„Elena hatte in einem fremden Land Zuflucht gesucht und nur ein nasses Grab gefunden. Und niemanden kümmerte es. Hulda wusste, wenn sie diese letzte Gelegenheit, dem Rätsel auf den Grund zu gehen, nicht ergriff, würde sich nie wieder jemand die Mühe machen, und Elenas Geschichte geriete in Vergessenheit. Sie würde einfach das Mädchen bleiben, das nach Island gekommen und gestorben war.“

Band 1: DUNKEL von Ragnar Jónasson

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Hulda Hermannsdóttir, Kommissarin bei der Polizei Reykjavík, soll frühzeitig in Ruhestand gehen, um Platz für einen jüngeren Kollegen zu machen. Sie darf sich einen letzten Fall, einen cold case, aussuchen – und sie weiß sofort, für welchen sie sich entscheidet. Der Tod einer jungen Frau wirft während der Ermittlungen düstere Rätsel auf, und die Zeit, um endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen, rennt. Eine Wahrheit, für die Hulda ihr eigenes Leben riskiert …

»Dieses Buch hat mir wirklich den Atem geraubt. Hulda ist eine fantastische, komplexe Figur, und ich möchte mehr von ihr lesen!« - Ian Rankin

Hinweis: Lesen Sie die Headline rückwärts.

Leserstimmen

Subtil wirkender Krimi

Von: CK
26.05.2020

Dass eine ältere Frau im Mittelpunkt einer Story steht, ist ungewöhnlich, dürfte jedoch häufiger vorkommen.
Hulda, isländische Kommissarin, steht nämlich kurz vor der Pensionierung, wird jedoch vorher von ihrem Chef mehr oder weniger herauskomplimentiert und darf sich dafür noch einen Cold Case vornehmen.

So verläuft das Buch in drei Strängen. Der gegenwärtige beschäftigt sich mit ihrer Ermittlungsarbeit, während die beiden anderen in der Vergangenheit spielen ohne Namen der Beteiligten zu nennen. So darf man anfangs noch miträtseln, in welchem Zusammenhang alles steht, bis sich der Verdacht erhärtet.

Daneben kommt auch das Einfangen der Rauheit Islands nicht zu kurz. Wer die Insel bereist hat und mag, fühlt sich durch die Landschafts- und Naturbeschreibungen vermutlich gleich wieder wie daheim.

Das Buch ist nicht übermäßig packend geschrieben, es wirkt eher auf subtile Weise. Einerseits durch das sich stückweise offenbarende harte Leben der Beteiligten, andererseits durch die Gesellschaftskritik hinsichtlich verschiedener Themen.

Es gibt einige Wendungen, und manche Dinge klären sich erst ganz zum Schluss. Das ließ mich zwischendurch hin und wieder den Kopf schütteln und durchatmen. Dennoch sehe ich das Buch nicht als Thriller, sondern eher als Krimi und Charakterstudie.
4,5 Sterne.

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Gute Unterhaltung

Von: Anna-Lena Reif
25.05.2020

Als Hulda Hermannsdóttir von der Kripo Reykjavik überraschend in den Ruhestand geschickt wird, bekommt sie noch zwei Wochen, in denen sie sich, um "sich zu beschäftigen", einen alten ungelösten Fall aussuchen darf. Sie wählt den Fall einer jungen Asylbewerberin, die ein Jahr zuvor tot in einer Bucht aufgefunden wurde. Der Fall wurde von einem weniger engagierten, jüngeren Kollegen schnell auf Eis gelegt, doch Hulda ahnt, dass es noch unentdeckte Spuren geben muss.

Obwohl die Charakterwahl der älteren, einsamen Ermittlerin teils etwas bedrückend wirkt, war es teils auch erfrischend, eine andere Perspektive kennenzulernen. Hulda an sich entpuppt sich als erfahrene und vor allem ausgebuffte Ermittlerin, die die ein oder andere Überraschung bereithält.
Der Schreibstil an sich war flüssig und hat mir sehr gut gefallen. Bisweilen ist die Stimmung etwas düster, doch mir persönlich hat das gut gefallen, weil es gut zur Geschichte passt.
Der Fall selbst war nicht unbedingt etwas bahnbrechend Neues, blieb aber trotzdem angemessen spannend. Auch wenn der Täter bald abzusehen war, hielt das Ende noch eine Überraschung bereit.
'Dunkel' ist somit ein solider Krimi, der zwar nicht unbedingt innovativ ist, aber durch einen interessanten Hauptcharakter besticht und gute Unterhaltung bietet.

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Lernen Sie Islands einsamste Kommissarin Hulda kennen...

Wie unter Schock taumelte Hulda zurück in ihr eigenes Büro. Sie fühlte sich, als wäre sie gefeuert worden, hochkant rausgeworfen, als ob all ihre Jahre im Polizeidienst nichts zählten. Das war eine vollkommen neue Erfahrung für sie. Und obwohl sie wusste, dass sie übertrieben reagierte, dass sie es nicht so auffassen sollte, konnte sie die Übelkeit, die in ihr hochstieg, nicht mehr hinunterschlucken.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und starrte mit leerem Blick auf den Bildschirm, ohne auch nur die Energie aufzubringen, den Computer einzuschalten. Ihr Büro, das bis jetzt ihr zweites Zuhause gewesen war, kam ihr mit einem Mal fremd vor, als hätte der Neue es bereits in Beschlag genommen. Ihr alter Schreibtischstuhl fühlte sich unbequem an, der braune Schreibtisch sah antiquiert und abgenutzt aus, die Akten bedeuteten ihr nichts mehr. Die Vorstellung, auch nur einen Moment länger hierzubleiben, war unerträglich.
Sie brauchte etwas, um sich abzulenken. Und was könnte besser sein, als Magnús beim Wort zu nehmen und in ungelösten Fällen zu wühlen? Dabei musste Hulda in Wahrheit nicht mal überlegen: Es gab einen unaufgeklärten Todesfall, der förmlich danach schrie, ihn sich wieder vorzunehmen. Die damalige Ermittlung war von einem ihrer Kollegen durchgeführt worden – sie hatte den Verlauf nur aus der Ferne verfolgt –, doch das könnte sich nun als Vorteil erweisen, weil es sie in die Lage versetzte, die Indizien unvoreingenommen zu betrachten.
Der besagte Todesfall würde fast sicher ein Rätsel bleiben, sofern keine neuen Beweise auftauchten. Aber vielleicht erwies er sich auch als verkappter Segen, als unverhoffte Gelegenheit. Die Tote hatte niemanden gehabt, der für sie eingestanden war, doch für kurze Zeit – wie kurz auch immer – würde Hulda die Rolle ihrer Advokatin übernehmen. In zwei Wochen ließe sich eine Menge erreichen. Zwar machte sie sich keine echten Hoffnungen, den Fall zu lösen, aber sie hätte zumindest ein Ziel vor Augen. Sie war wild entschlossen, jeden einzelnen Tag im Büro zu erscheinen, bis dieser »junge Mann« kam, um sie zu vertreiben. Sie hätte sich natürlich auch beim Personalrat darüber beschweren können, wie mit ihr umgesprungen wurde, und darauf beharren, bis Ende des Jahres ihrem Dienst nachzugehen; doch um darüber nachzudenken, blieb ihr immer noch reichlich Zeit. Im Moment wollte sie ihre Energie auf etwas Positives richten.
Als Erstes rief sie die elektronischen Akten zu dem alten Fall auf, um sich die Details in Erinnerung zu rufen. Man hatte die Leiche der jungen Frau an einem dunklen Wintermorgen in einer felsigen Bucht am Vatnsleysuströnd gefunden, einem dünn besiedelten Küstenstreifen im Norden der Halbinsel Reykjanes etwa dreißig Kilometer südlich von Reykjavík. Hulda war nie in der Bucht gewesen, hatte nie einen Grund gehabt, dorthin zu fahren, kannte die Gegend jedoch, weil man auf dem Weg zum Flughafen dort vorbeikam. Es war ein öder, windgepeitschter Landstrich, die kargen Lavafelder boten kaum Schutz vor den Stürmen, die regelmäßig in südwestlicher Richtung vom Atlantik hereinfegten.
In den gut zwölf Monaten, die seit dem Leichenfund vergangen waren, war die öffentliche Erinnerung daran verblasst. Nicht dass er damals große mediale Beachtung gefunden hätte. Nach den üblichen Kurzmeldungen war der weiteren Entwicklung wenig Aufmerksamkeit geschenkt und der Fokus auf neuere Nachrichten gerichtet worden. Obwohl Island mit durchschnittlich zwei Morden pro Jahr, mitunter auch weniger, als eins der sichersten Länder der Welt galt, waren Unfalltode durchaus an der Tagesordnung; doch hiesige Journalisten sahen wenig Nutzen darin, darüber zu berichten.
Es war auch nicht die Gleichgültigkeit der Medien, die Hulda damals schon gestört hatte, es war vielmehr der Verdacht, dass der Kollege von der Kriminalpolizei, der in dem Fall ermittelt hatte, nachlässig gearbeitet hatte. Alexander. Sie hatte nie viel Vertrauen in seine Fähigkeiten gehabt. Ihrer Meinung nach war er weder besonders sorgfältig noch besonders intelligent und hielt sich nur durch eine Mischung aus Hartnäckigkeit und guten Beziehungen auf seinem Posten. In einer gerechteren Welt wäre sie in den höheren Rang befördert worden – sie wusste, dass sie klüger, gewissenhafter und erfahrener war als er –, trotzdem war sie auf ihrem Karriereweg stecken geblieben. In solchen Momenten hatte sie sich nicht gegen das nagende Gefühl der Verbitterung wehren können. Sie hätte alles dafür gegeben, über die Macht zu verfügen, einem Ermittler, der seinem Job offensichtlich nicht gewachsen war, den Fall zu entziehen.
Alexanders mangelndes Engagement bei der Ermittlung war bei den Teamsitzungen deutlich zutage getreten. In gelangweiltem Ton hatte er bemüht jedes Indiz präsentiert, das auf einen Unfalltod hindeutete. Auch sein Abschlussbericht war schlampig, wie Hulda jetzt feststellte. Er enthielt eine unbefriedigend kurze Zusammenfassung des Obduktionsberichts und schloss mit dem üblichen Vorbehalt, dass man bei einer aus dem Meer angespülten Leiche unmöglich feststellen könne, ob es eine Fremdeinwirkung gegeben habe. Kaum überraschend hatte die Ermittlung nie etwas Konkretes ergeben, und irgendwann war der Fall zugunsten anderer, »dringenderer« Fälle eingemottet worden. Hulda fragte sich unwillkürlich, ob man anders reagiert hätte, wenn die junge Frau Isländerin gewesen wäre. Jede Wette, dass man den Fall einem kompetenteren Kommissar übertragen hätte, weil von der Öffentlichkeit lautstark Ergebnisse verlangt worden wären.
Die Frau war zum Zeitpunkt ihres Todes siebenundzwanzig Jahre alt gewesen, so alt wie Hulda bei der Geburt ihrer Tochter. Erst siebenundzwanzig, in der Blüte des Lebens: viel zu jung, um Gegenstand einer Polizeiermittlung zu sein, geschweige denn zu einem ungelösten Fall zu werden, dessen Wiederaufnahme niemanden auch nur im Geringsten zu interessieren schien – außer Hulda.
Laut Obduktionsbericht war sie in Salzwasser ertrunken. Ihre Verletzungen deuteten auf eine vorangegangene Körperverletzung hin, aber die Frau konnte ebenso gut gestolpert, gefallen und bewusstlos ins Meer gestürzt sein.
Der Name des Opfers war Elena. Sie war Russin gewesen, hatte erst seit vier Monaten in Island gelebt und hier Asyl beantragt. Vielleicht lag es an der Schnelligkeit, mit der die meisten Elena vergessen hatten, warum es Hulda so schwerfiel, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Elena hatte in einem fremden Land Zuflucht gesucht und nur ein nasses Grab gefunden. Und niemanden kümmerte es. Hulda wusste, wenn sie diese letzte Gelegenheit, dem Rätsel auf den Grund zu gehen, nicht ergriff, würde sich nie wieder jemand die Mühe machen, und Elenas Geschichte geriete in Vergessenheit. Sie würde einfach das Mädchen bleiben, das nach Island gekommen und gestorben war.

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Der Video-Trailer zum Buch

Band 2: INSEL von Ragnar Jónasson

Band 2: INSEL (erscheint am 13. Juli 2020)

Vier Freunde auf einer entlegenen Insel, aber nur drei kehren zurück.

Hulda Hermannsdóttir, Kommissarin bei der Polizei Reykjavík, ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und wird zu einer abgelegenen Insel geschickt. Was ist dort in dem Haus geschehen, das von der Bevölkerung als das isolierteste Haus Islands bezeichnet wird? Huldas Ermittlungen kreuzen Vergangenheit und Gegenwart – und plötzlich ist sie einem Mörder auf der Spur, der möglicherweise nicht nur ein Leben auf dem Gewissen hat …

Ragnar Jónasson, 1976 in Reykjavík geboren, ist Mitglied der britischen Crime Writers‘ Association und Mitbegründer des »Iceland Noir«, dem Reykjavík International Crime Writing Festival.
Seine Bücher werden in 21 Sprachen in über 30 Ländern veröffentlicht und von Zeitungen wie der New York Times und Washington Post gefeiert.
Ragnar Jónasson lebt und arbeitet als Schriftsteller und Investmentbanker in der isländischen Hauptstadt. An der Universität Reykjavík lehrt er außerdem Rechtswissenschaften. Die preisgekrönte Hulda-Trilogie erscheint bei btb erstmals auf Deutsch.

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