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Atmosphärisch, abgründig und hochspannend
– die Ostsee-Krimis von Bestsellerautor Eric Berg!

Eric Berg gelingt es mit jedem Buch aufs Neue, seinen Lesern die Abgründe menschlichen Handelns vor Augen zu führen.
Mit »Totendamm« erscheint nun sein vierter Küstenkrimi als Taschenbuch.
Den 16. März sollten sich alle Fans von Doro Kagel aus Eric Bergs Sensationserfolg »Das Nebelhaus« im Kalender markieren. Denn in »Die Mörderinsel« kehrt die Journalistin zurück und recherchiert in einem neuen Fall ...

Totendamm

Hinter idyllischen Fassaden lauert das Verbrechen ...

Nach Jahren im Ausland kehrt Ellen Holst mit ihrem Sohn nach Deutschland zurück – und hofft, in dem kleinen Haus in der beschaulichen Siedlung »Vineta« in Heiligendamm endlich zur Ruhe zu kommen. Erst beim Einzug erfährt sie, dass sich in ihrem neuen Zuhause vor sechs Jahren ein schreckliches Gewaltverbrechen ereignet hat – drei Menschen wurden ermordet. Ellen will sich von der schauerlichen Vorgeschichte ihres Hauses nicht irre machen lassen, doch plötzlich kommt es zu beunruhigenden Vorkommnissen: Gegenstände verschwinden spurlos aus dem Haus. Ellen fühlt sich beobachtet. Und es gibt merkwürdige Parallelen zu den Geschehnissen vor sechs Jahren …

Dieser Roman ist unter dem Titel »So bitter die Rache« als Paperback erschienen.

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1

Ende Mai 2016

Es wäre wohl für jeden ein seltsames, verstörendes Gefühl, in ein kleines Haus einzuziehen, in dem sechs Jahre zuvor drei Menschen ermordet worden sind. Hätte Ellen das doch nur früher gewusst …
Aber sie hat es gerade erst erfahren, rein zufällig, wenn man Dorfklatsch als Zufall bezeichnen will. Die Maklerin hat es ebenso wenig erwähnt wie der Notar, aus verständlichen Gründen, und selbst wenn, nach einem weiteren Blick auf ihr neues Zuhause ist sie sich ziemlich sicher, wie sie entschieden hätte. Es ist einfach zu schön. Ganz Heiligendamm ist einfach zu schön, um es sich von einer abstrakten Tragödie aus vergangenen Tagen kaputtmachen zu lassen.
Ellen stellt die beiden Einkaufstaschen ab, reibt sich die vom Tragen leicht geröteten Finger und blickt den breiten gepflasterten Weg hinauf, wo hinter zahlreichen Bäumen, Büschen und Sträuchern der Dachfirst zu erkennen ist. Obwohl … ist das überhaupt ihr Haus? Sie ist gerade erst eingezogen und findet sich noch nicht zurecht.
Die Anlage, die vier Häuser umfasst, liegt am Rand eines Buchenwaldes. Sonnenstrahlen dringen an diesem Frühlingsmorgen durch das junge Blattwerk und werfen Spots auf die lindgrünen Farne, das tiefe Violett der Rhododendren und das frische Gelb der Forsythien. Hunderte Iris, Tulpen und Narzissen säumen die verschlungenen Wege, zwischen den Gebäuden und zum Haupteingang. Das Gelände strahlt die Noblesse eines Kurparks aus, die jedoch durch den sie umgebenden Wald gemildert, sozusagen geerdet wird. Auch der schlechte Zustand der zu den Häusern gehörenden privaten Gärten konterkariert das gepflegte Erscheinungsbild der Anlage.
Obwohl, je länger sie verweilt und sich umsieht, desto mehr fallen ihr Anzeichen von Verfall auf, die ihr zwei Wochen zuvor beim Termin mit der Maklerin entgangen sind. Etwa ist die Siedlung von einer Mauer umgeben, die aussieht, wie von einer entstellenden Krankheit befallen. Wozu überhaupt eine Mauer, wenn der Haupteingang für Autos und Fußgänger frei passierbar ist? Gittertor und Schranke sind gewiss schon ewig nicht mehr geschlossen worden, sehr zur Freude alteingesessener Spinnenfamilien. Das Pförtnerhäuschen steht verlassen da, durch das verschmierte Fenster könnte man gefahrlos eine totale Sonnenfinsternis beobachten. Die drei Fahnenmasten daneben haben, wie zwangspensionierte Senioren, ihre Bestimmung verloren.
»Jetzt werd bloß nicht mäkelig«, raunt Ellen sich selbst zu und lässt den Blick in die andere Richtung schweifen, auf die Küste und das Meer. Wunderbar, wie sich dort, wo sie steht, alles versammelt, was Sinne erfassen können. Die Ufer böschung ist nur zwei Steinwürfe entfernt, und vom Strand dringen gedämpft die Geräusche sanfter Wellen und spielender Kinder herauf, die sich mit dem Summen des Waldes vermengen. Das Meer ist wie blaues Perlglas. Alles strotzt von Leben und ist doch ganz ruhig, geradezu meditativ. Auf dem Weg die Uferböschung entlang ziehen, beinahe unwirklich, die schwarzen, stummen Silhouetten einiger Spaziergänger und Fahrradfahrer vorüber.
Wie um ein letztes gutes Argument vorzubringen, atmet sie das Gemisch aus aerosolhaltiger Brandung und moosigem Holz tief ein.
Alles richtig gemacht, denkt sie und nimmt die beiden Taschen wieder auf, um die letzten Meter hügelauf zu gehen.
Ellen ist am Morgen mit der Bäderbahn Molli, einem dampfenden Unikum mit nostalgischen Waggons und einem markanten Pfeifen aus einer anderen Zeit, nach Bad Doberan gefahren, um ein paar Lebensmittel einzukaufen. Eigentlich unvernünftig, gleich am ersten Tag nach dem Umzug einen umständlichen Ausflug zu unternehmen, doch ihre zweiundvierzig Jahre sind binnen Sekunden auf fünfundzwanzig zusammengeschmolzen. Sie wurde wieder zu jener jungen Frau, die sie mal war, abenteuerlustig und neugierig, voller Ungeduld, diesen Ort und alles, was dazugehört, zu ihrer neuen Heimat zu machen.
Im Café bekam ihre Euphorie einen unerwarteten Dämpfer versetzt. Ellen ließ sich gerade von der Chefin ein paar Tipps geben, als sie erwähnte, dass sie in die Vineta-Siedlung gezogen sei. Die Reaktion der Cafébesitzerin war ein »Oh«, und zwar eines von der Sorte, das sich wie »Autsch« anhört. Es folgte etwas, das man eine grauenhafte Geschichte hätte nennen können, hätte die Frau wenigstens mit ein paar Details aufgewartet. Doch als die Tragödie vor sechs Jahren passierte, hatte sie noch in Greifswald gewohnt und alles, was sie wusste, von einem Gast erfahren. Der Tourist hatte es wiederum von einem polnischen Saisonarbeiter erzählt bekommen.
Zog man alles ab, was unklar oder widersprüchlich war, blieben nur die Anzahl der Todesopfer übrig und die Tatsache, dass sie alle drei – merkwürdig genug – auf unterschiedliche Weise gestorben waren. Da eines der Opfer mit einem Schürhaken erschlagen worden war, ging die Polizei zunächst von mehreren Tätern aus. Allerdings fanden sich keine fremden DNA-Spuren am Tatort, und es fehlte auch nichts, weshalb Raubmord als Motiv ausschied. Irgendjemand aus dem Umfeld der Opfer war angeklagt worden, aber an diesem Punkt endete das Halbwissen der Erzählerin.
»Na ja, Hauptsache, Sie wohnen nicht im Haus ›Sorrento‹«, schloss sie. »In der Siedlung haben doch alle Häuser so komische Namen, oder? Jedenfalls herzlich willkommen bei uns. Und bis bald mal wieder, ja?«
Die Worte der Cafébesitzerin noch im Ohr, blickt Ellen auf den schmiedeeisernen Namenszug über der Haustür: Sorrento. Ein Städtchen am Golf von Neapel, bekannt für malerische Sonnenuntergänge und uralte Orangen- und Zitronenhaine, ist hier zum Synonym für ein brutales Verbrechen geworden.
Die anderen Häuser der Vineta-Siedlung sind durch das dichte Buschwerk kaum zu erkennen, allenfalls ragt mal ein Giebel über Hecken und Holunderbüschen heraus, oder ein Zipfel eines gelben Erkers lugt zwischen den Bäumen hervor. Beim ersten Rundgang am vorherigen Abend hat Ellen bemerkt, dass die Häuser zwar von ähnlichem Baustil, aber von unterschiedlicher Größe, Farbe und Form sind, sodass sie ein normales Dorf imitieren. Es gibt sogar einen Dorfplatz mit einer Linde und einem Brunnen, der jedoch stillgelegt ist.
Ellens Garten ist fast völlig zugewuchert, allerdings hat jemand vor Kurzem den schlimmsten Wildwuchs zurückgeschnitten, sodass man zumindest um das Haus herumgehen kann, ohne irgendwo hängen zu bleiben. Es gibt also noch viel zu tun, was sie nicht im Geringsten stört. Dann hat sie wenigstens eine Beschäftigung, die jene Grübeleien fernhält, die mit der Trennung von einem Lebenspartner einhergehen. Besonders schön – und ausschlaggebend für den Kauf des Hauses – sind die beiden Terrassen, eine große im hinteren Garten, die man vom Wohnzimmer aus betritt, und eine kleine im Vorgarten, die an die Küche grenzt. Beide sind ansprechend möbliert.
»Tris?«, ruft Ellen ins Obergeschoss hinauf, sobald sie das Haus betritt.
Es bleibt still.
Sie verstaut die Lebensmittel. Um die Küche hat sie sich schon am Vortag gekümmert. Sie hasst es, ihren morgendlichen Kaffee auf einer Baustelle zu trinken und das Mittag- und Abendessen zwischen Kisten zuzubereiten. Mit ihren zweiundvierzig Jahren ist sie bereits an die zwanzigmal umgezogen, zehnmal mehr als viele andere in achtzig Jahren, und immer war die Küche nach zwei, höchstens drei Stunden einsatzbereit. Das einfache Silberbesteck aus der Erbmasse ihrer Mutter lag in den Schubladen, die Kupfertöpfe ihres Vaters hingen an den Haken, die Backformen und altmodischen Gerätschaften der Großeltern standen in den Regalen.
Die Küche macht es ihr leicht, sich darin wohlzufühlen. Der weiße viktorianische Vitrinenschrank und der lange Tisch aus Erlenholz strahlen die Gemütlichkeit eines alten Ehepaares aus, wohingegen die Technik inklusive des imposanten Induktionsherds auf dem neuesten Stand ist.
Das gesamte Haus ist möbliert. Wer auch immer es eingerichtet hat, versteht etwas davon, wie man modernes Wohnen durch vereinzelte Antiquitäten behaglicher macht und umgekehrt Landhausstil durch futuristische Elemente vor Kitsch bewahrt. Je nach Zimmer dominiert mal das eine, mal das andere, mal die Vergangenheit und mal die Zukunft. Nur im Wohnzimmer gibt es neben einem offenen altmodischen Kamin auch ein riesiges Gemälde mit Meeresmotiv, das von einem zeitgenössischen Künstler stammt.
Ellen ertappt sich bei der Überlegung, in welchem Raum das Verbrechen wohl stattgefunden hat. Sie zieht es vor, das Geschehen von vor sechs Jahren als »Verbrechen« zu bezeichnen, da es trotz allem harmloser klingt als »Mehrfachmord« oder gar »Massaker«.
Wer wohl umgekommen ist? Und warum? Ist der Täter gefasst und verurteilt worden?
»Tris?«

Die Mörderinsel

Ein ermordetes Mädchen, ein freigesprochener Täter, ein Dorf in Aufruhr ...
Der neue Küstenkrimi mit Doro Kagel


Frühsommer: Der Hotelbesitzer Holger Simonsmeyer, angeklagt des Mordes an einer jungen Frau aus seinem Heimatdorf Trenthin, wird freigesprochen. Er und seine Familie hoffen, damit sei nun endlich alles überstanden. Doch im Dorf herrscht Misstrauen, nur wenige glauben an die Unschuld des Hoteliers. Dann wird erneut ein junges Mädchen ermordet aufgefunden …

Spätsommer: Schockiert steht die Journalistin Doro Kagel vor den Ruinen eines ausgebrannten Hauses in Trenthin. Vor Monaten hatte Bettina Simonsmeyer sie inständig gebeten, ebenso ausführlich über den Freispruch ihres Mannes zu berichten wie zuvor über den Mordprozess. Doro hatte abgelehnt. Nun hat die Familie einen schrecklichen Blutzoll bezahlt. Von Schuldgefühlen geplagt beginnt Doro, den Fall neu aufzurollen …

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1

Noch 34 Tage bis zum zweiten Mord

»Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte wird freigesprochen. Die Kosten des Verfahrens sowie die notwendigen Auslagen des Angeklagten hat die Staatskasse zu tragen. Bitte setzen Sie sich.«
Wie ein Fallbeil sausten die Worte durch die Luft, grell und scharf, und beendeten, nein, töteten mit einem einzigen Schnitt. Sie töteten das Ungeheuer – so hatte Bettina den Prozess gegen Holger getauft. Das Ungeheuer hatte ihr fast ein Jahr lang den Mann genommen, den Schlaf geraubt, es hatte ihre wirtschaftliche Existenz, ihren guten Namen, die Zukunft ihrer Familie bedroht. Daher mischte sich in den Sekunden nach dem Urteilsspruch in die Erleichterung, die Dankbarkeit und die Freude, die wohl jeder an Bettinas Stelle empfunden hätte, auch eine finstere Genugtuung über das elende Ende des Ungeheuers.
Vorbei, dachte sie, es ist vorbei! Sofort sprudelte der Gedanke in die Welt, wurde hör- und sichtbar, als sie die Arme in die Höhe reckte, zur Bank des Angeklagten lief und gleich danach ihren Mann an sich drückte.
»Holger, es ist vorbei! Wir haben es geschafft.«
»Ja, wir haben es geschafft«, wiederholte er lächelnd.
Gefühlsausbrüche waren nicht seine Art, daran war sie nach fünfzehn Jahren Ehe gewöhnt, und es machte ihr nichts aus. Aber dieses eine Mal fand sie es schade, dass Holger immer gefasst, immer ausgeglichen war.
»Ich bin so froh, so unfassbar glücklich. Holger, Holger, Holger«, wiederholte sie seinen Namen wie eine Beschwörungsformel. Dann fiel ihr Finn ein, ihr Sohn, den sie zu sich
rief und an dem sie sich festhielt, während er seinem Vater die Hand gab.
»Glückwunsch, Papa. Aber eigentlich Formsache, oder? Die Freaks mussten dich freisprechen. Alles andere wäre ein Skandal gewesen.«
Bettina wischte sich die Tränen aus den Augen, und dabei fiel ihr Blick auf die erfahrene Staatsanwältin, eine Frau Ende fünfzig, Anfang sechzig im schicken dunkelblauen Kostüm. Während des Prozesses hatte Bettina ihr kaum Beachtung geschenkt, war ihren Ausführungen ferngeblieben. Sie hatte all die Lügen über Holger, die mühsam konstruierten Fantastereien des Polizei- und Justizapparats nicht hören wollen.
Die Staatsanwältin war monatelang das Gesicht des Monsters gewesen, und Bettina hätte allen Grund gehabt, den Triumph ihr gegenüber am deutlichsten zu zeigen. Doch seltsamerweise geschah genau dies nicht. Alles, was Bettina im Gesicht dieser Frau las, war Entsetzen, ehrliches, ungläubiges Entsetzen, mit dem sie zur Richterbank blickte. In diesem Moment wurde Bettina klar, dass es mindestens einen Menschen auf dieser Welt gab, der allen Ernstes fest daran glaubte, dass ihr geliebter Holger ein grausamer Mörder war. Bisher war sie davon ausgegangen, dass die Polizei, und später die Staatsanwaltschaft, mehr aus Verlegenheit gegen Holger vorgingen, weil sie keinen Besseren gefunden hatten und deshalb ein paar lose Indizienfäden zu einem irrsinnigen Gespinst zusammenwoben. Ihrer Meinung nach glaubten die Vertreter des Staates gar nicht an den eigenen Unfug und hätten den Freispruch daher mit einem bedauernden Achselzucken abtun müssen. Doch die Staatsanwältin war kein junges, hungriges Ding mehr, das sich einen Namen machen wollte. Sie stand kurz vor der Pensionierung, hatte schon Hunderte Fälle gewonnen, Dutzende verloren, und doch wirkte sie aus allen Wolken gefallen. Ihr Blick schien den vorsitzenden Richter zu fragen: Was soll das? Wie können Sie nur? Und er schien ihr auf demselben Weg zu antworten: Sehen Sie nicht mich an. Ich wollte ja, aber…
»Bitte nehmen Sie Platz für die Urteilsbegründung«, sagte er, zunächst an den ganzen Saal und dann noch einmal an Bettina und ihren Sohn gewandt. Die drei Richter und zwei Schöffen ließen sich nieder.
Leicht irritiert, schon fast ernüchtert, ging sie zurück zu ihrem Platz. Im Saal war es nun mucksmäuschenstill, die Zuschauer murrten weder noch applaudierten sie. Ein paar junge Leute, Studenten vermutlich, legten sich Zettel und Stift auf die übereinandergeschlagenen Beine, um sich Notizen zu machen. Noch bevor der vorsitzende Richter mit seinen Ausführungen begann, durchstieß ein einzelnes verzweifeltes Schluchzen die Stille.
Die Eltern der ermordeten jungen Frau, um die es bei diesem Prozess ging – gegangen war! –, saßen nur wenige Stühle entfernt. Genau wie Bettina hatten sie keinen Verhandlungstag versäumt, nur dass sie den Ausführungen der Staatsanwaltschaft naturgemäß aufmerksamer gefolgt waren als denen von Holgers Verteidiger. Bettina hatte die räumliche Nähe zu den Illings stets als unangenehm empfunden, und umgekehrt war es dem Ehepaar sicherlich nicht anders ergangen. Man hatte sich immer mit einem kurzen Nicken begrüßt und war sich ansonsten aus dem Weg gegangen. Mit Äußerungen während des Prozesses hatten sich beide Parteien zurückgehalten. Sowohl Bettina als auch Frau Illing waren als Zeuginnen aufgerufen worden, und Bettina musste zugeben, dass Frau Illing bewundernswert sachlich geblieben war, sobald es bei der Befragung um Holger ging, und nur dann emotional wurde, wenn die Sprache auf ihr totes Mädchen kam – was allzu verständlich war.
Die Urteilsverkündung brachte dieses aus Höflichkeit gebaute Konstrukt zum Einsturz. Hier der deutlich gezeigte Triumph, dort die furchtbare, immer noch ungesühnte Tragödie
und dazwischen ein Raum voll Akademiker und Journalisten, für die dieser Fall entweder ein Studienobjekt oder eine Meldung war – diese Spannung war einfach nicht mehr auszuhalten. Der Richter hatte erst ein paar Sätze gesprochen, als Mareike Illing sich laut wimmernd an die Brust ihres Mannes warf, was dieser nur wenige Momente aushielt, ehe er aufsprang und mit dem Finger auf Holger zeigte. Sein Mund öffnete sich, als würde gleich ein gewaltiger Schrei, ein böser Fluch daraus entweichen. Doch kein Laut kam ihm über die Lippen. Stattdessen rann ihm eine einzelne Träne über die Wange. Sie tropfte zu Boden mit dem Gewicht seines stummen Vorwurfs.
Betroffen senkte Bettina den Blick und bemerkte, dass sie sich den linken Zeigefinger blutig gekratzt hatte. Jene Bilder kamen wieder in ihr hoch, die sie beharrlich zehn Monate lang erfolgreich verdrängt hatte. Es waren dieselben Bilder, die sicherlich auch die Eltern des toten Mädchens unentwegt verfolgten, beim Einschlafen und Aufwachen, beim Warten an einer roten Ampel, im Supermarkt, beim Essen. Die Fotos aus den Medien wurden angereichert durch die eigene Fantasie, die sich wiederum aus Kriminalfilmszenen speiste, immer wieder unterbrochen von den Erinnerungen an eine fröhliche, hübsche, vor Tatendrang strotzende junge Frau, die es nun nicht mehr gab. Ein Schnitt von links nach rechts, an ihrer Kehle entlang, ausgeführt von hinten, überraschend, entschlossen und tief, hatte ihr Leben binnen einer Sekunde ausgelöscht. Röchelnd ging sie zu Boden, mit zuckenden Gliedern, die Augen weit aufgerissen, benetzte Laub und Farn mit
ihrem Blut.
Einige Tropfen liefen über Bettinas Fingerkuppe, doch sie war außerstande, ein Taschentuch hervorzuholen. Voller Entsetzen und Mitleid wanderte ihr Blick zu den Illings, schnellte zurück zu ihrem pulsierend schmerzenden Finger, wurde erneut angezogen von dem Elend, das nur wenige Meter weiter aus zwei Menschen herausbrach.
Der vorsitzende Richter schritt ein, und nachdem sich die Gemüter dank der Gerichtsdiener beruhigt hatten, empfahl er dem Ehepaar, den Saal zu verlassen, was die beiden auch taten.
Bettina sah ihnen hinterher. Wie würde es ihr ergehen, wenn sie an Stelle der Illings wäre? Konnte man inmitten von Leid und Wut überhaupt noch klar denken? Ernüchtert stellte sie fest, dass es unmöglich war, sich in die Lage der Illings zu versetzen, auch wenn man es noch so sehr versuchte.
Bettina bemühte sich gar nicht erst, der seitenlangen Urteilsbegründung des vorsitzenden Richters zu folgen. Dazu war sie viel zu erregt, und das Juristendeutsch machte die Sache nicht besser. Seltsamerweise hörte sie die Ausführungen wie durch einen Schleier, wohingegen ihre übrigen Sinne wie von einem Schleifstein frisch geschärft waren. Tausend Dinge nahm sie auf einmal wahr, die ihr während der vielen Prozesstage entgangen waren: die Täfelung des Gerichtssaals, das Holzkreuz an der Wand, das Wappen von Mecklenburg-Vorpommern, die Bundesflagge, die weiten Roben der Richter.
Wie vor einer Prüfungskommission hatte sie die Tage und Stunden bei Gericht erlebt, ganz fokussiert auf die Hoffnung, alles werde gut ausgehen. Nun fragte sie sich, wer von den drei Richtern und zwei Schöffen der großen Strafkammer des Landgerichts wohl gegen ihren Mann gestimmt hatte? Seinem Gesichtsausdruck nach zumindest der Vorsitzende. Wie knapp war die Abstimmung ausgefallen? Hatten die beiden Schöffen, ein Mann und eine Frau wie du und ich, für Holger votiert? Der eine sah aus wie ein Sozialarbeiter, die andere wie eine Supermarktkassiererin – das waren natürlich nur Klischees, aber Bettina war total aufgedreht von ihren Gedanken und Gefühlen, die sie nicht alle mochte und von denen einige ihr sogar Angst machten.
Die Tragödie der Illings war furchtbar, und als Mutter verstand sie nur zu gut ihre Verzweiflung. Aber scherte sich in diesem Saal irgendjemand auch nur einen Deut um ihre eigene Verzweiflung? Wie sie sich herausgewunden hatte, wenn Stammgäste des Hotels fragten, wo denn Holger sei und wie es ihm gehe. Und dann die Blicke derer, die von Holgers Inhaftierung wussten: der anderen Kunden beim Bäcker, der Kassiererin im Supermarkt, des Paketboten, von Spaziergängern… Überall Blicke, mitleidige, skeptische, irritierte, verstohlene, anklagende, durchdringende Blicke, denen man entweder widerstehen oder unterliegen konnte. Es war ebenso beschämend wie
anstrengend, die Ehefrau eines vermeintlichen Mörders zu sein, selbst wenn ihm die Medien immer brav das Adjektiv »mutmaßlich« zubilligten.
Bettina schloss die Augen. Die Welt um sie herum erlosch. Sie atmete tief durch, versuchte, die Hände ruhig zu halten, versuchte, nicht zu weinen vor Freude, versuchte, sich nicht vom Glück überrollen zu lassen. Als sie die Augen wieder öffnete, beendete der Richter gerade die Urteilsbegründung.
»Holger Simonsmeyer ist umgehend auf freien Fuß zu setzen. Die Verhandlung ist geschlossen.«
Geschlossen.

Alle Titel von Eric Berg im Überblick

Eric Berg
© Derek Henthorn

Der Autor

Eric Berg zählt seit vielen Jahren zu den erfolgreichsten deutschen Autoren. 2013 verwirklichte er einen lang gehegten schriftstellerischen Traum und veröffentlichte seinen ersten Kriminalroman »Das Nebelhaus«, der 2017 mit Felicitas Woll in der Hauptrolle der Journalistin Doro Kagel verfilmt wurde. Seither begeistert Eric Berg mit jedem seiner Romane Leser und Kritiker aufs Neue und erobert regelmäßig die Bestsellerlisten. In seinem neusten Kriminalroman »Die Mörderinsel« ermittelt Doro Kagel in ihrem zweiten Fall.

In unserem Interview verrät Eric Berg unter anderem 5 Dinge, die Sie garantiert noch nicht über ihn wissen.

Seit 2013 zählt Eric Berg mit über 730.000 verkauften Exemplaren seiner Kriminalromane zu den erfolgreichsten deutschen Autoren. Mit seinem Spannungsdebüt »Das Nebelhaus« überzeugte der Autor Leser und Presse. Mit der Geschichte um vier ehemalige Studienfreunde, deren Wiedersehen in der sogenannten »Blutnacht von Hiddensee« endet, gelang Berg ein raffiniert erzählter Plot, durchdrungen von subtil eingesetzter psychologischer Spannung:
»Wie bei Hitchcock schleicht sich das Grauen allmählich von hinten an; ein intelligent gemachtes, dramatisches Verwirrspiel. Tolle Figuren, ein überraschendes Ende – ein Krimi, den man unter gar keinen Umständen aus der Hand legen will«, so Silke Arning auf SWR1.

Nach monatelanger Präsenz auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, zahlreichen Lesungen und fortlaufender Leser- und Medienbegeisterung, wurde »Das Nebelhaus« 2017 unter dem gleichen Namen verfilmt. SAT.1 adaptierte den Kriminalroman für das Fernsehen und Schauspielerin Felicitas Woll verkörperte die Rolle der Journalistin Doro Kagel auf eindrückliche Weise.

Auf das Sensationsdebüt folgte »Das Küstengrab« und auch hier konnte Berg sein Talent für atmosphärisch erzählte und klug durchdachte Kriminalfälle unter Beweis stellen. Diesmal auf der Ostseeinsel Poel spielend, ließ der Autor Täter und Opfer erneut in einem Freundeskreis aufeinandertreffen.

Und auch seine dritte Spannungsgeschichte »Die Schattenbucht« spiegelte Bergs Faible für ganz normale Menschen wieder, die – infolge eines tragischen Ereignisses – im engsten Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis zu Mördern werden.

2018 erschien sein vierter Roman »So bitter die Rache« und hier spielt die Geschichte – initiiert durch einen dreifachen Mord in einer Luxus-Wohnsiedlung – im engen Kreis einer Nachbarschaftsgemeinde. Der Titel erscheint nun unter dem Titel »Totendamm« als Taschenbuch.

Die Leser können 2020 endlich auch Journalistin Doro Kagel aus »Das Nebelhaus« wieder treffen und sie bei ihren Ermittlungen in ihrem zweiten Fall begleiten. In »Die Mörderinsel« wird der Angeklagte nach dem Mord an einer jungen Frau freigesprochen. Doch dann wird erneut ein junges Mädchen ermordet aufgefunden …

Das Erzählen auf zwei Zeitebenen zeichnet Eric Bergs Schreiben aus: Während in der Gegenwart ermittelt wird, spielt die Vergangenheit kurz bevor das Verbrechen passiert. In alternierenden Kapiteln bewegen sich die Handlungsebenen aufeinander zu und machen die Lektüre zu einer anspruchsvollen »Whodunit«-Suche.

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