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Krankheitssymptome sind von der Evolution als Signale geformt

Dr. Leander Steinkopf im Interview über "Die andere Hälfte der Heilung"

Sie sind bekannt als Journalist und literarischer Autor, haben Essays veröffentlicht, Bühnenstücke und zuletzt mit der Erzählung „Stadt der Feen und Wünsche“ als Schriftsteller debütiert. Was hat Sie dazu veranlasst, sich nun in Ihrem jüngsten Buch „Die andere Hälfte der Heilung“ einem medizinischen Thema zuzuwenden?

Ich kann mich erinnern, wie ich nach ein paar Semestern Studium Orientierung gesucht habe: Soll ich den künstlerischen oder den wissenschaftlichen Weg einschlagen? „Machen Sie doch beides“, lautete die Antwort der Beraterin nach diversen Tests, und sie bewahrheitete sich: Ich schrieb immer erfolgreicher belletristisch und journalistisch, schrieb aber auch eine innovative Doktorarbeit im interdisziplinären Feld von Sozialpsychologie, Biologie und Medizin. Daraus ist nun „Die andere Hälfte der Heilung“ geworden.

In „Die andere Hälfte der Heilung“ beschäftigen Sie sich mit der Funktion von Krankheitssymptomen. Diese Funktion ist doch eigentlich bekannt: Krankheitssymptome mobilisieren Abwehrkräfte und zeigen zugleich, dass eine Behandlung erforderlich ist. Wieso sollte man sich ausführlich mit den Symptomen beschäftigen, wenn es bei der Heilung darum geht, die Ursache zu bekämpfen?

Klar, Fieber wirkt gegen Krankheitskeime, Durchfall soll sie aus dem Körper werfen, ebenso Husten und Niesen. Aber es stecken auch Informationen darin. Zunächst an uns: Wir können die Viren, die uns befallen nicht wahrnehmen, was wir hingegen wahrnehmen, sind die Verteidigungsreaktionen unseres Körpers, besagte Symptome. Und nicht nur wir nehmen die Symptome wahr, sondern auch die Menschen in unserer Umgebung. Sie erkennen, dass wir krank sind, und verhalten sich dementsprechend. Sie gehen auf Distanz - oder sie helfen uns. Diese Hilfe bringt dem Kranken natürlich Nutzen. Deshalb sind Symptome von der Evolution nicht nur für den Zweck der Verteidigung geformt, sondern auch als möglichst überzeugende Signale an potentielle Helfer.

Durch Krankheitssymptome sendet ein Mensch also wichtige Signale an seine Mitmenschen aus. Wie eindeutig sind diese Signale für andere zu erkennen?

Symptome können sehr laut und aufdringlich sein, denken Sie etwa an Schmerzensschreie. Symptomsignale können aber auch sehr subtil sein, wenn sich etwa eine Depression darin zeigt, dass jemand sich aus seinen sozialen Beziehungen zurückzieht. Früher, als Menschen noch in Kleingruppen lebten, war das ein starkes, unübersehbares Signal. In der heutigen Anonymität der Städte wird dieses Signal womöglich übersehen. Fast wie Sprache, sind Symptome mal laut, mal leise, mal aufdringlich, mal versteckt. Im Buch versuche ich diese große Variation zu beschreiben und zu erklären.

Sie beschreiben anhand aktueller Studien, dass Krankheitssymptome rasch zurückgehen, wenn das Umfeld darauf angemessen reagiert: mit Anerkennung und Fürsorge. Können Sie sich auch Situationen vorstellen, in denen es angebracht wäre, Symptome zu ignorieren?

Symptome geraten ganz schnell aus dem Fokus oder verschwinden gar, wenn es Dringenderes zu tun gibt als Heilung. Ich berichte im Buch von verschiedensten Beispielfällen, etwa Soldaten im Krieg, die schwer verletzt werden, aber keinen Schmerz empfinden, weil sie in diesem Moment ihr Überleben sichern müssen. Später im Lazarett setzen dann die Schmerzen ein. Sind die Symptome einmal präsent, verlangen sie Zuwendung. Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass Schmerzen zurückgehen, wenn man Zuwendung erfährt. Gleichzeitig kann ein Signal aber auch abgewürgt werden, wenn sich jemand dafür nicht empfänglich zeigt. Außerdem können Symptome sich verselbständigen und immer weiter verstärken, wie bei vielen chronischen Schmerzerkrankungen.

Sie erläutern, dass die Krankheitssymptome gewissermaßen in unseren Genen stecken und sich im Zuge der Menschheitsgeschichte über einen langen Zeitraum entwickelt haben. Wie gut ist dieses Thema der Evolution wissenschaftlich erforscht?

Unser Immunsystem ist gar nicht so verschieden von dem der meisten Tiere. Schmerz ist unter Tieren auch weit verbreitet, wobei wir natürlich nicht wissen, was die Tiere dabei wirklich empfinden. Es gibt sogar Verhaltensweisen bei Tieren, die man als die Entsprechung der menschlichen Depression betrachtet. Dieses breite Gebiet ist gut erforscht. Ich bringe nun eine neue Idee herein, die ein paar außergewöhnliche wissenschaftliche Ergebnisse erklären soll, eben dass bei der Spezies Mensch Symptome nicht mehr verborgen werden, sondern, im Gegenteil, als Signale eingesetzt.

Was unterscheidet Menschen in dieser Hinsicht von anderen Spezies?

Es gibt schon viele kooperative Arten, Wölfe, Affen, Elefanten, aber der Mensch überragt sie alle an Prosozialität. Wenn die meisten Tiere krank werden, geschieht das fast unmerklich, denn Symptome zu zeigen, bringt ihnen nur Nachteile. Sie sind kein attraktiver Sexual- oder Kooperationspartner mehr. Ihre Schwäche macht sie zu bevorzugten Opfern von Raubtieren. Und manchmal werden sie einfach aus der Gruppe ausgeschlossen. Menschen kann es natürlich auch Nachteile bringen, Symptome zu zeigen, aber die Vorteile überwiegen. So hat dem Menschen die Jäger-und-Sammler-Gruppe, in der er lange lebte, als sogenannter sozialer Puffer gedient. Wurde einer krank oder verletzte sich, versorgte und pflegte die Gruppe ihn. Und wenn man großzügig half, wurde man im Krankheitsfall selbst versorgt. Man kann sich das wie eine ganz frühe Krankenversicherung vorstellen.

Konnten Sie bei Ihren Recherchen feststellen, ob es auch kulturell geprägte Krankheitssymptome gibt?

Ja, Kultur prägt Symptome. Somatisierung ist dafür ein eindrückliches Beispiel, also wenn sich ein eigentlich psychisches Leiden, Depression etwa, durch körperliche Symptome ausdrückt. In Kulturen mit geringer Akzeptanz für psychische Leiden, findet man mehr körperliche Symptome. Im Arztwartezimmer eines migrantischen Stadtbezirks sprechen womöglich nicht nur die Münder, sondern auch die Symptome ganz unterschiedliche Sprachen. Ich berichte in meinem Buch über viele interessante Zusammenhänge, denn Symptome sind Träger von Bedeutung und die ist natürlich verwoben mit und Teil der Kultur.

Heute verfügt die Medizin durch den wissenschaftlichen Fortschritt bei zahlreichen Krankheiten über schnell wirksame Therapien. Könnten Menschen jetzt nicht auf viele Symptome verzichten und dadurch ihr Leiden an Krankheiten verringern?

Ja, das wäre doch gut, oder? Es ist jedoch nicht so einfach, denn unsere Kultur, auch die medizinische, entwickelt sich schneller als die Evolution uns daran anpassen kann. Heute haben wir Antibiotika, wir können komplizierte Brüche operieren und haben Arzneimittel gegen psychische Erkrankungen, aber trotzdem haben wir noch das gute alte Bedürfnis nach Fürsorge und bedeutsamer Behandlung, das in unserer menschlichen Evolution so lange von Vorteil war. Und genauso haben wir immer noch Symptome, die von der Evolution zu ausdrucksstarken Signalen geformt wurden, damit sie andere von unserer Hilfsbedürftigkeit überzeugen. Sie sind ein entscheidender Teil unserer menschlichen Natur.

Wenn man nachweisen möchte, welche Bedeutung Symptome wirklich haben, spielen Placebo-Studien eine entscheidende Rolle. Ein geläufiges Beispiel für die gute Wirkung des Placeboeffekts ist die Anwendung homöopathischer Medikamente. Hat der Erfolg der Homöopathie etwas mit dieser „Zweiten Hälfte der Heilung“ zu tun?

Homöopathen sind nicht der Schulmedizin verpflichtet, deshalb können sie auch Deutungen und Erklärungen bieten, wo die Schulmediziner nur mit den Schultern zucken. Sie nehmen sich Zeit für den Patienten und wissen, welche Behandlung die richtige ist. Die evolutionär geformten Bedürfnisse des kranken Patienten werden also sehr gut erfüllt, die andere Hälfte der Heilung ist stark bei alternativen Verfahren wie der Homöopathie und übrigens auch der Akupunktur. Und so können sie vielen Menschen Linderung ihrer Symptome verschaffen – auch wenn sie nicht besser wirken als Placebos.

Wie wichtig sind Rituale für den Heilungserfolg?

Es wirkt nicht nur der Wirkstoff, sondern auch die Bedeutung drumherum. Das bloße Einnehmen einer Tablette, ganz abgesehen vom Wirkstoff, kann Besserung bringen, weil man etwas Bedeutsames gegen sein Leiden tut. Der bloße Akt des Operiertwerdens, ganz abgesehen von der gezielten Intervention, kann Besserung bringen, weil jemand etwas Bedeutsames gegen unser Leiden unternimmt. In meinem Buch zeige ich wie die ach so nüchtern erscheinende Medizin ein Spektakel von Ritualen und Effekten ist, die alle zur Heilung beitragen.

Könnten Sie an einem konkreten Beispiel veranschaulichen, wie der perfekte Arztbesuch für Sie aussähe?

Entscheidend für den perfekten Arztbesuch ist eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung zwischen Arzt und Patient. In der heutigen Zeit der häufigen Wohnortwechsel und medizinischen Massenabfertigung kommt dieser Faktor zu kurz. Wir müssen den Medizinern mehr Zeit verschaffen, dass sie sich ihren Patienten zuwenden können, um zu erklären und um zu verstehen. Womöglich könnte man dann auf viele unter Zeit- und Finanzierungsdruck beschlossene Behandlungen verzichten. Gleichzeitig könnten uns moderne Medien helfen den zwischenmenschlich passenden Arzt zu finden und die therapeutische Beziehung auch über Distanz zu halten, statt die Medizin immer weiter zu anonymisieren und automatisieren. Der Arztbesuch wäre dann ganz individuell, nicht auf die Erkrankung, sondern auf die Person und deren Bedürfnisse zugeschnitten.


© Mosaik Verlag
Interview: Elke Kreil

Die andere Hälfte der Heilung

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