Dunkel, gefährlich, erbarmunglos!


Zwölf Jahre nach dem Tod und der Vergewaltigung eines Mädchens wird eine Zeitkapsel in Reykjavik gehoben. Darin enthalten: 10 Jahre alte Briefe von Schülern, die beschreiben, wie sie sich Island im Jahre 2016 vorstellen. Doch darunter ist noch etwas anderes: eine unheimliche Botschaft, die die Initialen von zukünftigen Mordopfern auflistet. Kurz darauf macht Kommissar Huldar einen grausigen Fund.

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Prolog, September 2014
Sie folgte dem Mädchen ins Haus. Es war, als wäre ihr Schulranzen voller Steine, und ihre Brust wurde eng. Jeder Schritt kostete sie große Überwindung, und sie fühlte sich, wie wenn man etwas machte, von dem man wusste, dass es übel ausgehen würde. Wie damals, als sie bei einer Party ihrer Eltern den Tisch decken wollte, zu viele Teller auf einmal getragen hatte und ihr alle aus der Hand gerutscht waren. Schon in dem Moment, als sie den Tellerstapel hochgehoben hatte, hatte sie gewusst, dass er zu schwer war. Aber sie hatte trotzdem weitergemacht. Und jeder einzelne Teller war zerbrochen. Jetzt fühlte sie sich genauso. Das Mädchen stand vor der Tür, die Hand auf der Klinke. »Komm, denk dran, du musst dich beeilen.« Sie flüsterte fast, als befände sich im Haus ein Ungeheuer, das sie nicht reizen dürften. Vaka nickte verzagt und machte den letzten Schritt zur Tür. Dann trat sie ins Haus. Aus der Sonne in die Dunkelheit. Der Geruch von Zigaretten und etwas Saurem schlug ihr entgegen, und sie rümpfte die Nase. Das Mädchen zog hinter ihnen die Tür zu, und die Dunkelheit wurde noch schwärzer. Was vielleicht auch besser war, weil die Unordnung, die in diesem Haus herrschte, dadurch nicht so auffiel, und das Mädchen Vakas erschrockenen Gesichtsausdruck nicht sehen konnte.
»Das Telefon ist oben. Komm mit!«, wisperte das Mädchen kaum hörbar und mit flackerndem Blick. Als Vaka nicht sofort reagierte, winkte sie ungeduldig. Sie hatte den Anorak ausgezogen, aber nur einen Handschuh. Vaka löste den Blick von dem anderen Handschuh, der die fehlenden Finger verbarg, und trat vorsichtig über die Türschwelle aus dem Flur. Im selben Moment knarrte im Obergeschoss eine Bodendiele. Der Kopf des Mädchens zuckte zurück, als sie nach oben schaute. Ihr Gesicht war vor Angst verzerrt. Vaka versteifte sich und spürte, wie ihre Augenlider anfingen zu brennen, als müsste sie gleich in Tränen ausbrechen. Was machte sie hier? Ein leises Stöhnen entfuhr ihr, und trotz der Stille im Haus wirkte es kraftlos. Das war ein schrecklicher Fehler. Schlimmer als die Teller. Panik überkam sie, sodass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Bis auf den, dass sie noch nicht einmal wusste, wie das Mädchen hieß (…)

2016
»In einem der Aufsätze ist man auf fragwürdige Vorhersagen gestoßen, der Schulleiter hat uns kontaktiert.« Kommissar Huldar gab Gulli die Kopie des Hubschrauber-Aufsatzes. »Die Schule hatte damals eine amerikanische Partnerschule, und es gab ein Projekt, bei dem man eine Zeitkapsel mit Aufsätzen auf dem Schulgelände vergraben hat. Zehn Jahre später wurde sie wieder ausgegraben und die Zukunftsvisionen der Kinder aus den beiden Ländern miteinander verglichen. Alle Neuntklässler sollten damals aufschreiben, wie sie sich Island in zehn Jahren vorstellen, anschließend wurden die Blätter in die Hülse gesteckt. So weit, so gut, doch einer der isländischen Schüler nutzte die Gelegenheit und sagte Morde vorher. Ich muss diesen Schüler ausfindig machen, damit psychologisch untersucht werden kann, ob er heute als Erwachsener womöglich gefährlich ist. Ich bezweifle es zwar, aber wir müssen es überprüfen.« »Wen will er denn ermorden?« »Nicht nur einen. Er nennt sechs Personen. Allerdings nicht ihre Namen, sondern nur ihre Initialen. In zwei Fällen auch nur einen Buchstaben.« Huldar suchte in dem Stapel nach dem betreffenden Aufsatz. In der Schule hatte man ihm von allen Aufsätzen Kopien ausgehändigt, von diesem jedoch das Original. Die Schulsekretärin hatte ihm das Blatt mit angewiderter Miene übergeben und erleichtert gewirkt, dass die Sache nun nicht mehr ihr Problem war.

Er zog den mysteriösen Aufsatz heraus und las ihn noch einmal leise. Im Jahr 2016 werden folgende Menschen getötet: K, SG, BT, JJ, VL und I. Niemand wird sie vermissen. Am allerwenigsten ich. Ich kann es kaum erwarten. Darunter standen weder Smileys noch Herzchen.
(…)
»Nein. Hier ist nichts. Nichts Ungewöhnliches zumindest. Scheint ein ganz normaler Garten mit dem üblichen Kram zu sein.« Er nickte in Richtung des lädierten Trampolins, das am äußersten Ende des Gartens am Zaun festgezurrt war. Es schien schon eine Weile her zu sein, seit Kinder darauf gesprungen waren, denn es hatte keine Sprungmatte mehr, und nur das Stahlgerüst und ein paar Federn waren noch übrig. Huldar klopfte gegen den rostigen Grill auf der Terrasse und sparte es sich, Erla auf den Hot Tub hinzuweisen, ein ganz normaler, aus Holz, ziemlich verwittert, darin hatte sicher schon länger niemand mehr gebadet. Das war auch nicht nötig. Jeder konnte sehen, wie gewöhnlich der Garten war. »Ob das ein Scherz war?«
(…)
Vom Hot Tub drang Lärm zu ihm, und Huldar sah, wie sich die schwere Abdeckung ein Stück hob, dann runterknallte und wieder aufflog. Durch das Stürmen des Windes hörte er die Halterung knarren, mit der die Abdeckung unten gehalten wurde. Außen am Hot Tub befand sich eine Luke, die er vorhin noch nicht aufgemacht hatte, also ging er dorthin, verfolgt von den wachsamen Blicken des Hausbesitzers in der oberen Etage des Hauses. Der Mann, er hieß Benedikt, war ihnen gegenüber ziemlich unfreundlich gewesen, zumal er nicht richtig begriff, was eigentlich los war. Nichts deutete darauf hin, dass er etwas mit der Sache zu tun hatte, und seine Verwunderung wirkte authentisch. Da Erla nichts über ihn gesagt hatte, wusste Huldar nicht, wer der Mann war. Er sah aus, als wäre er kürzlich in Rente gegangen, und seinem Auftreten nach zu urteilen, war er ein typischer Profilneurotiker, der es gewohnt war, dass man auf ihn hörte. Einer von denen, die sich nicht damit abfinden konnten, dass ihre große Zeit vorbei war. Huldar winkte dem Mann lächelnd zu. Zum Dank erntete er nur eine Grimasse und ein paar undeutliche Gesten, die vermutlich bedeuteten, dass er den Hot Tub in Ruhe lassen sollte. Da der Mann wohl kaum damit rechnete, dass Huldar sich hineinschwingen wollte, sorgte er sich wahrscheinlich um die Abdeckung, falls Huldar sich an der Halterung zu schaffen machen würde. Aber das war nicht Huldars Absicht, und er nickte dem Mann kurz zu, in der Hoffnung, dass die Botschaft bei ihm ankam.
Hinter der Luke befanden sich eine Pumpe und mehrere Leitungen. Huldar leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe hinein, sah aber nur Staub. Als er genauer in die Luke schaute, um sich zu vergewissern, dass sich hinter dem Wirrwarr von Leitungen nichts verbarg, stieß er sich den Kopf an, und die Holzverkleidung knarrte. Was für eine frustrierende Angelegenheit. Wenn er den Absender des anonymen Briefs in die Finger bekäme, müsste er sich beherrschen, ihm nicht eine ebensolche Beule zu verpassen wie die, die sich gerade an seinem Scheitel bildete. Ein Schlag an der richtigen Stelle konnte bestimmt nicht schaden. Sein Ansehen bei der Polizei war ohne hin schon ruiniert. Huldar schloss die Luke und richtete sich auf. Er massierte seinen schmerzenden Hinterkopf und ließ den Blick durch den dämmerigen Garten schweifen. Sie hatten ihn intensiv durchgekämmt, besser als den Vorgarten. Hoffentlich kam Erla nicht auf die Schnapsidee, noch einmal von vorne anzufangen.
Der Mann hatte die ganze Zeit am Fenster gestanden und in regelmäßigen Abständen gebrüllt, sie sollten auf die Bepflanzung aufpassen. Ziemlich lächerlich angesichts der Jahreszeit. Die wenigen Pflanzen, die man sah, waren kahl und verwelkt. Huldar strich sich die Haare zurück. Der Wind reagierte prompt und blies sie ihm wieder in die Stirn. Genauso sinnlos wie alles andere an dieser Aktion. Wo sollte er als Nächstes suchen? Er wanderte durch den Garten und versuchte, geeignete Verstecke aufzuspüren. Erla und der junge Kollege irrten genauso planlos umher. Guðlaugur immer noch mit erhobenem Stock. Schließlich lehnte Huldar sich an den Hot Tub und genoss die Wärme des Dampfes, der durch den Spalt in der Abdeckung hinausdrang. In diesem Garten war nichts zu holen. Der Brief war ein schlechter Scherz. Es sei denn, jemand war ihnen zuvorgekommen und hatte entfernt, wonach sie suchten. Vielleicht hatten Eltern bei ihrem pubertierenden Nachwuchs Drogen gefunden und wollten sie der Polizei zukommen lassen, ohne dass ihr Kind Schwierigkeiten bekommen würde. Womöglich war ihnen der Jugendliche gefolgt und hatte sich den Stoff wiedergeholt, bevor sie hergekommen waren. Abwegig. Sehr abwegig. Es wäre für Eltern viel leichter, den Stoff ins Klo zu spülen, als so ein Theater zu veranstalten.
Plötzlich legte sich der Wind, und der heiße Dampf stieg neben Huldar nach oben, bis er schließlich sein Gesicht umspielte. Die dicken Schwaden trugen einen Geruch mit sich, der Huldar bekannt vorkam. Der eisenartige Geruch von Blut. Er zuckte zusammen und löste die Abdeckung. Oben wurde das Klopfen gegen die Fensterscheibe lauter. Huldar brauchte einen Moment, bis er kapierte, was in dem Hot Tub schwamm. Nachdem sein Gehirn die merkwürdige Botschaft verarbeitet hatte, wich er instinktiv einen Schritt zurück und ließ die schwere Abdeckung fallen. Augenblicklich nutzte der Wind die Gelegenheit und warf sich mit Wucht dagegen, sodass die Scharniere nachgaben. Die Abdeckung baumelte nur noch an einer Halterung und knallte auf die Terrasse. Huldar blickte nach oben, um die Reaktion des Hauseigentümers sehen zu können. Sein Gesichtsausdruck war nicht mehr wütend, sondern erstaunt. Erstaunt und angeekelt. Hastig griff Huldar nach der Abdeckung und versuchte, sie im Kampf gegen den Wind wieder an ihren Platz zu bugsieren. Er rief nach Erla und Guðlaugur und bat sie, ihm zu helfen. Da erfasste ein Windstoß die Abdeckung, und Huldar meinte, seine Oberarmmuskeln stünden in Flammen. Dennoch konnte er den Blick nicht von dem abwenden, was in dem Hot Tub schwamm. Er vermisste den kleinen, unbedeutenden Schulfall. In dem rot gefärbten Wasser schwammen zwei abgeschnittene Hände.

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DNA - der erste Teil mit Kommissar Huldar und Freyja

Er schlägt erbarmungslos zu. Zuerst trifft es eine junge Mutter nachts in ihrer Wohnung in Reykjavik. Wenig später verliert eine zweite Frau unter ähnlich grausamen Umständen ihr Leben. Kommissar Huldar steht vor einem Rätsel.Und er hat noch ein weiteres Problem. Er ist gezwungen, mit der Psychologin Freyja zusammenzuarbeiten, mit der er zuvor nach einer Kneipentour unter falschen Angaben die Nacht verbracht hat. Zeitgleich beschließt ein junger Amateurfunker, auf eigene Faust zu ermitteln als er kryptische Botschaften erhält. Und begibt sich in tödliche Gefahr.

Über Yrsa Sigurdardóttir

Sigurdardóttir, Yrsa
© Kristinn Ingvarsson

Yrsa Sigurdardóttir wurde vielfach für ihre Bestseller ausgezeichnet und zählt zu den "besten Kriminalautoren der Welt" (Times Literary Supplement). Ihre Spannungsromane sind in über 30 Ländern erschienen. Die 1963 geborene Sigurdardóttir lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Reykjavík. 2005 debütierte sie mit "Das letzte Ritual", einer Folge von Kriminalromanen um die Rechtsanwältin Dóra Gudmundsdóttir. Mit DNA startete sie eine neue Serie um die Psychologin Freyja und Kommissar Huldar von der Kripo Reykjavik.