Lucinda Riley

Bestseller-Autorin Lucinda Riley und ihre Romane

Lucinda Riley über das Schreiben

Lucinda Riley
© Isabelle Grubert
Den Großteil meines Lebens habe ich in meiner Phantasiewelt verbracht. Ich habe Bücher, Theaterstücke, Filme und Musik als Hilfsmittel genutzt, um auszubrechen in andere Welten, in denen alles möglich ist. Über eine „andere Welt“ zu schreiben, ist für mich deshalb die Möglichkeit, meine Phantasie in etwas Konkretes zu verwandeln. Meine Geschichten und die darin auftretenden Charaktere sind für mich genauso real wie Situationen aus dem echten Leben und die lebendigen, atmenden Menschen, die sie „aufführen“. Vielleicht der einzige Unterschied ist, dass ich das Leben meiner Charaktere kontrollieren kann, obwohl sie oft selbst die Kontrolle übernehmen. Das kann besonders irritierend sein, wenn ich mir einen besonders guten Dreh für meinen Plot ausgedacht habe, und der Protagonist sich dann weigert, nach meiner Pfeife zu tanzen.

Mein tagtägliches Leben in der „echten Welt“ ist das einer Mutter von vier Kindern im Alter von sieben bis siebzehn. Es fällt mir, wie vielen arbeitenden Müttern, nicht leicht, beide Teile meines Lebens miteinander zu vereinen. Aber ich muss wenigstens nicht aus meinem Büro flüchten, sondern nur aus meiner Phantasie. Ich wirke sehr oft so, als würde ich in die Luft starren – aber es spielt sich tatsächlich alles in meinem Kopf ab.

Ich habe kein Büro, das würde sich zu sehr nach Arbeit anfühlen. Stattdessen spaziere ich mit einem Aufnahmegerät, das ich irgendwo an mir befestigt habe, durch mein Haus und meinen Garten, und spreche die Worte darauf. Meine Kinder finden das zum Schreien komisch. Sie kommen dann rein und sagen: „Hallo Mama, Komma, wie geht’s dir, Fragezeichen?“!

Ursprünglich war der Grund für diese Arbeitsweise ein Überlastungssyndrom, und mir blieb gar nichts anderes übrig. Aber ich habe festgestellt, dass es erstaunliche Vorteile hat, den ersten Entwurf aufzunehmen. Wenn man die Dialoge des Buches einspricht, bemerkt man Mängel sofort: Was sich abgedroschen und klischeehaft anhört, wird sofort gestrichen. Als ehemalige Schauspielerin spiele ich die Charaktere und die emotionalen Zustände, in denen sie sich befinden, nach. Ich „erlebe“ sie im wahrsten Sinne des Wortes. Es mag ein ungewöhnlicher Ansatz sein, ein Buch wie in einem Workshop zu erarbeiten und die „Wahrhaftigkeit“ eines Charakters zu finden – aber für mich funktioniert das.

Je näher ich dem Ende einer Geschichte komme, desto schwerer fällt es mir, wieder in die Realität zurückzukehren. Es ist das Ende einer Reise, auf die ich mich monatelang begeben habe. Und wenn sie zu Ende ist, ist das natürlich bittersüß.

Ich bin in erster Linie eine Geschichtenerzählerin. Dennoch gibt es keinen Grund, warum eine gute Geschichte nicht auch gut und überzeugend erzählt werden sollte. Manche sind vielleicht der Ansicht, dass die schicksalhaften Wendungen und die miteinander verwobenen Lebensgeschichten unrealistisch sind. Ich habe gelernt, dass nichts, was ich mir jemals ausdenke, den Drehungen und Wendungen der menschlichen Realität das Wasser reichen kann. Welche Familie kennen Sie, die letzten Endes kein „Geheimnis“, keine Leiche im Keller hat?

Übersetzt aus dem Englischen von www.lucindariley.co.uk © Lucinda Riley