Die Frau des Kaffeehändlers von »Susanne Rubin«

Das Erbe einer Familiendynastie. Das Schicksal dreier Generationen. Eine ergreifende Liebesgeschichte.

Hamburg, 1896: Um vom Bankier Ferdinand Claasen einen Kredit zu erhalten, willigt der ehrgeizige Kaufmann Paul Friedrich Magnussen ein, dessen älteste Tochter Amalia zu heiraten. Amalia ist eine kluge Frau und mit ihrer Hilfe gelingt es Paul, seinen Kaffeehandel zu einem florierenden Unternehmen auszubauen. Doch Amalia ahnt nicht, dass er sich eigentlich von Anfang an zu ihrer schönen Schwester Helene hingezogen fühlte …

Über ein Jahrhundert später entdeckt Melina Peters in der Hinterlassenschaft ihrer Großmutter Hinweise auf eine Verbindung zu der Kaffeehändler-Dynastie. Sie bewirbt sich bei P.F. Magnussen und wird die Assistentin des faszinierenden Leonard Magnussen. Von da an taucht sie immer tiefer in die privaten Schicksale ein, die hinter der offiziellen Familiengeschichte im Verborgenen liegen. Sie ahnt nicht, wie sehr diese mit ihrem eigenen Leben verknüpft sind …

Gleich bestellen!

Taschenbuch
eBook
Hörbuch Download
€ 9,99 [D] inkl. MwSt. | € 10,30 [A] | CHF 14,50* (* empf. VK-Preis)
€ 9,99 [D] inkl. MwSt. | CHF 12,00* (* empf. VK-Preis)
€ 25,95 [D]* inkl. MwSt. (* empf. VK-Preis)

1. Kapitel

Hamburg, im Februar 2018

Das Wetter passte zu ihrer trüben Stimmung. Dicke graue Wolken verdunkelten den Himmel, und der Regen prasselte heftig gegen die schmutzigen Scheiben. Melina wandte den Blick vom Fenster ab. Sie schluckte und atmete tief ein, um die erneut aufsteigenden Tränen zurückzuhalten. In den vergangenen Wochen hatte sie schrecklich viel geweint, das musste endlich aufhören. Entschlossen erhob sie sich aus dem alten Ohrensessel und schaltete die Deckenbeleuchtung ein. Das viel zu grelle Licht einer einzelnen Glühbirne, die in ihrer nackten Fassung von der Zimmerdecke baumelte, ließ sie kurz blinzeln. Die hübsche Tiffanylampe, auf die ihre Großmutter Käthe so stolz gewesen war, hing schon seit Tagen nicht mehr an ihrem Platz. Käthes Wohnung wirkte nun kalt, inzwischen war sie nahezu leer geräumt. Hier, im ehemaligen Wohnzimmer, standen nur noch ihr Lieblingssessel und ein paar Kartons auf den abgetretenen Holzdielen herum und warteten darauf, dass auch sie fortgetragen wurden. Vor etwas mehr als drei Monaten war Käthe gestorben, und damit gab es nun endgültig niemanden mehr, der zu Melina gehörte. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt, und nach dem frühen Tod ihrer Mutter war Käthe ihre letzte Angehörige, ihre ganze Familie gewesen. Irgendwo in ihrem Herzen lebte die absurde Hoffnung fort, dass ihre geliebte Großmutter jeden Augenblick durch diese Tür kommen würde, resolut und stark wie eh und je, um ihr mitzuteilen, dass alles nur ein böser Traum gewesen war. Sie hatte an Käthes Sterbebett gesessen und sie auf ihrem letzten Weg begleitet. Ihre Großmutter hatte einmal mehr große Stärke bewiesen, und Melina bewunderte sie dafür. Nicht weinen, mein Kind. Ich hatte ein langes Leben, doch vor allem hatte ich dich. Dafür war ich jeden Tag dankbar. Du hast mein Dasein erfüllt, warst immer mein Sonnenschein, mein größter Schatz. Denk immer daran. Käthes wunderbare Worte klangen noch immer in Melina nach.

Ja, dachte Melina, auch sie sollte vor allem dankbar sein. Ihrer Großmutter war tatsächlich ein langes und überwiegend gesundes Leben vergönnt gewesen. Obwohl es nicht immer einfach für Käthe gewesen war, hatte sie sich ihre Zuversicht und Herzensgüte stets bewahrt. Viel zu früh war sie Witwe geworden, und kurz darauf hatte das Schicksal erneut zugeschlagen, und sie musste ihr einziges Kind zu Grabe tragen. Doch für Melina war Käthe stark geblieben und hatte darum gekämpft, dass ihre Enkeltochter bei ihr aufwachsen durfte. Erst in der allerletzten Zeit war Käthe pflegebedürftig gewesen und schließlich friedlich im Schlaf gestorben. Dennoch … der quälende Kummer lag schwer auf Melinas Brust. Manchmal fühlte es sich an, als würde die Trauer ihr Herz mit eiserner Faust umklammern.

Seufzend sah Melina sich noch einmal wehmütig um, betrachtete einen Moment lang die leicht vergilbten Wände mit den staubigen Spuren von Bilderrahmen. In Gedanken sah sie jedes Bild vor sich, das dort noch vor wenigen Tagen gehangen hatte, erinnerte sich an den vertrauten Duft nach Fliederseife und frisch aufgebrühtem Kaffee, der so typisch für diese Räume, aber auch für Käthe gewesen war. So viele Jahre hatte Melina hier zusammen mit ihrer Großmutter gelebt. Erst mit sechsundzwanzig Jahren war sie schließlich in ihre erste eigene Wohnung gezogen, dennoch hatte sie Käthe mehrmals in der Woche besucht, um gemütlich einen Kaffee mit ihr zu trinken. Jedes Mal hatte Melina sich gefühlt, als würde sie nach Hause kommen. Melinas Blick wurde wieder klarer. Nun hieß es endgültig Abschied nehmen. Jemand anderes, vielleicht sogar eine kleine Familie, würde schon bald hier einziehen. Es war ein eigenartiges, ein etwas bedrückendes Gefühl, sich das vorzustellen.

»Wir wären dann so weit, Frau Peters«, hörte sie hinter sich die Stimme von Herbert Seidel, einem alteingesessenen Trödel- und Antiquitätenhändler aus dem nahe gelegenen Winterhude. Er und zwei seiner Angestellten hatten ihr in den vergangenen zwei Wochen geholfen, die Wohnung ihrer Großmutter aufzulösen. Die meisten Möbel und auch den Hausrat hatte er ihr bereits zu einem fairen Preis abgekauft. Nur einige wenige Sachen würde sie selbst behalten. Den unverkäuflichen Rest hatten Seidels Männer zum Recyclinghof gefahren. »Den Sessel und die Kartons bringe ich Ihnen dann heute Abend vorbei. Nach Feierabend, so gegen neunzehn Uhr, wäre das in Ordnung?«

»Natürlich«, antwortete sie und musste sich räuspern. »Ich danke Ihnen, Herr Seidel. Sie waren mir wirklich eine große Hilfe. Und damit meine ich nicht nur die Auflösung des Haushalts.« Auch die Gespräche mit ihm hatten sie getröstet – Herr Seidel war ein guter Zuhörer.

Der ältere Mann nickte ihr freundlich zu und lächelte verständnisvoll. »Geht es Ihnen denn schon ein bisschen besser?«, fragte er fast väterlich.

»Na, den Umständen entsprechend, würde ich sagen.« Auch Melina versuchte sich an einem Lächeln. »Es ist nicht leicht.«

»Das ist es nie.«

»Sie haben das sicher schon oft mitgemacht, nicht wahr?«

»Stimmt. Und es ist fast immer eine traurige Angelegenheit. Aber wissen Sie, Frau Peters, andererseits ist es auch ein Schritt zur Bewältigung der Trauer, die Wohnung auszuräumen, nachdem ein lieber Mensch für immer gehen musste. Ein wichtiger Teil des Abschieds. So sehe ich das.«

»Sie sind wirklich ein sehr weiser Mann«, sagte sie.
Er lachte kurz und verhalten auf. »Ich nehme das jetzt mal als Kompliment.«

Das Lächeln fiel ihr nun deutlich leichter. »Na, das ist es ja auch.« Melinas Blick fiel noch einmal auf die vier Kartons. Jeder einzelne war ungefähr so groß wie eine Getränkekiste und mindestens ebenso schwer. »Danke, dass sie mir die Augen geöffnet haben, als ich alles einfach wegwerfen wollte. Ich war wohl ein bisschen überfordert von der ganzen Situation.«

»Das ist doch nachvollziehbar. Wie gesagt, ich habe da so meine Erfahrungen. Vielleicht wird es noch eine Weile brauchen, aber irgendwann werden Sie froh und dankbar darüber sein, dass Sie alles noch einmal durchgehen und in aller Ruhe aussortieren können.« Auch er betrachtete die Kartons. »Mit den Unterlagen und Fotoalben ihrer Großmutter können Sie jederzeit ein paar schöne Erinnerungen zurückholen.«

»Ja, da haben Sie sicherlich recht.« Zumindest hoffte sie es.

Ihre Nachbarin Antonia stand auf dem Balkon und winkte ihr fröhlich zu, als Melina knapp eine Stunde später auf dem Parkplatz hinter ihrem Haus aus dem Wagen stieg. Toni, wie sie genannt wurde, war in ihrem Alter, und ihre Wohnung lag direkt neben ihrer eigenen. Kurz nachdem Melina eingezogen war, hatte die temperamentvolle Antonia bei ihr geklingelt, um zu fragen, ob sie ihr mit etwas Milch aushelfen könne, und sie waren sofort miteinander ins Gespräch gekommen. Das heißt, eigentlich hatte an diesem Tag überwiegend Toni geredet. Dass sie immer viel zu erzählen hatte, brachte nicht allein ihr quirliges Naturell, sondern auch ihr Beruf mit sich. Sie war Journalistin und arbeitete in der Kulturredaktion einer großen Hamburger Tageszeitung.

Jedes Mal wenn Melina an dieses erste Zusammentreffen mit Antonia zurückdachte, musste sie unwillkürlich lächeln. Sie hatte Toni gleich gemocht, und sie war froh darüber, dass sie sich so gut verstanden. Ihre ehemals beste Freundin aus Schul- und Studientagen lebte nicht mehr in Hamburg, und sie selbst war eher der zurückhaltende Typ. Es war ihr schon immer recht schwergefallen, von sich aus auf andere Menschen zuzugehen, geschweige denn, sich Fremden gegenüber zu öffnen. Manchmal ärgerte sie sich über diese Charaktereigenschaft. Ihre Schüchternheit hatte ihr schon oft im Wege gestanden. In der letzten Zeit versuchte sie zwar ganz bewusst, dem entgegenzusteuern, doch sie konnte auch nicht ganz aus ihrer Haut.

»Huhu!«, rief Toni ihr zu, als Melina ihren Schirm ein Stück nach hinten kippte und lächelnd zurückwinkte. »Bei mir gibt es frischen Kaffee und selbst gebackenen Käsekuchen.«

»Das klingt toll«, antwortete Melina. Antonia schaffte es immer wieder, ihre Laune zu heben. »Gib mir noch fünf Minuten zum Umziehen, ja?«

»Aber immer doch. Bis gleich!«, flötete Toni, wirbelte herum und verschwand durch die Balkontür nach drinnen.

Antonias Wohnzimmer war klar in zwei Bereiche aufgeteilt, und die Unterschiede hätten nicht gegensätzlicher sein können. Der Wohnbereich im vorderen Teil wurde dominiert von Glastischen, modernen Vitrinen und einer schwarzen Ledercouch. Hier war alles sehr ordentlich. Im hinteren Bereich stand jedoch Tonis großer Schreibtisch, ein sichtbar altes Möbelstück aus dunklem Holz. Der riesige Computerbildschirm auf der Tischplatte war umringt von Papierstapeln und teilweise aufgeschlagenen Büchern.

»Nun hast du es also hinter dir«, sagte Toni und schob sich ihr letztes Stück Kuchen in den Mund. Ihr kurzes blauschwarzes Haar glänzte im Licht der kleinen Lampen, die Antonia in ihrem Wohnzimmer angeknipst hatte. Der Nachmittag war gerade erst angebrochen, doch draußen war es noch immer wolkenverhangen und düster.

Auf dem niedrigen Couchtisch vor ihnen brannten mehrere Kerzen in hohen weißen Leuchtern, und die Freundinnen hatten es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht.

Melina nickte. »Ja, und ich hoffe, ich kann jetzt ein bisschen zur Ruhe kommen.« Mit beiden Händen umfasste sie die Kaffeetasse, lehnte sich zurück und zog ihre Beine unter sich. »Ein paar Sachen werden mir nachher noch gebracht, dann ist eigentlich alles erledigt. Ach ja, nächste Woche muss ich noch bei der Wohnungsgenossenschaft vorbeifahren, um Käthes
Schlüssel abzugeben, aber dann bin ich wirklich durch.« In den zurückliegenden Wochen waren Toni und sie kaum zum Reden gekommen. Das Zusammensein mit ihrer Freundin tat gut, fühlte sich angenehm alltäglich und irgendwie heimelig an. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie doch nicht ganz so allein auf der Welt war. Der Gedanke wärmte ihr Innerstes und tröstete sie ein wenig.

»Wie läuft es denn bei der Arbeit? Du hattest mal erwähnt, dass es deiner Firma nicht so gut geht. Gibt es da eigentlich was Neues?«, wollte Toni wissen.

»Montag gehe ich wieder ins Büro.« Melina nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. »Allerdings ist in vier Wochen Schluss. Ich hatte ja gehofft, dass es doch noch weitergehen könnte, aber mein Chef ist definitiv pleite.«

»Oh nein, das ist ja echt Mist!«, sagte ihre Freundin mitfühlend. »Du hast gerade wirklich Pech, oder?«

Melina winkte ab. »Och, ehrlich gesagt, finde ich das mit der Arbeit gar nicht so schlimm. Der Job in der Spedition war für mich irgendwie nicht so ganz das Richtige. Im Grunde wusste ich von Anfang an, dass ich das nicht allzu lange machen würde. Der Konkurs der Firma hat mir nur eine Entscheidung abgenommen, die ich sowieso bald getroffen hätte. Es gibt auch kaum noch etwas zu tun. Ich schätze, dass mein Chef schon vor Ablauf des Monats die Schotten endgültig dicht macht.«

»Und was hast du jetzt vor? Weißt du schon, was du danach machen möchtest?«

»Ich hab sogar schon zwei Vorstellungsgespräche hinter mir. Frag mich nicht, wie ich das in der letzten Woche überhaupt hinbekommen habe. Zuerst war ich bei einem Immobilienmakler und dann noch bei einer kleinen Reederei.« Sie zuckte mit den Schultern. »Eigentlich hatte ich schon geahnt, dass beides nichts für mich sein würde, aber ich bin trotzdem hingegangen, um auf Nummer sicher zu gehen. Mit Immobilien kenne ich mich gar nicht aus, und die Reederei war wirklich winzig. Da gäbe es keine Zukunftsperspektive für mich. Nach den Erfahrungen der letzten Zeit zieht es mich eher in ein größeres Unternehmen. Ich würde gerne mal ein paar Jahre am Stück in einer Firma bleiben, um mich auf der Karriereleiter nach oben zu arbeiten.«

»Du hast doch einen super Studienabschluss. Sicher wirst du schnell etwas Passendes finden, Melina.«

»Ganz so einfach ist das nicht. BWL studiert heutzutage ja fast jeder. Bei den großen Unternehmen geben sich die Absolventen die Klinke in die Hand.«

»Du hast selbst mal gesagt, dass die meisten nach dem Bachelorabschluss das Handtuch werfen, und immerhin hast du deinen Master mit Bestnote gemacht.«

Melina musste lachen. »Süß, wie du mich aufzubauen versuchst.« Sie stellte ihre Tasse ab und erhob sich. »So, nun muss ich aber rüber. Mein Wäscheberg wird immer größer, und ich will noch ein bisschen sauber machen, bevor die Sachen von Käthe gebracht werden. In den letzten Wochen habe ich nur das Nötigste geschafft.«

»Brauchst du Hilfe bei irgendwas?«

»Nein, gestern habe ich zumindest schon mal Platz für die Kartons geschaffen, alles gut. Aber ich danke dir für die kleine Auszeit. Mal wieder mit dir zu plaudern und dann noch der leckere Kuchen – genau das habe ich heute gebraucht.«

»Immer wieder gerne, das weißt du.«

Schon fast in der Tür, hielt Melina noch einmal inne und drehte sich zu ihrer Freundin um. »Sag mal, hast du vielleicht Lust, heute Abend mit mir noch eine Flasche Wein zu köpfen? Ehrlich gesagt ist mir überhaupt nicht danach, den Abend allein zu verbringen.«

»Das ist die beste Idee des Tages.« Antonia grinste. »Es können auch gerne zwei Flaschen sein. Allerdings habe ich nachher noch einen beruflichen Termin und kann erst gegen zehn bei dir sein. Wenn dir das nicht zu spät ist …«

Melina musste nicht lange überlegen. »Es ist Freitag, was soll’s.«

»Stimmt.«

Käthes Sessel sah an seinem neuen Platz tatsächlich großartig aus, beschloss Melina einige Stunden später. Gut, sie hätte den wunderschönen Ohrensessel ohnehin nicht weggeben können, aber dass sich das typisch englische Rosenmuster in ihrem ansonsten sehr modern und sachlich eingerichteten Wohnzimmer so gut machen würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Ursprünglich hatte sie vorgehabt, das gute Stück ins Schlafzimmer zu stellen, doch als Herr Seidel und einer seiner Mitarbeiter die Kartons und den Sessel vorbeigebracht hatten, schlug der ältere Mann beharrlich den Platz zwischen ihren Bücherregalen und dem raumhohen Erkerfenster vor. Er meinte, nur dort, direkt neben dem kleinen Telefontisch, erhalte das schöne Möbelstück den richtigen Rahmen – und Melina musste ihm absolut recht geben.

Inzwischen war es schon fast einundzwanzig Uhr. Sie hatte heiß geduscht und war danach in ihre kuschelige Jogginghose und einen weiten Pullover geschlüpft. Da sie nun doch ein bisschen müde wurde, warf sie noch einmal ihren Kaffeeautomaten an und kochte sich einen starken Kaffee. Mit dem Becher in der Hand machte sie es sich in ihrem neuen Sessel gemütlich. Kurz überlegte sie, ob sie noch etwas lesen sollte, bis Toni eintraf, aber eigentlich war ihr nicht wirklich danach zumute. Auf Fernsehen hatte sie auch keine Lust, deshalb würde sie einfach in Ruhe ihren Kaffee genießen. So saß sie da, ließ ihren Gedanken freien Lauf und nippte dann und wann an ihrem Becher.

Bestimmt schon zum zehnten Mal fiel ihr Blick dabei auf die Kartons. Da sie noch nicht entschieden hatte, was mit den Sachen passieren sollte, hatte sie Herrn Seidel gebeten, die Kisten zunächst im Wohnzimmer neben der Tür abzustellen. Melina hatte sich fest vorgenommen, ihren Inhalt zu sortieren und vielleicht noch ein wenig auszumisten, bevor alles in irgendeiner Kellerecke verstaubte. Das würde vielleicht doch noch den einen oder anderen Karton einsparen.

Melina stellte ihren Becher auf dem kleinen Tisch neben dem Telefon ab und seufzte. »Warum nicht gleich«, sagte sie leise zu sich selbst. Sie erhob sich, um den erstbesten der vier Kartons hinüber zum Sessel zu ziehen, und öffnete ihn. Einige der Alben und Unterlagen hatte sie selbst dort hineingepackt, wie sie sofort erkannte. Zusammen mit Herrn Seidel hatte sie den alten Eichensekretär und eine Kommode im Schlafzimmer ihrer Großmutter ausgeräumt. Alles, was irgendwie nach Fotoalben und persönlichen Akten ausgesehen hatte, war dabei in die vier Kartons gewandert. Es handelte sich um die typischen Überbleibsel eines langen Lebens. Die meisten der Fotoalben kannte sie und hatte schon als Kind häufig in ihnen geblättert, vor allem wegen der Bilder ihrer so früh verstorbenen Mutter, an die sie sich bewusst leider nicht erinnern konnte. Melina war erst zwei Jahre alt gewesen, als ihre Mutter nach einer verschleppten Erkältung eine Lungenembolie nicht überlebt hatte. Neben den vertrauten Fotoalben stieß sie auf einen dicken Aktenordner, den Melina noch nie zuvor gesehen hatte. Herr Seidel musste ihn eingepackt haben. Der Ordner zeigte mit dem Rücken nach oben, sodass man ihn leicht herausziehen konnte. Auf dem Aufkleber war ein großes schwarzes M zu lesen, das sofort ins Auge fiel. Vielleicht steht das für meinen Vornamen, dachte Melina. Womöglich hatte ihre Großmutter ein paar Kinderzeichnungen oder Schularbeiten darin abgeheftet.

Neugierig griff sie in das Loch und zog den überraschend schweren Ordner heraus. Als sie ihn aufschlug, wurde ihr allerdings sofort klar, dass das große M rein gar nichts mit ihr zu tun hatte. Vielmehr befanden sich alte Zeitungsberichte und Fotos aus Hochglanzmagazinen in dem Ordner. Jedes einzelne Blatt Papier wurde von einer eigenen Plastikhülle geschützt. Melina begann zu blättern, und schon nach wenigen Minuten war sie erstaunt und fasziniert zugleich.

»Was zum Teufel …?«, murmelte sie, während sie weiterblätterte, hier und da eine Überschrift las und die Fotos betrachtete. Jeder Artikel, jede Abbildung in diesem Ordner hatte mit einem der renommiertesten Familienunternehmen der Stadt zu tun: P. F.
Magnussen. Magnussen-Kaffee war von hoher Qualität und außerordentlich beliebt. Gut, auch Käthe hatte niemals den Kaffee einer anderen Firma gekauft, das wusste Melina – aber man hob doch trotzdem nicht so viele Zeitungsschnipsel auf, nur weil sie mit dem Lieblingskaffee zu tun hatten. Das passte überhaupt nicht zu ihrer Großmutter. Eine derartige Vorgehensweise erinnerte eher an einen fanatischen Teenager, der alles sammelte, was er von seinem angehimmelten Star ergattern konnte, doch Käthe war ein außerordentlich pragmatischer Mensch gewesen. Offenbar hatte Melina soeben eine Seite an ihrer Großmutter entdeckt, die ihr bislang völlig unbekannt gewesen war.

Was konnte Käthe nur dazu bewogen haben, diesen eigenartigen Sammelordner anzulegen? Die Daten auf einigen der Zeitungsberichte und Bilder ließen darauf schließen, dass sie schon als junge Frau damit begonnen haben musste und den Ordner nahezu bis zum Ende ihres Lebens fortgeführt hatte. Die ersten Ausschnitte stammten aus uralten Zeitungen, teilweise aus der Nachkriegszeit, während die letzten Artikel und Fotos kaum ein halbes Jahr alt waren. Erstaunlich!

Melina betrachtete das letzte Foto im Ordner genauer. Es war eines dieser typischen Pressefotos, wie sie bei Galas oder Filmpremieren gemacht wurden, sobald Prominente über den roten Teppich liefen. Offenbar hatte die Familie Magnussen gemeinsam die Premiere eines Musicals besucht, das erkannte Melina an der Werbewand im Hintergrund. Sechs Personen waren auf dem Foto abgebildet, und einige Gesichter kannte sie. Die Familie war immer mal wieder in der Presse oder in Fernsehberichten zu sehen, das war auch an ihr nicht vorübergegangen. Conrad Magnussen, der Patriarch der Familie, stand im Hintergrund neben seinem zukünftigen Schwiegersohn, einem Arzt, wie Melina erst vor Kurzem irgendwo gelesen hatte. Die beiden Frauen auf dem Foto waren bildschön. Man hätte sie fast für Schwestern halten können. Elisabeth Magnussen und ihre Tochter Emily trugen beide blutrote Abendroben, die hervorragend zu ihren dunklen Haaren passten und sich allein durch die Schnitte unterschieden. Es war offensichtlich, dass Elisabeth das gute Aussehen an ihre drei Kinder vererbt hatte. Auch ihre beiden Söhne sahen umwerfend gut aus. Über Dominik Magnussen, den jüngsten Spross, las man ziemlich häufig in der Klatschpresse. Nicht immer waren diese Berichte schmeichelhaft für den Nachwuchsschauspieler, der offenbar zu Eskapaden und kurzlebigen Affären neigte. Der älteste Sohn, Leonard Magnussen, lächelte als einzige Person auf dem Foto eher verhalten, das fiel Melina sofort auf. Allein der linke Mundwinkel deutete ganz leicht nach oben.

Melina schreckte regelrecht auf, als es an ihrer Haustür klingelte, so sehr hatte sie sich in die Betrachtung des Fotos vertieft. Sie schüttelte leicht den Kopf und erhob sich, um Antonia hereinzulassen.

»Ich muss dir unbedingt etwas zeigen«, begrüßte sie ihre Freundin.

Ihr Buchentdecker-Gewinnspiel!

Für alle Buchentdecker und Neuanmelder des Buchentdecker-Service.

Melden Sie sich beim Buchentdecker-Service an und nehmen Sie damit automatisch am Gewinnspiel teil.

Sollten Sie bereits unseren Service abonniert haben, können Sie durch die nochmalige Eingabe Ihrer Daten bis zum genannten Datum am Gewinnspiel teilnehmen.
Machen Sie mit!

Mit etwas Glück gewinnen Sie einen Barista-Kurs von Jochen Schweizer oder einen der anderen tollen Preise!

Einsendeschluss ist der 31.12.2019

Barista-Kurs von JOCHEN SCHWEIZER
APART-Gutschein
Blumen von FLEUROP
ROASTMARKET-Gutschein

1. Preis: Barista-Kurs von JOCHEN SCHWEIZER

2. bis 5. Preis: Je ein Gutschein von APART Fashion im Wert von 30 €

6. bis 8. Preis: Je ein wunderschöner Blumenstrauß von FLEUROP

9. bis 13. Preis: Je ein Gutschein von ROASTMARKET im Wert von 10 €

14. bis 30. Preis: Je ein Exemplar von »Die Frau des Kaffeehändlers«

Einsendeschluss ist der 31.12.2019

Und so geht’s:
Beantworten Sie unsere Gewinnspielfrage.
Durch die Anmeldung zum Buchentdecker-Service können Sie regelmäßig und kostenlos unsere Leistungen in Anspruch nehmen.
Wenn Sie bereits Buchentdecker sind, erhalten Sie die Leistungen des Buchentdecker-Service wie bisher und können einfach durch die nochmalige Eingabe Ihrer Daten unten am Buchentdecker-Gewinnspiel teilnehmen.

Ja, ich möchte mich zu meinem persönlichen und kostenlosen Buchentdecker-Service anmelden und folgende Leistungen der Verlagsgruppe Random House erhalten:

  • Newsletter der Verlagsgruppe Random House mit persönlich auf meine Interessen zugeschnittenen
    • Buch- und Hörbuchtipps
    • limitierten und exklusiven Angeboten
    • Informationen zu Veranstaltungen der Autoren
    • Einladungen zur Teilnahme an Gewinnspielen und Aktionen
  • Zu mir passende Webseiteninformationen einschließlich Aktionen, Angeboten und Gewinnspieleinladungen; hinsichtlich der Webseiteninformationen beachten Sie bitte die diesbezüglichen Bestimmungen in der Datenschutzerklärung.
  • Möglichkeit, jederzeit anzupassen, welchen oder welche Newsletter ich erhalten möchte


In welcher Stadt spielt »Die Frau des Kaffeehändlers«

Meine Daten:

Die Verlagsgruppe Random House GmbH als Verantwortlicher verarbeitet Ihre angegebenen personenbezogenen Daten ausschließlich zur Erfüllung der Vereinbarung über den Buchentdecker-Service. Alle weiteren Informationen zum Datenschutz und Ihren diesbezüglichen Rechten finden Sie in der Datenschutzerklärung.

Ich bin mit den Vertragsbestimmungen des Buchentdecker-Services sowie den für alle Gewinnspiele der Verlagsgruppe Random House geltenden Gewinnspielteilnahmebedingungen einverstanden und möchte mich für den Buchentdecker-Service anmelden.

Ihre Teilnahme an unserem Gewinnspiel war erfolgreich.

Sollten Sie bislang noch nicht beim Buchentdecker-Service angemeldet gewesen sein, danken wir für Ihre Anmeldung.
Wir bestätigen Ihnen hiermit zugleich den Abschluss der Vereinbarung zum Buchentdecker-Service.

Als Neuanmelder erhalten Sie in wenigen Minuten eine E-Mail von uns mit einem Bestätigungslink. Bitte klicken Sie in dieser E-Mail auf den darin enthaltenen Link, um den Buchentdecker-Service zu aktivieren. Außerdem nehmen Sie automatisch an dem Buchentdecker-Gewinnspiel teil.

Viel Vergnügen mit unserem Buchentdecker-Service wünscht
Ihr Team von randomhouse.de

Susanne Rubin
© Sabine Kayser

Susanne Rubin ist eine waschechte »Hamburger Deern«. Zusammen mit ihrem Mann, einem pensionierten Kriminalbeamten, lebt sie in ihrer geliebten Heimatstadt. Nach eigener Aussage ist ihr Mann ihr persönlicher Held und ihre inzwischen erwachsenen Söhne bezeichnet sie als die wunderbarsten der ganzen Welt. Sie liebt das Schreiben, Spieleabende mit ihrer Familie und ist leidenschaftliche Kaffeetrinkerin. Die Frau des Kaffeehändlers ist ihr erster Roman bei Heyne.

Weitere Bücher von Heyne entdecken

Unser Service-Angebot für Sie:

Jetzt ein Buch Buy local Für das Wort und die Freiheit #FreeWordsTurkey