SPECIAL zu Stefanie Gercke

Stefanie Gercke: "Meine Bücher sind im Prinzip politisch"

Interview zum Buch "Über den Fluss nach Afrika" (April 2007)

Stefanie Gercke
Eine bewegte Vergangenheit liegt hinter Stefanie Gercke. Mit ein Grund, warum die Heyne-Autorin im Alter von 57 Jahren begann, Geschichten zu schreiben. Geschichten aus Afrika – dem Kontinent, den Gercke über alles liebt. Denn hier ist sie aufgewachsen, und hier hat sie einen Teil ihres Erwachsenenlebens verbracht. Ins Visier der Politik geraten, musste sie wieder nach Deutschland zurückkehren. Von Hamburg aus schreibt sie nun mit großem Erfolg Romane über Afrika. Das BeNet traf Stefanie Gercke zum Interview.

Frau Gercke, Ihre Romane spielen immer in Afrika – Sie selbst sind in Afrika geboren. Warum leben Sie nicht dort?
Stefanie Gercke: Dafür gibt es neun gute Gründe: zwei Söhne, zwei Schwiegertöchter und fünf hinreißende Enkel. Ich möchte einfach gerne in der Nähe meiner Familie in Deutschland sein. Dennoch: Drei Monate im Jahr gehören immer Südafrika. Ich liebe das Land, den ganzen Kontinent. Ich wuchs in Guinea-Bissau auf, und diese Zeit hat mich für immer geprägt. Noch im Zweiten Weltkrieg mussten wir fliehen, da man vermutete, mein Vater würde kriegswichtige Güter produzieren. Tatsächlich leitete er eine Palmöl-Plantage. Nach einer spektakulären Flucht landeten wir in Deutschland erst einmal in einem Gestapo-Gefängnis, von dem aus wir dann direkt ins Tropenkrankenhaus wechselten, da wir Malaria hatten. Ich fand Deutschland damals fürchterlich, alles war so kalt. Aus dem paradiesischen Afrika war ich ins zerrüttete Kriegsdeutschland gekommen. Die Sehnsucht nach Afrika hat mich seit dem nie verlassen.

Sie haben aber auch viel Schreckliches erlebt …
Stefanie Gercke: Ich habe zweimal versucht, wieder zurück nach Afrika zu gehen. Gemeinsam mit meinem Mann wanderte ich nach unserer Hochzeit aus, dort wurden meine zwei Söhne geboren. Wir waren sehr glücklich, und doch endete diese Zeit damit, dass mein Mann ins Gefängnis kam. Wir waren nie politisch aktiv, standen aber trotzdem immer unter Beobachtung des Apartheidregimes. Der Geheimdienst hatte dort einen sehr langen Arm. Konten wurden überwacht, Telefone abgehört. Seit unserem zweiten Versuch einzuwandern, bei dem wir über den Flughafen nicht hinauskamen, ist meine Paranoia fast schon endemisch. Bevor Nelson Mandela an die Macht kam, habe ich mich überhaupt nicht getraut, Bücher zu schreiben.

Wie viel Autobiografisches liegt in Ihren Romanen?
Stefanie Gercke: Natürlich könnte ich nichts von dem schreiben, was ich schreibe, wenn ich Afrika nicht kennen und lieben würde. Ich habe einmal versucht, in Ich-Form zu schreiben – und ein solches Herzjagen bekommen, dass ich es gelassen habe. Es ging mir einfach zu nahe. Was meine Hauptfiguren mit mir teilen, ist die Liebe zu Afrika. Wenn etwa Benita, die Hauptfigur aus meinem aktuellen Buch, auf dem Weg vom Flughafen das Autofenster herunterkurbelt und mit dem Geruch Afrikas und allen ihren Sinnen wieder ihre Wurzeln spürt, dann bin ich das.

„Über den Fluss nach Afrika" spielt in der heutigen Zeit. In früheren Romanen haben Sie sich mit dem 19. Jahrhundert beschäftigt. Warum?
Stefanie Gercke: Eigentlich hatte mich das 19. Jahrhundert gar nicht so sehr interessiert. Ich wollte aber für den Hintergrund einer Familiengeschichte die Kolonialzeit intensiver beleuchten und habe begonnen zu recherchieren. Das war gar nicht so einfach – das deutsche Mittelalter ist besser dokumentiert als das 19. Jahrhundert in Afrika. Als ich mich einmal mit dieser Zeit befasst hatte, war ich aber schnell dermaßen fasziniert, dass aus dem historischen Teil, den ich eigentlich in sieben Seiten schnell abhandeln wollte, zweimal 250 Seiten geworden sind. Nun wollte ich aber, um ehrlich zu sein, nichts mehr mit Ochsenwagen zu tun haben. Ich hatte Lust auf Handys, Blackberries und Flugzeuge.

Wie kamen Sie auf die Idee zu „Über den Fluss nach Afrika"?
Stefanie Gercke: Nun, in dem Buch gibt es eine Schlüsselszene, in der eine Frau zu Zeiten des Apartheidregimes in Südafrika gefoltert wird – diese Geschichte ist so tatsächlich passiert. Vielfach. Es war mir wichtig zu zeigen, dass viele der Täter völlig ungeschoren davon gekommen sind. Ich habe mich intensiv mit den Straftribunalen beschäftigt, die es später gegeben hat. Daran hat mich zutiefst aufgewühlt, wie emotionslos die Folterer von damals den Angehörigen der Opfer mitgeteilt haben, wo sie ihre Opfer begraben haben. Ich wollte dieses Thema mit meinem Buch aufgreifen und den Menschen bewusst machen, was es bedeutet, wenn die Täter einfach friedlich weiterleben können.

Was möchten Sie mit Ihren Büchern erreichen?
Stefanie Gercke: Ich möchte natürlich, dass die Menschen meine Bücher gerne lesen. Aber ich möchte auch gerne auf gewisse Missstände hinweisen. Ich schreibe Unterhaltungsliteratur, aber ich finde, es spricht nichts dagegen, wenn ein Buch spannend ist und deshalb gelesen wird – und man dabei auch noch etwas lernen kann. Meine Bücher sind im Prinzip alle sehr politisch. Ich bin zum Beispiel eine Kritikerin einer gewissen Art von Entwicklungshilfe, die die Menschen zu Bettlern erzieht und sich nicht darum bemüht, die Kultur zu verstehen. Das möchte ich in meinen Büchern aber tun, sensibel auf die afrikanische Kultur eingehen und sie den Menschen näher bringen.

Sie haben erst sehr spät angefangen zu schreiben, dann aber schnell einen sehr großen Erfolg gehabt. Wie erleben Sie das?
Stefanie Gercke: Ich erlebe die Veröffentlichung meiner Bücher und den damit verbundenen Erfolg mit dem größten Erstaunen. Ich bin jetzt 66; mit 57 hatte ich mein erstes Buch veröffentlicht. Das ist wie im Märchen. Wenn ich mir vorstellen würde, was ich am allerliebsten machen würde im Leben, dann fällt mir immer nur das Schreiben ein. Es ist wundervoll, ich langweile mich nie!

Wie geht es weiter? Haben Sie bereits Projekte für ein neues Buch?
Stefanie Gercke: Natürlich. Bevor ich ein Buch fertigschreibe, muss ich immer wissen, wie es danach weitergeht. Sonst bekomme ich Panikzustände. Aber darüber verrate ich noch nichts.

Text und Fotos: Judith Lövenich
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des BeNets
© BeNet, Gütersloh