Als naive Prinzessin wurde sie verstoßen, als starke selbstbewusste Frau kehrt sie zurück.

Als Thronerbinnen des Waldkönigreichs Strata führen Flora und ihre ältere Schwester Amora ein behütetes Leben. Doch dann trifft Flora aus Liebe zu ihrer Schwester eine fatale Entscheidung, mit schrecklichen Konsequenzen. Sie wird von ihrem eigenen Vater verbannt und sieht sich plötzlich mit der wirklichen Welt, außerhalb des Palastes, konfrontiert. Von ihrer letzten Vertrauten verraten, ist Flora dem Tode nahe und endgültig auf sich gestellt. Doch sie ist nicht bereit aufzugeben. Flora kämpft und überlebt. Aus dem naiven Mädchen wird eine starke junge Frau, die bereit ist zu kämpfen, um die zu retten, die sie liebt …

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Folge der naiven Prinzessin Flora in die Verbannung und werde Teil ihrer Geschichte. Was wäre aus dir geworden, wenn deine letzte Vertraute dich in der Verbannung verraten hätte? Wenn du endgültig auf dich gestellt dem Tode nahe gewesen wärst? Hättest du gekämpft? Hättest du überleben können?

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    Gewinnspielfrage: Wie heißt die Dienerin von Flora?

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    TEIL I

    PRINZESSIN

    Kapitel 1
    Der lange Sturz


    Flora nickte so unverbindlich und nichtssagend, wie sie es immer
    tat, wenn ihre ältere Schwester einen ihrer Vorträge hielt –
    selbst wenn sie nicht deren Meinung war. Wer nicht den
    Thron erbte, verhielt sich besser umgänglich.
    »Wir sind Prinzessinnen«, fuhr Amora fort. »Wir können
    tun, was immer uns beliebt.«
    Flora lächelte hinter vorgehaltener Hand leicht spöttisch.
    Dann könnte ich also in die Luft springen und fliegen? Oder davonlaufen
    und mich einem Wanderzirkus anschließen? Oder wenn es mir gefiele, hier
    und da Vaters Klinge gürten und jemanden töten?

    Flora stand mit diesen lächerlichen Gedanken im Kopf an
    dem runden Fenster, das in die drei Handbreit dicke hölzerne
    Außenwand des Thronerbenturms eingelassen war, des zweithöchsten
    Wohnturms auf der Lichtung. Es bot ihr einen hervorragenden
    Ausblick auf die freie Fläche. Nur der Königsturm
    war höher, und obwohl sie und Amora in seinem Schatten lebten,
    genossen sie mehr Sonne als irgendein niederer Adeliger
    auf der Lichtung – wie es unser gutes Recht ist –, zumindest bei den
    seltenen Gelegenheiten, da die gelben Strahlen der Sonne die
    hartnäckige stratanische Wolkendecke über ihren Köpfen
    durchdrangen. Es ist ein großartiger Turm, dachte Flora. Besser als
    die Türme der anderen adeligen Familien.

    Um einen lebenden Tuftorbaum herum erbaut, der als zentrale
    Säule diente, erhob sich der Thronerbenturm hoch in die
    Baumkronen des Waldes, und die Kammern der Schwestern
    befanden sich im obersten Stockwerk – runde Räume, die aus
    den tiefen Holzwänden herausgeschlagen worden waren. Ähnlich
    gerundete Flure zweigten wie Speichen vom zentralen Innenhof
    mit seinem Tuftorherzen ab. Drei Ausgänge führten
    auf schmalen Stegen zum angrenzenden Königsturm, zum
    Mönchsturm und hinunter zur Lichtungshalle. Aber die Äste
    der Bäume, die durch die stratanischen Gebäude und zwischen
    ihnen wuchsen, boten einem klugen und geschickten Mädchen
    alternative Pfade. Einem Mädchen wie mir! Das Astwandeln war
    keine einfache Sache, und ihr Vater hasste es, wenn sie es tat –
    er sagte, er werde sie gewiss eines Tages wie eine gewöhnliche
    Verbrecherin tot am Fuße des Baums auffinden. Aber Flora
    liebte es, in den Ästen und Blättern herumzuklettern. Sie
    brauchte nur die kleinsten Vorsprünge, um sich festzuhalten,
    dann konnte sie auf fast alles klettern. Jeden Tag suchte sie
    nach einer anderen Route durch das Labyrinth der Äste, die
    sich bogen und krümmten, sich im nassen Frühling nach der
    schwer fassbaren Sonne reckten oder sich im Winter gegen die
    Kälte einrollten.
    Amora kletterte nicht, nicht in ihren hübschen Kleidern.
    Stattdessen verbrachte sie ihre Zeit damit, durch Stratas
    Türme und Hallen zu wandern, müßiges Geschwätz aufzuschnappen
    und weiterzutragen, damit es Wurzeln schlug und
    wuchs. Als würde sie Gerüchte züchten. Sie mochte besonders den
    Läuferturm, das Zuhause des Herzogs und der Herzogin
    Läufer und ihrer fünf Töchter, die die größten Ohren auf der
    Lichtung hatten – ihre riesigen Lauscher hörten alles, weshalb
    Amora sie so mochte und viele andere sie hassten. Ihr Turm
    war etwas niedriger, aber nicht viel. Floras eigene königliche
    Gemächer im Thronerbenturm lagen nur ein klein wenig höher
    als die der Läufers – nah genug, dass Amora auch zu den
    ungewöhnlichsten Stunden augapfelgroße Tuftorsamen durch
    Emerly Läufers Fenster werfen konnte.
    Wichtiger noch, sie befanden sich weit über all den viehischen
    Dingen tief unter ihnen im Dreck: furchterregenden
    Großkatzen, schmuddeligen Grundlingen und blutrünstigen
    Eindringlingen. Obwohl seit der Zeit vor Floras Geburt keine
    Armee mehr durch die Wälder von Strata bis zur Lichtung
    vorgedrungen war, waren die Geschichten über die Gemetzel
    und Plünderungen während der Holzkriege erschreckend.
    Und obwohl sie täglich kletterte – geschickt über schmale
    Äste lief und sich von herabhängenden Zweigen schwang, was
    ebenso dem Spaß diente wie der Fortbewegung zwischen den
    Türmen –, ließ sie sich nur noch selten bis zum Boden herunter.
    Mägde und Laufburschen hievten nach oben, was sie und
    Amora brauchten, und die beiden lebten monatelang näher an
    den Baumwipfeln als am Boden und ohne den Dreck je zu berühren.
    In der Tat sagten ihnen die stratanischen Mönche,
    dass sie in ihrem Thronerbenturm, hoch oben zwischen den
    majestätischen Tuftorbäumen, »den Göttern nahe« seien.
    Amora versuchte, Flora davon zu überzeugen, dass die Mönche
    gesagt hätten, sie beide seien »nahezu göttlich«.
    Aber Flora fühlte sich nicht wie ein Gott, als sie an dem
    großen polierten Wasserbecken stand, das in das dicke Sims
    ihres Fensters eingelassen war, noch hatte sie das Gefühl, tun
    zu können, was immer ihr gefiel. Stattdessen fühlte sie sich wie
    ein glücklich verschwitztes Mädchen von knapp fünfzehn
    Jahren, das sein verschmiertes Gesicht waschen musste, bevor
    es sich in einem Spinnenseidenkleid als eine der Töchter des
    Königs in der Öffentlichkeit präsentierte.
    Das von der Zeit blank gescheuerte Wasserbecken war so
    breit wie die Spanne ihrer Arme. In den Baumkronen darüber
    sammelte sich in ausladenden, zusammengenähten Blättertrichtern
    frisches Regenwasser; dünne, schlauchartige Ranken
    wanden sich von diesen Blatt-Kollektoren aus nach unten wie
    Schlangen, die sich um den zentralen Tuftorstamm schlängelten,
    bevor sie das gewonnene Wasser in Floras Waschbecken
    pumpten. Ein kleines Abflussloch, das ihre Dienerin Eggie in
    den Boden eingearbeitet hatte, sorgte dafür, dass das Wasser
    stetig abfloss – jedoch nicht so schnell, dass sich das Becken je
    leerte. Eggie war ein linkisches, hässliches Mädchen mit dicken
    Gliedmaßen und einer flachen Stupsnase. Tatsächlich
    hatte Amora sie »unbeholfenes Rindvieh« genannt, als sie
    Amoras Haarbürste aus Wildschweinborsten zwischen den
    Ästen bis ganz nach unten in den Dreck hatte fallen lassen.
    Aber Flora fand, dass Eggie auch schlau war – sie konnte
    Dinge reparieren. Wie brackige Wasserbecken. Und Eggie hatte
    Amora eigenhändig eine neue Bürste aus Kiefernnadeln gefertigt,
    die noch besser war als die aus Wildschweinborsten.
    Flora hielt sich ihre dicken, rabenschwarzen Locken hinter
    dem Kopf zusammen und tauchte das Gesicht ins Wasser.
    Während sie sich nach ihrer morgendlichen Kletterpartie
    den Schweißfilm von der Stirn wusch, öffnete sie unter der
    Oberfläche die Augen, um zu beobachten, wie das Wasser in
    einem Strudel durch Eggies schlaues Loch abfloss. Sie konnte
    nicht wirklich sehen, wie die Flüssigkeit aus dem Holzbecken
    entkam, aber sie spürte den Sog an ihrem Kinn und ihren
    Lippen, als würde das Wasser versuchen, sie durch den Abfluss
    zur Erde zu ziehen. Als sie auftauchte, tropften kristalline
    Perlen von ihr herab, und sie sah ihre Schwester schelmisch
    grinsen.
    »Und was mir heute beliebt«, fuhr Amora fort, als hätte
    Flora sie nicht die ganze Zeit ignoriert, »wartet gerade in meinem
    Zimmer und hat seine Tunika über meinen Bettpfosten
    gehängt.«
    Flora schnappte nach Luft und spie einen nassen Sprühnebel
    aus dem Mund. Sie versuchte, schneller zu reden, als ihre
    Zunge es vermochte. »Ein Junge? In deinem Zimmer? Du
    kannst nicht … er kann nicht … aber … wer? Wer? Wer?«
    Amora lachte. »Du klingst wie eine stotternde Eule, kleine
    Schwester.« Sie warf Flora ein Handtuch ins nasse Gesicht.
    »Enic, der Stallbursche, wenn du es unbedingt wissen musst.
    Der mit der Narbe auf der Wange.« Amoras Gegacker war
    ganz anders als Floras mädchenhaftes Kichern; es hatte scharfe
    Kanten, die sich mit zunehmendem Alter auch in Floras Lachen
    entwickeln würden, so stellte sie es sich jedenfalls vor.
    Mit über sechzehn Jahren war Amora fast zwei Jahre älter. Sie
    war außerdem die Erste in der Thronfolge; Flora würde nicht
    Königin werden. Ihr königlicher Vater hatte bei ihrer älteren
    Schwester hinten im Nacken das verschlungene Mal der Evangelins
    eingebrannt und in Floras Nacken zwei Male, sodass es,
    sollte er eines Tages fallen, keinen Irrtum geben konnte, keine
    unrechtmäßigen Ansprüche, keine Kämpfe innerhalb der
    Familie.
    Sie waren beide Thronerbinnen, aber das einzelne
    Mal kam zuerst.
    Doch seine Vorsichtsmaßnahmen waren unnötig, denn sosehr
    sie einander ärgerten, liebten sie einander auch. Wie es bei
    den meisten Schwestern der Fall ist, nehme ich an.
    Tatsächlich hatte
    Amora eines Nachts einen heimlichen Pakt mit Flora geschlossen,
    während sie ihnen ihre Katzenfelldecken über die
    Köpfe gezogen hatte, als sie eigentlich hätten schlafen sollen.
    Amora hatte Flora einen Platz an ihrer Seite versprochen,
    wenn sie den Thron bestieg, mit fast gleicher Machtbefugnis.
    Fast. Sie würden auf den zwei Thronen in der Lichtungshalle
    als Schwester-Königinnen sitzen, während ihre Ehemänner –
    wer immer die sein würden – in der zweiten Reihe saßen.
    Amora sagte ihr, dass ihre gemeinsame Herrschaft eine köstliche
    Überraschung für ihren zutiefst traditionellen königlichen
    Vater sein würde – einen Mann, der sich mit Überraschungen
    entschieden unwohl fühlte –, wenn Amora ihm ihre
    Idee in ein paar Monden an ihrem siebzehnten Geburtstag
    präsentierte. Amora würde ihr Vorhaben mit einer rechtsgültigen
    Erklärung offiziell machen, einer Erklärung, die Flora
    schreiben würde – sie konnte besser mit Buchstaben umgehen,
    obwohl sie zwei Jahre jünger war.
    »Keine Tunika?«, fragte Flora fasziniert. »Was hat er denn
    dann an?«
    »Gar nichts, vermute ich, wenn er meine Anweisungen verstanden
    hat. Er ist nicht der Hellste.«
    »Amora! Du bist schrecklich. Und du hast ihn einfach dort
    allein gelassen?«
    »Wenn man sie warten lässt, sind sie umso bemühter. Das
    hat uns unsere liebe königliche Mutter gelehrt, nicht wahr?«
    »Sie meinte, man solle sie auf die Hochzeit warten lassen.«
    »In beiden Fällen sind sie um die gleiche Sache bemüht. Die
    Ehe ist lediglich die offizielle Methode, sie zu bekommen.«
    Amoras bewegliche Augenbrauen wackelten wie Schleiertänzerinnen.
    »Aber es gibt auch andere Methoden.«
    »Nicht für die Tochter eines Königs. Erst recht nicht für
    die Tochter eines so strengen Königs. Vater würde einem Jungen
    die Hand abschlagen, wenn er sie unter deinem Kleid
    fände.«
    »Ach, die Gefahr macht es ja gerade so amüsant. Außerdem
    hat Enic noch eine zweite Hand.«
    »Wie lange wirst du ihn warten lassen?«
    »Ich glaube, es ist jetzt fast eine Stunde, aber ich verliere
    leicht den Überblick. Eine weitere Viertelstunde wird genügen.
    Bis dahin sollte er reif sein. Ich hoffe nur, dass er nicht
    ohne mich anfängt. Er hat schließlich noch seine Hände.«
    Flora errötete, verlegen und schockiert, aber insgeheim erfreut
    darüber, in das unanständige Geheimnis ihrer Schwester
    eingeweiht worden zu sein – Amora hatte die besten Geheimnisse
    auf der Lichtung. Und die schlimmsten. Flora beugte sich
    weit über den Rand des Beckens, um die saubere, feuchte
    Waldluft tief einzuatmen.
    »Seltsam. Das niedere Volk versammelt sich auf dem Treppenabsatz.«
    »Grundlinge? Auf dem Treppenabsatz? Wird jemand gebäumt?«
    Amora trat neben sie und blickte auf die Menschenmenge
    in schlichten Tuniken und Überwürfen hinab – die
    Bauern, die Bewohner des Drecks. Die Grundlinge. Sie lungerten
    herum und starrten zu ihnen herauf.
    »Ich glaube nicht, dass das heute stattfindet«, sagte Flora.
    »Es muss so sein, wenn der Pöbel sich auf dem Treppenabsatz
    versammelt. Der älteste Bruder der Rackel-Brut, der Fette,
    wartet jetzt seit Wochen auf sein Schicksal auf den Balken.
    Vater muss endlich beschlossen haben, ihn bäumen zu lassen.«
    »Ich dachte, die Verzögerung würde bedeuten, dass er nicht
    gebäumt wird. Normalerweise entscheidet Vater binnen Augenblicken
    über das Schicksal eines Mannes.«
    »Aber ja, binnen zorniger Augenblicke. Sieh sie dir an, wie sie
    herumwimmeln wie Fleischaffen, grunzend und kreischend.
    Sie sind gekommen, um zu sehen, ob Rackel den Sturz überlebt,
    ich sage es dir.«
    »Wie hoch in den Richtbaum werden sie ihn bringen?«
    »Ich wette, bis ganz nach oben. Der fette Rackel hatte sich
    mit dem Wüstenvolk verschworen, um den Federsee trockenzulegen.
    Diese sandfressenden Wüstengrundlinge wollen ihren
    dreckigen Sand mit unserem sauberen Nass bewässern.
    Vater hat ein Truppenkontingent geschickt, um ihre Ingenatoren
    und Schaufler zu vertreiben, und dabei die Verschwörung
    aufgedeckt. Der fette Rackel verdient jeden Ast, den er
    trifft.«
    »Ganz nach oben?«
    »Gewiss. Falls sie seinen fetten Arsch so weit hinaufhieven
    können.«
    »Er wird direkt an unserem Fenster vorbeifallen!«
    Ihre lange dunkle Mähne hing über den Rand des Beckens,
    und sie beobachtete die Grundlinge. Sie wuselten so weit unter
    ihr herum, dass sie weniger Bedeutung zu haben schienen als
    Nagetiere, doch warteten sie auf das gleiche tödliche Spektakel
    und waren ein ebenso gewolltes Publikum wie sie und ihre
    königliche Schwester. Sogar noch mehr.
    »Der Pöbel ist neugierig auf die Welt über ihm«, überlegte
    Amora laut. »Sollen wir sie anspucken?«
    »Es regnet. Sie werden es nicht bemerken.«
    »Genau. Sie werden ebenso lächerlich unwissend sein wie
    immer.« Amora hustete einen Mund voll Schleim hoch.
    »Du bist wirklich gemein.«
    Amora spuckte zweimal aus und ermutigte Flora, es ebenfalls
    zu versuchen, was diese auch tat. Es war nicht so befriedigend,
    wie ihre Schwester es angedeutet hatte; die Menschen
    waren zu weit entfernt, um zu erkennen, ob sie sie getroffen
    hatte. Wenn ja, reagierten sie nicht, und es machte wohl kaum
    Spaß, Grundlinge anzuspucken, die nicht reagierten.
    Bei einem Geräusch von oben hoben sie die Köpfe – irgendetwas
    ging in dem nahen Baum, dem Richtbaum, vor sich. Das
    Geschehen wurde von Ästen und Blättern verdeckt, war aber
    laut genug, dass Flora wusste, dass stratanische Lichtungswachen
    einen Mann auf die Büßerplattform zerrten, die oberhalb
    der höchsten Äste aus dem Baumstamm ragte. Ein dummer
    Name,
    dachte Flora. Es zählt nicht, etwas zu bereuen, wenn man gleich
    in den Tod gestoßen wird.
    Der Sturz von der Plattform war tief, bevor
    irgendwelche Äste dem Verurteilten eine Chance boten,
    nach Rettung zu greifen. Es geschah selten, dass jemand seinen
    Sturz bremste, aber im Laufe der Geschichte der Lichtung
    hatten einige es geschafft, und sie waren begnadigt worden.
    Graf Dörrtal, der wegen der Ermordung seiner eigenen Frau
    verurteilt worden war, hatte sich mit einem berühmt gewordenen
    Hüpfer gerettet, als er mitten auf einem dicken Ast gelandet
    war, mit seinem gleichermaßen dicken Bauch, oder zumindest
    ging so die Geschichte. Die Tötung seiner Frau war
    als gerechtfertigt erklärt worden – oder warum hätten die
    Götter ihn sonst verschont? Flora hatte zu ihren Lebzeiten
    noch niemanden davonkommen sehen. Da sie selbst eine Kletterin
    war, hatte sie sich jedoch im Kopf zurechtgelegt, wie es
    zu bewerkstelligen wäre: den Sturz zu Beginn abbremsen, indem man
    mit den Beinen die ersten Äste trifft – die stabilsten Äste, bei denen die
    Wahrscheinlichkeit am geringsten ist, dass sie beim Aufschlag abbrechen –,
    dann die Arme ausbreiten und den nächsten Ast packen und daran schwingen,
    um den Abwärtssog in eine seitliche Richtung umzulenken, darauf hoffend,
    dass die Handgelenke nicht gebrochen sind und man noch zupacken
    kann.
    Danach war es reines Glück. Ein beherzter Eichhörnchengriff
    vielleicht. Überlebende blieben nicht in Strata, nachdem
    sie gebäumt worden waren; in diesem Punkt waren die
    Archive eindeutig. Traditionellerweise flohen Überlebende der
    Bäumung nach der Demütigung, von oben heruntergeworfen
    worden zu sein wie der Inhalt eines Nachttopfes – den Floras
    Familie und andere Adelige vom entferntesten Ast des Stinkbaums
    in den Sumpf leerten. Überlebende einer Bäumung
    nahmen ihre verräterischen Narben und gebrochenen Glieder
    mit sich und kehrten nie mehr zurück.
    Eine Trompete wurde geblasen. Der Ruf der Gerechtigkeit.
    Amora klatschte erwartungsvoll in die Hände. »Sollen wir
    hinausklettern, um besser sehen zu können?«
    »Die Aussicht von hier ist gut genug«, antwortete Flora.
    »Außerdem, was ist, wenn er in unsere Richtung fällt? Ich
    habe gehört, ein gebäumter Mann habe einmal auf seinem
    Weg in die Tiefe eine übertrieben neugierige Herzogin mitgerissen.«
    »Das ist bloß eine Geschichte. Ich habe sie ein Dutzend
    Mal gehört, und mit jeder Schilderung verändert sie sich. Einmal
    war es eine Baronin, die umgerissen wurde, und einmal
    war es eine uns besuchende Königin!«
    Flora schnaubte. »Ein paar unterschiedliche Einzelheiten
    bedeuten nicht, dass die Geschichte nicht wahr ist.« Sie kannte
    die verschiedenen Versionen ebenfalls, aber sie genoss es immer
    wieder, sie zu hören. Tatsächlich liebte sie Geschichten,
    vor allem die unmöglichen. »In allen Geschichten steckt ein
    Körnchen Wahrheit, selbst in den Mythen.«
    Nachdem sie über ihren Aussichtsplatz entschieden hatten,
    setzten sie sich hin, um zuzusehen. Es war sehr aufregend. Der
    lange Sturz des Verurteilten lockte immer eine Menschenmenge
    an. Es war Gerechtigkeit. Es war Leben. Aufstieg und
    Fall. Wachstum und Tod. Leben erhob sich aus dem Boden
    und wuchs; und wenn es verfault war oder starb, fiel es herunter
    und kehrte zur Erde zurück.
    Der Verurteilte stand jetzt auf der Plattform, dem höchsten
    Punkt im Baum der Gerechtigkeit, der das Gewicht von zwei
    Wachen und einem glücklosen Gefangenen tragen konnte. Von
    dort, wo die Schwestern sich auf den Rand von Floras Wasserbecken
    lehnten, war der Mann eine ferne Silhouette. Zwei massige
    stratanische Lichtungswachen flankierten ihn, so muskelbepackt,
    dass ihre Leiber erkennbar waren, obwohl sie
    eigentlich nur Schatten vor dem Hintergrund des Himmels
    waren – Fichtan und Eicham Krud, die Amora »die Fichte-
    und-Eiche-Brüder« nannte. Neben ihnen sah der verurteilte
    Rackel klein aus. Aus dieser Entfernung wirkt er eigentlich nicht
    besonders fett.
    Die Gebrüder Krud zerrten ihn zum Rand und stützten
    ihn, damit er nicht zusammenbrach oder sich wie ein panischer
    Affe an die Plattform klammerte. Auch ihr königlicher
    Vater war mit dort oben, um das Urteil zu verkünden. Es wurde
    etwas gesagt, zu leise, um es zu verstehen, dann warfen die Brüder
    den Gefangenen ohne viel Federlesens über den Rand.
    Flora und Amora schnappten gleichzeitig nach Luft. Der
    Verurteilte verdrehte die Glieder, um zu versuchen, sich zu retten.
    Er war beweglicher, als Flora erwartet hatte, und seine
    Hände waren nicht gefesselt. Er ruderte mit den Armen, um
    die ersten Äste abzuwehren. Nein!, dachte Flora. Er sollte sich daran
    festhalten.
    Oben waren die dünnen Zweige der Baumkronen,
    die ohne Verletzungsgefahr genutzt werden konnten, um die
    Wucht des Sturzes zu bremsen, aber Rackel mied sie und
    nahm stattdessen Geschwindigkeit auf. Als er auf Floras Fenster
    zustürzte, verfing sich sein Bein an einem größeren Ast und
    ließ ihn unkontrolliert herumwirbeln. Seine bloßen Arme und
    Beine flogen in alle Richtungen.
    »Er ist nackt!«, quiekte Amora mit einer Mischung aus
    Entsetzen und Erheiterung.
    Und dünn. Flora runzelte die Stirn. Und jung.
    Der nächste Ast traf ihn in die Rippen und trieb ihm mit
    einem Wusch, das sie von weit unten hören konnten, die Luft
    aus der Lunge. Aber der Ast verlangsamte seinen Sturz nicht;
    nicht genug. Als sein Kopf gegen einen anderen dicken Ast
    schlug, ertönte ein scharfer Laut, als würde ein Fleischaffe auf
    einem Stein eine Tuftornuss knacken. Er war jetzt direkt über
    ihnen und fiel immer noch sehr schnell. Schließlich konnte
    Flora sein Gesicht erkennen.
    »Amora, das ist nicht der fette Rackel. Das ist …«
    Enic, der Stallbursche, schoss vorbei, erschlafft von einem
    vernichtenden Schlag gegen den Schädel. Aus dem offenen
    Loch in seinem Kopf spritzte fettige Flüssigkeit in Floras
    sauberes Wasserbecken. Er würde während der verbleibenden
    Reise zur Erde keinen Ästen mehr ausweichen. Er war bereits
    tot.

    Kapitel 2
    Könige und Königinnen


    »Bist du zornig, Vater?«, fragte Flora.
    »Nein«, antwortete König Leonard Evangelin.
    Mit siebenunddreißig Jahren war ihr königlicher Vater körperlich
    immer noch kräftig, nun aber eher sehnig als muskulös.
    Obwohl er früher ein schwergewichtiger Mann gewesen
    war, klagte Floras Mutter, dass sein Appetit in letzter Zeit vor
    Sorge gelitten habe. Das Herrschen hatte den Großkater, wie
    seine Waldkrieger ihn nannten, altern lassen. Sie respektierten
    ihn, denn er war ein zuverlässiger, entschiedener und gerechter
    Mann. Aber nun saß er rastlos vor seiner Tochter auf dem
    Thron in der Lichtungshalle wie ein Kater, der sich bereit
    machte, sich auf jemanden zu stürzen oder zu fliehen oder einfach
    frustriert zu miauen.
    Natürlich ist er zornig, dachte Flora. Er hat gerade den Befehl gegeben,
    einen Jungen von einem Baum zu werfen!

    »Ich muss dir lediglich eine Frage stellen«, fuhr er fort.
    »Man hat einen Jungen aus dem gemeinen Volk unbekleidet
    im Zimmer deiner Schwester gefunden, wo sein unteres Glied
    steif wie ein Ast hervorragte. Amora sagt, eine deiner Dienerinnen
    habe ihn dort hingebracht. Die kleine Egmont. Das
    Mädchen bestreitet es. Was hast du dazu zu sagen?«
    »Er ist tot, nicht wahr?«
    Der Großkater knurrte. Es war nicht die Antwort, die er
    hören wollte. »Er ist verurteilt worden. Er gehört der Vergangenheit
    an. Es ist passiert. Und zu Recht, wie es mein Gesetzesgeber
    bestätigt hat.« Er deutete auf den Mann in Amtsrobe
    an seiner Seite, Benavere Schuster, der zurücknickte. »Jetzt erklär
    mir, wie ein nackter Grundling im Zimmer einer Prinzessin
    auftauchen konnte.«
    »Ich habe ihn nicht dort hingebracht.«
    »Natürlich nicht. Nicht du. Das weiß ich. Du bist mein
    zarter grüner Zweig. Aber ich wette, du weißt, wer es getan
    hat … nicht wahr?«
    Flora sah, dass er darum kämpfte, vor seinem beträchtlichen
    Publikum ruhig zu bleiben – vor Amora, Schuster, seiner
    Lichtungswache, dem irritierenden Meistermönch, der
    Flora immer auf die Finger schlug, wenn sie im Unterricht uralte
    Namen falsch aussprach. Und vor meiner Mutter. Es waren
    nicht sehr viele Menschen, aber sehr wichtige. Auch Eggie war
    da. Das Fehlen von Enics Familie fiel auf. Ihr königlicher Vater
    würde sich später persönlich mit ihnen treffen, um das Urteil
    und die schnelle Bestrafung zu erklären. Allzu schnell – Enic hätte
    dir sagen können, wer ihn nach oben gebeten hat, wenn du ihn nicht getötet
    hättest, du verrückter Kater!
    Die Familie bekam erst Gelegenheit,
    Beschwerden zu äußern, nachdem das Urteil bereits vollstreckt
    war. Aber wie sollen sie sich beschweren? Ein Stalljunge hatte nichts
    im Zimmer einer Prinzessin zu suchen – schon gar nicht nackt.
    Außerdem würde ihr Vater dafür sorgen, dass Enics Familie
    alle ausstehenden Löhne bekam, die der Stalljunge verdient
    hatte. Er ist ein guter, gerechter Mann, dachte Flora, aber auch ein Mann
    voller Launen.
    Es war klug, das nicht zu vergessen.
    Eggie stand starr und mit steinerner Miene da – steif wie ein
    Ast.
    Sie wurde von einer Lichtungswache flankiert, deren riesige
    Hand auf ihrer Schulter lag. Sie betrachtete Flora mit dem
    gleichen intensiven Blick, wie wenn sie darüber nachgrübelte,
    wie man ein Schubkarrenrad reparieren konnte. Oder ein Becken
    mit stehendem Wasser.
    Amora saß krumm wie eine gescholtene
    Hündin vor ihrer königlichen Mutter, die ihr beruhigend den
    Rücken tätschelte. Ihre Wangen waren tränenüberströmt, und
    sie sah Flora mit flehenden Augen an. Die Konsequenzen waren
    ernst. Ein Junge war tot. Nur ein Junge aus dem niederen Volk,
    den Göttern sei gedankt, aber trotzdem
    … Amora sollte sich ihre Unschuld
    für einen Prinzen aufsparen, der eines Tages kommen
    würde, nicht für irgendeinen Grundling mit einem steifen Ast.
    Eggie kam aus dem Volk. Wie Enic. Ihre mögliche Strafe würde
    sich von der Amoras ebenso gewaltig unterscheiden wie ihrer
    beider Geburtsrechte.
    Flora wünschte, sie könnte so schnell Worte finden wie ihr
    königlicher Vater. Er hatte sie gelehrt, dass ein guter Herrscher
    entschlossen sein musste. Aber Impulsivität, Instinkt
    und Zorn halfen ihr nicht, so wie sie ihm halfen. Sie litt an der
    Unentschlossenheit, die aus Vorsicht und Nachdenklichkeit
    geboren war, und jetzt verließ sie auch noch ihre träge Vernunft.
    Alle schauen her. Sie stand mitten auf der Bühne vor einem
    gebannten Publikum, das auf ihre nächste Zeile wartete, wie
    bei einer Wanderschauspielerin in einem Drama. Die Wahrheit
    ist fast immer die richtige Antwort.
    Flora öffnete den Mund, um zu
    sprechen. Aber die Worte blieben ihr im Hals stecken, als ihr
    ein anderer Gedanke durch den Kopf schoss – Schwestern geben
    einander Rückendeckung.
    Es war ein weiterer heimlicher Pakt, auf
    den Amora sie in tiefster Nacht eingeschworen hatte – einer
    Zeit, zu der Floras Schwester viele ihrer Lebensregeln formulierte.
    Und wieder hatte Flora alles abgenickt, ob sie es glaubte
    oder nicht.
    »Eggie mag Jungen«, sagte Flora schließlich. Das stimmte
    durchaus – Eggie war ein Mädchen, und Amora zufolge mochten
    alle Mädchen Jungen. Und tatsächlich hatte Eggie mit ihnen
    beiden einmal über Neve, den Küchenjungen, gekichert.
    Und Eggie hatte Enic wahrscheinlich gekannt, obwohl sie
    keine Unzucht mit ihm getrieben haben würde, da sie der königlichen
    Familie in den Türmen diente und er ein Grundling
    war, der Pferdescheiße schaufelte. »Und ich denke, sie hat den
    nackten Jungen gekannt. Sie sind schließlich beide Diener«,
    fügte Flora hinzu. Dann zuckte sie die Achseln, als lade sie das
    Publikum ein, die Verbindung selbst herzustellen.
    Die Stimme ihres königlichen Vaters hob sich um eine Oktave.
    »Und sie hat einen nackten Jungen, den sie kannte, in das
    Schlafzimmer einer Prinzessin gebracht?«
    »Ich weiß es nicht. Aber wie sollte er sonst dort hingelangt
    sein?«
    Sie beobachtete ihr Publikum. Einige Männer und Frauen
    nickten. Andere seufzten wissend – vulgäre junge Grundlinge würden
    auf einem Esstisch rammeln, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu bot,
    überlegten sie. Warum sollten sie es nicht in einem eleganten königlichen
    Schlafzimmer tun?
    Floras Andeutung reichte. Und sie hatte es
    ohne eine tatsächliche Lüge geschafft.
    Ein erleichterter Ausdruck huschte über Amoras Züge,
    dann erschien der Anflug eines Lächelns auf ihrem Schmollmund.
    Sie machte eine dezente Handbewegung, zwei zusammengedrückte
    Finger. Schwestern.
    Flora wollte Eggie nicht ansehen, aber ihre Dienerin stand
    nahebei, direkt neben dem Thron. Ihre Lippen waren zusammengepresst,
    und ihre Schweinenasenflügel blähten sich. Wenn
    sie das tut, ist sie besonders hässlich.
    Aber statt sich zu verteidigen
    oder zu protestieren, blinzelte sie nur. Ein Zeichen? Wer konnte
    das wissen?
    Flora war erleichtert. Es hätte schlimmer kommen können.
    Eggie hätte »Lügnerin!« schreien können. Nein, hätte sie nicht,
    denn Flora hatte nicht gelogen. Außerdem war Flora die Tochter
    eines Königs.
    Und eine Prinzessin kann tun, was immer ihr beliebt.

    Königin Evita Evangelin stand auf dem geschwungenen Balkon
    des Königsturms mit Blick auf die Lichtung, und ihr
    pechschwarzes Haar fiel ihr wie ein Schleier halb übers Gesicht.
    Es ist auch der Königinnenturm, dachte Flora – ihre königliche
    Mutter war ebenso Herrscherin über Strata wie ihr königlicher
    Vater. Aber da sie in der Öffentlichkeit niemals stritten,
    war ihre Doppelherrschaft für das gewöhnliche Volk nicht
    sichtbar. Flora hörte gelegentlich Geschrei hinter der dicken
    Tuftortür mit dem goldenen Katzenkopfklopfer, größtenteils
    von ihrem Vater, aber sie wusste, dass ihre Mutter mit ihrer
    kühlen Logik ebenso oft gewann, wie sie verlor. Und wenn sie
    nach einer privaten Beratung wieder auftauchten, benahmen
    sie sich, als wären sie die ganze Zeit einer Meinung gewesen.
    Flora stützte sich mit ihrer Mutter auf das geschwungene
    hölzerne Geländer, ganze zehn Etagen über dem Boden. Ein
    langer Sturz für eine Prinzessin.
    Doch es bestand keine Gefahr, dass
    das königliche Geländer nachgeben würde – die Zapfenverbindungen
    waren zwei Generationen zuvor von einem stratanischen
    Handwerksmeister maßgefertigt worden, als Königin
    Tetra Evangelin den Turm um vier Etagen hatte erweitern lassen,
    damit er das höchste Gebäude auf der Lichtung wurde.
    Königin Tetra mochte die elegante Spiralstruktur lieber als
    den Festungsklotz ihres Mannes etwas weiter nördlich, der
    jetzt die Lichtungshalle war – ebenfalls ein hohes Gebäude,
    aber älter und erbaut, bevor die stratanische Architektur lebende
    Bäume einbezogen hatte. Tetra hatte ihren Ehemann
    nicht besonders gemocht, hieß es, und sie hatte den zauberhaften
    gewundenen Anbau ihres neuen Heims in gleichem Maße
    befohlen, um die Erinnerung an ihn und das Leben in der
    Lichtungshalle hinter sich zu lassen, wie um sich in der Waldhauptstadt
    Strata einen Namen zu machen.
    Wie Floras eigener Turm folgte Tetras Meisterwerk einem
    himmelhohen Tuftorbaum in die Wolken. Der Turm schlang
    sich um den Baum wie eine Wendeltreppe mit stabilen geschlossenen
    Plattformen auf jeder Etage. Flora wurde gern in
    den Turm ihrer Eltern gerufen. Wenn sie auf einen Ausguck
    stieg, den eine Königin entworfen und gebaut hatte, bot ihr
    das eine andere Perspektive, die Perspektive einer Königin. Vor allem
    war er ein wenig höher als Floras eigener Turm, und es gab weniger
    Blätter dort oben, die die Aussicht versperrten. Die
    Sonne schien kräftiger, und sie konnte weiter und klarer sehen.
    Ihre Schwester dagegen beklagte sich, dass sie sich schutzlos
    fühle, wann immer sie sich dort aufhielt. »Als würde ich von
    einem übereifrigen Mönch aus einem kühlen dunklen Raum
    ins grelle Morgenlicht gezerrt, nachdem ich mir am Abend
    zuvor zu viele Becher Wein einverleibt habe.«
    »Vater hat einen unschuldigen Jungen getötet«, sagte Flora
    ohne jede Einleitung.
    Ihre Mutter sah sie nicht einmal an. Und sie wirkte auch
    nicht überrascht, obwohl Flora vorgehabt hatte, sie zu erschüttern.
    »Ach ja?«
    »Ja. Er hat einen Tobsuchtsanfall gehabt und ihn ohne Untersuchung
    bäumen lassen.«
    »Hast du ihn toben hören?«
    »Ich kann ihn im Geiste hören.«
    »Der Junge ist verurteilt worden. Ja. Es war ein hartes Urteil.
    Aber war es wirklich die Entscheidung deines Vaters?«
    »Wessen Entscheidung soll es denn sonst gewesen sein?«
    Ihre königliche Mutter tätschelte ihr geistesabwesend die
    Hand und fuhr fort, die Aussicht zu betrachten. »Ja, wessen
    Entscheidung, in der Tat?«
    Flora starrte sie ungläubig an. »Was? Du? Nein. Das würdest
    du nicht tun!«
    »Channeri Läufer hat ihn im Zimmer deiner Schwester gefunden.
    Ich nehme an, Channeri ist in die Stadt gekommen,
    um ein wenig eigenen Turmtratsch zu verbreiten. Und da saß
    er, wartete nackt auf dem Bett, eine saftige Portion Klatsch für
    den Hof – und wertvoll. Verstehst du, Channeri redet viel,
    und sie war schon immer eifersüchtig auf Amora, und deine
    Schwester trägt wenig dazu bei, sie davon abzubringen. Channeri
    hätte allen in Strata erzählt, die Thronerbin sei unkeusch.
    Der Wert deiner Schwester als Ehefrau wäre in den Augen
    möglicher Bewerber dramatisch gesunken.«
    »Ihr Wert?« Flora schäumte. Sie war zornig. Aber auf wen? Es
    war leicht, böse auf ihren aufbrausenden Vater zu sein, aber es
    fiel ihr schwer, ihrer vernünftigen Mutter zu zürnen. Noch
    konnte sie auf Enic wütend sein, weil er sich seinen Tod eingehandelt
    hatte. Er war ein netter Junge gewesen, wenn auch ein
    wenig stumpfsinnig. Er hatte ihr einmal einen Rat gegeben, als
    sie ausgeritten war. »Nehmt nicht das Pony«, hatte er gesagt.
    »Ein Mädchen mit Mumm, wie Ihr es seid, wird auch mit der
    Stute fertig.« Das hatte ihr gefallen. Und er hatte recht. Sie war
    mit der Stute so gut fertiggeworden wie eine doppelt so alte
    Reiterin. Enic war das Opfer ihrer Schwester und der großmäuligen
    Channeri. Und das Opfer meiner königlichen Mutter.
    »Vielleicht hättest du Channeri vom Baum werfen lassen
    sollen.«
    »Es wurde erwogen«, antwortete ihre Mutter zu Floras
    Überraschung. »Aber Channeri ist die Tochter eines Herzogs.
    Man hätte zu viel erklären müssen. Außerdem war sie bereits
    in die Küche gelaufen, um die Nachricht dort zu verbreiten.
    Wir mussten die Geschichte unter Kontrolle bekommen, und
    sie hatte ihre Version davon bereits erzählt. Eine Lichtungswache
    hat den Jungen gepackt, bevor er noch seine Kniehose
    hochziehen konnte. Wir haben ihn daran gehindert, ihre Geschichte
    zu bestätigen.«
    »Warum habt ihr ihn nicht einfach dazu gezwungen, alles
    geheim zu halten. Damit gedroht, ihn zu bäumen?«
    »Oh, mein liebes Mädchen. Junge Menschen können keine
    Geheimnisse hüten. Nur Alter und Erfahrung lehren Menschen,
    den Mund zu halten. Wie gesagt, die Information war
    zu wertvoll – er hätte sie irgendwann ausgeplappert, vielleicht
    betrunken bei einem Kartenspiel. Aber halte mich nicht für
    ein Ungeheuer. Wenn ich ihn gefunden hätte, hätte ich ihn
    seiner Wege geschickt; niemand würde einem Grundling aus
    den Ställen glauben, der mit einem Ausflug in die Gemächer
    einer Prinzessin prahlt. Zwei Kupfermünzen kaufen dir in
    einer Taverne ein Dutzend dieser ›erstaunlichen‹ Geschichten.
    Aber Channeri ist die Tochter eines Herzogs. Hätte er
    ihr Gerücht bestätigt, hätte die Geschichte die Runde gemacht.
    Nein, wir konnten nicht darauf vertrauen, dass er diesen
    Leckerbissen für sich behielt. Doch bei den Toten kann
    man sich immer darauf verlassen, dass sie ein Geheimnis
    wahren.«
    Flora nickte. Es war eine Lektion. Ihre Mutter erteilte sie
    ihr. »Hast du Vater damit überzeugt?«
    »Nein. Das war viel einfacher. Wie du gesagt hast, er ist
    leicht zu erzürnen, und der Gedanke, dass ein Grundling das
    Bett seiner Tochter besudelt hat, war Anlass genug. Er glaubt,
    die Tugend deiner Schwester wäre immer noch unversehrt.«
    Floras leerer Blick verriet ihrer Mutter, was sie wissen
    musste.
    »Bist du genauso naiv wie er? Was denkst du, weshalb ich
    Neve, den Küchenjungen, vor drei Monaten fortgeschickt
    habe?«
    »Oh.«
    »Ich war diejenige, die diesen Jungen zwischen den Beinen
    deiner Schwester gefunden hat, und so konnte ich ihn vor dem
    Abgrund retten.« Die Königin entfernte sich von dem Geländer
    und füllte sich einen hölzernen Kelch mit Apfelwein aus
    einem geschnitzten Schwanenkrug. Sie schenkte auch Flora einen
    Becher ein, wenn auch nur halb voll. »Fremdländische
    Prinzen können wählerisch sein, was ihre Verlobten betrifft.
    Man lehrt sie, ›Tugend‹ zu verlangen, aber was sie eigentlich
    meinen, ist eine Furche, die noch kein Mann gepflügt hat. Natürlich
    ergibt das keinen Sinn. Diese geilen Jungen erwarten,
    dass junge Mädchen das Lager mit ihnen teilen. Und doch erwarten
    sie, wenn sie Männer werden, eine Frau zu bekommen,
    die ihrerseits mit keinem Jungen das Lager geteilt hat. Und so
    müssen wir die Jungen zurückweisen oder die Männer belügen.
    Und deine Schwester ist eine begnadete Lügnerin.« Ihre
    Mutter warf sich ihr langes Haar über die Schultern und
    lachte leise. »Schön und gut – wer will schon ablehnen, wenn
    er jung ist. Aber sie hätte keinen Jungen in ihrem Zimmer lassen
    dürfen, wo ihre schwatzhafte Freundin ihn finden konnte.
    Unvorsichtig. Dumm. Sie hätte sich mit ihm in den Ställen
    treffen sollen, wo niemand einem Zeugen geglaubt hätte, selbst
    wenn ein Mann oder eine Frau aus dem gemeinen Volk sie gesehen
    hätte. Und sie hätte sich eine weniger nützliche Dienerin
    aussuchen sollen, um ihr die Schuld in die Schuhe zu schieben.
    Es sind Entscheidungen wie diese, die sie zu einer schwachen
    stratanischen Königin gemacht hätten.«
    »Gemacht hätten?«
    »Deine Schwester wird heiraten.«
    Flora schnappte nach Luft. Es hatte gar keine Gerüchte
    über einen Bewerber gegeben. Kein Gerede. Keine förmlichen
    Besuche seit dem des kleinen Sohnes des Obstgarten-Herzogs
    vor zwei Jahren, und der war noch ein Kind gewesen. Es gab
    nicht einmal einen passenden Kandidaten auf der Lichtung,
    oder? Flora ging im Geiste die heiratsfähigen Adeligen durch.
    »Heiraten? Ich dachte, sie würde Ärger bekommen!«
    »Den bekommt sie. Glaub mir, diese Heirat ist keine Belohnung
    für ihr Verhalten. Sie soll Prinz Ulgar vom Wüstenvolk
    heiraten. Dein Vater hat Iain Rackel gleich nach diesem Zwischenfall
    ausgeschickt, um die Verbindung einzufädeln.«
    »Der fette Rackel, der unter Bewachung stand?«
    »Ja. Er kennt das Wüstenvolk. Er wird deine Schwester anbieten,
    um unsere Königreiche zu einen und einen Krieg wegen
    des Federsees zu verhindern. Sie wird eine Königin des Sandes
    sein.«
    »Aber das bedeutet …«
    »Ja. Du wirst Königin des Großen Waldes von Strata werden.«
    Flora konnte den Gedanken kaum fassen. Ich werde Strata regieren.
    Einfach so, alles an einem einzigen Tag. Doch nagende
    Schuldgefühle überschatteten ihre Aufregung. Ihre Schwester
    würde weggeschickt werden, um ihr den Weg freizumachen,
    und ihr Pakt, gemeinsam über Strata zu regieren, würde gebrochen
    werden. Enic, der Stallbursche, war gestorben, um Floras
    Thronfolge zu ermöglichen, und …
    »Was wird aus Eggie?«, fragte sie.
    »Du hast recht daran getan, für deine Schwester zu lügen.«
    »Ich habe nicht gelogen. Nicht direkt.«
    »Du hast sehr wohl gelogen. Wie eine Königin. Es ist die
    eine königliche Fähigkeit, die deine Schwester und du tatsächlich
    zu teilen scheint.«
    »Es ist keine Fähigkeit, die ich teile. Ich meine, es ist keine
    Fähigkeit, die ich besitze. Es war schwer für mich, diese Dinge
    zu sagen. Es hat mir nicht gefallen.«
    »Dann schlägst du nach deinem Vater. Er könnte die Wahrheit
    nicht mal beschönigen, wenn es um sein Leben ginge. In
    der Tat, ich denke, es wird eines Tages sein Verderben sein.«
    »Aber Eggie …«
    »Oh ja. Die Dienerin wird nach unten geschickt werden,
    wenn auch nicht vom Baumwipfel aus. Keine Sorge. Sie hat uns
    jahrelang gut gedient, kluges Mädchen. Ihre Großmutter hat
    sich um mich gekümmert, als ich jung war, und sie hatte sich
    von den Tuftorwurzeln hochgearbeitet, um sich und ihrer Familie
    einen Platz in den Baumkronen zu sichern, wo sie dem
    Adel diente. Eggie wird nicht gebäumt werden.«
    Flora stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Wohin
    wird man sie dann schicken?«
    Ihre Mutter verdrehte die Augen, als wäre dies die geringste
    ihrer Sorgen.
    Und wahrscheinlich ist das auch so, dachte Flora. Viel war an diesem
    Tag geschehen.
    Evita Evangelin zuckte mit ihren königlichen Schultern.
    »Wie ich höre, ist in den Ställen eine Position frei geworden:
    Scheiße schaufeln.«

    Kapitel 3
    Beunruhigende Briefe


    Der erste Brief von Amora kam zehn Tage nachdem sie in
    einen sonnengebleichten Wagen verfrachtet worden war. In ihrem
    absurden grünen Hochzeitsgewand mit der belaubten,
    zehn Fuß langen Schleppe war sie von einem schwankenden
    Gespann mit vier buckeligen Pferden in die Wüste gekarrt
    worden.
    Flora nahm das versiegelte Papier von dem Kurier entgegen,
    stopfte es unter ihre Schärpe und kletterte in die Äste
    hinauf. Der Kurier – Kouglas war sein Name – rief ihr etwas
    nach, aufrichtig besorgt. Jede Lichtungswache war verantwortlich
    für ihr Wohlergehen, und es war keine ganz ungefährliche
    Angewohnheit, durch die Tuftorbäume zu klettern,
    jedenfalls nicht für ein durchschnittliches stratanisches Mädchen,
    das vielleicht hinunterfallen und sich das Genick brechen
    würde.
    Aber ich bin kein durchschnittliches stratanisches Mädchen!
    In der Tat wäre es für jeden tödlich gewesen, der nicht so
    geschickt darin war wie sie, über die Äste zu laufen, aber Flora
    lebte in der Baumkrone und war seit frühester Kindheit von
    Ast zu Ast gehüpft. Sie lief über die drei Handbreit dicken gegabelten
    Pfade drei Ebenen über der Erde. Kouglas folgte ihr,
    aber er war ein Renner, kein Kletterer. Ein Grundling. Sie führte
    ihn an der Nase herum, und er rannte unter ihr her und schrie
    Warnungen, die sie ignorierte, bis das dichter werdende Unterholz
    ihn bremste.
    Flora schlängelte sich weiter durch die Bäume, den ganzen
    Weg zu den Ruinen von Wychwald, wo sie sich anmutig von
    den Ästen auf die bröckelnde Steinmauer fallen und dann die
    Beine baumeln ließ. Der nasse Wychwald tropfte vom ewigen
    leichten Nebel. Er war nicht weit von der Lichtung entfernt,
    aber er stand in den Vorhügeln des zerklüfteten Rabenkamms,
    und die grauen stratanischen Wolken entließen ihre Bürde auf
    seine Hänge, wenn sie über die gezackten Gipfel zu klettern
    begannen. Der Nebel verlieh den Ruinen eine gewisse Stille,
    als hinge ein dünner Vorhang über ihnen.
    Flora beugte sich über den Brief, um ihn gegen die Feuchtigkeit
    zu schützen, und brach sein Wachssiegel. Das Papier
    war ein dünnes Pergament, hochwertiger, als sie es von dem
    wilden Sandvolk erwartet hätte. Mattias Ospringer, ein
    Bibliothekslehrling von der Lichtung, hatte ihr einmal erzählt,
    dass das Wüstenvolk, weil es in seiner staubigen Welt keine
    Bäume habe, Papier aus der Haut geschlachteter Lagerhunde
    mache. Oder es stahl – die Wüstenbewohner waren außerdem
    berüchtigte Räuber. Flora hatte die Geschichten über blutige
    Plünderungen von Karawanen gehört, die den Sand zwischen
    Strata, Tiborin und Schmutz durchquerten.
    Bei den Buchstaben im Brief handelte es sich offensichtlich
    um Amoras abgehacktes Gekritzel, verfasst in der Sprache der
    Evangelins, die Floras Großtante Hilda sie gelehrt hatte. Die
    Sprache war für alle außerhalb ihrer eigenen Familie unleserlich.
    Die Geheimschrift war jedoch nicht gänzlich unknackbar;
    einmal hatte ein Gelehrter aus dem Bibliotheksturm sie
    entschlüsselt, der hinreichend klug gewesen war – nicht Mattias.
    Aber dieser Gelehrte war zu klug gewesen. Man hat ihn
    gebäumt,
    erinnerte sich Flora, als sie den Brief ihrer Schwester
    auseinanderfaltete.

    Liebe, süße Flora,
    mein Leben ist erbärmlich.
    Ein Albtraum im Wachzustand. Ich kann so nicht weitermachen!
    Ich bin mit einem Wahnsinnigen verheiratet worden, der jede Nacht
    in mein Bett kommt, um mich zu schänden und zu demütigen. Und es
    ist nicht der Prinz, dem man mich versprochen hatte! Der alte, verlebte
    König hat mich seinem eigenen Sohn gestohlen und mich zu seiner
    zweiten Braut gemacht. Sein Sohn soll jetzt stattdessen irgendein
    Miststück von den Hügelvölkern heiraten.
    Ich bin unglücklich und staubig und allein. Ich kann das Grunzen
    und Murmeln meiner neuen Diener in ihrer hässlichen Sprache kaum
    verstehen. Überall um mich herum nur Dreck und Sand. Meilenweit
    kein Baum. Hier sind alle Grundlinge.
    Mutter und Vater haben auf meinen ersten Brief nicht geantwortet.
    Wirst du mir helfen? Du musst! Hol mich nach Hause. Für uns. Wir
    wollten Strata gemeinsam regieren. Du hast es geschworen!
    Außerdem vermisse ich dich.
    Deine dich liebende Schwester,
    Amora


    Flora ließ auf der einzigen Steinmauer in ganz Strata die
    Schultern hängen. Der Brief rührte sie zu Tränen, die Ungerechtigkeit
    des Ganzen weckte ihren Zorn, und ihre Hilflosigkeit
    wurde zu Verzweiflung.
    »Ahhhh!«
    Ihr menschlicher Schrei hallte durch den tropfenden Wald,
    dann senkte sich eine unheimliche Stille herab, als hätte sie bei
    der Kuttenzeremonie eines Mönchs eine unpassende Bemerkung
    gemacht, und alle hätten sich umgedreht, um sie anzustarren.
    Sämtliche Tiere lauschten, warteten, beobachteten sie.
    Sie lauern. Flora hatte ihre Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Es
    raschelte im Gebüsch, und sie sprang auf, während in ihrem
    Kopf Bilder von Panthern, Tigern und den sagenumwobenen
    Mynx erschienen – Letztere waren legendäre, pferdegroße
    Mörderkatzen mit gebogenen Reißzähnen, die angeblich
    »flinker als ein Fuchs und stärker als ein Ochs« waren.
    Flora spannte die Muskeln an, um in die Bäume zu springen
    und um ihr Leben zu rennen. Ihr Herz hämmerte wie eine
    Trommel, doch die Kreatur, die aus dem Blätterwerk brach,
    war eine andere Art von Großkater als der Mynx.
    »Vater?«
    Flora wusste nicht, ob sie erleichtert darüber war, dass ihr
    königlicher Vater gekommen war und nicht der Albtraum irgendeiner
    Kindergeschichte. Er wird zornig sein.
    Leo Evangelin erschien mit einem Stampfen seiner Affenfellstiefel
    auf Wychwalds uralten Pflastersteinen, die rissig
    und grün von einem Teppich aus Moos waren. Der Umhang
    aus dem gestreiften Fell des großen Tigers, den er als Junge erlegt
    hatte, um sich seinen Namen zu verdienen, flatterte hinter
    ihm her. Flora war der Wirbel peinlich, den sie mit ihrem
    Schrei verursacht hatte; sofort erschienen drei weitere Lichtungswachen,
    darunter Kouglas, der zweifellos Ärger bekommen
    würde, weil er sie aus den Augen verloren hatte. Selbst
    schuld, lahmer Schneckengrundling.
    Als Leo sah, dass sie unversehrt
    war, schnaubte er in wortlosem Ärger und scheuchte seine
    Wachleute schroff zurück auf die Lichtung. Dann seufzte er
    und kletterte die zerbrochenen Steine zu ihr hinauf. Es hatte
    keinen Sinn zu fliehen.
    Ich sitze in der Falle, dachte Flora, als König Leo Evangelin
    sich auf die gewaltigen Grundmauersteine hievte, die halb in
    der Erde begraben lagen, und dann den Schutt der Bresche
    bestieg, die vor Urzeiten gewaltsam in den Hauptwall der Festung
    geschlagen worden war.
    Die steinernen Ruinen der uralten Stadt erhoben sich wie
    riesige Grabsteine zwischen den Fichten, Kiefern und Tuftors,
    fast gänzlich vom Wald zurückerobert, verdeckt durch Bäume,
    Gräser und Farne, Hunderte von Jahren nachdem die grauen
    Mauern brutal in die neblige grüne Landschaft eingedrungen
    waren.
    Während ihr Vater kletterte, staunte Flora über das schiere
    Ausmaß der Steinbauten. Wie lange muss es gedauert haben, das alles
    zu erbauen?
    Ein halbes Jahrhundert, hatte sie gehört. Ein ganzes
    Leben.
    Der durchbrochene Wall schlängelte sich zwischen den
    gewaltigen Tuftors hindurch wie ein hoher gepflasterter Pfad,
    der einen großen Kreis bildete. Er war jetzt natürlich verfallen
    und verlassen, abgesehen von hungrigen Katzen und Fleischaffen,
    aber seine Überreste würden stehen, solange Flora es
    sich vorstellen konnte. Viele Generationen lang. Darin lagen Stolz
    und Schande. Mutige Menschenhände und geniale Ingenatoren
    hatten das Steinwunder mitten in der unwirtlichen
    Landschaft des nassen Waldes errichtet, und sie hatten sich seinen
    wilden Bewohnern gestellt, um ein mächtiges Zeugnis menschlicher
    Stärke zu erschaffen.
    Und meine stratanischen Vorfahren haben es niedergerissen.
    Es gab dazu natürlich eine Geschichte, und Flora kannte sie
    sehr gut. Stratanische Axtkrieger hatten Stein mit Holz besiegt.
    Sie hatten im Morgengrauen angegriffen und waren
    mithilfe hölzerner Gerüste in Massen über die Mauern gekommen.
    Der Wall war zu nah an dem dichten Blätterwerk
    von Wychwald gebaut worden, und die Mauerwache hatte das
    nächtliche Nahen der Feinde erst sehen können, als es zu spät
    gewesen war. Leitern waren zum Einsatz gekommen, bevor die
    Wychmänner ihre Bogenschützen zu den Schießscharten schicken
    konnten. Als die Bedrohung durch die Bogenschützen
    erst zunichtegemacht worden war, brachte man Rammböcke
    aus Tuftorbäumen herbei, um Löcher in die Mauern zu schlagen.
    Die Niederlage folgte schnell und unmissverständlich
    und legte die Schwäche einer massiven Felsfestung im tiefen
    Wald bloß. Steinerne Mauern und Burgen waren Bauten fürs
    offene Gelände – wie die Wüstenoase oder die Küstenstadt
    Schmutz. Es hatte ein halbes Jahrhundert gedauert, die Festung
    von Wychwald zu erbauen, und eine einzige Nacht, sie zu
    zerstören. Die Strataner hatten demonstriert, dass steinerne
    Bauten keinen Platz in ihrem dichten Wald hatten, zum blutigen
    Kummer der Wychmänner. Sie wurden von ihrer eigenen
    Schutzmauer geworfen – in einer primitiven Vorform moderner
    Bäumungen –, und das Zeitalter der Holztürme hielt das
    Vorrücken des Steins auf.
    »Du machst mir Angst, Prinzessin«, sagte ihr königlicher
    Vater, als er zu ihr auf den Wall trat. Er hatte sich angewöhnt,
    sie »Prinzessin« zu nennen, jetzt, da ihre Schwester fort war.
    Vorher war es immer »Zweig« gewesen. Amora hatte er
    »Knospe« genannt, bis sie das Alter ihrer ersten Blutung erreichte,
    und anschließend »Prinzessin«, wie es sich für eine
    junge Frau geziemte, die alt genug war, um auf einem Thron
    zu sitzen. »Du bist jetzt Stratas Thronerbin. Du darfst kein
    impulsives Kind mehr sein.«
    Flora wedelte mit Amoras Brief vor seiner Nase, als wollte
    sie ihn damit schlagen. »Amora hat dir eine Nachricht geschickt!
    Du hast sie ignoriert. Warum?«
    Er seufzte. Offensichtlich war das ein wunder Punkt. Er hat
    wahrscheinlich schon mehrere entnervende Beratungen zu diesem Thema mit
    meiner königlichen Mutter durchlitten.

    »Wir haben mit dem Wüstenvolk Frieden geschlossen. Ein
    guter, praktischer Handel. Ich werde diesen Frieden nicht stören,
    weil deiner Schwester irgendetwas nicht behagt.«
    »Nicht behagt? Du hast sie an einen alten Mann verkauft!«
    »König Ulag ist fünfunddreißig. Er ist jünger als ich und
    kaum alt zu nennen.«
    »Mehr als doppelt so alt wie sie. Und schrumpelig.«
    »Er hat Wüstenhaut – gesunde Runzeln von der Wüstensonne,
    nicht von hohem Alter.«
    »Und du wirst zusehen, wie der Traum deiner erstgeborenen
    Tochter, über unser eigenes Königreich zu herrschen, in
    diesem trostlosen Ödland ebenfalls dahinschrumpelt?«
    »Ja.«
    Flora schob die Unterlippe vor und verlangte mit ihrem
    Schmollmund eine bessere Erklärung.
    »Ich werde zu meinem Wort stehen, wie ein König es tun
    muss.« Er hielt inne und blickte sie vielsagend an. »Wie eine
    Königin es tun muss.«
    »Ich habe mein Wort nicht gegeben.«
    »Dann ist es gut, dass du noch keine Königin bist und keine
    Soldaten befehligst. Es wäre närrisch zu versuchen, sie zurückzuholen.
    Er ist ein stolzer Mann. Du müsstest ihn töten.
    Könntest du das tun, Zweig?«
    »Ja!«
    »Ha, er würde dich einfach ebenfalls töten. Und wo wärst
    du dann?«
    »Unsere Armeen können siegen.«
    »Ein Krieg wegen eines einzigen Mädchens?«
    »Einer einzigen Prinzessin.«
    »Einer einzigen Prinzessin, die sich schlecht benommen
    hat. Dieser staubige alte König tut mir beinahe leid. Außerdem
    habe ich noch eine andere Prinzessin.«
    »Amora ist dein eigen Fleisch und Blut und deine Thronerbin.«
    »Du bist jetzt meine Thronerbin. Würdest du das und das
    Leben all dieser Soldaten aufgeben?«
    »Ja. Mit Freuden, wenn es meine Schwester nach Hause
    brächte. Jeder loyale stratanische Soldat würde für die Ehre
    seiner Prinzessin sterben.«
    »Sei dir da nicht so sicher. Loyalität ist eine gute Sache,
    aber sie muss verdient werden, bevor man sie bekommt. Eine
    gute Königin ist besonnen genug, ihre Untertanen nicht in den
    Tod zu schicken, weil ein Mädchen in einem Brief irgendeine
    Geschichte ausbrütet. Jetzt lass uns nach Hause zurückkehren.«
    »Ich bleibe noch ein Weilchen. Es ist schön hier, und ich
    will mich darin üben, besonnener zu sein.«
    »Denk auf dem Heimweg darüber nach. Hier ist es nicht
    sicher. Du hast dich nicht bewaffnet, bevor du davongelaufen
    bist und es Kouglas überlassen hast, seinem König zu berichten,
    dass die Prinzessin ihn abgehängt habe. Er hat gezittert
    wie Espenlaub.«
    »Es scheint, dass ich ihn nicht gründlich genug abgehängt
    habe.«
    »Komm. Sonst wirst du noch von einem Mynx gefressen.«
    »Die gibt es nicht wirklich«, erklärte Flora. »Oder doch?«
    »Dann von einem mädchenfressenden Tiger. Der Fellumhang,
    den ich trage, ist echt. Ich habe in ebendiesem Wychwald
    die Kehle dieses großen Tieres durchgeschnitten, als
    ich …«
    »Als du ein Junge warst. Ich kenne die Geschichte.«
    »Es ist keine Geschichte. Es ist wirklich passiert. Dieses Fell
    ist der Beweis. Du kannst es berühren. Du kannst es fühlen.
    Ich war mit einer Klinge ausgerüstet, als ich jung war, nicht
    mit Tagträumen und mürrischen Launen. Ich habe mich nicht
    vom schönen Schein der Welt täuschen lassen. Ich lebe noch,
    und dieses Tier ist tot, weil ich nach Fährten auf dem Boden
    gesucht habe, nach Klauenspuren an Baumstämmen und nach
    Blutstropfen auf Blättern. Dein Aufstieg zum Thron wird
    schwierig werden, wenn du nicht den Unterschied lernst zwischen
    einer fantastischen Geschichte und dem, was real ist.«

    Kapitel 4
    Eine fantastische Geschichte


    Es kamen drei weitere Briefe, jeder eindringlicher als der vorangegangene.
    Beim Lesen konnte Flora beinahe die Stimme
    ihrer Schwester hören, mit ihrem vertrauten schrillen Ton, bei
    dem sie immer zusammenzuckte. Und die Nachrichten waren
    schlimm. Man hatte Amora gezwungen, Insekten zu essen!
    Und all ihre stratanischen Kleider wegzuwerfen. Wie die stinkenden
    Wilden, unter denen sie lebte, konnte sie oft tagelang
    nicht baden. Und der Sand fand seinen Weg in jede Nische
    und jede Ritze ihres Körpers, schrieb sie. »Nicht unähnlich
    meinem lüsternen Gemahl!« Sie nannte ihn sogar »Sandmann«.
    Ich muss sie retten, dachte Flora, als sie sich auf ihren Stuhl an
    der gewaltigen Festtafel in der Lichtungshalle setzte. Ihr
    königlicher Vater und ihre königliche Mutter saßen am Kopfende
    des Tisches, flankiert von ihren Ratgebern. Flora nahm
    weiter unten Platz, wo sie sich nicht in ihrem direkten Blickfeld
    befand. Sie lächelten, tunkten Nüsse in Seetaucherleberöl
    und warteten mit beschämend guter Laune auf das
    Unterhaltungsprogramm des Abends, als wäre die Vergewaltigung
    ihrer ältesten Tochter ihre geringste Sorge, als würde Amora
    nicht in der heißen Wüste gefoltert und entehrt, während sie
    sich inmitten munterer Gäste in einer kühlen Halle an frischem
    Gemüse und Wildbretpasteten gütlich taten. Es war
    der Tag der Dankbaren Ernte, aber die Feier fühlte sich für
    Flora so hohl an wie der Turm der Thronerben ohne ihre
    Schwester.
    »Da kommt der Barde!«, rief Graf Wanken, der weiter unten
    in der Mitte der Tafel saß. Wanken war ein fetter Mann,
    der Floras Meinung nach Feste ein wenig zu sehr genoss.
    Zuerst fragte sie sich, ob Wanken den Ausrufer ihres Vaters
    meinte, Schnickschnack, der neben dem Thron stand.
    Schnickschnack fungierte auch als Hofnarr des Königs, und
    sie hatte ihn als Kind ungemein witzig gefunden – oft hatte
    sie sich vor Lachen gekrümmt, wenn er seinen Schlapphut aufgesetzt
    hatte und herumgetollt war, während er so tat, als wäre
    er ein Affe oder ein Löwe. Doch seit sie älter als zehn war,
    hatte sie festgestellt, dass sie all seine Witze schon aufsagen
    konnte, bevor er sie ausgesprochen hatte, und statt lustig fand
    sie ihn jetzt ermüdend oder sogar ärgerlich. Aber Schnickschnack
    rührte sich nicht von der Stelle. Stattdessen klammerte
    er sich am Thron fest, wie ein Kind, das befürchtete,
    man könnte ihm sein Spielzeug wegnehmen.
    »Wo ist sie?«, rief Floras Onkel Vernon ein wenig zu laut.
    Vernon war der jüngere Bruder ihres Vaters und nach Flora
    der Nächste in der Thronfolge, nun, da Amora fort war. Er
    beugte sich über den Tisch, stieß Kelche um und grölte.
    Sie? Barden waren doch immer Männer, dachte Flora. Vielleicht
    hat mein Onkel bereits zu viele Becher genossen.
    Er war ein berüchtigter
    Trinker. Amora hatte Vernon sogar »Trunkel« getauft.
    Es gab eine Geschichte, nach der er einmal bei einer Hochzeit,
    ohne hinzuschauen, aus einem Fenster der Lichtungshalle gepinkelt
    hatte, genau auf die Mutter des Bräutigams. Flora war
    sich nicht sicher, wessen Hochzeit es gewesen war, aber so ging
    die Geschichte.

    Royce Buckingham

    Wusstest du, dass Royce Buckinghams Inspiration für "Die Klinge des Waldes" eine "Disney"-Prinzessin war?

    Warum schreiben Sie?
    Weil ich so viele Geschichten in meinem Kopf habe. Wenn ich sie nicht herausbekomme, werden Sie mich noch wahnsinnig machen!

    Haben Sie ein Lieblingsgenre?

    Mittelalterliche Fantasy. Früher mochte ich am liebsten Horrorgeschichten. Dann bekam ich Kinder und die Horrorgeschichten verloren ihre Sogkraft. Da ich kein Teenager mehr bin, faszinieren mich Geschichten über Teenager, die im Wald getötet werden, nicht mehr so sehr. Außerdem habe ich mehrere davon. Allerdings gefallen mir gute Gruselgeschichten auch heute noch.

    Was hat es mit Mittelalter-Fantasy auf sich?

    Ich mag das Konzept des Rittertums, das mit diesem (recht frei ausgelegten) Zeitalter assoziiert wird. Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen tatsächlich ritterlich waren, doch das Konzept eignet sich für einen Charakter gut als Motivation, Heuchelei und inneren Konflikt. Meine Freude am Genre des Mittelalters geht auch auf das Spiel "Dungeons & Dragons" zurück, bei dem ich lernte, mir mittelalterliche Szenarien auszudenken. Ich habe eine klare Vorstellung davon, wie mittelalterliche Fantasy-Welten aussehen können.
    Mir gefällt, dass es keine Technik gibt. Vor diesem Hintergrund scheint es jede Menge Möglichkeiten für Konflikte, Herausforderungen und Dramen zu geben.
    In meinem neuen Roman, "Die Klinge des Waldes", kommt ein Erfinder vor, der Gegenstände entwirft und baut, die ich mir ausgedacht habe. Sie erscheinen plausibel. Es würde mir heute schwerer fallen, mir Science Fiction auszudenken. Angesichts der technischen Fortschritte unserer Zeit ist es nicht leicht, sich Neuerungen vorzustellen, die über das hinausgehen, was Erfinder bereits tatsächlich tun. Die Technik vermag uns immer wieder zu begeistern. Für mich ist es einfacher (und lustiger), mir vorzustellen, was die Menschen im Mittelalter in Staunen versetzt hat.

    Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
    In der mittelalterlichen Welt wäre ein mechanischer Elefant faszinierend. In unserer modernen Welt wäre das vielleicht eine Internetsensation für einen Tag. Erschaffe ich also einen mechanischen Elefanten mit einem Rüssel, aus dem Flammen lodern, und Stoßzähnen, die Pfeile abschießen, werden meine Charaktere (und mein Publikum) sagen: "Wie kann das sein?" oder "Das ist unglaublich!", und nicht: "Ach, cool, und was ist sonst noch auf YouTube?"

    Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Geschichten?
    Aus allen möglichen Dingen. Eine Geschichte ist ein Drama über alltägliche Probleme, die jeder haben könnte, getreu dem Motto: "Oh nein! Man wird mich töten und ich will nicht …" Das ist sowohl heute als auch im Mittelalter ein echtes Problem. Tatsächlich war es damals wohl schwieriger zu leben und zu überleben. Ein gewöhnliches Drama kann Themen wie "Ich liebe dich nicht" und "Sie sind gefeuert" enthalten.
    Ich frage mich auch: "Was wäre, wenn …?" Die Antwort ist dann die Geschichte. In Bezug auf "Die Klinge des Waldes" dachte ich: "Was wäre, wenn du über eine "Disney"-Prinzessin schreibst, der schreckliche Dinge passieren? Wie würde sie damit umgehen?" Die Antwort in meiner Welt lautet: nicht sehr gut.
    Eine gute Geschichte ergibt sich aus der Art und Weise, wie Menschen mit Konflikten umgehen. Je größer die Herausforderung, desto schwieriger. Die Kämpfe einer gefallenen Prinzessin sind besonders faszinierend.

    "Die Klinge des Waldes" erzählt von einer starken Protagonistin. In Ihren zahlreichen früheren Büchern haben Sie größtenteils über männliche Protagonisten geschrieben. Hatten Sie bei dieser Geschichte einen anderen Ansatz, weil Sie von einer weiblichen Figur erzählten?
    In der Mapper-Reihe gibt es eine Protagonistin und es hat mir Spaß gemacht, mit einer weiblichen Hauptfigur zu arbeiten. Auf Grundlage dieser Erfahrung habe ich diese Figur noch besser entwickelt. Sie sollte sowohl Männer als auch Frauen ansprechen. Ihre Schwierigkeiten sind sehr menschlich und haben meistens nichts mit ihrem Geschlecht zu tun (im Sinne von: "Ich will nicht getötet werden"), doch sie lebt in einer Welt, in der Frauen mit bestimmten, einzigartigen Herausforderungen konfrontiert sind.

    Was treibt Ihre Geschichten am meisten an? Die Charaktere, die Handlung oder das Erfinden einer Welt?
    Früher war es die Handlung, aber jetzt lege ich mehr Fokus auf die Charaktere. Die Leser mögen die Figuren. Wenn den Lesern ein Protagonist gefällt, wollen sie wissen, was er tun wird, auch wenn er es mit so einfachen Konflikte zu tun hat wie: "Was gibt’s zum Abendessen?" Bei diesem Buch konzentrierte ich mich mehr auf die Entwicklung der Prinzessin als auf die Ereignisse um sie herum. Aber natürlich kann ein Zebra seine Streifen nicht ändern. Es gibt noch einige große Wendungen!

    Wie hat sich Ihr Schreiben sonst noch weiterentwickelt?
    Ich wurde besser im Erfinden von Welten. Wenn Sie "Die Klinge des Waldes" lesen, werden Sie eine in sich geschlossene und detaillierte Welt erleben. Den Lesern macht es Spaß, eine gut entwickelte Umgebung zu haben. Es ist wie bei "Game of Thrones" mit seiner vielschichtigen Welt und den vielen unterschiedlichen Charakteren und Orten. Die Stadt, die ich in "Die Klinge des Waldes" geschaffen habe, umfasst 35 Bezirke, die alle ein eigenes Flair haben. Es ist fast so, als wären München, Paris, Lagos, Seattle, Tokio und Rio alle in einer großen – allerdings mittelalterlichen – Stadt vereint.

    Haben Sie einen Lieblingsbezirk?
    Der Karnevalbezirk! Er ist auch der Favorit der Stadtbewohner: Partys, Vorführungen, Politik und ein verrückt-brillanter Herzog, der das Sagen hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch der Lieblingsbezirk meiner Lektoren ist. Für den Roman ließen sie eine schön illustrierte Karte anfertigen, auf der das Schloss und das Zirkuszelt des Karnevals vergrößert dargestellt sind.

    Erzählen Sie uns von den Karten! Sie scheinen ein wichtiger Bestandteil Ihrer mittelalterlichen Fantasy-Bücher zu sein. Was können Sie uns darüber erzählen?
    Es begann mit "Die Karte der Welt", meinem zweiten Bestseller in Deutschland. Mein Lektor bei Blanvalet bat mich, eine Karte zu zeichnen. Ich habe etwas hingekritzelt, um zu zeigen, wo die verschiedenen Orte liegen, und er beauftragte einen professionellen Kartenzeichner, der eine richtige Karte für die gesamte Die Karte der Welt-Reihe anfertigte. Supercool. In meinem neuen Roman sind Karten zwar kein Motiv in der Geschichte, doch er ist so weit entwickelt, dass meine Lektor mir schrieb: "Ich weiß, dass du viel zu tun hast, aber könntest du noch eine Karte von deiner Welt skizzieren, damit ein Illustrator sie zeichnen kann?"

    Hat das Spaß gemacht?
    Ich muss zugeben, dass ich wirklich gern Karten erstelle. Tatsächlich wurde ich ein wenig besessen und verbrachte eine Woche damit, noch einmal meinen gesamten Roman zu lesen, um für jeden Ort die richtige Lage zu finden. Dann skizzierte ich es wie ein Kindergärtner ... oder zumindest wie ein Kindergärtner mit Photoshop. Ich schrieb auch drei Seiten mit detaillierten Notizen über die Karte. Blanvalet engagierte einen Illustrator, der anhand meiner Materialien schöne Karten für das Innere des Romans zeichnete. Es war fantastisch! Ich glaube nicht, dass jeder Autor in Bezug auf das Bildmaterial seiner Romane so großen kreativen Input bekommt.

    Was gefällt Ihnen besonders an "Die Klinge des Waldes"?
    Mir gefällt besonders Flora. Sie ist eine komplexe Person. Am Anfang ist sie einfach gestrickt, doch sie wird sehr kompliziert.

    Warum sollten andere den Roman gut finden?
    Er ist groß, cineastisch und persönlich zugleich. Wir erfahren viel über Flora und dann sehen wir sie auf einer riesigen Bühne, wo sie versucht, Katastrophen, Triumphe und Alltagsprobleme wie den Sturz ganzer Königreiche und Streitigkeiten mit ihrer älteren Schwester zu meistern.

    Was unterscheidet diese Geschichte von den anderen, die Sie geschrieben haben?
    Es ist eine Erwachsenengeschichte so wie sich "Game of Thrones" von "Herr der Ringe" unterscheidet.

    Was kommt als nächstes? Stehen neue Projekte an?
    Ja. Ich bin immer dankbar dafür, dass mein Verlag an meine Arbeit glaubt. Gerade schreibe ich bei Blanvalet einen weiteren mittelalterlichen Fantasy-Roman. Er ist Ende des Jahres fällig und wird voraussichtlich 2019 irgendwann erscheinen.

    Vielen Dank für das nette Interview!

    Alle Bücher von Royce Buckingham