Belastende Gefühle endlich loslassen mit Vivian Dittmar

Der emotionale Rucksack – das sind die schwierigen, unaufgearbeiteten Gefühle aus der Vergangenheit, die jeder mit sich herumschleppt: Angst, Wut, Trauer, Schmerz und andere mehr. Sie belasten uns im Alltag, in der Beziehung und im Job, indem sie zu emotionalen Überreaktionen führen und so selbst harmlose Situationen eskalieren lassen. Vivian Dittmar, bekannte Referentin und Seminarleiterin, stellt einen neuen, heilsamen Umgang mit dem emotionalen Rucksack vor. Sie zeigt, wie wir ihn kontrolliert und bewusst entladen können, sodass wir endlich freier und mit weniger Ballast durchs Leben gehen, ohne bei jeder Kleinigkeit aus der Haut zu fahren. So wird es sogar in emotionalen Ausnahmezuständen möglich, mit uns und anderen gelassener umzugehen.

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INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Teil I: Emotionales Gepäck
1 Du hast einen Rucksack an
2 Was ist emotionale Aktivierung?
3 Der emotionale Schließmuskel
4 Emotionale Überlebensstrategien
5 Von Rittern, Drachen und Prinzessinnen

Teil II: Ein bewusster Umgang
6 Emotionale Aktivierung als Chance
7 Die Kraft der Anteilnahme
8 Die innere Zündschnur
9 Die Praxis der Bewussten Entladung
10 Vorsicht Sackgasse!

Teil III: Emotionale Hygiene
11 Was ist emotionale Hygiene?
12 Heilung oder Reaktivierung?
13 Wellenreiten im Alltag
14 Wenn die anderen spinnen
15 Dein Rucksack ist ein Geschenk
Ausblick


EINLEITUNG

Es gibt Momente im Leben, da verstehen wir uns selbst nicht mehr. Das können ganz alltägliche Momente sein, wie etwa die berühmte offengelassene Zahnpastatube, die eine Beziehungskrise provoziert. Oder weniger alltägliche Momente, wie wenn ein Wildfremder uns ohne Grund anpöbelt und wir erstaunt merken, dass uns das völlig aus der Bahn wirft. Ich erinnere mich lebhaft an einen solchen Moment vor vielen Jahren, der mich noch lange beschäftigte. Es war ein typischer Münchener Herbsttag und ich beschloss, mit meinem damals etwa dreijährigen Sohn ins Schwimmbad zu gehen. Es muss unter der Woche gewesen sein, vermutlich vormittags, denn das Bad war weitgehend leer, bis auf eine Seniorengruppe, die ausgerechnet im Kinderbecken ihre Aquagymnastikstunde hatte. Vor der Gruppe stand eine junge Frau, die energisch versuchte, Bewegung in die träge Ansammlung von Rüschenbadekappen zu bringen. Das Becken war nicht ganz voll und wir dachten uns nichts dabei, am hinteren Beckenrand ins Wasser zu gleiten. Mein Sohn war schon damals ein leidenschaftlicher Schwimmer, mit dem Planschbecken hatte er nichts mehr am Hut. Im großen Becken war es viel kälter und einige ehrgeizige Sportskanonen zogen stoisch ihre Bahnen. Ein Dreijähriger hatte dort nichts verloren. Wir waren gefühlt noch keine dreißig Sekunden im Wasser, als die Kursleiterin wie eine Furie auf uns losging. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was sie gesagt hat, denn in dem Moment passierte es, völlig unvorhergesehen. Es war, als würde der Himmel einstürzen. Hätte ich auf festem Boden gestanden, ich hätte schwören können, dass soeben zwischen meinen Füßen eine Erdspalte aufgegangen war, um mich zu verschlingen. Meine Wahrnehmung verzerrte sich und ich merkte, wie mein gesamter Gefühlshaushalt aus den Fugen geriet. Ich kann gar nicht sagen, was ich genau gefühlt habe, so wild wirbelte es in mir durcheinander. Ich tat das einzige, was mir in diesem Moment einfiel: Ich stammelte irgendetwas, nahm mein Kind unter den Arm und flüchtete auf die Toilette, wo ich in haltloses Schluchzen ausbrach. Und ich meine wirklich haltlos, so, wie ich seit Jahren nicht geweint hatte. Was war geschehen? Ich hatte keinen blassen Schimmer. Die Situation wäre vielleicht besser nachzuvollziehen gewesen, wenn ich zum Beispiel unter einer Depression gelitten, oder sonst in einer Lebenskrise gesteckt hätte. Doch nichts davon traf zu. Es war ein ganz normaler Morgen gewesen und auch wenn ich schon immer sensibler und emotionaler war als viele andere Menschen, diese Reaktion war sogar für mich extrem. Ich hatte tausend Fragen: Wo kamen all diese Gefühle auf einmal her? Warum konnte eine wildfremde Frau, die ich in meinem Leben noch nie gesehen hatte und auch nie wiedersehen würde, mich so aus der Bahn werfen? Was gab ihr so eine Macht über meinen Gefühlshaushalt? Warum versagten all meine üblichen Steuerungsmechanismen? Warum war es mir nicht gelungen, ihr die Meinung sagen, mich schützend vor mein Kind zu stellen oder zumindest ohne emotionalen Super-GAU die Situation zu akzeptieren? Ich hatte keine einzige Antwort. Diese Geschichte ist nun über fünfzehn Jahre her. Heute weiß ich, was damals geschehen ist: Etwas an der Situation erinnerte mich an eine längst vergangene Erfahrung, die ich nicht verarbeitet hatte. Mit anderen Worten, eine Ladung in meinem emotionalen Rucksack wurde aktiviert. Doch viel wichtiger als diese sicher nicht bahnbrechende Erkenntnis ist die Tatsache, dass ich inzwischen gelernt habe, mit meinem Rucksack nicht nur irgendwie klarzukommen, sondern ihn als wertvolle Ressource in meinem Leben zu schätzen. Es war ein langer Weg dorthin, auf dem ich auch immer wieder in Sackgassen landete, irgendwelchen vermeintlichen Lösungen aufsaß, die sich als Scheinlösungen entpuppten. In den letzten Jahren begann ich dann im Zuge meiner Arbeit mit Menschen diese Erkenntnisse zu teilen – in Seminaren zur Persönlichkeitsentwicklung, auf Festivals, in Führungskräfteschulungen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und ich stellte fest, egal ob knallharter Manager, aufgeräumter Ingenieur, verträumter Künstler oder liebevolle Mutter: wir alle haben einen emotionalen Rucksack und wir alle erleben immer wieder Momente, in denen unsere emotionale Steuerung versagt. Vielleicht bist du besser darin, dich zusammenzureißen und dir nichts anmerken zu lassen, wenn du innerlich entgleist. Vielleicht gelingt es dir die meiste Zeit sogar, es vor dir selbst zu verbergen. Vielleicht sind deine Symptome ganz anders als meine, wenn dein emotionaler Rucksack sich bemerkbar macht. Nicht jeder bricht gleich in Tränen aus. Manche Menschen bekommen zum Beispiel einen Wutanfall und verstehen im Nachhinein nicht, was in sie gefahren ist. Andere fühlen plötzlich gar nichts mehr und nehmen alles nur noch wie durch Watte wahr. Wieder andere erleben wilde Wechselbäder der Gefühle, die von einer überlauten, nicht einzudämmenden Gedankenflut begleitet werden. Egal, wie du emotionale Ausnahmezustände erlebst und wie du sie überlebst: Sie alle haben gemeinsam, dass unsere emotionale Steuerung versagt und wir nicht mehr fähig sind, angemessen auf die Situation zu reagieren. Wir erkennen uns selbst nicht mehr und können im Nachhinein oft nur noch hilflos den Kopf schütteln und uns fragen, was um alles in der Welt in uns gefahren ist. Also wenn es gut läuft. Wenn es schlecht läuft – und das passiert leider sehr häufig – schieben wir dem Auslöser die Schuld für unsere Reaktion in die Schuhe. Klar, die Aquagymnastiktussi war wirklich eine blöde Schnepfe, die überhaupt kein Recht darauf hatte, ein Kind aus dem Kinderbecken zu vertreiben. Doch diese Anklage ändert nichts daran, dass meine emotionale Reaktion völlig unangemessen war. Und damit hat die blöde Schnepfe nichts zu tun. Das ist mein emotionaler Rucksack. Nun ist das Beispiel, das ich gewählt habe, einerseits extrem, andererseits aber auch harmlos. Gerade weil ich die Frau nie wiedergesehen habe und auch sonst nichts mit ihr zu tun hatte, ist nichts weiter passiert, als dass ein schöner Morgen im Schwimmbad verdorben wurde. Doch nicht immer sind die Auswirkungen unserer emotionalen Ausnahmemomente so harmlos. Oft erleben wir sie mit Menschen, die uns nahestehen – mit unserem Partner, unseren Kindern, unseren Eltern oder unserem Vorgesetzten. In diesen Situationen kann unser emotionales Gepäck und unsere Unfähigkeit, angemessen damit umzugehen, fatale Folgen haben: Wir missbrauchen unsere Liebsten als emotionale Mülleimer, wir sagen Dinge, die uns unseren Job kosten können oder wir beenden Liebesbeziehungen, die wir eigentlich fortführen wollten, um nur einige Beispiele zu nennen. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit unserem emotionalen Rucksack alles andere als Luxus. Sie ist essentiell, wenn wir daran interessiert sind, gesunde Beziehungen zu führen, gute Entscheidungen zu treffen und unsere emotionalen Ladungen nicht einfach an die nächste Generation weiterzugeben. Die Auswirkungen unseres emotionalen Rucksacks machen sich in allen wichtigen Lebensbereichen bemerkbar. Viele Trennungen und Scheidungen sind darauf zurückzuführen. Der Beziehungsraum wird Stück für Stück vergiftet, bis allein die Anwesenheit des anderen unerträglich geworden ist. In Unternehmen verursacht die Hilflosigkeit von Mitarbeitern und Führungskräften im Umgang mit dem emotionalen Rucksack horrende Kosten. Sie stört und verzerrt die Kommunikation, wodurch konstruktive Zusammenarbeit unmöglich wird. Und die meisten Eltern stellen irgendwann mit Schrecken fest, dass sie sich genau wie die eigene Mutter, der eigene Vater verhalten, trotz aller guten Vorsätze, genau das nie zu tun. Es ist ihr emotionaler Rucksack, der alle guten Absichten zunichtegemacht hat und sie zur Karikatur der eigenen Eltern werden lässt. Und nicht zuletzt verdirbt uns unser emotionaler Rucksack immer wieder kostbare Lebenszeit, wie es mir an jenem Morgen im Schwimmbad ergangen ist. Doch so muss es nicht laufen. Inzwischen weiß ich: Diese Situationen sind nur scheinbar irrational und überflüssig. Tatsächlich folgen sie einer ganz eigenen Logik, die wir nicht nur verstehen, sondern die wir uns sogar zunutze machen können. Solche Situationen sind keine seltsamen Störfaktoren, sondern kostbare Gelegenheiten, unseren emotionalen Rucksack aufzuräumen und anstehende Entwicklungsschritte zu vollziehen. Dieser Prozess ist nicht immer einfach, doch er lohnt sich. Dabei geht es auch nicht darum, irgendwo anzukommen, wo unser emotionaler Rucksack schließlich ganz ausgepackt ist und wir unser Leben endlich genießen können. Für mich ist der Weg zum Ziel geworden und ich durfte auf diesem bereits so viel Kostbares für mich entdecken, dass ich heute keinen Schritt auf dieser Reise mehr missen möchte. Doch ich greife vor. Beginnen wir am Anfang. Beginnen wir damit, unseren emotionalen Rucksack genauer in Augenschein zu nehmen.

Teil I: Emotionales Gepäck

Auf jedem Lebensweg gibt es Erfahrungen, die wir nicht so ohne Weiteres wegstecken, und das ist auch gut so. Wir brauchen Herausforderungen, um uns zu entwickeln, wir müssen gelegentlich an die Grenzen dessen kommen, was für uns erträglich ist – und zuweilen sogar darüber hinaus. Zwar sind dies die Abschnitte unseres Lebensweges, auf die wir aus naheliegenden Gründen lieber verzichten würden, doch das hilft uns nicht weiter. Unsere Kontrolle über das, was wir erleben, ist begrenzt. Das gilt für die Kindheit noch mehr als für den späteren Lebensweg. Doch auch im Erwachsenenalter kommt es zu gewöhnlichen oder ungewöhnlichen Herausforderungen. Manche von diesen scheinen gottgesandt oder der anarchischen Willkür eines seelenlosen Universums geschuldet, je nachdem welche Deutungsweise man bevorzugt. Andere scheinen hausgemacht, etwa wenn wir wieder und wieder die gleiche ungute Entscheidung treffen und uns dadurch in Schwierigkeiten bringen, die uns weit über unsere Komfortzone hinausbringen. Unabhängig davon, ob sie hausgemacht sind oder scheinbar ohne unser Zutun schicksalhaft über uns hereinbrechen –solche Erlebnisse fordern ihren Tribut. Wie wir diesen Tribut zollen bestimmt, welchen Einfluss sie auf unseren weiteren Lebensweg haben. Alles läuft auf eine einfache Frage hinaus: Wachsen wir an ihnen oder zerbrechen wir? Anders ausgedrückt: Machen sie uns krank oder weise? Die Antwort auf diese Fragen ist alles andere als einfach. Plattitüden wie »was dich nicht umbringt, macht dich stark« sind schnell dahingesagt, im wirklichen Leben helfen sie uns kaum weiter. Oft wollen wir an den Herausforderungen, die das Leben uns zuspielt, wachsen und wissen einfach nicht wie. Viele der gängigen Strategien erweisen sich in diesen Situationen als nutz los. Und mit jeder neuen Herausforderung, an der wir eher zerbrechen, als zu wachsen, wird unser Rucksack ein kleines bisschen schwerer. In diesem ersten Teil geht es zunächst darum, unser emotionales Gepäck genauer in Augenschein zu nehmen. Wie ist es beschaffen? Wo kommt es her? Wie macht es sich in unserem Leben bemerkbar? Und vor allem: Was will es von uns? Wenn es wirklich, wie von mir behauptet, nicht primär dazu da ist, uns das Leben schwer zu machen – wofür ist es dann bitteschön gut? Im zweiten Teil wenden wir uns der Frage zu, wie wir gut mit diesem Gepäck umgehen können, bevor wir im dritten Teil beleuchten, wie dieser gesunde Umgang im gelebten Alltag aussehen kann.

1. Du hast einen Rucksack an
Ein Rucksack ist eine äußerst praktische Erfindung. In seinen Tiefen findet auf Reisen oder Wanderungen unser wichtigstes Hab und Gut Platz und unterwegs kommt erfahrungsgemäß noch so manches Souvenir hinzu. Natürlich nur das Nötigste, denn auch wenn alles im Rucksack schön verstaut ist – erfahrene Reisende wissen, dass jedes Gramm zählt. Das Wunderbarste an einem Rucksack ist natürlich, dass wir uns all das Zeug außer Sichtweite auf den Rücken schnallen können. Und sind wir erst eine Weile unterwegs, dann scheint es, als wäre der Rucksack ein Teil unseres Körpers, so sehr haben wir uns an sein Gewicht gewöhnt. Wir können die Last, die wir tragen, weitgehend vergessen – auch wenn wir uns vielleicht gelegentlich wundern, warum unsere Reise so beschwerlich ist. Ähnlich verhält es sich mit unserem emotionalen Gepäck. Jeder von uns trägt einen emotionalen Rucksack mit sich herum: manche einen sehr großen, geradezu überdimensionierten, wie er für eine Polarexpedition oder ähnlich ambitionierte Exkursionen gebraucht wird. Ganze Zeltausrüstungen, sowie der Proviant für mehrere Tage finden in solchen Exemplaren Platz. Andere tragen einen deutlich kleineren, vielleicht im Stil jener Handtaschen, die alle paar Jahre wieder in Mode kommen: winzige Beutelchen, die an langen Trägern etwas verloren zwischen unseren Schulterblättern baumeln. In ihnen findet gerade mal ein Portemonnaie, vielleicht ein Lippenstift und ein zerknautschtes Taschentuch Platz. Doch was ist das eigentlich für ein Ding, dieser emotionale Rucksack? Wo kommt er her, wie ist er entstanden, was will er von uns? Um das zu verstehen, müssen wir uns zunächst mit dem Unterschied zwischen Gefühlen und Emotionen befassen, zwei Phänomene, die gerne in einen Topf geworfen werden, in meiner Verwendung der Begriffe jedoch sauber voneinander unterschieden gehören. Denn jedes hat einen anderen Ursprung und mit jedem will anders umgegangen werden.

Was ist ein Gefühl?
Beginnen wir mit dem Begriff »Gefühl«. Für diesen gibt es weder unter Psychotherapeuten noch unter Wissenschaftlern eine einheitliche Definition, weshalb ich mir in meinem Buch Gefühle & Emotionen – Eine Gebrauchsanweisung erlaubt habe, meine eigene festzulegen. In meinem Vokabular bezeichnet Gefühl eine Empfindung, die durch eine Interpretation aus dem Moment heraus entsteht und die in diesem Moment eine bestimmte Funktion erfüllt. Zum Beispiel: Ich komme nach Hause, der Abwasch ist nicht gemacht, ich interpretiere das als »falsch« und erzeuge dadurch Wut. Diese Wut gibt mir die nötige Energie, etwas dagegen zu unternehmen, etwa selbst abzuspülen oder meinen Mitbewohner darauf anzusprechen. Wenn es sich um ein reines Gefühl handelt, frei von emotionalen Altlasten, dann ist die erzeugte Wut genau so groß und intensiv, wie die Situation es erfordert. Danach ist die Situation abgeschlossen. Es bleibt kein Restgefühl in meinem System zurück, da die gesamte Energie in der entsprechenden Handlung aufgebraucht wurde. In meinem Modell des Gefühlskompasses gehe ich von fünf Grundgefühlen aus, die uns gemeinsam befähigen, mit allen Situationen des Lebens angemessen in Beziehung zu treten: Wut, Trauer, Angst, Scham und Freude. Warum genau diese fünf und warum sie alle meines Erachtens gleich wichtig sind, ist ein Thema, auf das ich in Teil drei noch wesentlich detaillierter eingehen werde. An dieser Stelle möchte ich lediglich festhalten, dass Gefühle nach meinem Verständnis etwas sehr Praktisches sind. Ihr schlechter Ruf rührt zu einem Großteil daher, dass sie mit jenen Empfindungen, die ich Emotionen nenne, verwechselt werden. Und die können, im Gegensatz zu Gefühlen, wirklich sehr unpraktisch sein.

Emotionen sind etwas anderes
Auch für den Begriff »Emotion« gibt es keine einheitliche Definition. Oft wird er einfach als Synonym für Gefühl verwendet. Diese Konvention spiegelt in meinen Augen die Tatsache wider, dass wir in unserem Kulturkreis noch keine differenzierte Sprache für Gefühlsbelange entwickelt haben. Eine emotional kompetente Kultur braucht eine differenzierte Sprache, um unterschiedliche Gefühlsphänomene präzise beschreiben zu können. Ich habe mich anderen Autoren angeschlossen und verwende den Begriff Emotion, um nicht gefühlte Gefühle aus der Vergangenheit, sogenannte »emotionale Altlasten«, zu bezeichnen. Die mangelnde Unterscheidung zwischen Gefühl und Emotion hat weitreichende Konsequenzen für unseren Umgang mit beidem. Gefühl und Emotion unterscheiden sich nicht nur in ihrem Ursprung, sondern auch in ihrer Funktion und Wirkung. Während Gefühle, wie soeben beschrieben, aus dem Moment heraus, durch meine Interpretation einer Situation entstehen, stammen Emotionen aus der Vergangenheit. Sie sind in Situationen entstanden, die wir zum damaligen Zeitpunkt nicht fühlen wollten oder konnten. Das kann daran liegen, dass wir überwältigt waren und unsere emotionale Kapazität nicht ausgereicht hat. Wir waren zu klein dafür, wir konnten etwas nicht fühlen und dadurch nicht verarbeiten. Oder wir wollten nicht fühlen, was durch eine bestimmte Situation und unsere Interpretation in uns ausgelöst wurde – weil es sich nicht gut anfühlte, weil wir zu sehr mit »wichtigen Dingen« beschäftigt waren, weil es nicht in unser Selbstbild passte oder weil wir nicht genug mit uns selbst in Kontakt waren, um mitzubekommen, was eigentlich gerade in uns passierte. Egal ob wir nicht fühlen konnten oder nicht fühlen wollen: die Erfahrungen bleiben unabgeschlossen und wandern zusammen mit den nicht gefühlten Gefühlen in unseren emotionalen Rucksack. Dort warten sie auf eine Gelegenheit, wieder gefühlt zu werden, damit sich die Erfahrung vervollständigen kann.

Size matters
Wer einen großen Rucksack mit sich herumträgt, hat entsprechend schwer an ihm zu tragen. Denn auch wenn er bequem weggeschnallt ist: seine Ausmaße und das Gewicht belasten uns. Sie machen uns buchstäblich das Leben schwer, was sich vor allem darin äußert, dass wir unser Leben nicht so genießen können wie andere Menschen. Das schiere Gewicht unseres Rucksacks zieht uns ständig nach unten. Als wäre das nicht genug, hat die darin enthaltene Ladung auch noch die unangenehme Eigenschaft, in den ungünstigsten Augenblicken hervorzuquellen, unsere emotionale Steuerung auszuhebeln und in unseren Beziehungen jede Menge Unheil anzurichten. Ist der Rucksack hingegen deutlich kleiner, kann es sein, dass wir in unserem Leben kaum etwas von ihm mitbekommen. Er ist halt da und nur äußerst selten, wenn überhaupt jemals, geschieht etwas, das uns auf seine Existenz aufmerksam macht. Vielleicht haben wir gelegentlich mit den Rucksäcken unserer Mitmenschen
zu kämpfen, wenn diese uns unsanft anrempeln, doch darüber hinaus ist unser Leben von diesem Thema nicht weiter tangiert. Nun habe ich hier bewusst zwei Extreme skizziert: den überdimensionierten Polarexpeditionsrucksack und den fast schon lächerlich kleinen Handtaschenrucksack. Die meisten Menschen werden sich wohl zwischen diesen beiden Extremen wiederfinden, irgendwo im Bereich Daypack bis hin zu den leichteren Treckingmodellen. Doch wir alle kennen Menschen mit dem einen oder anderen Extrem. Menschen, die sich unerklärlich schwertun, die wir instinktiv mit Samthandschuhen anfassen, damit wir nicht unversehens die Ladung auf ihrem Rücken um die Ohren bekommen. Und jenen anderen Typ, der erstaunlich unbekümmert, vielleicht auch ein bisschen oberflächlich durch sein Leben spaziert und oftmals nicht wirklich nachvollziehen kann, in welch große Dramen sich seine Mitmenschen ständig verwickeln oder warum sie das Leben so schwernehmen.

Dittmar, Vivian
© Axel Hebenstreit

Vivian Dittmar

Vivian Dittmar ist anerkannte Querdenkerin zum Thema emotionale Intelligenz, Autorin mehrerer Bucherfolge und Gründerin der "Be the Change"-Stiftung für kulturellen Wandel. Neben ihrem beruflichen und gesellschaftlichen Engagement ist sie passionierte Mutter von zwei Söhnen. Von ihr erschienen außerdem "Gefühle & Emotionen – Eine Gebrauchsanweisung", "Kleine Gefühlskunde für Eltern" und "beziehungsweise — Beziehung kann man lernen".

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