Die Mühlenschwestern

Die Liebe kennt den Weg zurück

Die Mühlenschwestern-Trilogie – Teil I

Manchmal muss man zu seinen Wurzeln zurückkehren, um die Liebe zu finden ...

Als Fotografin um die Welt reisen! Das war immer Hannahs Traum. Und so ließ sie die Heimat hinter sich, um das Leben durch ihr Kameraobjektiv zu entdecken. Doch nun, mit Ende Zwanzig, kehrt Hannah traumatisiert nach Sternmoos zurück. Ihre Welt ist nach einem tragischen Unfall in Südamerika nicht mehr dieselbe. Sie hofft, in der alten Mühle ihrer Tante Lou, bei ihren beiden Schwestern Rosa und Antonia, Trost zu finden. Doch kaum Zuhause angekommen, trifft sie auf Jakob, ihre erste große Liebe. Und Hannah wird klar, dass sie ihre Vergangenheit noch lange nicht hinter sich gelassen hat ...

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Leseprobe

Sommer 2009

Glatt wie Glas lag der Sternsee im frühen Licht des Tages. Über den Bergspitzen des Tals färbte sich der Himmel in einem zarten Rosa. Hannah Falkenbergs alte Chucks waren nass vom taufeuchten Gras, durch das sie gelaufen war. Sie drehte sich um. Die Fußspuren, die sie auf der Lichtung hinterlassen hatte, waren nicht zu übersehen. Dann blickte sie wieder auf das Wasser hinaus. Smaragdgrün schloss es die zwei kleinen Felseninseln ein, auf denen sich Kiefern, Moose und Farne gegen die raue Witterung der Berge behaupteten. Nebelfetzen tanzten über das Wasser wie Feen.

Hannah starrte auf das Szenario, als könne sie ein Negativ davon in ihren Erinnerungen verankern. Sie war dabei, die Welt zu entdecken, hinter die Gipfel zu schauen, die das Tal einrahmten. Manche nannten es Flucht, sie bezeichnete es als Aufbruch. Sie war in Sternmoos aufgewachsen, hatte die ersten achtzehn Jahre ihres Lebens hier verbracht. Doch in der letzten Zeit nahmen ihr die Berge die Luft zum Atmen. Das Tal verursachte ihr Platzangst. Das Gefühl, auf der Stelle zu treten, wurde von Tag zu Tag mächtiger. Sie musste hier raus. Einfach weg. Sie wollte die schönsten Orte der Welt fotografieren. In Berchtesgaden hatte sie jedes Motiv, jeden Stein, ja, jeden verdammten Grashalm schon einmal im Bild festgehalten. Hier gab es nichts mehr, womit sie ihre Kreativität füttern konnte.

Warum nur fiel es ihr so schwer, den Blick vom See abzuwenden? Ihre Tante Louisa wartete auf dem Hof der alten Mühle auf sie. Ihr großer Rucksack und ihre Kameratasche waren bereits in Lous Wagen verstaut. Sie mussten bald aufbrechen, wenn Hannah ihren Zug nicht verpassen wollte. Es blieb nur eine Sache … sie blickte auf den Brief, den sie in der Hand hielt, und atmete tief durch. Es war feige, das Tal auf diese Weise zu verlassen. Jakob würde ihr nicht verzeihen. Wahrscheinlich würde er sie sogar hassen. Sie schluckte. Doch egal, wie sie es drehte und wendete, er würde sie nicht verstehen. Seine Zukunft lag hier. In der Werkstatt seines Vaters. Bei seinen Freunden, der Bergwacht. Hannah hingegen – ihr gehörte die Welt, wie Louisa es immer formulierte. Und die wollte sie erobern.

Entschlossen wandte sie sich um und ging zu der knorrigen Kiefer hinüber, in deren Spalt Jakob und sie immer kleine Botschaften für den anderen hinterließen. Ihre Hand zitterte, als sie den Umschlag in das Versteck schob. Die Baumrinde fühlte sich rau an unter ihren Fingern. Ein kleiner Klecks Harz blieb an ihrer Haut haften und hüllte sie in den unverkennbaren Duft der Lichtung.

Vielleicht würde Jakob sie ja doch irgendwann verstehen. Ein letztes Mal blickte sie auf den See. Die ersten Sonnenstrahlen trafen auf die Wasseroberfl äche und verwandelten sie in eine Fläche aus glitzernden Diamanten. Hannah straff te die Schultern und schlug den Weg zur Mühle ein. Hinter ihr lösten sich die letzten Nebelfetzen und verschwanden in der klaren Luft, als hätte es sie nie gegeben.

Sommer 2019

Sie kam aus dem Nichts und riss den Jeep mit sich, als sei er ein winziges Spielzeugauto. Eine Walze aus Geröll und zähem Schlamm, die den Berg hinunterschoss, alles unter sich begrub und in einem dunklen Brei aus Erde und Steinen erstickte.

Hannah hatte Glück. Wenn man das so nennen konnte. Die Schlammlawine katapultierte den Jeep von der Straße, statt ihn unter sich zu zerquetschen. Sie überschlug sich. Wieder und wieder. Bis der reißende Fluss, der sich neben der Straße ins Tal stürzte, ihren Aufprall abfing. Für den Bruchteil einer Sekunde atmete Hannah durch. Der Wagen hing schief in den wilden Fluten des Flusses, irgendetwas stoppte ihn, sorgte dafür, dass sie nicht davontrieb. Vielleicht ein Baumstamm, ein Felsvorsprung. Es war ihr egal. Ihr Sicherheitsgurt hielt sie fest auf dem Beifahrersitz. Sie war am Leben. »Das war knapp«, keuchte sie, atemlos vor Schock. Ihr Herz raste und schickte Unmengen Adrenalin durch ihre Venen. Sie hörte, wie der Schlamm an verschiedenen Stellen des Tals noch immer in überwältigender Geschwindigkeit den Berg hinunterrauschte und diesen abgelegenen Teil des brasilianischen Regenwaldes unter sich begrub. Sie hörte das Brodeln des Wassers um sich herum. Sie hörte das Blut in ihren Adern. »Finn?«, flüsterte sie. So leise, dass sie es selbst kaum hören konnte. Er antwortete nicht. Dabei antwortete er ihr immer. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für einen seiner witzigen Sprüche. Irgendetwas, was sie beruhigen und vielleicht sogar zum Lachen bringen würde. Vielleicht hatte er sie nicht gehört.

Langsam, unendlich langsam, wand Hannah den Kopf zum Fahrersitz. Dort, wo ihr Freund und Kollege hätte sitzen müssen, sah sie nur die zerborstene Scheibe, durch die das Wasser in den Jeep lief. »Finn!« Diesmal schrie sie seinen Namen aus voller Lunge. Hannah musste bewusstlos gewesen sein. Vielleicht hatte sie auch einfach nur geträumt. Vom Sternsee. Von ihrem Zuhause. Noch sah sie das Tal vor ihrem inneren Auge. Die Sonne war bereits hinter die hohen, steinernen Zacken des Hochkalter gesunken, aber sie hatte ihre Farben zurückgelassen. Das leuchtend helle Gelb und das tiefe Orange spiegelten sich im fast unwirklichen Türkisblau des Wassers. Genau wie die beiden Kiefern auf der kleinen Felseninsel, nur ein paar Meter vom Ufer entfernt. Ihre älteste Schwester, Antonia, hatte sich an den vom Wasser glatt geschliffenen Steinen emporgehangelt und winkte zu ihr herüber wie ein Pirat, der ein Königreich erobert hatte.

Hannah blendete den Schmerz aus. Solange sie die Berge vor sich sah, die letzten Schneereste, die sich noch an die Nordwände der Felsnadeln klammerten, würde auch sie es schaffen. Das hoffte sie zumindest, selbst wenn sich ihr Körper taub anfühlte. So taub und kalt. Die Wellen des Bergsees schwappten um sie herum, schlugen über ihr zusammen. Das Glucksen, das sonst so beruhigend war, wirkte gespenstisch. All das war nicht schlimm, versuchte Hannah sich selbst zu beruhigen. Wasser war eben kalt. Sie würde gleich ans Ufer schwimmen und sich neben ihrer mittleren Schwester Rosa in der heißen Sommersonne ins Gras legen, bis ihr wieder warm war. Egal, welche Temperatur der See hatte, Rosa hatte mit Sicherheit nicht einmal den großen Zeh ins Wasser getaucht.

Der metallische Geschmack von Blut passte nicht hierher, also ignorierte Hannah ihn. Sie musste schwimmen, doch sie war so müde. Die Kälte hielt sie in einem eisernen Griff. Die Strömung riss an ihr. Das konnte nicht sein, schoss es ihr durch den Kopf. Der Sternsee hatte keine Strömung. Für einen Augenblick wandelte sich das klare Türkisblau in schlammig braune Fluten, die sie immer wieder überspülten, sie gefangen hielten und ihr die Luft zum Atmen nahmen. Nein! Sie musste in ihre Erinnerung an Zuhause zurückkriechen. Musste ihre Gedanken auf die Berge richten. Auf ihre Schwestern. Auf den Sonnenuntergang. Sicher würden jeden Moment die ersten Sterne über den Gipfeln auftauchen.

Irgendjemand sagte etwas zu ihr. Schrie sie an. In einer Sprache, die sie nicht verstand. Dann wechselte die Stimme zu Portugiesisch. »Senhorita, me escute? Senhorita!« Bevor sie es in einem stark lateinamerikanisch eingefärbten Englisch probierte. »Miss? Can you hear me?«

Touristen, dachte Hannah. Dieser Teil des Seeufers gehörte zur Alten Mühle. Zum Grundstück ihrer Tante Louisa. Hier hatte niemand etwas verloren, aber hin und wieder verirrte sich einer der Urlauber, die aus der ganzen Welt in diese Gegend strömten, in das kleine, private Paradies ihrer Familie.

»Miss? Open your eyes, please!«, versuchte es die penetrante Stimme schon wieder.

Nein, das konnte sie nicht. Sie kniff die Lider noch fester zusammen. Wenn sie die Augen öffnete, würde alles verschwinden. Rosa und Antonia. Das grasbewachsene Ufer. Die Bergkette hinter dem klaren See. Der Wald. Egal, wie sehr der Schmerz wuchs, der die Taubheit in ihrem Körper ablöste. Sie durfte ihre Lichtung nicht verlassen. Sie durfte auf keinen Fall die Augen öffnen. Denn dann wäre sie zurück in der Hölle aus Schlamm, Geröll und reißendem Wasser. Zurück im brasilianischen Urwald.

*


Rosa Falkenberg fuhr aus dem Schlaf. Mit wild klopfendem Herzen setzte sie sich im Bett auf und rieb sich über das Gesicht. Sie hatte geträumt. Etwas Schreckliches. Auch wenn sie sich bereits nicht mehr an die Details erinnern konnte.

Ihr Freund Julian drehte sich auf die Seite. »Was ist los?«, murmelte er, ohne die Augen zu öffnen.

»Nichts«, flüsterte sie. Ihr Herzschlag beruhigte sich langsam wieder. Die Vorhänge vor dem Fenster bauschten sich in der lauen Brise, die von den Bergen herunterwehte. Rosa schlug die Bettdecke zurück und setzte ihre nackten Füße auf den kühlen Dielenboden.

»Wo willst du hin?«, nuschelte Julian und tastete nach ihrer Hand.

Rosa schob seine Finger von ihrem Arm. »Ich hole mir nur schnell etwas zu trinken«, beruhigte sie ihn und schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer. Es reichte schließlich, wenn sie hellwach war.

In der Küche hielt sie ein Glas unter den Wasserhahn und trank es in großen Schlucken aus. Ihr Puls verlangsamte sich wieder. Trotzdem blieb die innere Unruhe, die sie aus dem Schlaf gerissen hatte. Vielleicht sollte sie einfach einen Blick auf ihr Handy werfen, um sicherzugehen, dass es ihrer Familie gut ging. Wenn jemand angerufen hätte, hätte sie das zwar in ihrem Schlafzimmer gehört, aber sicher war sicher. Rosa füllte das Glas noch einmal und nahm es mit ins Wohnzimmer. Ihr Telefon lag auf dem Couchtisch. Sie wischte über den Touchscreen, doch das Display blieb dunkel. »Mist«, murmelte sie und kramte ihr Ladekabel aus dem kleinen Korb auf der Ablage. Das Handy war gestern Abend ausgegangen, als sie ihrer Tante dabei geholfen hatte, die letzten Bestellungen zu verpacken. Sie hatte es Julian mitgegeben und ihn gebeten, es aufzuladen. Offenbar hatte er sich ihre Bitte während der wenigen Schritte vom Mühlenladen bis zu ihrer Wohnung nicht merken können. Mit einem Seufzen stöpselte sie das Telefon ein und wartete, bis sich das Display einschaltete. Einige WhatsApp-Nachrichten, die unwichtig waren, erschienen. Und sieben Anrufe in Abwesenheit. Sieben? Rosa klickte die Nummer an. Die Zahlenfolge schien zu irgendeinem ausländischen Anschluss zu gehören, der ihr nichts sagte. Aber der Anrufer hatte eine Nachricht hinterlassen. Sie rief ihre Mailbox ab und wartete ungeduldig, bis die Ansage endete und die Nachricht begann.

»Rosa?«, hörte sie die leise Stimme ihrer Schwester Hannah. Ihre Arme überzogen sich mit einer Gänsehaut. Allein an der Art, wie Hannah ihren Namen aussprach, konnte sie hören, dass etwas Furchtbares passiert sein musste. Hannah zögerte einen Moment, ehe sie fortfuhr, als müsse sie überlegen, wie sie die nächsten Worte formulieren sollte. »Ich … ich hatte einen Unfall«, brachte sie schließlich heraus. Kein Wort davon, was passiert war. Ob sie verletzt war. Oder wie schwer. Typisch Hannah. »Mein Handy ist weg, und ich hatte nur deine Nummer im Kopf. Ich habe einen Flug von São Paulo nach Frankfurt erwischt.« Sie ratterte die Flugdaten herunter. »Vielleicht … vielleicht kannst du mich abholen?« Die Stimme ihrer Schwester war zu einem kaum noch wahrnehmbaren Flüstern geschrumpft. Dann klickte es in der Leitung, und die Automatenstimme wollte wissen, ob Rosa die Nachricht noch einmal abhören wolle.

Ihr Herz begann abermals zu rasen. Sie ließ das Handy sinken und starrte auf das Display. Hannah hatte den Auftrag für eine Fotodokumentation im brasilianischen Dschungel bekommen und war vor ein paar Tagen nach Südamerika geflogen. Was, zur Hölle, war dort passiert? Rosa klickte die Nummer an, von der aus ihre Schwester angerufen hatte.

Sie wartete eine kleine Ewigkeit, bevor ein etwas gehetzt klingender Mann den Anruf entgegennahm. »Deutsche Botschaft, Brasilia. Sie sprechen mit Herrn Neumann.«

»Ich …« Rosa stockte und atmete tief durch, ehe sie noch einmal begann. Mit Panik erreichte sie nicht viel. Sie musste einen kühlen Kopf behalten. »Mein Name ist Rosa Falkenberg. Meine Schwester hat mich von diesem Apparat aus angerufen. Hannah Falkenberg«, ergänzte sie, falls der Mann nicht wusste, wen sie meinte.

»Frau Falkenberg«, grüßte Herr Neumann sie. »Ihre Schwester hat Sie tatsächlich aus der Botschaft angerufen. Sie ist inzwischen allerdings nicht mehr hier.«

»Natürlich! Entschuldigen Sie! Hannah hat mir ja ihre Flugdaten durchgegeben.« Rosas Stimme kletterte eine Oktave nach oben, und sie zwang sich, abermals tief durchzuatmen. »Es ist nur … sie klang so … Ich kenne meine Schwester, und dieser Anruf hat mir wirklich Angst gemacht.« Todesangst. Rosa musste sich zusammenreißen, um den Mann über das Rauschen des Blutes in ihren Adern hinweg zu verstehen.

»Frau Falkenberg hat gegen unseren ausdrücklichen Rat auf eigene Faust einen Flug nach Deutschland gebucht und ist bereits abgeflogen.«

Rosa rieb sich über die Stirn. »Was bedeutet ›gegen Ihren ausdrücklichen Rat‹? Können Sie mir sagen, was überhaupt passiert ist?«

»Ihre Schwester hat sich an die Botschaft gewandt, weil sie Ersatzpapiere gebraucht hat, um ihren Flug umbuchen und ausreisen zu können. Sie ist bei einem Erdrutsch in einer unzugänglichen Regenwaldregion verunglückt. Das Fahrzeug, mit dem sie unterwegs war, wurde in einen Fluss gespült, wo sie einige Stunden ausharren musste, bis sie aus dem Wrack gerettet werden konnte. Der Fahrer des Jeeps kam ums Leben.«

»O Gott!« Der Fahrer? Wer war das gewesen? Ein einheimischer Führer? Ihr Agenturkollege, mit dem sie für diesen Auftrag unterwegs gewesen war? Übelkeit stieg in Rosas Speiseröhre nach oben, und sie verfluchte sich dafür, Hannah vor ihrer Reise nicht nach den Details ihres Auftrags gefragt zu haben. Verzweifelt schluckte sie den Speichel hinunter, der sich in ihrem Mund sammelte. Hannah lebte. Das war alles, was zählte. Sie konnte jetzt nicht daran denken, dass jemand anders gestorben war. Ihre Schwester war am Leben. »Wie schwer ist sie verletzt?«

»Genau da liegt das Problem: Ich kann es Ihnen nicht sagen. Sie hat sich auf eigene Faust bis Brasilia durchgeschlagen und ist von hier nach São Paulo weitergereist. Sie hat nur die Möglichkeit genutzt, in der Botschaft zu duschen, ihre Kleidung zu wechseln und Sie anzurufen. Meiner Meinung nach wäre es zwingend erforderlich gewesen, dass sie sich von einem Arzt durchchecken oder sogar in ein Krankenhaus einliefern lässt. Aber sie hat sich geweigert.«

»Und Sie haben sie nicht aufgehalten?« Rosas Stimme überschlug sich fast. Vor Empörung. Sorge und Angst. »Was ist, wenn sie zusammenbricht? Wenn sie innere Verletzungen hat?«

»Frau Falkenberg«, begann Herr Neumann in einer ruhigen, neutralen Stimme, in der all die Geduld mitschwang, die er sicher bereits in unzähligen ähnlichen Telefonaten an den Tag gelegt hatte. »In traumatischen Situationen wie der, in die Ihre Schwester geraten ist, haben die Menschen oft nur einen Gedanken im Kopf: Weg hier! Weg, um jeden Preis! Ihre Schwester ist«, er machte eine kurze Pause, »nennen wir es: sehr durchsetzungsstark. Sie wollte auf der Stelle nach Hause und war mit nichts von diesem Ziel abzubringen.«

Das stimmte. Hannah war verdammt starrsinnig, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. »Entschuldigen Sie. Ich wollte nicht so vorwurfsvoll klingen.« Rosa schloss die Augen und ließ sich gegen die Sofalehne sinken.

»Machen Sie sich darum keine Sorgen. Ich weiß, dass Ihre Schwester den Flieger nach Deutschland erreicht hat. Holen Sie sie am Flughafen ab. Seien Sie für sie da. Sie wird jetzt die Unterstützung ihrer Familie brauchen.«

»Ja, da haben Sie recht. Danke.«

»Alles Gute.« Der Mann legte auf, und Rosa blieb mit der Stille im Raum zurück.

Sie wusste nicht, wie lange sie so dasaß, bis ihr bewusst wurde, dass sie etwas tun musste. Hannahs Flieger würde in etwa sechs Stunden landen – nach Frankfurt brauchte sie mindestens fünf Stunden. Sie stand auf und blickte auf den Hof der Mühle hinaus, während sie noch einmal ihre Mailbox abhörte. Mit zitternden Fingern notierte sie sich die genauen Flugdaten. Der Tag dämmerte bereits herauf. Rosa lehnte für einen Moment die Stirn gegen das kühle Fenster glas und versuchte, ihre wild durcheinanderrasenden Gedanken zu beruhigen. Was musste sie als Erstes tun? Antonia. Sie musste ihre andere Schwester informieren. Und ihre Eltern. Sie blickte über den Hof und sah in der Wohnung ihrer Tante Louisa Licht brennen. Lou. Sie würde wissen, was zu tun war. Ehe Rosa bewusst wurde, was sie tat, rannte sie barfuß und im Pyjama aus der Mühle. Über das unebene Pflaster des Hofes. Vorbei an der dunkel gestrichenen Holzbank, auf der in ein paar Stunden die drei Alten – wie sie Pangratz, Korbinian und Gustl nannten – Platz nehmen würden, um über Gott und die Welt zu philosophieren. Sie stürmte die Treppen zur Wohnung ihrer Tante hinauf und hämmerte an die Tür.

*


Jakob Mandel fuhr aus dem Schlaf. Sein Hund Laus stand neben seinem Bett und starrte ihn aus seinen im Dämmerlicht unnatürlich hellblauen Augen an, während er leise fiepte. Einen Moment wusste Jakob nicht, was ihn geweckt hatte, doch dann setzte es wieder ein. Das Hämmern gegen seine Tür. Plötzlich hellwach sprang er aus dem Bett und hastete aus dem Schlafzimmer. Laus folgte ihm auf dem Fuß. Jakob war nicht umsonst Mitglied der Bergwacht. Er konnte mit Notfällen umgehen und war in der Lage, in einer Sekunde zur anderen von Tiefschlaf auf Hellwach umzuschalten. Und wenn jemand Hilfe brauchte … Im nächsten Moment riss er die Tür auf. Antonia Falkenberg stand vor ihm und konnte sich gerade noch bremsen, bevor sie statt auf das Holz auf seinen Kopf klopfte. »Tonia! Was ist passiert?« Die Frau, die vor ihm stand, ließ sich normalerweise von nichts aus der Ruhe bringen. Weder von einer der herausfordernden Kletterrouten, die sie regelmäßig bezwang, noch von einer schwierigen Geburt, mit denen sie als Hebamme immer wieder konfrontiert war. Ihr panischer Gesichtsausdruck bestätigte seine Befürchtungen: Irgendetwas Schlimmes war geschehen. »Ist etwas mit Lou?« Antonias Tante war zwar über sechzig, aber fit wie ein Turnschuh und das blühende Leben in Person. Vielleicht hatte es in der Mühle einen Unfall gegeben. »Oder mit deinen Eltern? Ist mit Rena und Josef alles okay?«

»Ja. Nein.« Antonia schüttelte heftig den Kopf. »Hannah«, brachte sie heraus. »Es geht um Hannah.«

»Was?« Jakobs Herzschlag setzte aus. Zumindest fühlte es sich so an. Sein Brustkorb zog sich zusammen, und sein Oberkörper sackte gegen den Türrahmen. Mit der Hand schob er Laus zurück, der Anstalten machte, die offene Tür als Einladung zu einem kleinen Spaziergang zu betrachten. »Hannah?« Seine Stimme klang wie ein Krächzen.

»Wir brauchen deinen Bus«, redete Antonia einfach weiter. »Wir treffen uns alle bei Lou. Sie hat mich gebeten, auf dem Weg zu ihr zu fragen, ob wir ihn leihen können.«

»Was ist mit ihr?« Jakob hörte nicht auf das, was Antonia sagte, doch sie war offenbar noch nicht fertig mit ihrem Monolog.

»Wir passen doch nicht alle in einen Pkw. Wenn meine Eltern mitfahren und Rosa. Und dann Lou. Wie soll das denn gehen?«

»Antonia!«, fuhr Jakob sie an. Er packte sie an den Schultern und schüttelte sie, bis sie ihm direkt in die Augen sah. »Was, verdammt noch mal, ist mit Hannah passiert?«

»Oh«, brachte sie schwach heraus. »O Gott, Jakob. Tut mir leid. Ich wollte dir nicht so einen Schreck einjagen.« Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. Wahrscheinlich entdeckte sie in seinem Gesicht den Schock, der den in ihren eigenen Augen spiegelte. »Hannah hatte einen Unfall. In Brasilien. Sie sitzt im Flieger nach Hause, und wir müssen sie in ein paar Stunden in Frankfurt abholen.«

»Geht es ihr gut?«, war alles, was Jakob wissen wollte. Zehn Jahre alte Erinnerungen blitzten vor seinem inneren Auge auf. Ihr Lachen. Die blonden Haare, die sie mit einer unbewussten Geste hinter ihre Schulter schob. Das fröhliche Blitzen in ihren blaugrünen Augen. Laus schmiegte sich an sein Bein und fiepte leise, so als wäre ihm klar, in welchem inneren Aufruhr sich sein Herrchen befand.

»Nein.« Wieder schüttelte Antonia den Kopf. »Ich weiß es nicht. Sie ist verletzt. Aber ich weiß nicht, wie schwer.« Die Panik in ihren Augen begann wieder zu wachsen.

Jakob drehte sich um und nahm die Schlüssel seines Mercedes-Vans vom Sideboard neben der Tür. »Ist jemand von euch in der Lage zu fahren?« Antonia jedenfalls sollte im Moment kein Fahrzeug lenken, wenn sie nicht noch einen zweiten Unfall provozieren wollte.

Endlich wurde ihr Kopfschütteln von einem Nicken ersetzt. »Lou«, sagte sie. »Lou fährt.«

»Gut.« Jakob drückte ihr den Schlüssel in die Hand. Eigentlich hatte er der Schulband versprochen, dass sie den Bus heute ausleihen konnten, um zu einem Auftritt nach Ramsau zu fahren, aber er würde einen Ersatz für die Jungs auftreiben. Einen Moment hielt er den Wagenschlüssel fest. Er wollte Antonia anbieten, ihn selbst zu fahren. Er musste mit eigenen Augen sehen, dass es Hannah gut ging. Doch er wusste, dass er kein Recht darauf hatte. Und dass er mit Sicherheit der Letzte war, dem Hannah gegenübertreten wollte, wenn sie aus dem Flieger stieg. Jakob schluckte und ließ los. Antonias Finger schlossen sich um das kühle Plastik. »Du hältst mich doch auf dem Laufenden?«, fragte er. »Natürlich.« Antonia umarmte ihn. »Danke«, sagte sie und rannte davon.

Die Mühlenschwestern-Trilogie

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Über Jana Lukas

Was tun, wenn man zwei Traumberufe hat? Jana Lukas entschied sich nach dem Abitur, zunächst den bodenständigeren ihrer beiden Träume zu verwirklichen und Polizistin zu werden. Nach über zehn Jahren bei der Kriminalpolizei wagte sie sich an ihren ersten romantischen Thriller und erzählt seitdem von großen Gefühlen und temperamentvollen Charakteren. Denn ihr Motto lautet: Es gibt nicht viele Garantien im Leben … aber zumindest in ihren Romanen ist ein Happy End garantiert. Immer!

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