Wettbewerb treibt unsere Gesellschaft an: höher, schneller, weiter.

Von Bestseller-Autor Marc Elsberg kommt sein neuer Thriller "GIER - Wie weit würdest du gehen?", der wie immer gekonnt Realität und Fiktion miteinander verknüpft. Nach BLACKOUT, ZERO und HELIX taucht der Autor dieses Mal ein in die Welt des Kapitalismus, der Wirtschaft und der Menschen, die in seinem Buch für Reichtum wortwörtlich über Leichen gehen.

Doch sie unterschätzen den Widerstand ihrer Opfer.




@Marc Elsberg

Liebe Leserinnen und Leser,

als ich vor eineinhalb Jahren bei Recherchen zu einem anderen Thema auf die Arbeiten einiger Wissenschaftler aus London stolperte, war ich sofort gepackt: Warum beschäftigten sich theoretische Physiker und Mathematiker mit der Frage, wie Menschen entscheiden? Wie sie Risiken einschätzen? Warum sie konkurrieren oder kooperieren? Waren das nicht eher Fragen für die Psychologie oder Soziologie, oder für die Wirtschaftswissenschaften?

Auch wenn ich anfangs nur einige Grundzüge verstand, war mir sofort klar, dass ich auf etwas Besonderes gestoßen war. Wenn diese Typen Recht hatten, bedeutete das eine Revolution. Dem musste ich nachgehen.

Kurzerhand schrieb ich sie an und ein intensiver Mailwechsel entstand. Nach ein paar Monaten flog ich schließlich an die Themse, um mit ihnen persönlich zu sprechen. Noch immer war mir nicht klar, ob ich daraus einen Roman machen konnte oder würde.

Die erste Londoner Session erwies sich als Durchbruch - wieder einmal ein schönes Beispiel dafür, dass auch in Zeiten von Internet und Social Media nichts über ein persönliches Gespräch geht. Endgültig begriff ich, wie bahnbrechend die Arbeiten der Londoner waren und welche Tragweite in verschiedensten Lebensbereichen sie haben.

In den darauf folgenden Wochen gelang es mir, die komplexen mathematischen Konzepte der Londoner in einfache, für alle verständlich kleine Geschichten umzusetzen. Als ich sie den Londonern zum ersten Mal zusandte und ich als Antwort sofort die Frage bekam, ob sie diese Geschichten verwenden dürften, um ihre Konzepte auch Nicht-Mathematikern und Nicht-Physikern zu erklären, wusste ich, dass ich meinen Roman gefunden hatte.

Schreiben, weitere lange Mailwechsel und Besuche in London folgten.

Am 25. Februar ist es nun soweit: mein neuer Roman „GIER - Wie weit würdest du gehen?“ erscheint. Ich wünsche eine spannende Lektüre!

Ihr Marc Elsberg

GIER

Nach BLACKOUT, ZERO und HELIX der neue Thriller zu einem explosiven Thema.

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Leseprobe

GIER - Wie weit würdest du gehen?

1


Die Straßen brannten. In dichten Schwaden zog Rauch über den Asphalt. Herabstürzenden Meteoren gleich, explodierten Molotowcocktails in Feuerbällen und schwarzem Qualm. Durch den Nebel jagten vereinzelt dunkle Gespenster, tauchten da unter und dort wieder auf.
„Das ist Krieg!“, brüllte Melanie Amado und duckte sich.
Aus dem Dunst hinter ihr wuchs eine dunkle Menschenfront. Köpfe, Schultern. Plakate, Transparente.
„Was steht da?“, rief Ed Silverstein und zoomte näher an die Transparente der Demonstranten heran. Stoppt die Gier! Wohnen: Ausspekuliert! Bedingungsloses Grundeinkommen! Ich kann mir keine Lobbyisten leisten! Friede jetzt! Tod dem Kapitalismus!

Amado umklammerte ihr Mikrofon: „Nach dem Platzen der Blase von Unternehmensschulden droht der Welt eine Finanzkrise wie 2008. Hunderttausende protestieren zur Stunde in Berlin gegen neue Sparpakete wegen Banken- und Unternehmensrettungen. Wer hätte so etwas hier vor ein paar Monaten erwartet? Griechenland ist plötzlich überall!“ Schwenk. Vor ihnen schälte sich eine zweite Front aus dem Rauch.
„Glatzen! Bomberjacken!“, rief Silverstein in die Kamera. Einige schwangen Holzlatten oder Baseballschläger. Ausländer raus! Deutschland zuerst! Wir sind das Volk! Kahle Köpfe, wütende Fratzen füllten den Screen.
Daneben, im Badezimmerspiegel, leuchteten Jeannes Augen grün. Was Luxushotels sich alles ausdachten. Teile des riesigen Badezimmerspiegels waren gleichzeitig ein Fernsehbildschirm. Sie trug Tusche auf die unteren Wimpern auf.
Amado: „Ähnliche Bilder erreichen uns aus US-Metropolen …“

Während Jeanne die oberen Wimpern nachtuschte, schaltete Bloomberg-TV zu zwei aufgeregten Reportern nach New York. Im Spiegel neben Jeannes Gesicht jagten prügelnde Polizisten durch rollende Rauchwellen in Brooklyn. Glühende Augen von Bengalfeuern tauchten die Hetzjagd in dämonisches Rot.
„Seit ein Alt-Right-Mitglied mit seinem Auto in eine Demo raste und drei Afro-Amerikaner niederfuhr, brennen in einem Dutzend US-Metropolen ganze Stadtviertel!“
Jeanne griff zum Highlighter, Bloomberg-TV zu Bildern von Kriegsschiffen, Kampfraketenstarts. Feixende asiatische Politiker eilten in Sitzungen.
„Und Schlimmeres zieht auf“, erklärte die Sprecherin. „Chinas Flotte provoziert in den asiatischen Meeren Konflikte mit seinen Nachbarn. Saudi-Arabien, der Iran und Israel eskalieren die Kriege auf der Arabischen Halbinsel. Erste Drohungen mit Atomwaffen werden laut. So explosiv war die globale Lage nicht seit dem Zweiten Weltkrieg.“
Verstaubte, blutige Kinder in Trümmern nach einem Bombenangriff, irgendwo Nah-Ost. Jeanne zog die Lippen nach.
Europäische und US-Politiker hinter Stehpulten, vor getäfelten Wänden, an Konferenztischen. „Deshalb wurde ein längst geplantes Außenministertreffen in Berlin kurzfristig zu einem Krisengipfel erweitert, auf den führende Politiker, Zentralbanker und Unternehmensführer aus aller Welt eilen.“
Jeanne richtete sich auf. Prüfte den Sitz ihrer Frisur, strich das seidene Abendkleid glatt, eine Maßanfertigung aus Sook Dwalas Studio in Los Angeles. Sie hätte Model werden können.
Ted Holden erschien im Spiegel. Er war kaum größer als sie, ein paar Jahre älter, trug Smoking. Für einen Augenblick war Jeanne verwirrt. War Ted in den Nachrichten, oder stand er wirklich hinter ihr?
„Bist du bereit?“, fragte er. Wirklichkeit.
Sie nickte ihm zu, während sein Blick kaum merklich über ihren Körper strich.
„Wir schalten zurück nach Berlin zu Mel und Ed …“
Flammen. Loderten durch Autogerippe.


2



Der Gestank von Verbranntem vermischte sich trotz Klimaanlage mit dem Geruch des Leders im Inneren der Limousine und schnürte Will Cantor den Hals zu. Dumpf drangen das Klirren der Flaschen, das Donnern der Explosionen, das Tosen der Sprechchöre durch die Scheiben. Halten die einem Pflasterstein stand?, überlegte er, während seine Finger den Haltegriff der Tür umklammerten.

Sie fuhren nur mehr Schritttempo. Ein Stück vor ihnen brannte ein Wagen am Straßenrand.
Der Fahrer, ein bulliger Mittfünfziger mit Schnauzbart, fluchte irgendetwas auf Deutsch.
Herbert Thompson auf dem Sitz neben Will hielt das Telefon fest in seiner knochigen Altmännerhand.
„Wir fahren hier gerade durch die Hölle, verdammt!“, raspelte seine Greisenstimme. „Lass uns später darüber reden!“
Wie so viele Hochbetagte war er über die Jahre in seinem Anzug geschrumpft. Die Schulterpolster zu breit, die Ärmel zu faltig. In dem luxuriösen Ledersitz wirkte er fast verloren. Wäre da nicht seine Energie gewesen.
Leise und abgehackt drangen Wortfetzen seines Gesprächspartners aus dem Telefon.
„… einflussreichsten Ökonomen der Gegenwart! … begehst wissenschaftlichen Selbstmord!”
„Im Gegenteil!”, keifte Thompson. „Das ist meine wichtigste Arbeit überhaupt!
Die Antwort verrauschte im Lärm der Demonstranten.
„Mein Lebenswerk?“, rief Thompson. „Das habe ich damit erst geschaffen! Diese Konzepte können dem Wahnsinn da draußen ein Ende bereiten. Mehr Gerechtigkeit schaffen. Mehr Wohlstand für alle! Einem Nobelpreisträger werden sie schon zuhören.”
„… dich … auslachen!“, echauffierte sich die Stimme am anderen Ende der Leitung.
Entschieden tippte Thompson auf den Aus-Button und schob die Notizen für seine Rede zurück in die Aktentasche auf seinem Schoß.

„Idiot!”, krächzte er. „Hat bloß Angst, dass wir Leuten wie ihm auf die Füße treten.“ Er kniff die Augen zusammen. „Was steht da?“, fragte er mit Blick auf die Transparente.
„Stoppt die Gier! Tod dem Kapitalismus!“, sagte Will.
„Haben keine Ahnung, was Kapitalismus ist, aber Hauptsache, er ist an allem schuld“, meckerte Thompson. Dann gluckste er vergnügt: „Da sind wir ja im richtigen Auto hineingeraten. Wenn die wüssten, wer gerade auf sie zufährt …“
Will fand den Gedanken weniger lustig. Wenn die es wüssten, würde der nächste Molotowcocktail mit Sicherheit ihre schwarzglänzende Limousine treffen.
Der Aufruhr war ganz nach Thompsons Geschmack. Konfrontationen hatte er nie gescheut. Wettbewerb. Survival of the fittest als Grundlage allen Erfolgs, Wachstums und Wohlstands. Für einige seiner wirtschaftlichen Modelle dazu hatte er vor zwölf Jahren den Nobelpreis erhalten. Er war eine Legende. Eine Stimme, der die Wichtigen, die Mächtigen und Reichen dieser Welt Gehör schenkten.
Thompsons Telefon leuchtete auf. Schnaubend nahm er das Gespräch an.
„Was willst du noch?“, bellte er. „Ich habe dir lang und breit erklärt, dass wir den Beweis haben. Den mathematischen Beweis!“
Will spitzte die Ohren.
„… Dummheit bewahren.“
Thompsons Gesicht lief rot an vor Zorn. „Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel! Du wirst mich nicht davon abbringen, meine Rede zu halten. Niemand wird das.“
Kurzerhand schaltete er das Handy aus und steckte es weg.
Der Chauffeur blickte hilfesuchend nach hinten. Dort staute sich eine Handvoll Wagen. Die letzten verschluckte eine heranrollende Woge von Rauch. Darin tauchten neue Silhouetten auf.
Thompson, zu steif, sich umzudrehen, fragte: „Welche sind das jetzt?“
Will warf einen Blick durch das Heckfenster. „Transparente mit ‚Ausländer raus’ ‚Deutschland zuerst’.“ Einige zeigten den Hitlergruß. „Nazis!“, rief er.
Thompson schüttelte den Kopf. „Über den neuen Nationalismus dürfen wir uns nicht wundern. Wenn man jahrzehntelang den Staat zurückdrängt, bleibt vom Nationalstaat nur mehr national. Das fliegt uns jetzt um die Ohren. National. International …“
Eine Explosion an der Heckscheibe unterbrach ihn. Will schrumpfte im Schock. Splitter rannen an der Scheibe hinab, zusammengehalten vom Etikett einer Biermarke.
Kein Benzincocktail, bloß normaler Alkohol.
Auch Thompson war zusammengezuckt. Der Nobelpreisträger wandte sich an den Fahrer: „Ich habe eine wichtige Rede zu halten“, sagte er. „Die das alles hier beenden kann.“ Er klopfte ihm auf die Schulter. „Wie sagte Churchill? ‚Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter.‘ Also: Fahren Sie!“


3



Er saß in einem Hotelzimmer vor einem Laptop-Bildschirm voll Codezeilen, als die Nachricht auf dem sechsten der acht altmodisch anmutenden Tastenmobiltelefone aufblinkte, die in zwei sorgfältig geordneten Viererreihen links neben dem Computer lagen. Er hatte die halb transparenten, orangebraunen Sichtschutzvorhänge zugezogen und sah so gut wie nichts von der Großstadt unter ihm. Es hätte jede Metropole der Welt sein können, aber jetzt gerade war es Singapur.

Er öffnete die Nachricht und erkannte den Absender sofort. Dessen Namen hatte er wie üblich nie erfahren, ein Allerweltspseudonym. Einander gefunden hatten sie sich auf einer der üblichen Plattformen im Darknet, auf denen man anonym Spezialisten für alle Gebiete anheuern konnte. In seinem Fall einen Hacker.
Die Nachricht bestand aus einem einzigen Wort: Ikarus.
Er weckte seinen zweiten Laptop, seine Finger flogen über die Tastatur, und ein paar Sekunden später hatte er den Befehl verschickt. Gleichzeitig öffneten sich auf dem Bildschirm sieben verschiedene Fenster, in denen er die korrekte Durchführung überprüfen konnte. Sie bildeten Ordner mit Dokumenten aus verschiedenen Mailprogramme und Servern ab. Seit sein Auftraggeber ihn vor ein paar Monaten kontaktiert hatte, verfolgten seine Programme alle Versionen der Dokumente über verschiedene E-Mailprogramme und Server hinweg. Gleichzeitig installierten sie in allen kleine Zeitbomben, die nur auf seinen Befehl warteten, um die Dokumente bei Bedarf sofort zu löschen.
Der Befehl, den er soeben gegeben hatte.

Binnen Sekunden verschwanden aus allen Ordnern einzelne Dokumente wie von Geisterhand. Noch einmal kontrollierte er die Ordner, dann beendete er die Remote-Verbindung. Die Fenster verschwanden von dem Bildschirm, er klappte den Laptop wieder zu. Auf dem Handy tippte er ebenfalls nur ein Wort: Done. Erledigt.

Er entfernte die Sim-Karte aus dem Telefon, zerbrach sie – ein unsinniges Ritual, an dem er trotzdem abergläubisch festhielt – und ging ins Bad, wo er sie in Klopapier gewickelt die Toilette hinunterspülte. Das Telefon schleuderte er mehrmals heftig gegen die Steinfliesen des Badezimmerbodens, bis es zersplitterte. Ein paar Tritte zerkleinerten die größeren Teile so weit, dass er auch sie problemlos über das Klo entsorgen konnte. Ebenfalls eine übertriebene Vorsichtsmaßnahme, aber er ging lieber altmodisch auf Nummer sicher.

Dann kehrte er zurück an den Schreibtisch und wandte sich wieder dem Code auf dem anderen Bildschirm zu.

4



Durch die Frontscheibe des Range Rovers blickte Eldridge direkt auf das Heck des Mercedes mit Thompson und Cantor. Die Demonstrationen vor dem Schloss mussten von den genehmigten Routen abgewichen sein, die Polizeiabsperrungen zu ihrer Einhegung offenbar leck wie ein alter Gartenschlauch. Durch eines dieser Lecks wurden sie nun überschwemmt. Die Wagen hinter ihnen wurden eingeholt von den ersten tätowierten Glatzen, Skins, Rocker-Vollbärten. Vor ihnen fürchtete sich Eldridge nicht. Er und die vier übrigen Männer im Wagen waren ganz anderes gewohnt.

Am Steuer neben Eldridge wartete Jack auf seine Anordnungen. Die dunkelgraue Combathose um die mächtigen Oberschenkel gespannt, die massiven Arme und Schultern unter dem grauen Hemd gestrafft, die Augen schmale Schlitze im fleischigen Narbengesicht. Seine Stirn stieß fast an das Wagendach; längere Haare als Jacks Stoppel hätten den grauen Bezug gestreift.
Das Headset in Eldridges Ohr meldete einen Anruf. Konnte nur eine Person sein. „Annehmen.“
„Plan Ikarus“, erklärte die Stimme in seinem Ohr.
„Wiederhole“, sagte Eldridge. „Plan Ikarus.“
„Bestätigt.“
Der Anrufer beendete die Verbindung.
Eldrigde, für seine Teammitglieder El, tippte den Tabletcomputer auf seinem Schoß an. Auf dem Bildschirm erschien eine Grafik mit der schematischen Darstellung eines gläsernen Autos von oben: Innenraum, Sitze, Armaturen, Motor …
Das Antriebs- und das Steuerungssystem - Motor, Lenkrad, Schaltung, Pedale - leuchteten blau. Über dem Motor zeigte ein Tachometer 2 km/h. Rechts oben im Schirm ein rotes Feld „Enter“.
Tipp.

„Enter“ änderte seine Farbe von Rot zu Grün.
El legte die Kuppe seines großen, schartigen Zeigefingers mit dem kurzen Nagel erneut auf den Monitor des Tablets. Genau auf das blaue Gaspedal der durchsichtigen Autoillustration. Er blickte auf zum Heck der Limousine, über deren Rückscheibe die Reste einer Bierflasche sabberten, und begann sanft zu drücken.


5



Die Beschleunigung des Wagens drückte Will in den Sitz. Das Fahrzeug steuerte direkt in die Menge. Demonstranten schrien auf. Einige brachten sich durch Hechtsprünge vor dem heranrollenden Gefährt in Sicherheit, andere schüttelten wütend die Fäuste.
„Vorsicht, Mann!“, krähte Thompson. „‚Durch die Hölle gehen’ sagte ich! Nicht, sie erschaffen!“
„Etwas stimmt hier nicht!“, rief der Chauffeur in holprigem Englisch.
Will hörte Unglauben in seiner Stimme.
„Was ist los?“
„Der Wagen … der fährt von allein!“
Mit heftigen Bewegungen pumpte der Chauffeur die Pedale. Hieb auf die Hupe. Lärmend pflügte der Mercedes durch den Rauch und die davonhastenden Schatten und nahm Tempo auf.
„Die Bremsen funktionieren nicht!“ Er rüttelte am Schaltknüppel. Panik in der Stimme. „Die Schaltung! Nichts!“
Er nahm die Hände vom Steuer. „Sehen Sie?!“
„Tun Sie Ihre Hände wieder an den Lenker!“, befahl Thompson.
Der Fahrer gehorchte.
Will blickte in aufgerissene Augen hinter den Scheiben, brüllende Münder.
Ein Transparent klatschte auf die rechte Frontscheibenhälfte und verdunkelte sie. Wurde fortgeweht.
Vergeblich riss der Fahrer am Lenkrad.
„Mein Gott …“, stammelte Will. „Der Wagen wurde gehackt!“
Er fummelte sein Mobiltelefon aus der Sakkotasche. Trotz hektischen Tippens auf dem Touchscreen blieb er schwarz.
Draußen auf der Straße lichtete sich der Rauch. Die Menschen flohen vor ihnen in alle Richtungen. Einem Haufen Metall mit dem Schwung von vierzig Stundenkilometern hatten sie nichts entgegenzusetzen als ihre Haut, ihr Fleisch und ihre Knochen. Ihr Leben.
„Haben Sie ein Telefon?“, fragte Will den Fahrer.
„Hier.“
Während der Mann hilflos an Lenkrad und Schalthebel rüttelte, startete Will dessen Handy. Auch dieses Gerät reagierte nicht. Er blickte zu Thompson, der mit hochgezogenen Schultern in seinem Sitz kauerte und die Aktentasche umklammert hielt. Bleich verfolgte er Wills Bemühen.
Die Limousine fuhr schneller, die Straße leerte sich, kaum mehr Demonstranten, noch kein Verkehr. Will musste zwinkern, um seinen Augen zu trauen. Vor ihnen lag eine ganz normale Straße. Er wandte sich um. In einiger Entfernung hinter ihnen erinnerte die Szenerie weiterhin an ein auf die Erde gefallenes Gewitter. Nur ein dunkler SUV war ihnen durch ihre Schneise gefolgt.
Sie verließen eine Kreuzung und bogen an einem Fahrverbotsschild vorbei in eine mehrspurige Straße. Weiter vorn entdeckte Will die Siegessäule. Sie fuhren in den Tiergarten!
„Ihr Telefon!“, forderte er mit offener Hand von Thompson.
Die Suche des Nobelpreisträgers in den Taschen seines Jacketts dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Sie fuhren auf einer breiten, leeren Straße durch den Park.
„Warum ist hier keiner?“, rief Will.
„Schon gesperrt, wegen der Demonstrationen morgen“, erklärte der Fahrer. Schweiß stand auf seiner Stirn.
Als Will Thompsons Telefon endlich in die Finger bekam, blieb es so tot wie die anderen. Frustriert warf er es auf die Sitzbank.

„Wir werden entführt!“, rief er. „Wir müssen uns irgendwie bemerkbar machen!“
„Aber wem?“, brüllte der Chauffeur. „Da draußen ist ja niemand! Verdammt!“
Der Wagen schleuderte nach links. Mit quietschenden Reifen kurvte er zurück nach rechts. Zu steil! Direkt auf den Wald zu. Der erste Reifen traf den Randstein. Die Beifahrerseite stieg hoch, und mit einer Drehung um die eigene Achse schraubte sich die Limousine durch die Luft Richtung Bäume.


6



Jan sah nur einen mächtigen Schatten. Dann wirbelte eine Tonne Metall von der Straße her quer über den Radweg. Instinktiv zog Jan den Kopf ein. Das Gefährt schoss über ihn hinweg. Touchierte einen Baumstamm, krachte gegen einen zweiten und stürzte ab. Fast verlor Jan die Kontrolle über sein Fahrrad. Vollbremsung.
Das Fahrzeug lag sieben, acht Meter weit im Wald auf dem Dach. Von der Bodenplatte bei den Vorderrädern stieg Rauch auf.

Jan warf das Rad hin. Einer dieser Momente, in denen man nicht denkt. Der Körper wird zur Sehne. Er rannte los. Fand das Handy in der vorderen Tasche seiner Jeans. Notruf. Sprintete zu dem zerdrückten Haufen Blech.
Dunkle Luxuslimousine. Ein Meer von Splittern. Der Fahrersitz war ihm am nächsten. Dort hatte das Dach dem Absturz am besten standgehalten. Im Sitz hing regungslos ein älterer Mann. Dunkler Anzug. Schnauzbart. Um ihn erschlaffte Airbags. Jemand meldete sich an Jans Ohr.

„Jan Wutte“, sagte er. „Schwerer Autounfall im Tiergarten, zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor.“
Er steckte das Handy weg. Jan, du bist Pfleger. Du kennst dich aus mit dem menschlichen Körper. Er tastete am Hals des Mannes. Spürte keinen Puls. Rüttelte am Türknauf. Vergeblich. Hinter dem Fahrer lag ein älterer Mann in dunklem Anzug kopfüber und seltsam zusammengefaltet auf dem Inneren des Autodachs. Nicht angeschnallt. Blutüberströmt. Sein Arm ragte aus dem Fenster. Jan fühlte keinen Puls. Neben dem Alten hing von der verkehrten Rückbank eine weitere Gestalt im Sicherheitsgurt. Jünger, männlich. Seine Lippen bewegten sich. Jan lief um den Wagen herum. Versuchte den Kopf durch den schmalen Schlitz zu klemmen, der einmal ein Fenster gewesen war.
„Wie geht es Ihnen?!“, hörte er sich brüllen. „Rettung ist unterwegs!“
Geschlossene Augen, Wispern. Ein verkehrt herum baumelndes Gesicht kannst du nicht lesen. Die Mimik hängt in die falsche Richtung.
„Haben Sie Schmerzen?!“
Neben dem Kopf des Mannes lag eine geöffnete Aktentasche auf dem umgedrehten Autodach. Aus dem Innern ragten lose Papiere. Daneben ein Handy und anderer Kram.
Das Flüstern war zu leise. Jan schob sich noch weiter an seinen Mund. Versuchte, ihn zu beruhigen. Seine Lider flatterten. Jetzt sah er Jan an. Am unteren – jetzt oberen - Rand seiner Augen Weiß.
„… elemen…“, stöhnte er. „… schan … dall …“
Elemente? Chantal? Machte keinen Sinn.
„Ich … sorry, ich verstehe Sie nicht. Aber bleiben Sie ruhig. Hilfe ist unterwegs.“
Er schien Jan nicht zu hören.
„Fitzroi piel … a … gold… bar …“
„Fitzroi was?“
Allein konnte Jan wenig tun. Selbst wenn es ihm gelang, den Sicherheitsgurt des Typen zu lösen, würde sein Körper auf das Dach fallen und er sich womöglich noch mehr verletzen.
„Fitz… roi piel“, röchelte er. „Schan … dall … e …“
„Chantal E.? Ist das ein Name?“ Er warf einen Blick aus den Augenwinkeln zu den anderen. Keine Lebenszeichen. „Fitzroi – ist das auch ein Name?“ Hatte er noch nie gehört.
Der Mann schloss die Augen. War das ein Ja? Flüsterte: „Golden … bar …“



Jack hatte den Range Rover wenige Meter hinter der Unfallstelle angehalten. Der Mercedes hatte den Randstein förmlich als Absprungrampe genutzt. Eldridge und Sam waren aus dem Rover gesprungen, starrten hinüber zu dem Wrack hinter den Bäumen. Auf dem Weg neben der gesperrten Straße war um die Zeit kein Mensch unterwegs. Nur ein Fahrrad lag da. Dann entdeckte El den Mann. Genauer: sein Hinterteil, das aus einem Fenster der Beifahrerseite ragte.

„Kommt!“, rief El den anderen zu. „Wir müssen dahin! Jack, fahr den Wagen aus der Fahrverbotszone!“
Rob und Bell sprangen aus dem SUV. Trainierte Hulks wie El und Sam, in dunklen Jeans und Jacken.
Der Typ bei der Limousine hatte den Oberkörper aus dem Inneren gezogen und zerrte an der Tür. Ein schlaksiger junger Kerl, größer, brünettes Haar im Undercut, dunkle Funktionsjacke, verwaschene Jeans. Fiel fast auf den Rücken, als die Tür nachgab und aufsprang. Wieder beugte er sich hinein, fummelte herum. Tauchte erneut auf. Sie hatten ihn fast erreicht. Im nächsten Moment entdeckte er sie.
„Gott sei Dank!“, rief der Samariter. „Zumindest einer lebt! Er kann reden! Wir müssen sie rausholen!“ Er zeigte zu den Rauchschwaden, die vom Motor aufstiegen. „Bevor das hier hochgeht!“
Das würde nicht hochgehen. Zumindest nicht von allein.


Die vier Typen liefen auf Jan und das Wrack zu wie ein SWAT-Team. Große, trainierte Kerle in dunkler Freizeitkleidung. Präzise Bewegungen. Umso besser. Ein paar kräftige Arme kamen gerade recht.
Die neuen Helfer teilten sich auf. Zwei auf die andere Seite, wo die Leblosen hingen. Zwei zu Jan. Warum trugen die an einem Sommerabend Handschuhe? Sie beugten sich zu ihm, blickten in den Wagen.
„Was ist passiert?“, fragte einer. Das Kinn wie ein Amboss. Den Akzent erkannte Jan nicht. Ami? Im rechten Ohr steckte ein Headset.

„Er hat eben noch geredet“, sagte Jan. „Vielleicht bekommen wir ihn gemeinsam raus.“
Ambosskinn packte Jans Genick und donnerte seinen Kopf gegen die Karosserie. Jan wurde schwarz vor Augen, er kippte benommen zur Seite, sein Schädel schlug hart auf den Boden. Was …?
Der Boden schwankte. Sein Hirn pochte. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Der Typ quetschte den mächtigen Oberkörper in das Auto. Hinter dem Vorderrad auf der anderen Seite machte sich einer der Männer an jener Stelle zu schaffen, aus der es rauchte. Jan versuchte sich aufzurappeln. Klappte zusammen. Mit knappen Worten gab jemand Anweisungen in einer fremden Sprache. Englisch. Ein anderer kramte ebenfalls im Innenraum. Auf Jans Seite fummelte einer an der hinteren Karosserie herum. Der Tankdeckel. Er öffnete ihn! Benzin sprudelte heraus. In einiger Entfernung ertönten Sirenen. Jan versuchte sich erneut hochzustemmen.

Ambosskinn tauchte wieder aus dem Auto auf, in einer Hand die Aktentasche. Wandte sich Jan zu, griff seinen Knöchel, zog ihn in das Benzin! Jan versuchte, ihn abzuschütteln. Zu dem Ambosskinn hatte der Typ jedoch auch noch einen Schraubstockgriff. Verzweifelt ruderte Jan zurück. Bekam ein Teil der Karosserie zu fassen, das sich spitz und scharf anfühlte. Mit Wucht rammte er den Spieß in die Hand, die sich um seinen Knöchel spannte. Der Typ grunzte und ließ los. Jan schaffte es auf die Beine. Das Benzin verteilte sich um den Wagen. Der eine schloss den Tankdeckel wieder. Die zwei auf der anderen Autoseite wichen vom Wagen zurück. Ambosskinn sprang hoch und starrte wütend auf den tiefen Stich in seinem Handschuh, aus dem es tropfte. Jan hörte das Zischen eines Streichholzes. Den Schwinger sah er nur aus den Augenwinkeln. Gerade noch konnte er ausweichen und rannte los, als das Benzin in Flammen aufging. Die Hitzewelle der Explosion gab ihm Extraschwung.
Die Flammen fauchten hinter ihm, er wandte sich um. Zwei rennende Hulk-Schatten vor dem Feuerball. Noch nie in seinem Leben flogen seine Beine so schnell! Jan hörte die schweren Schritte der Verfolger, dann Sirenen. Am lautesten war sein eigenes Keuchen. Sein Kopf drohte zu platzen.
In dem Auto waren Menschen! Einer von denen war noch am Leben! Die hatten den einfach angezündet!
Aus dem laschen Licht liefen zwei Männer von der Siegessäule her auf ihn zu. Dunkle Hosen und Hemden. Gehören die zu denen?!

Einer nestelte an seinem Hosenbund herum. Eine Waffe? Jan sah sich um. Feuer. Keine Verfolger. Die anderen Männer liefen weiter auf ihn zu.
„Stehen bleiben! Polizei! Wohin wollen Sie?! Hiergeblieben!“
Jans Atem ging noch schneller als sein Puls. Durch die Flammen und den dichten Rauch sah er neben der Unfallstelle jetzt Blaulichter blinken. Mehrere Wagen. Die dunklen Typen waren verschwunden. In dem brennenden Wrack explodierte etwas, schickte Funken durch die Nacht. Umstehende Bäume fingen Feuer. Da gab es nichts mehr zu helfen. Jans Magen verknotete sich bei dem Gedanken an die drei Männer darin, die Übelkeit kroch bis in die Finger- und Zehenspitzen, Haarwurzeln, Lenden, verwandelte seinen Körper in einen einzigen Krampf.
„Warum laufen Sie weg?“, fragte einer der Uniformierten scharf.
Das glaubt ihr mir nie!
Jan brachte kein Wort über die Lippen.
„Mitkommen!“

Autorenfoto @Lukas Ilgner

Der Bestseller-Autor

Wer ist Marc Elsberg?

Marc Elsberg wurde 1967 in Wien geboren. Er war Strategieberater und Kreativdirektor für Werbung in Wien und Hamburg sowie Kolumnist der österreichischen Tageszeitung »Der Standard«.

Heute lebt und arbeitet er in Wien. Mit seinen internationalen Bestsellern BLACKOUT, ZERO und HELIX etablierte er sich auch als Meister des Science-Thrillers. BLACKOUT und ZERO wurden von »Bild der Wissenschaft« als Wissensbuch des Jahres in der Rubrik Unterhaltung ausgezeichnet und machten ihn zu einem gefragten Gesprächspartner von Politik und Wirtschaft.

Mehr über Marc Elsberg: www.marcelsberg.com

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