewachten die Türen zum Abtritt. Blumenmuster zierten ihre Armschienen, und das Wappen der Berethnet prangte stolz auf ihren Brustpanzern. Sie blickten scharf auf, als Ead sich ihnen näherte.
»Guten Morgen«, sagte sie.
Ihre wachsame Haltung veränderte sich, und sie traten für die Kammerzofe beiseite.
Ead fand Katryen Withy recht bald. Sie war die Nichte des Herzogs der Gemeinschaftlichkeit. Mit vierundzwanzig war sie die jüngste und größte der drei Kammerfrauen des Schlafgemachs. Sie hatte glatte braune Haut, volle Lippen und gelocktes Haar, das so dunkelrot war, dass es fast schon schwarz wirkte.
»Mistress Duryan«, sagte sie. Wie alle anderen im Palast trug sie Sommergewänder in Grün und Gelb. »Ihre Majestät liegt noch im Bett. Habt Ihr die Wäscherin gefunden?«
»Ja, Euer Gnaden.« Ead machte einen Knicks. »Wie es scheint, haben – familiäre Verpflichtungen sie etwas abgelenkt.«
»Keine Pflicht steht über unserem Dienst an der Krone.« ­Katryen warf einen Blick zu den Türen. »Es hat erneut einen Eindringling gegeben. Diesmal war der Schurke alles andere als ein Tölpel. Er hat nicht nur das Große Schlafgemach erreicht – er hatte sogar einen Schlüssel dafür.«
»Das Große Schlafgemach!« Ead hoffte, dass sie angemessen schockiert wirkte. »Dann muss jemand im Hohen Haushalt Ihre Majestät verraten haben.«
Katryen nickte. »Wir glauben, dass er die Geheime Treppe genommen hat. Damit hätte er den Rittern des Leibes ausweichen und direkt ins Vorzimmer gelangen können. Und angesichts dessen, dass die Geheime Treppe versiegelt ist, seit…« Sie seufzte. »Serjeant Porter wurde jedenfalls wegen seiner Nachlässigkeit entlassen. Von jetzt an darf die Tür zum Großen Schlafgemach niemals mehr unbewacht bleiben.«
Ead nickte. »Welche Aufgaben habt Ihr heute für uns?«
»Ich habe eine besondere Aufgabe für Euch direkt. Wie Ihr wisst, trifft der mentenische Botschafter Oscarde utt Zeedeur heute ein. Seine Tochter ist in letzter Zeit ein wenig nachlässig geworden, was ihre Kleidung angeht.« Katryen verzog die Lippen. »Marquise Truyde war immer sehr ordentlich, als sie an den Hof kam, aber jetzt – meine Güte, sie hatte gestern beim Gebet ein Blatt im Haar und am Tag davor ihr Korsett vergessen!« Sie sah Ead lange an. »Ihr dagegen scheint sehr genau zu wissen, wie Ihr Euch Eurer Posi­tion angemessen zu kleiden habt. Sorgt dafür, dass Truyde sich ebenfalls daran hält und bereit für ihren Vater ist.«
»Ja, Euer Gnaden.«
»Ach, und Ead, sprecht nicht von dem Eindringling. Ihre Majestät möchte kein Unbehagen am Hofe hervorrufen.«
»Selbstverständlich.«
Als sie erneut an den Wachen vorbeiging, ließ Ead ihren Blick über ihre ausdruckslosen Gesichter gleiten.
Sie wusste schon lange, dass jemand aus dem königlichen Haushalt Mordbuben in den Palast ließ. Und jetzt hatte jemand einem einen Schlüssel gegeben, um zur Königin von Inys vorzudringen, während sie schlief.
Ead beabsichtigte herauszufinden, um wen es sich handelte.
Das Haus Berethnet hatte wie die meisten königlichen Haushalte sein gerüttelt Maß an vorzeitigen Todesfällen erlebt. Glorian die Erste hatte von vergiftetem Wein getrunken. Jillian die Dritte hatte nur ein Jahr regiert, als eine ihrer eigenen Bediensteten ihr einen Dolch ins Herz gestoßen hatte. Sabrans Mutter, Rosarian die Vierte, war durch ein mit Basiliskengift präpariertes Kleid getötet worden. Niemand wusste, wie dieses Kleidungsstück in die Krongarderobe gekommen war, aber man vermutete Verrat und Heimtücke.
Und jetzt machten wieder gedungene Mörder Jagd auf den letzten Spross des Hauses Berethnet. Bei jedem Anschlag auf ihr Leben waren sie der Königin ein Stück näher gekommen. Einer hatte sich verraten, als er eine Büste umgestoßen hatte. Ein anderer war bemerkt worden, als er sich in die Horn-Galerie geschlichen hatte. Wieder ein anderer hatte vor den Toren des Turms der Königin noch hasserfüllte Verwünschungen geschrien, als die Wachen ihn schon gepackt hatten. Letztlich hatte man keine Verbindung zwischen all diesen Möchtegern-Mördern herstellen können, aber Ead war sich ziemlich sicher, dass sie alle einem Meister gehorchten. Es musste jemand sein, der den Palast sehr gut kannte. Jemand, der den Schlüssel stehlen, eine Kopie anfertigen und ihn wieder zurücklegen konnte, und das alles an einem Tag. Jemand, der wusste, wie man die Geheime Treppe öffnete, die seit dem Tod von Königin Rosarian fest verschlossen war.
Wäre Ead eine Kammerfrau des Schlafgemachs gewesen, eine intime Vertraute, wäre es einfacher gewesen, Sabran zu beschützen. Sie hatte seit ihrer Ankunft in Inys auf eine Chance gewartet, diese Position zu erlangen, aber allmählich akzeptierte sie, dass sie dies niemals erreichen würde. Als titellose Konvertierte galt sie nicht als geeignete Kandidatin.
Ead fand Truyde in der Kofferkammer, wo die Ehrenjungfern schliefen. Zwölf Betten standen Seite an Seite. Ihr Quartier war zwar geräumiger als in den anderen Palästen, aber dennoch war es ungemütlich eng für Mädchen, die aus vornehmen Familien stammten.
Die jüngsten Hofdamen veranstalteten gerade lachend eine Kissenschlacht, verstummten jedoch sofort, als Ead den Raum betrat. Das Mädchen, das sie suchte, lag noch im Bett.
Truyde, Marquise von Zeedeur, war eine ernste junge Frau. Sie hatte cremeweiße Haut, Sommersprossen und tiefschwarze Augen. Man hatte sie vor zwei Jahren im Alter von fünfzehn Jahren nach Inys geschickt, damit sie die höfischen Sitten erlernte, bis sie von ihrem Vater das Herzogtum von Zeedeur erbte. Sie strahlte eine Wachsamkeit aus, die Ead an einen Sperling erinnerte. Man fand sie oft im Leseraum, weit oben auf einer Leiter oder mit einem Buch, dessen brüchige Seiten sie behutsam umblätterte.
»Marquise.« Ead versank in einen Hofknicks.
»Was gibt es?« Das Mädchen klang gelangweilt, ihr Akzent war noch immer sehr stark.
»Katryen hat mich gebeten, Euch beim Ankleiden zu helfen«, sagte Ead. »Wenn es Euch genehm ist.«
»Ich bin siebzehn Jahre alt, Mistress Duryan, und ich besitze genug Verstand, um mich selbst ankleiden zu können.«
Die anderen Jungfern schnappten vernehmlich nach Luft.
»Ich fürchte, Marquise Katryen sieht das anders«, gab Ead ruhig zurück.
»Dann irrt Katryen sich eben.«
Noch ein kollektives Luftholen, und Ead fragte sich, ob bald noch genug Luft im Zimmer übrig war.
»Meine Damen«, wandte sie sich an die Mädchen. »Sucht einen Lakaien, damit das Waschbecken gefüllt wird, wenn ich bitten darf.«
Die Jungfern flüchteten förmlich aus dem Raum, wenn auch ohne Hofknicks. Ead mochte zwar im Haushalt über ihnen stehen, aber im Gegensatz zu ihr waren sie immer noch von Adel.
Truyde blickte einen Moment durch das Bleiglasfenster, bevor sie aufstand. Dann setzte sie sich auf den Hocker neben dem Waschbecken.
»Verzeiht mir, Mistress Duryan«, sagte sie. »Ich bin heute schlecht gelaunt. In letzter Zeit finde ich kaum Schlaf.« Sie faltete die Hände in ihrem Schoß. »Wenn Katryen es wünscht, könnt Ihr mir gern beim Ankleiden helfen.«
Sie wirkte tatsächlich müde. Ead wärmte ein paar Handtücher neben dem Feuer. Nachdem ein Bediensteter heißes Wasser gebracht hatte, stellte sie sich hinter Truyde und raffte ihre prachtvollen Locken zusammen. Sie reichten ihr bis zur Taille und hatten das tiefe Rot echter Färberröte. Solches Haar war im Freistaat von Mentendon, auf der anderen Seite des Schwanensunds, weit verbreitet, in Inys jedoch sehr ungewöhnlich.
Truyde wusch sich das Gesicht. Ead schrubbte ihr Haar mit Cremwurz, spülte es aus und bürstete dann jede Verfilzung heraus. Während der ganzen Zeit schwieg das Mädchen.
»Geht es Euch gut, Euer Gnaden?«
»Ziemlich gut.« Truyde drehte den Ring an ihrem Daumen, unter dem ein grüner Kupferfleck sichtbar wurde. »Nur… Ich bin verärgert über die anderen Jungfern und ihre Anspielungen. Sagt, Mistress Duryan, habt Ihr etwas von Meister Triam Sulyard gehört, dem Schildknappen von Ser Marke Birchen?«
Ead tupfte Truydes Haare mit dem aufgewärmten Leinenhandtuch ab. »Nicht viel«, antwortete sie. »Nur dass er im Winter ohne Erlaubnis den Hof verlassen hat und offenbar Spielschulden hatte. Warum?«
»Die anderen Mädchen reden unablässig von seinem Verschwinden und ersinnen wilde Geschichten, die auf keinen Fall stimmen können. Ich hatte gehofft, Ihr könntet mir helfen, sie zum Schweigen zu bringen.«
»Tut mir leid, aber da muss ich Euch enttäuschen.«
Truyde warf ihr unter ihren kupferroten Wimpern einen Blick zu. »Ihr wart auch einmal eine Ehrenjungfer.«
»Ja.« Ead wrang das Handtuch aus. »Vier Jahre lang, nachdem Botschafter uq-Ispad mich an den Hof gebracht hat.«
»Und dann wurdet Ihr befördert. Vielleicht erhebt Königin Sabran mich auch irgendwann zur Kammerfrau«, sinnierte Truyde. »Dann brauche ich nicht mehr in diesem Käfig zu schlafen.«
»In den Augen eines jungen Mädchens ist die ganze Welt ein Käfig.« Ead legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Ich hole Euer Gewand.«
Truyde setzte sich neben das Feuer und fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. Ead ließ sie dort sitzen, damit es trocknete.
Vor dem Raum kommandierte Oliva Marchyn, die Matrone der Ehrenjungfern, ihre Mündel mit einer Stimme herum, die klang wie ein Krummhorn. »Mistress Duryan«, sagte sie steif, als sie Ead erblickte.
Sie sprach den Namen aus, als wäre er eine Heimsuchung. Ead erwartete von gewissen Mitgliedern des Hofs nichts anderes. Immerhin war sie eine aus dem Süden, außerhalb des Tugendtums geboren, und das erregte Argwohn unter den Inysh.
»Dame Oliva«, antwortete sie ruhig. »Marquise Katryen hat mich geschickt, damit ich Marquise Truyde beim Ankleiden helfe. Kann ich ihr Gewand haben?«
»Hm. Folgt mir.« Oliva führte sie in einen anderen Gang. Eine Strähne ihres grauen Haares war ihrem Dutt entwischt. »Ich wünschte, das Mädchen würde endlich essen. Sie wird noch verwelken wie eine Blüte im Winter.«
»Wie lange hat sie denn schon keinen Appetit mehr?«
»Seit dem Fest des Frühlings.« Oliva warf ihr einen verächtlichen Blick zu. »Sorgt dafür, dass sie gut aussieht. Ihr Vater wird sehr ärgerlich werden, wenn er den Eindruck gewinnt, sein Kind sei unterernährt.«
»Sie ist also nicht krank?«
»Die Symptome dieser Krankheit kenne ich sehr wohl, Mistress.«
Ead lächelte ein wenig. »Dann vielleicht liebeskrank?«
Oliva spitzte die Lippen. »Sie ist eine Ehrenjungfer. Und ich dulde keinen Klatsch in der Kofferkammer.«
»Verzeiht, Euer Gnaden. Es war nur ein Scherz.«
»Ihr seid Königin Sabrans Kammerzofe, nicht ihre Hofnärrin.«
Mit einem missbilligenden Schnaufen nahm Oliva das Kleid aus dem Schrank und gab es ihr. Ead machte einen Knicks und zog sich zurück.
Sie verabscheute diese Frau aus tiefster Seele. Die vier Jahre, die sie als Ehrenjungfer gedient hatte, waren die schrecklichsten ihres ganzen Lebens gewesen. Selbst nach ihrer öffentlichen Konvertierung zu den Sechs Tugenden hatte man ihre Loyalität zum Haus Berethnet ständig infrage gestellt.
Sie erinnerte sich, wie sie mit wunden Füßen in der Kofferkammer auf ihrem harten Bett gelegen und zugehört hatte, wie die anderen Mädchen über ihren südlichen Akzent spotteten und über die Art von Häresie spekulierten, die sie in Erysr wohl praktiziert haben musste. Oliva hatte mit keinem Wort versucht, sie daran zu hindern. Tief im Herzen hatte Ead gewusst, dass es vorbeigehen würde, aber es hatte ihren Stolz verletzt, dass man sich über sie lustig machte. Als sich eine freie Stelle im Vorzimmer auftat, war die Matrone froh gewesen, sie loszuwerden. Ead musste jetzt nicht mehr für die Königin tanzen, sondern leerte ihre Waschbecken und säuberte die Königlichen Gemächer. Sie hatte ein eigenes Zimmer und wurde auch besser entlohnt.
In der Kofferkammer hatte Truyde mittlerweile ein frisches Hemd angelegt. Ead half ihr in ein Korsett und einen Sommerunterrock und dann in das schwarze Seidenkleid mit Puffärmeln und einer Halskrause aus Spitze. Eine Brosche mit dem Schild ihres Schutzheiligen, des Ritters der Courage, steckte schimmernd über ihrem Herzen. Alle Kinder der Tugendhaftigkeit wählten einen Ritter als Schutzheiligen, wenn sie zwölf Jahre alt wurden.
Auch Ead trug eine solche Brosche. Eine Weizengarbe als Zeichen der Großzügigkeit. Sie hatte sie bei ihrer Konvertierung bekommen.
»Mistress«, sagte Truyde, »die anderen Ehrenjungfern behaupten, Ihr wäret eine Häretikerin.«
»Ich habe meine Gebete im Sanktuarium gesprochen«, erwiderte Ead. »Im Gegensatz zu einigen dieser Ehrenjungfern.«
Truyde betrachtete prüfend ihr Gesicht. »Ist Ead Duryan wirklich Euer Name?«, fragte sie plötzlich. »In meinen Ohren klingt das nicht nach Ersyri.«
Ead nahm ein zusammengerolltes goldenes Band. »Ihr sprecht also Ersyri, Euer Gnaden?«
»Nein, aber ich habe Geschichten über das Land gelesen.«
»Gelesen«, erwiderte Ead beiläufig. »Eine gefährliche Freizeitbeschäftigung.«
Truyde sah sie scharf an. »Ihr verspottet mich!«
»Keinesfalls. Geschichten haben große Macht.«
»Alle Geschichten sind aus dem Keim der Wahrheit erwachsen«, entgegnete Truyde. »Und nach ihrer Gestaltung werden sie zu Wissen.«
»Dann vertraue ich darauf, dass Ihr Euer Wissen zum Guten nutzt.« Ead fuhr mit den Fingern durch die roten Locken. »Aber da Ihr fragt – nein, es ist nicht mein richtiger Name.«
»Das dachte ich mir. Wie lautet Euer richtiger Name?«
Ead zog zwei Strähnen der Locken zurück und flocht sie mit dem goldenen Band zu einem Zopf. »Niemand hier hat ihn jemals gehört.«
Truyde hob die Brauen. »Nicht einmal Ihre Majestät?«
»Nein.« Ead drehte das Mädchen zu sich herum, damit es sie ansehen konnte. »Die Matrone der Jungfern ist um Eure Gesundheit besorgt. Seid Ihr ganz sicher, dass es Euch gut geht?« Truyde zögerte. Ead legte ihr schwesterlich die Hand auf den Arm. »Ihr kennt mein Geheimnis. Wir sind durch ein Gelübde des Schweigens gebunden. Geht Ihr mit einem Kind, ist es das?«
Truyde versteifte sich. »Nein, das ist es nicht.«
»Was ist es dann?«
»Es geht Euch nichts an. Ich habe einen empfindlichen Magen, das ist alles, und zwar seit…«
»Seit Meister Sulyard verschwunden ist.«
Truyde sah Ead an, als hätte sie sie geschlagen.
»Er ist im Frühling verschwunden«, stellte Ead fest. »Dame Oliva sagt, dass Ihr seitdem nur wenig Appetit habt.«
»Ihr stellt zu viele Mutmaßungen an, Mistress Duryan. Viel zu viele.« Truyde wich von ihr zurück. Ihre Nasenflügel bebten. »Ich bin Truyde utt Zeedeur, vom Blute der Vatten, Marquise von Zeedeur. Allein der Gedanke, ich hätte mich mit irgendeinem Schildknappen von niederer Geburt einlassen können…!« Sie wandte ihr den Rücken zu. »Geht mir aus den Augen, sonst sage ich Oliva, dass Ihr Lügen über eine Hofdame verbreitet.«
Ead lächelte kurz und zog sich zurück. Sie war schon zu lange am Hof, um sich von einem Kind ärgern zu lassen.
Oliva beobachtete, wie sie den Gang verließ. Als sie ins Sonnenlicht trat, sog Ead den Geruch von frisch gemähtem Gras ein.
Eins war klar. Truyde utt Zeedeur war mit Triam Sulyard intim gewesen – und Ead hatte es sich zur Aufgabe gemacht, alle Geheimnisse des Hofs zu kennen. So die Mutter wollte, würde sie auch dieses herausfinden.


3. KAPITEL
OSTEN

Der Morgen schimmerte fahl wie das Ei eines Fischreihers über Seiiki. Das blasse Licht schlich sich in den Raum. Zum ersten Mal seit acht Tagen waren die Fensterläden geöffnet worden.
Tané blickte mit geröteten Augen zur Decke. Sie hatte sich die ganze Nacht ruhelos hin und her gewälzt, und ihr war abwechselnd heiß und kalt gewesen.
Sie würde nie wieder in diesem Raum aufwachen. Der Tag der Entscheidung war gekommen. Der Tag, auf den sie seit ihrer Kindheit gewartet hatte – und den sie aufs Spiel gesetzt hatte, wie eine Närrin, als sie die Abgeschiedenheit verletzt hatte. Als sie Susa gebeten hatte, den Fremden in Orisima zu verstecken, hatte sie ihrer beider Leben riskiert.
Ihr Magen drehte sich wie eine Wassermühle. Sie nahm ihre Uniform und ihren Waschbeutel, schlich an der schlafenden Ishari vorbei und stahl sich aus dem Raum.
Das Südhaus stand im Vorgebirge des Bärenmauls, der Bergkette, die sich über Kap Hisan erhob. Zusammen mit den drei anderen Häusern des Lernens wurden hier Schüler für die Hochseewacht ausgebildet. Tané lebte seit ihrem dritten Lebensjahr in seinen Hallen.
Als sie hinausging, war ihr, als träte sie in einen Brennofen. Die Hitze legte sich wie eine dünne Schicht auf ihre Haut, und ihr Haar fühlte sich plötzlich dicker an.
Seiiki hatte einen ganz bestimmten Geruch. Der Duft des Kernholzes der Bäume, der vom Regen freigesetzt wurde, und des Grüns aller Blätter. Normalerweise fand Tané das beruhigend, aber heute konnte sie nichts trösten.
Die heißen Quellen dampften im morgendlichen Nebel. Tané legte ihre Schlafrobe ab, stieg in das nächstgelegene Becken und wusch sich mit einer Handvoll Kleie. Im Schatten der Pflaumenbäume legte sie ihre Uniform an und kämmte ihr langes Haar über eine Schulter, sodass man den blauen Drachen auf ihrem Wams sehen konnte. Als sie wieder hineinging, regte sich bereits Leben in den Räumen.
Ihr kleines Frühstück bestand aus Tee und Brei. Ein paar Schüler wünschten ihr Glück, als sie an ihr vorbeigingen.
Als es so weit war, ging sie als Erste.
Draußen warteten die Diener mit den Pferden. Sie verbeugten sich gemeinsam. Als Tané auf ihr Pferd stieg, kam Ishari aus dem Haus geeilt. Sie wirkte ein wenig verlegen und kletterte hastig in den Sattel.
Tané beobachtete sie, und plötzlich hatte sie einen Kloß im Hals. Ishari und sie hatten sechs Jahre lang ein Zimmer geteilt. Nach der Zeremonie würden sie sich vielleicht nie wieder sehen.
Sie ritten zu dem Tor, das das Haus des Lernens vom Rest von Kap Hisan trennte, über die Brücke und an dem Strom vorbei, der von den Bergen herabfloss. Dann schlossen sie sich den Schülern aus den anderen Häusern des Bezirks an. Tané sah Turosa, ihren Rivalen, der ihr aus seiner Reihe spöttische Blicke zuwarf. Sie erwiderte kühl seinen Blick, bis er sein Pferd antrieb und Richtung Stadt galoppierte, gefolgt von seinen Freunden.
Tané warf einen letzten Blick über die Schulter, nahm den Anblick der fruchtbaren grünen Hügel und der Silhouetten der Lerchen vor dem hellblauen Himmel in sich auf. Dann richtete sie ihren Blick fest auf den Horizont.
Es war eine langsame Prozession durch Kap Hisan. Viele Bürger waren früh aufgestanden, um zu verfolgen, wie die Schüler zum Tempel ritten. Sie warfen Salzblumen auf die Straßen, standen an jedem Weg und verrenkten sich die Hälse, um jene zu sehen, die schon bald eines Gottes Auserkorene sein könnten. Tané versuchte, sich auf die Wärme des Pferdes zu konzentrieren, das Klappern seiner Hufe – alles war ihr recht, um nicht weiter an den Fremden denken zu müssen.
Susa hatte sich bereit erklärt, den Mann aus Inys nach Orisima zu bringen. Und natürlich hatte sie das getan. Sie würde alles für Tané tun, so wie Tané alles für sie tun würde.
Susa hatte einmal ein Techtelmechtel mit einem der Wächter am Handelsposten gehabt, der scharf darauf war, sie wieder zurückzugewinnen. Wenn das Tor am Landungssteg offen stand, würde Susa mit dem Fremden dorthin schwimmen und ihn bei Orisimas Meisterchirurg abgeben, dessen Kooperation sie sich mit dem leeren Versprechen von Silber gewinnen wollte. Der Mann hatte anscheinend Spielschulden.
Und wenn der Eindringling die Rote Seuche hatte, dann würde sie wenigstens auf Orisima bleiben. Sobald die Zeremonie vorbei war, würde Susa ihn anonym dem Statthalter von Kap Hisan melden. Der Chirurg würde bis aufs Blut ausgepeitscht werden, wenn sie den Mann in seinem Haus fanden, aber Tané bezweifelte, dass er getötet würde, weil das den Pakt mit dem Freistaat Mentendon gefährden würde. Sollte aber die Folter seine Zunge lockern, dann würde der Eindringling möglicherweise den Behörden von den beiden Frauen berichten, die ihm in der Nacht seiner Ankunft geholfen hatten. Aber er würde nur wenig Zeit bekommen, für sich zu plädieren. Man würde ihn dem Schwert überantworten, um jedes Risiko eines Ausbruchs der Roten Seuche zu verhindern.
Bei diesem Gedanken blickte Tané auf ihre Hände, denn dort würde sich der Ausschlag zuerst zeigen. Sie hatte zwar seine Haut nicht berührt, aber schon in seine Nähe zu kommen war ein schreckliches Risiko gewesen. Ein Moment des Wahnsinns. Falls Susa sich mit der Roten Seuche angesteckt hatte, würde sie sich das niemals verzeihen.
Susa hatte alles riskiert, damit der heutige Tag genau so werden würde, wie Tané ihn sich immer erträumt hatte. Ihre Freundin hatte weder ihre moralischen Maßstäbe noch ihren geistigen Zustand infrage gestellt. Sie hatte schlicht eingewilligt, ihr zu helfen.
Die Tore des Großen Tempels vom Kap waren zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt wieder geöffnet. Sie wurden von zwei riesigen Drachenstatuen flankiert, die ihre Mäuler zu einem ewigen, versteinerten Brüllen aufgerissen hatten. Vierzig Pferde trabten zwischen ihnen hindurch. Ursprünglich hatte der Tempel aus Holz bestanden. Während der Großen Trauer war er niedergebrannt und später aus Stein neu errichtet worden. Hunderte Laternen aus blauem Glas hingen an seinem Giebel und strahlten ihr kaltes Licht aus. Sie sahen aus wie die Schwimmer an den Fischer­netzen.
Tané stieg ab und ging neben Ishari zu dem Tor aus Treibholz. Turosa schloss sich ihnen an.
»Möge der Große Kwiriki heute auf dich herablächeln, Tané«, sagte er. »Was wäre es für eine Schande, wenn eine Schülerin von deinem Ansehen auf die Federinsel geschickt würde.«
»Das wäre ein sehr respektables Leben«, gab Tané zurück, während sie ihr Pferd einem Stallburschen übergab.
»Zweifellos wirst du dir das selbst einreden, wenn du es führst.«
»Vielleicht wirst auch du das tun, ehrenwerter Turosa.«
Seine Mundwinkel zuckten, bevor er weiterging und sich zu seinen Freunden aus dem Nordhaus gesellte.
»Er sollte dir respektvoller begegnen«, murmelte Ishari. »Dumu hat gesagt, dass du in den meisten Kämpfen besser abgeschnitten hast als er selbst.«
Tané sagte nichts dazu. Die Haut auf ihren Armen prickelte. Sie war die Beste in ihrem Haus, aber das war Turosa in seinem Haus ebenfalls.
Im äußeren Hof des Tempels stand ein Brunnen, dessen Statue den Großen Kwiriki zeigte, den ersten Drachen, der jemals einen menschlichen Reiter akzeptiert hatte. Salzwasser ergoss sich aus seinem Mund. Tané wusch sich die Hände und spritzte sich einen Tropfen auf die Lippen.
Das Wasser schmeckte sauber.
»Tané«, sagte Ishari, »ich hoffe, alles geht so, wie du es wünschst.«
»Dasselbe hoffe ich für dich.« Sie alle wünschten sich das. »Du hast das Haus als Letzte verlassen.«
»Ich bin spät aufgewacht.« Ishari wusch sich ebenfalls. »Ich meinte gehört zu haben, wie sich die Wandschirme in unserem Raum letzte Nacht geöffnet hatten. Das hat mich beunruhigt… Ich konnte eine Weile nicht wieder einschlafen. Hast du den Raum verlassen?«
»Nein. Vielleicht war es unser gelehrter Lehrer.«
»Ja, vielleicht.«
Sie gingen weiter in den riesigen inneren Hof, wo die Sonne die Dächer zum Leuchten brachte.
Ein Mann mit einem langen Schnauzbart stand am oberen Ende der Treppe. Unter seinem Arm klemmte ein Helm. Sein Gesicht war gebräunt und wettergegerbt. Er trug gepanzerte Armschienen und Handschuhe, einen leichten Kürass über einer Kutte in dunkelstem Blau. Sein Übermantel hatte einen hohen Kragen aus schwarzem Samt und Seide aus Goldbrokat. Er war ganz offensichtlich sowohl eine hochrangige Person als auch ein Soldat.
Einen Moment lang vergaß Tané ihre Furcht. Sie war wieder ein Kind und träumte von Drachen.
Dieser Mann war der ehrenwerte See-General von Seiiki. Er war der Patriarch des Clans Miduchi, der Dynastie der Drachenreiter. Diese Dynastie wurde nicht durch Blut zusammengehalten, sondern durch ihre Aufgabe. Tané wollte dieser Dynastie ange-
hören.
Als sie die Stufen erreichten, bildeten die Schüler zwei Reihen, knieten sich hin und drückten ihre Stirn auf den Boden. Tané hörte Isharis Atem. Niemand erhob sich, und niemand bewegte sich.
Schuppen schabten über Stein. Jede Faser in ihrem Körper spannte sich an.
Sie blickte hoch.
Es waren acht. Jahrelang hatte sie vor den Statuen von Drachen gebetet, sie studiert und sie aus großer Entfernung beobachtet, aber noch nie hatte sie einen aus solcher Nähe gesehen.
Ihre Größe war atemberaubend. Die meisten waren seiikinesisch, hatten silberne Haut und zierliche peitschenartige Körper. Sie waren unglaublich lang und trugen ihre prachtvollen Köpfe hoch. Jeder Drache hatte vier muskulöse Beine, die in Füßen mit drei Krallen endeten. Lange Bartfäden hingen von ihren Schnauzen und schleppten wie die Schnüre von Lenkdrachen durch die Luft. Die meisten waren ziemlich jung, vielleicht vierhundert Jahre alt, aber etliche wiesen noch Narben der Großen Trauer auf. Alle waren mit Schuppen bedeckt und mit Spuren von Saugnäpfen überzogen, eine Erinnerung an ihre Auseinandersetzung mit dem Großen Kalmar.
Zwei von ihnen verfügten über eine vierte Kralle. Das waren Drachen aus dem Imperium der Zwölf Seen. Und einer von ihnen, ein Männchen, hatte große Schwingen. Die meisten Drachen waren flügellos und flogen mithilfe eines Organs an ihrem Schädel, das die Gelehrten die Krone genannt hatten. Den wenigen Geflügelten wuchsen ihre Schwingen erst nach dem zweitausendsten Lebensjahr.
Dieser geflügelte Drache war der größte. Selbst wenn Tané sich ganz aufgerichtet hätte, wäre sie nicht in der Lage gewesen, zwischen seine Schnauze und seine Augen zu reichen. Obwohl seine Schwingen so zart aussahen wie Spinnenseide, waren sie kräftig genug, um einen kleinen Taifun auszulösen. Tané sah den Beutel unter seinem Kinn. Wie eine Auster erzeugten auch Drachen Perlen, allerdings nur eine in ihrem Leben. Sie blieb immer in diesem Beutel.
Das Weibchen, ebenfalls aus Lacustrin, war dem Männchen von der Gestalt her sehr ähnlich. Ihre Schuppen wiesen ein fahles, ­wolkiges Grün auf wie milchige Jade, und die Mähne hatte die goldbraune Farbe von Flussalgen.
»Willkommen!«, sagte der See-General.
Seine Stimme dröhnte wie eine Kriegsmuschel.
»Erhebt euch!«, befahl er, und sie gehorchten. »Ihr seid heute hier, um euch einem von zwei Leben zu weihen: dem der Hochseewacht, die Seiiki vor Krankheit und Invasion schützt, oder dem der Gelehrsamkeit und der Gebete auf der Federinsel. Von den Seewächtern werden zwölf die Ehre haben, Drachenreiter zu
werden.«
Nur zwölf. Normalerweise waren es mehr.
»Wie ihr wissen dürftet«, fuhr der See-General fort, »wurden in den letzten zwei Jahrhunderten keine Dracheneier mehr ausgebrütet. Etliche Drachen wurden von der Flotte des Tigerauges erlegt, die unter der Tyrannei der sogenannten Goldenen Herrscherin ihren widerlichen Handel mit Drachenfleisch fortsetzt.«
Die Schüler senkten die Köpfe.
»Wir fühlen uns geehrt, diese beiden großen Krieger des Imperiums der Zwölf Seen bei uns aufnehmen zu dürfen, um unsere Reihen zu schließen. Ich bin sicher, dies wird die Freundschaft mit unseren Verbündeten im Norden enger schließen.«
Der See-General senkte seinen Kopf in Richtung der beiden Drachen aus Lacustrin. Sie würden das Meer nicht so gewöhnt sein wie die Drachen aus Seiiki, da sie lieber in Flüssen und anderen Gewässern lebten, aber in der Großen Trauer hatten die Drachen aus beiden Ländern Seite an Seite gekämpft, und sie hatten gemeinsame Vorfahren.
Tané spürte, wie Turosa sie anblickte. Wenn er ein Reiter würde, würde er behaupten, sein Drache wäre der größte von allen.
»Heute werdet ihr eure Bestimmung erfahren.« Der See-General nahm eine Schriftrolle aus seinem Mantel und entrollte sie. »Beginnen wir.«
Tané straffte sich.
Die erste Schülerin, die aufgerufen wurde, wurde in den vornehmen Rang der Hochseewacht erhoben. Der See-General reichte ihr eine Tunika in der Farbe des Sommerhimmels. Als sie sie entgegennahm, stieß ein schwarzer seiikinesischer Drache Rauch aus, was sie zusammenzucken ließ. Der Drache schnaubte pfeifend.
Dumusa vom Westhaus wurde ebenfalls zur Seewächterin berufen. Sie war die Enkelin zweier Reiter und ebenso von südlicher Herkunft wie von seiikinesischer. Tané beobachtete, wie sie ihre neue Uniform entgegennahm, sich vor dem General verbeugte und dann ihren Platz rechts neben ihm einnahm.
Der nächste Schüler war der Erste, der in die Reihen der Gelehrten aufgenommen wurde. Seine Seide hatte die tiefrote Farbe von Maulbeeren, und seine Schultern zitterten, als er sich verbeugte. Tané spürte die Anspannung unter den anderen Schülern, die so plötzlich kam wie eine Springflut.
Turosa wurde in die Hochseewacht berufen, natürlich. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie ihren eigenen Namen hörte: »Die ehrenwerte Tané vom Südhaus.«
Tané trat vor.
Die Drachen beobachteten sie. Man sagte, dass sie selbst die tiefsten Geheimnisse in der menschlichen Seele erkennen konnten, weil menschliche Wesen aus Wasser bestanden und sie über alles Wasser herrschten.
Wenn sie nun sehen konnten, was sie getan hatte?
Sie konzentrierte sich darauf, ihre Füße richtig zu setzen. Als sie vor dem See-General stand, blickte er sie so lange an, dass es ihr wie Jahre vorkam. Es kostete sie alle Kraft, sich nur auf den Beinen zu halten.
Schließlich griff er nach einer blauen Uniform. Tané atmete aus, und Tränen der Erleichterung stiegen ihr in die Augen.
»Für deine Fähigkeit und deine Hingabe«, sagte er, »wirst du in die vornehmen Reihen der Hochseewacht erhoben und musst schwören, den Weg des Drachen zu praktizieren, bis du deinen letzten Atemzug tust.« Er beugte sich vor. »Deine Lehrer ­halten sehr viel von dir. Es ist ein Privileg, dich in meiner Wache zu haben.«
Sie verbeugte sich tief. »Ihr ehrt mich, Ehrenwerter See-General.«
Der See-General lächelte.
Tané gesellte sich zu den vier Schülern auf seiner rechten Seite, schwindelig von Glückseligkeit, und ihr Blut rauschte durch ihre Adern wie Wasser über Kiesel. Als der nächste Kandidat vortrat, beugte sich Turosa vor. »Also werden wir beide uns in den Wasserprüfungen gegenüberstehen«, flüsterte er. Sein Atem roch nach Milch. »Gut.«
»Es wird mir ein Vergnügen sein, gegen einen Krieger mit deinen Fähigkeiten zu kämpfen, ehrenwerter Turosa«, erwiderte Tané ruhig.
»Ich durchschaue deine Fassade, du Dorfabfall. Ich sehe, was in deinem Herzen ist. Dasselbe wie in meinem. Ehrgeiz.« Er machte eine Pause, als einer der Jungen auf die andere Seite geschickt wurde. »Der Unterschied besteht darin, was ich bin und was du bist.«
Tané sah ihn an. »Du stehst auf dem gleichen Boden mit dem, was auch immer ich bin, ehrenwerter Turosa.«
Bei seinem Gelächter prickelte ihr Hals.
»Die ehrenwerte Ishari vom Südhaus«, rief der See-General.
Ishari ging langsam die Stufen hinauf. Als sie ihn erreicht hatte, gab ihr der See-General eine Rolle aus roter Seide.
»Für deine Fähigkeit und Hingabe«, sagte er, »wirst du in die vornehmen Reihen der Gelehrten erhoben und musst schwören, dich der Förderung des Wissens zu widmen, bis du deinen letzten Atemzug tust.«
Auch wenn Ishari bei seinen Worten zusammenzuckte, nahm sie das Tuch und verbeugte sich. »Danke, ehrenwerter Herr«, murmelte sie.
Tané sah ihr nach, als sie auf die linke Seite ging.
Ishari musste tief bestürzt sein. Trotzdem würde sie ihre Sache auf der Federinsel gut machen und irgendwann als Meisterlehrerin nach Seiiki zurückkehren können.
»Wie schade«, sagte Turosa. »War sie nicht deine Freundin?«
Tané biss sich auf die Zunge.
Die beste Schülerin aus dem Osthaus gesellte sich als Nächste zu ihnen. Onren war klein und stämmig, und ihr sonnengebräuntes Gesicht war mit Sommersprossen übersät. Ihr dichtes Haar reichte ihr bis zu den Schultern und war an den Enden durch das Salzwasser ausgetrocknet und spröde. Ihre Lippen waren mit Seeschneckentinte dunkel gefärbt.
»Tané«, sagte sie und stellte sich neben sie. »Ich gratuliere dir.«
»Ich dir auch, Onren.«
Sie waren die einzigen Schüler gewesen, die jeden Morgen früh aufgestanden waren, um zu schwimmen, und auf diesem Fundament hatte sich eine Freundschaft zwischen ihnen gebildet. Tané zweifelte nicht daran, dass Onren ebenfalls der Tradition gefolgt war und sich herausgeschlichen hatte, um vor der Zeremonie noch einmal ins Wasser zu tauchen.
Der Gedanke beunruhigte sie. Kap Hisan war voller kleiner Buchten, aber das Schicksal hatte sie ausgerechnet die aussuchen lassen, in der der Fremde an Land gekommen war.
Onren blickte auf ihre blaue Seide. Wie Tané stammte sie aus ärmlichen Verhältnissen.
»Sie sind herrlich«, flüsterte sie und nickte zu den Drachen hinüber. »Ich nehme an, du hoffst, eine der zwölf zu werden.«
»Bist du nicht viel zu klein, um auf einem Drachen zu reiten, kleine Onren?«, fragte Turosa gedehnt. »Du kannst doch bestenfalls auf dem Schwanz hocken.«
Onren warf ihm über die Schulter einen Blick zu. »Habe ich dich gerade reden hören? Sind wir uns schon begegnet?« Als er den Mund öffnete, schnitt sie ihm das Wort ab. »Nein, sag es mir nicht. Du bist ganz offensichtlich ein Narr, und ich habe kein Interesse daran, mich mit Narren anzufreunden.«
Tané verbarg ihr Lächeln hinter ihrem Haar. Und Turosa klappte tatsächlich einfach nur den Mund zu.
Als der letzte Schüler seine Uniform erhalten hatte, drehten sich die beiden Gruppen zu dem See-General herum. Isharis Wangen waren tränenüberströmt, und sie blickte nicht von dem Tuch in ihren Armen hoch.
»Ihr seid nicht länger Kinder. Euer Weg liegt nun offen vor euch.« Der See-General blickte nach rechts. »Vier Seewächter haben in ihrer Ausbildung alle Erwartungen übertroffen. Turosa vom Nordhaus, Onren vom Osthaus, Tané vom Südhaus und Dumusa vom Westhaus. Dreht euch um und stellt euch euren Ältesten, damit sie eure Namen wissen und eure Gesichter sehen.«
Sie gehorchten. Tané trat mit den anderen vor und presste erneut ihre Stirn auf den Boden.
»Auf«, brodelte einer der Drachen.
Seine Stimme ließ den Boden erbeben. Sie war so tief und so leise, dass Tané das Wort zuerst kaum verstand.
Die vier gehorchten und richteten sich kerzengerade auf. Der größte seiikinesische Drache senkte den Kopf, bis er mit ihnen auf Augenhöhe war. Seine lange Zunge zuckte zwischen seinen Zähnen hervor.
Mit einem gewaltigen Stoß seiner Beine erhob er sich unvermittelt in die Luft. Die Schüler warfen sich auf den Boden, sodass nur noch der See-General stand. Er lachte dröhnend.
Die milchig grüne Drachin aus Lacustrin zeigte grinsend ihre Zähne. Tané war wie gebannt von dem wilden Wirbeln in ihren Augen.
Zusammen mit den anderen Drachen erhob sie sich über die Dächer der Stadt. Wasser zu Fleisch. Als ein Dunst aus göttlichem Regen von ihren Schuppen herabrieselte und die Menschen unter ihnen durchnässte, bäumte sich ein männlicher seiikinesischer Drache hoch auf, holte tief Luft und stieß sie in einer gewaltigen Windbö aus.
Alle Glocken im Tempel läuteten zur Antwort.

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Samantha Shannon
© Louise Haywood-Schiefer

Wer ist Samantha Shannon?

Samantha Shannon ist in West London geboren und aufgewachsen. Mit zwölf Jahren begann sie zu schreiben, mit fünfzehn begann sie ihren ersten Roman. Sie studierte Englische Sprache und Literatur in Oxford.

Falls du die Autorin noch ein bisschen besser kennenlernen möchtest, dann kannst du hier ihr spannendes Autoreninterview lesen. Da verrät sie auch das ein oder andere über sich und was ihr bei "Der Orden des geheimen Baumes" am besten gefallen hat.

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