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Interview mit Barbara Strohschein

"Sich zu fragen: Wer bin ich? Was kann ich? Wie will ich leben? Was macht mir Freude und ermutigt mich? Das sind philosophische Fragen, die sich jeder Mensch stellen und auch ganz einfach beantworten kann."

Warum ist unsere Gesellschaft eine „gekränkte“ Gesellschaft“?

Es gibt keinen Menschen, der nicht schon einmal in seinem Leben gekränkt worden ist. Kränkung gehört zum Leben. Jedoch ist die Problematik heute umso brisanter, weil enorm hohe Ansprüche an jeden Einzelnen von uns gestellt werden, wie etwa perfekte Leistung oder perfektes Aussehen. Solche „Ideale“ entmutigen, so merkwürdig das klingt. Man wertet sich selbst ab. Denn wer ist schon komplett und immer davon überzeugt, diesen Idealen vollends entsprechen zu können? Fast niemand fühlt sich gut genug und darunter leiden wir. Das spielt sich beispielsweise auch in Familien ab. Mütter stellen sich selbst in Frage, die Kinder „funktionieren“ nicht richtig, die Väter zweifeln an sich. Wer sich gekränkt, also entwertet fühlt, versucht, dies zu kompensieren: durch Leistung, durch noch mehr Anstrengungen – und durch die Entwertung anderer. Wer andere heruntermacht, kritisiert und angreift, fühlt sich dann wenigstens etwas machtvoller. Und so besteht die Gefahr, dass Kränkungen nicht nur die Stimmung verderben, sondern mutlos und aggressiv machen.

Wie und wo spielen sich eigentlich Entwertungen ab?

Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, in dem nicht entwertet wird. Entwertungen passieren am Arbeitsplatz, in der Familie, in der Politik, in den Medien. Alte Menschen, Behinderte, Ausländer und Andersdenkende werden entwertet, weil sie nicht in ein „Idealbild“ passen und vermeintlich stören. Viele Menschen entwerten sich zudem selbst. Sie stellen sich in Frage, finden sich mangelhaft, nicht schön, nicht schlank oder nicht kompetent genug. Darüber redet man natürlich nicht, aber die Selbstkränkung verleitet dazu, andere Menschen ebenso erbarmungslos zu sehen wie sich selbst.

Wie kommen wir aus der Negativspirale von Kränkung und Entwertung heraus und was kann jeder Einzelne dazu beitragen?

Meiner Erfahrung nach ist das Allerwichtigste, sich dieser Vorgänge erst einmal bewusst zu werden. Denn alles, was unbewusst geschieht, bleibt logischerweise unerkannt und ist deshalb schwer oder gar nicht zu ändern. Oft sind es Krisen und als unerträglich empfundene Lebenslagen, die Männer und Frauen aufwachen und begreifen lassen: So will ich nicht mehr weitermachen! Das gilt nicht nur für jeden Einzelnen, sondern auch kollektiv. Je mehr wir einsehen, wie wichtig es für unseren inneren wie äußeren Frieden ist, sich selbst und andere anzuerkennen, umso mehr werden wir uns auf den Weg machen. Es ist ein persönliches wie auch hochpolitisches Thema. Anerkennung heißt natürlich auch faire Auseinandersetzung, Kritik und konstruktives Umgehen mit vollkommen anderen Meinungen und Standpunkten.

Was raten Sie den Menschen?

Sich zu fragen: Wer bin ich? Was kann ich? Wie will ich leben? Was macht mir Freude und ermutigt mich? Das sind philosophische Fragen, die sich jeder Mensch stellen und auch ganz einfach beantworten kann. Eine wichtige Rolle im Prozess der Selbsterkenntnis spielen Beziehungen. Wir wachsen durch Beziehungen, weil wir in Beziehungen etwas über uns lernen. Insofern ist es von großer Bedeutung, Freundschaften einzugehen, sich Gemeinschaften anzuschließen und sich gemeinsam mit anderen in sinnvollen Projekten zu engagieren. Darüber hinaus ist es wichtig, sich Ziele zu setzen und Wünsche zu haben, die umsetzbar sind und die ein tiefes Gefühl von Befriedigung und Stolz hervorrufen. Jeder Mensch freut sich über ein ehrlich ausgesprochenes Lob, jeder ist glücklich darüber, verstanden, gesehen und gehört zu werden. Das sind zutiefst menschliche Bedürfnisse. Wir können viel tun, um im Alltag Anerkennung zu leben – ohne uns anstrengen zu müssen.

Die gekränkte Gesellschaft Blick ins Buch

Barbara Strohschein

Die gekränkte Gesellschaft

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