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SPECIAL zu Eduard von Keyserling

EDUARD VON KEYSERLING - SCHWÜLE TAGE

Idyllen vor rabenschwarzem Hintergrund
Buchempfehlung von Martin Mosebach

Das zwanzigste Jahrhundert hat in der ganzen Welt, auf beinahe jedem Erdteil, dem oft jahrhundertelangen Zusammenleben verschiedener Völker in den Grenzen eines gemeinsamen Staates ein Ende gesetzt. Die Vielvölkerstaaten wurden, überwiegend durch Massaker und Vertreibung, auseinandersortiert – während die Erde klein wurde und die Verbindungen schrumpften, schienen die meisten Länder, die bemerkenswerte Minderheiten in ihren Grenzen beherbergten, zu einem fragwürdigen Ideal nationaler Reinheit gelangen zu wollen.
Zu den großen Verlusten dieses sich in stumpfer Gesetzmäßigkeit vollziehenden Prozesses gehört auch das Ende des Deutschtums außerhalb der Grenzen des deutschen Reiches, das in den verschiedenen Gastnationen überaus reizvolle und bedeutende Ausprägungen deutscher Kultur entwickelt hatte. [...]
Vor dem Hintergrund solcher geschichtlicher Rupturen wächst der Literatur eine besondere Eigenschaft zu: sie ist eben nicht nur Grabmal für eine untergegangene Welt, sondern sie lässt sie in der Phantasie der Leser fortleben und bewahrt sie in einem durch die Kunst gesteigerten und veredelten Aggregatzustand.

Konservierte Kultur
Für das Deutschtum im Baltikum kommt diese Rolle in besonderem Maße den Romanen und Erzählungen des Eduard von Keyserling zu. In ihnen ist die Atmosphäre der großen adligen Landgüter Livlands und Kurlands, im heutigen Lettland also, gleichsam auf Flaschen gezogen.
Keyserling schrieb über ein Milieu, dem er selbst entstammte – wie es nebenbei beinahe alle großen Erzähler getan haben und tun; um eine Welt im Wort wiedergebären zu können, muss sie zunächst einmal selbst erfahren worden sein.
Die große Sippe der Keyserlings – in manchen Zweigen der Familie auch Keyserlingk geschrieben – stammte ursprünglich aus Westfalen; als Vasall des Deutschen Ordens wurde sie im späten fünfzehnten Jahrhundert im Herzogtum Kurland ansässig, im siebzehnten Jahrhundert wird die Familie als gräflich in die kurländische Adelsmatrikel eingetragen.

Die Deutschen im Baltikum
In den vom Deutschen Orden kolonisierten baltischen Ländern bildeten die Deutschen die Herrenschicht, aber auch die städtische Bevölkerung mit Handwerkern und Kaufleuten. Dass man mit einem geistlichen Orden ins Land gekommen war, zeigte sich lange an einer gewissen Disziplin des Adels. Das Raubritterwesen und feudale Exzesse waren im Baltikum weitgehend unbekannt.
Nachdem der Deutsche Orden von Russland und Polen zurückgedrängt worden war, kam das Baltikum zunächst unter schwedische, dann unter russische Herrschaft, die Städte waren lange der Hanse verbunden.
Für die Deutschen ergab sich eine beneidenswert günstige Lage in diesem weit vom Reich entfernten Erdenwinkel. Auch als russische Untertanen genossen sie ein hohes Maß an Autonomie, verfügten in Dorpat über eine deutsche Universität und konnten sich für die Verhältnisse der russischen Autokratie in erstaunlicher Freiheit – ganz anders als der eigentlich russische Adel – behaupten.

Betont deutsch
Sankt Petersburg wurde bis zu einem gewissen Grade das eigentliche Werk der Balten. Als Minister und Generäle, Maler und Architekten, Kaufleute und Metzger verliehen sie der neugegründeten Stadt, die so nah an den Grenzen ihrer eigenen Länder lag, Leben und Charakter. Und sie blieben dabei betont deutsch.
Die baltischen Länder hatten die Reformation angenommen, und die baltischen Junker blieben auch unter der Herrschaft der Russen evangelisch, Dorpats Beiträge zu protestantischen Theologie besaßen Gewicht.
Kurland wurde unter der Zarin Katharina die Pfründe eines ihrer Favoriten, der als Herzog Biron von Kurland dort herrschen durfte.
Der große Hamann aus Königsberg fand in der kurländischen Hauptstadt Mitau erstaunliche Bibliotheken beim dortigen Adel vor: es scheint, als seien die – gewiss überaus kleinen – gebildeten Kreise damals an den allgemeinen, westeuropäisch dominierten zivilisierten Austausch vollständig angeschlossen gewesen. Man blickte nach Paris und London und nach Sankt Petersburg, Deutschland war für die Balten damals offenbar nicht so wichtig, die Preußen schon gar nicht, deren Adel fest an der Kette lag.
Es haftete den baltischen Milieus eine Freiheit an, die für Deutschland ungewohnt war. Sie hatten aus dem Mittelalter ihre Standesprivilegien in einen bürokratischen Zentralstaat mit despotischen Zügen hinüberretten können, genossen alle Vorzüge einer übernationalen Elite und pflegten ihre Eigenart mit Ironie und trockenem Witz.

Das Dahinwelken adliger Lebensformen
Es lohnt sich, diesen kursorischen Ausflug in die baltische Geschichte zu unternehmen, wenn es darum geht, sich dem erzählerischen Werk des Eduard von Keyserling zu nähern. Beinahe fremdartig mutet die Erinnerung an die baltische Realität an, wenn man in die wehmütigen, mit tiefen Schatten gezeichneten „Schloss-Geschichten“ Keyserlings blickt. Eine Abschiedsstimmung liegt über ihnen, die uns heute bezeichnend für die Epoche vor dem Ersten Weltkrieg erscheint und die vielleicht doch nicht ganz so selbstverständlich war, wie eine neuere Konvention es uns suggeriert. […]
Die Aristokraten Kurlands aber durften in der schließlich niedergeschlagenen Revolution von 1905 doch einen Vorgeschmack auf eine grundsätzliche Umgestaltung aller Verhältnisse erhalten, in der es aristokratische Existenz in der von Keyserling geschilderten Gelassenheit nicht mehr geben würde.
Und doch – hätte Russland den Krieg gewonnen, hätte das Zarentum sich halten können, wie wäre es gewesen mit dem Hinwelken adliger Lebensform, das Keyserling so eindringlich beschreibt? Hätten nicht gerade die baltischen Junker, wie schon seit Peter dem Großen, ein Bindeglied zwischen dem Riesenreich und dem industriell und gesellschaftlich fortgeschrittenen Westen werden können? War das adlige Baltentum schon in den Jahren, in denen Keyserling es beschrieb, zwischen 1903 und 1917, eine sterbende Klasse, nicht nur aus dem melancholischen Blickwinkel des Autors, sondern ganz objektiv?

Der Tanz auf dem Vulkan
Man fühlt sich bei dieser Art der Betrachtung ein wenig an die Klassifizierung der pompejanischen Malerei erinnert, die üblicherweise in vier Stilgruppen eingeteilt wird. Der vierte Stil ist aufgelöst, kleinteilig, detailverliebt, es mangelt ihm an einer vorherrschenden Formvorstellung, er ist verspielt wie das Rokoko – so klingt seine Beschreibung in der Sprache der Archäologen –, und dann kam tatsächlich auch der Vesuv und machte dem buchstäblichen Tanz um den Vulkan ein brutales Ende. Was aber wäre gewesen, wenn der Vesuv nicht ausgebrochen wäre und dem vierten Stil noch viele andere Stile hätte folgen können? Würde man dann immer noch Dekadenz und Schwäche in ihm entdecken, oder würde man seinen erzählfreudigen Erfindungsreichtum gar als Zeichen neuerwachter kindlich-naiver Vitalität preisen?
Goethe hat die Vulkanausbrüche und die politischen Revolutionen als verwandte Phänomene verstanden, aber das ändert nichts daran, dass sich die Revolutionen auf andere Weise vorzubereiten pflegen als die Erderschütterungen.

Mikrokosmos Gutshof
Ivan Bunin, der dem russischen Landadel entstammte und die vielbeschriebenen „Adelsnester“ Russlands von seiner Familie her kannte, bemerkte zu Cechovs „Kirschgarten“, dass das Leben auf den Adelssitzen vor der Revolution schon deutlich gefährdet und auch zu endgültigem Ende verurteilt gewesen sei.
Das Erstarken der Industrie mag dazu beigetragen haben, auch eine neuartige, auf Wachstum und Rationalisierung konzentrierte Art des Wirtschaftens, dem die alte Herrschaft nicht gewachsen war und nicht gewachsen sein wollte.
Das alte Leben auf den Gütern verstand die Landwirtschaft zwar gleichfalls als Wirtschaftsunternehmen, aber von statistischem Charakter: ein großer Personenkreis, die Gutsbesitzerfamilie, ihr zahlreicher Anhang und die große Schar der Landarbeiter und Bauern wollten hier ihr Auskommen finden, aber ohne dass mit Eifer an die Maximierung der Profite gedacht worden wäre. Wenn der Gutsbesitzer in Finanznöten steckte, hätte er sich, bevor er sich mit der Verbesserung seiner Erträge abgegeben hätte, zunächst einmal nach einer vorteilhaften Heirat umgesehen.
Auf dem Land ließ sich auch ohne viel Bargeld gut auskommen. Außer für Rotwein und Zigarren musste Geld eigentlich nicht ausgegeben werden. Die Jagd war ein kostenloses Vergnügen, und die Tageseinteilung mit großen Familienmahlzeiten ließ die Zeit wie im Flug verstreichen.
Das Landgut war eine Lebensform, nicht eine ökonomische Einheit. Es war das Rückzugsgebiet von Leuten, die dem Staat meist ohne Bezahlung gedient hatten. So waren die Güter ich ihrer Abgeschiedenheit doch immer auch mit der Hauptstadt und der großen Welt verbunden, und das Leben dort bildete das Leben am Hof in kleinerem Format nach. Das Gutsbesitzerehepaar stellte die Monarchen dar und war in genauer Rangabfolge von Höflingen und vom Volk umgeben. Als Bestandteil der höfischen Pyramide war jeder an seinem Platz unersetzlich.

Aus der Zeit gefallen
Aber diese Harmonie von ländlichem Mikrokosmos und politischem Makrokosmos scheint bei Eduard von Keyserling auf unbestimmte Weise verdunstet zu sein. Von politischen Konflikten und gesellschaftlichem Wandel ist in seinem Erzählwerk kaum jemals ausdrücklich die Rede, obwohl der junge Keyserling in Wien sozialistischen Kreisen nahe gewesen war.
Dafür ist die kurländische Schlösserwelt in eine Verzauberung versunken, die geradezu unheimlich wirkt. An winzigen Bahnstationen steigt man aus, dort wartet eine altertümliche Kutsche mit einem lettischen Kutscher, der kaum ein Wort Deutsch spricht, und dann geht es viele Stunden auf Sandwegen immer tiefer in die Verlassenheit und ins Niemandsland hinein.
Keyserlings Schlösser sind aus der Zeit gefallen; hier setzt sich nicht das mondäne Leben der Hauptstadt in ungezwungener Form fort, hier gibt es vielleicht gar keine Hauptstadt mehr, das Land, in dem die Schlösser liegen, ist unwirklich geworden. Die Herrschaften haben dort in ihrer Entrücktheit zu einer strengen, endgültigen Lebensweise gefunden. Aus gescheiterten Ehen, gebrochenen Herzen, mehr peinlichen als schmerzhaften Erinnerungen bestehen ihre Geheimnisse. So wie der Wald von Photographien, der auf adligen Flügeln und Kommoden auch heute nachmal noch zu stehen pflegt, um das schwarz-weiß gebleichte Heer der in geminderter Leiblichkeit bei der Familie ausharrenden Ahnen zu vergegenwärtigen, umgeben die von Keyserling geschilderten gräflichen Familien die alten harten Prinzipien aristokratischen Daseins: die Unerbittlichkeit, die aus der niemals abzulösenden Pflicht gegenüber den Vorfahren erwächst, die Haltung in allen Lagen des Schicksals, die Selbstbeherrschung, die fehlenden Mut und Kraft zu ersetzen vermag.

Der Blickwinkel eines Außenseiters
Das Verdächtige in Keyserlings Welt ist vielleicht, dass diese Prinzipien überhaupt beim Namen genannt werden müssen – weil sie eben nicht mehr selbstverständlich sind, weil der Standesherr, der sich mit dieser Rüstung wappnen sollte, asthenisch und nervenkrank in den stählern blitzenden Reifen hängt.
Es ist die Gespenstererfahrung der Geschichte: alles Äußere ist unverändert, die Parks liegen in unveränderter Pracht unter den hohen Bäumen ausgebreitet, die ländliche Bevölkerung führt ihr gleichförmiges zufriedenes Leben, die Kutschen fahren vor, die Familientafel wird jeden Tag aufs neue gedeckt, aber bei den Herren dieser Güter hat eine heimliche Krankheit die Instinkte gelähmt, alles ist wie immer und in Wahrheit doch verwandelt und ausgeblutet.
Man konnte die baltischen Gutshöfe dieser Vorkriegsjahre, wie schon gesagt, auch vollkommen anders erleben, mit vitalen, draufgängerischen Junkern, die sich in den Freikorps nach der Revolution mit der Waffe in der Hand recht eindrucksvoll gegen ihre Vertreibung wehrten und denen ihr Besitz keineswegs vor Kraftlosigkeit aus der Hand gefallen war. [...]
Es gehörte doch wohl der ganz persönliche Blickwinkel eines Eduard von Keyserling dazu, die Morbidität adligen Daseins im Baltikum zu entdecken, dessen Untergang sich dann schließlich auch in kürzeste Frist ereignete.

Kindheit und Jugend
Wie häufig in der Geschichte der Literatur sind es die Außenseiter eines Milieus, denen dessen schärfste Beobachtung gelingt.
Eduard von Keyserling wurde 1855 auf dem Gut Tels-Paddern geboren; der Vater war Kreismarschall, einem Landrat vergleichbar. Keyserlings Mutter stammte aus der Donaumonarchie und hatte italienisches Blut. Die drei Schwestern betätigten sich schriftstellerisch, der Bruder Heinrich war Maler und Kunstkenner.
Keyserling studierte Jura in Dorpat, und hier ereignete sich das Missgeschick, dass er aus der Studentenkorporation Coronia schimpflich ausgeschlossen wurde – wegen einer Lappalie, einem „verschlafenen Ehrenauftrag“, wie Kommilitonen berichten. Folge war, dass Keyserling seitdem von seinen Standesgenossen gemieden wurde und gezwungen war, sich seinen Umgang außerhalb des eigenen Standes zu suchen.
Seit 1877 lebte er in Wien, später mit den Schwestern in München; nur für eine Übergangszeit hatte er noch einmal ein paar Jahre lang die mütterlichen Güter in Kurland verwaltet.
Der Schilderer des Baltikums legte mehr als tausend Kilometer zwischen sich und das Objekt seines Erzählens. Auch dies scheint ein Gesetz der Kunst zu sein: dass die Schilderung sich aus der Erinnerung speisen muss, nicht aus der unmittelbaren Anschauung wie bei einer Reportage.

Triumph über das gestaltlose Dunkel
Aber nicht nur von der Heimat und dem angeborenen Lebenskreis musste Keyserling sich entfernen, sondern von der sichtbaren Welt überhaupt. Seit 1908 begann er zu erblinden.
Das Portrait, das der Ostpreuße Lovis Corinth von ihm gemalt hat und das heute in der Münchner Neuen Pinakothek hängt, zeigt den Schriftsteller schonungslos in seinem körperlichen Verfall. Dem zarten blonden Mann schlottern buchstäblich die Glieder, beinahe kann er sich in dem Sessel, in dem er posiert, nicht halten. Sein Kinn ist weit zurückgetreten, dafür wölben sich die blassen hellgrauen Augen gefährlich aus dem Kopf – dass diese Augen nichts mehr sehen konnten, erscheint angesichts ihres Hervorquellens geradezu wie ein Hohn.
In seiner Nacht aber ließ Keyserling alle Farben und Lichter, alle Tönungen und Stimmungen morgendlicher und nächtlicher Parks auferstehen. In ihrer bedrängenden Überfülle sind die Parkbeschwörungen ein Triumph über das gestaltlose Dunkel, das ihn immer tiefer umgab. Wenn es längst keinen einzigen Park mehr geben wird, wird man sich mit Hilfe von Keyserlings Schilderungen immer noch vorstellen können, welche Paradiesesverheißungen die alten europäischen Schlossgärten einmal enthielten. Keyserlings Sommernächte sind wie Feuer der Imagination, an denen sich die Leser in dürren, kalten Zeiten wärmen können.

Betörende Süße vor rabenschwarzem Hintergrund
Selten ist der Fall, dass Krankheit und Verarmung – seit 1914 erreichten ihn seine Einkünfte aus Kurland nicht mehr – den Künstler nicht verstummen lassen, sondern seine Produktivität erst eigentlich auslösen.
In den letzten bitteren Lebensjahren reihte Keyserling Werk an Werk. Noch 1918, im Jahr seines Todes, vollendete er die Erzählung „Im stillen Winkel“. „Schwüle Tage“ stammt aus dem Jahr 1904, kurz nachdem er mit dem kleinen Roman „Beate und Mareile“ aus dem Jahr 1903 zu seinem eigentlichen Stil gefunden hatte. Die Idyllen in ihrer betörenden Süße spielen bereits vor rabenschwarzem Hintergrund, schon in den Adern der ganz jungen Leute fließt ein vergiftetes Blut; die Blüte wird keine Frucht mehr bringen.
Es sind nicht die Menschen, zu denen man in diesen Erzählungen Zuflucht nehmen kann, sondern die Wolken und die Bäume, und gerade darin hat Keyserling recht behalten: seine „Abendlichen Häuser“ sind gestorben, aber die Blätterkronen der alten Bäume, die Sommerhitze, die Mückenschwärme und die im Mitsommernachtslicht weiß schimmernden Seen vor dunkler Waldkulisse sind bis heute geblieben.

Martin Mosebach

(Auszug aus dem Nachwort zu »Schwüle Tage«)