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Ein brisanter Fall für das deutsch-dänische Ermittlerteam Boisen & Nyborg

Am Sockel des Idstedt-Löwen in Flensburg wird die Leiche des 73-jährigen Karl Bentien gefunden. Brutal zu Tode getreten und ausgeraubt. Ein zufälliges Opfer oder gezielter Mord? Der pensionierte Studienrat gehörte der dänischen Minderheit an, Medien und Behörden sehen nach dem Mordfall bereits das friedliche Zusammenleben im Grenzland in Gefahr. Hauptkommissarin Vibeke Boisen und ihr Kollege Rasmus Nyborg von der dänischen Polizei stehen unter Druck und müssen rasche Ergebnisse liefern. Dann stoßen sie im Keller des Toten auf eine versteckte Kammer mit brisantem Inhalt …

Dänische Knurrigkeit trifft auf deutsches Pflichtbewusstsein: Ein Ermittlerteam, das Grenzen überschreitet.

Band 2: Die Spur des Mörders

In diesem Fall hat Vibeke Boisen nicht nur mit einem perfiden Mörder zu kämpfen, die Ermittlungen wühlen auch unliebsame Kindheitserinnerungen auf, denen sie sich stellen muss.

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Band 1: Die Tote am Strand

Es stellt sich heraus, dass die junge Frau jahrelang unter falschem Namen in Deutschland gelebt hat.

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Anette Hinrichs
© Anette Göttlicher

Anette Hinrichs ist als geborene Hamburgerin ein echtes Nordlicht. Ihre Leidenschaft für Krimis wurde im Teenageralter durch Agatha Christie entfacht und weckte in ihr den Wunsch, eines Tages selbst zu schreiben. Heute lebt sie als freie Autorin mit ihrer Familie im Raum München. Ihre Sehnsucht nach ihrer alten Heimat lebt sie in ihren Küstenkrimis und zahlreichen Recherchereisen in den hohen Norden aus. Mit »NORDLICHT«, ihrer Krimireihe um das deutsch-dänische Ermittlerteam Vibeke Boisen und Rasmus Nyborg, begeistert Anette Hinrichs ihre Leserinnen und Leser und landete auf Anhieb auf der Bestsellerliste.

BOISEN & NYBORG

So unterschiedlich wie Ebbe und Flut

Vibeke Boisen

• Alter: 36
• Ermittelt in: Flensburg
• Eltern: ist ihrer leiblichen Mutter nie begegnet, Vater unbekannt; wuchs im Heim und bei Adoptiveltern Elke und Werner Boisen, einem leitenden Polizeibeamten, auf
• Charakter: bodenständige Polizistentochter mit tiefsitzendem Gerechtigkeitsempfinden, hält sich an die Regeln
• Aussehen: heller Typ mit eisblauen Augen und sehr heller Haut; schmale Statur, durchtrainiert
Vorlieben: Lakritz und Fischbrötchen
• Dienstwaffe: Walther P99Q
• Besondere Eigenschaften: besitzt den Schwarzen Gürtel im Wing Tsung und ist eine hervorragende Schützin

Rasmus Nyborg

• Alter: 46
• Ermittelt in: Südjütland/Esbjerg
• Familienstand: geschieden; Exfrau Camilla lebt in Kopenhagen, Sohn Anton (im Alter von 15 Jahren gestorben)
• Charakter: Bauchmensch und brillanter Ermittler, der nicht viel auf Konventionen gibt
• Aussehen: groß, hager, blondes Haar mit zurückgehendem Ansatz, stets unrasiert
• Vorlieben: trinkt gerne Bier, am liebsten direkt aus der Flasche; Filterkaffee (kein Espresso, Latte etc.)
• Er hasst: Lakritz; Menschen, die nach oben buckeln und nach unten treten
• Laster: 20 Zigaretten am Tag; Hot Dogs
• Fahrzeug: alter VW-Bus, in dem er derzeit auch lebt
• Trauma: leidet darunter, dass er den Tod seines Sohnes nicht verhindern konnte

Minibanner Nordlicht 2 Desktop

Mörderisch gut gelesen von Vera Teltz:

Das Hörbuch zu "Nordlicht - Die Spur des Mörders"

Am Sockel des Idstedt-Löwen in Flensburg wird die Leiche des 73-jährigen Karl Bentien gefunden. Brutal zu Tode getreten und ausgeraubt. Ein zufälliges Opfer oder gezielter Mord? Ein weiterer brisanter Fall für das deutsch-dänische Ermittlerteam Boisen & Nyborg!

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Leseprobe zu "Nordlicht - Die Spur des Mörders"

Prolog


Deutsch-dänisches Grenzgebiet 1952

Die späte Nachmittagssonne warf lange Schatten auf die beiden einsam am Ackerrand stehenden Bäume und verwandelte sie in einen scharfkantigen Scherenschnitt. Kräftiger Wind fegte vom Meer bis an die Küste, trug das Salz bis weit ins Land hinein.
Der Junge wusste nicht, wie viele Stunden er schon an den Pfahl auf dem Hof festgebunden war, dort, wo der Hund die Nacht verbrachte. Er versuchte, tapfer zu sein und an etwas Schönes zu denken. An das kleine Kälbchen, das erst vor ein paar Tagen im Stall auf die Welt gekommen war. Doch er hatte schrecklichen Durst. Wenn er schluckte, schmerzte es tief hinten in seinem Hals. Deshalb sammelte er etwas Speichel im Mund, das machte das Schlucken für einen kurzen Moment erträglicher. Hinterher tat es genauso weh wie vorher.
Die Schnüre schnitten tief in die Haut seiner Handgelenke. Er wusste, später würden rote Rillen zurückbleiben, die zusammen mit den blasseren das Muster einer Spirale ergaben. Am schlimmsten brannten die Striemen auf seinem Rücken. Er hatte mitgezählt. Ganze sieben Mal hatte ihn der Gürtel getroffen. Zwei Schläge mehr als gestern. Vorausgesetzt, er hatte richtig gezählt.
Er wusste nicht, was die Mutter so in Rage gebracht hatte. Manchmal reichten ein umgestoßenes Glas oder ein paar Brotkrümel aus, die er während des Essens unabsichtlich auf dem Boden verteilte. An diesem Morgen hatte er sich große Mühe gegeben, dass ihm kein Mal-heur passierte, und es war alles gut gegangen. Trotzdem hatte er offensichtlich etwas falsch gemacht, denn die Mutter hatte ihn am Handgelenk gepackt und hinaus auf den Hof gezerrt. Dort hatte er zuerst sein Hemd ausziehen müssen, ehe er mit dem Strick an den Pfahl gebunden worden war. Bei jedem Schlag hatte sie dieselben Worte gezischt. Tysk bastard. Deutscher Bastard. Er wusste nicht, was das bedeutete, ahnte aber, dass es nichts Gutes war.
Er sehnte sich nach seinem Vater. Der arbeitete für gewöhnlich den ganzen Tag auf dem Feld oder in den Ställen und kam erst spät zurück ins Haus. Dann machte die Mutter den Ofen an, und sie aßen gemeinsam zu Abend. Anschließend durfte er auf den Schoß des Vaters klettern, und dieser las ihm ein Märchen vor.
Heute würde sein Vater nicht nach Hause kommen. Und auch morgen nicht. Er würde nie wieder heimkommen. Das hatte ihm die Mutter vor ein paar Tagen erklärt.
Heiße Tränen liefen ihm über die Wangen, vermischten sich mit dem Rotz aus seiner Nase. Er fürchtete sich vor der Dunkelheit, die langsam näher kroch. Die Geschichte vom Nachttroll, der sich alle sechsjährigen Kinder holte, die nach Einbruch der Dunkelheit im Freien waren, spukte ihm unablässig im Kopf herum. Am nächsten Tag war sein sechster Geburtstag.
Er wimmerte, rief erst leise, dann immer lauter nach der Mutter, damit sie ihn hereinholte, ehe der Nachttroll kam, doch nichts geschah. Ein dünnes, warmes Rinnsal lief sein Bein entlang, während das Tageslicht weiter abnahm.

Als viele Stunden später die Sonne über den Getreidefeldern aufging und der Morgen anbrach, war der Junge am Pfahl verschwunden. Er würde nie wieder in sein Zuhause zurückkehren.

1. Kapitel


Flensburg, Deutschland

In der Stille war nur das Rauschen des Windes zu hören. Die angrenzenden Häuser waren in spätabendlicher Ruhe versunken, das Mondlicht versteckte sich hinter dicken Wolken.
Rudi wankte mit einer Weinflasche in der Hand den von Bäumen geschützten Weg im nördlichen Teil des Alten Friedhofs entlang. Hin und wieder blieb er stehen, setzte die Flasche an die Lippen und genehmigte sich einen großzügigen Schluck. Der Alkohol war diese Nacht vermutlich sein einziger Freund.
Die Geschäfte liefen schlecht. Die Konkurrenz machte ihm sein Revier streitig, zusätzlich erschwerte ihm das ständige Auftauchen der Bullen die Arbeit. Auch die Senioren waren nicht mehr so vertrauensselig wie früher. Sie schauten Sendungen wie Aktenzeichen XY, lasen in der Zeitung Artikel über Betrüger und servierten ihm ihre Wertsachen nicht länger auf dem Silbertablett. Während er früher den gleichen Trick in einem Stadtteil mehrfach hintereinander abziehen konnte, musste er sich jetzt ständig neue Maschen ausdenken.
Zu allem Überfluss hatte er sich auch noch mit Rita gestritten und deshalb für die Nacht kein Dach über dem Kopf. Wenigstens waren die Temperaturen Anfang September noch immer mild, und er konnte sich ein Plätzchen im Freien suchen. Sein Ziel war nun der Christiansenpark. Dort standen zahlreiche Bänke, auf denen er seine müden Glieder ausstrecken konnte. Hier auf dem Hügel gab es nur Gräber und Denkmäler und lauter Tote. Allein der Gedanke, bei denen zu schlafen, gruselte ihn.
In der Nähe wurden Stimmen laut. Jemand schrie auf. Stille. Rudi blieb stehen, überlegte, ob er lieber zurückgehen und einen Umweg machen sollte. Weiteren Ärger konnte er jedenfalls nicht gebrauchen.
Ein dumpfes Geräusch drang an sein Ohr, das er nicht zuordnen konnte. Einmal, zweimal, dreimal … Als er mit dem Zählen bei zwölf angelangt war, hörte es auf.
Rudi lauschte in die Dunkelheit, doch alles blieb still. Er genehmigte sich einen weiteren Schluck aus der Wein-flasche und setzte seinen Weg fort.
Kurz darauf trat er aus dem Schutz der Bäume. Vor ihm auf der Rasenfläche erhob sich ein riesiger Schatten. Er zuckte erschrocken zusammen. Im nächsten Augen-blick begriff er, dass es sich um den Idstedt-Löwen handelte. Er kicherte erleichtert.
In der Nähe schlug eine Autotür zu, und ein Motor wurde angelassen. Rudi torkelte ein paar Schritte bis zum nächsten Gebüsch, stellte die Weinflasche neben sich auf den Boden und öffnete wankend den Schlitz seiner Hose. Während er sich erleichterte, beobachtete er durch eine Lücke im Gestrüpp auf der dahinterliegenden Straße die Rückleuchten eines davonfahrenden Wagens. Er zog den Reißverschluss seiner Hose wieder zu, trank den restlichen Wein und stellte die leere Flasche auf den Boden zurück, ehe er seinen Weg fortsetzte.
Der Mond löste sich von den Wolken, und schwaches Licht fiel auf die Parkanlage und den Idstedt-Löwen. Am unteren Sockel des Denkmals lag eine Gestalt.
Ein etwas unbequemer Ort zum Schlafen, schoss es Rudi durch den Kopf. Er ging näher heran, blieb schließlich direkt davor stehen und registrierte trotz seines benebelten Gehirns, dass der Mensch, der dort lag, nicht mehr unter den Lebenden weilte.
Sein erster Impuls war wegzulaufen, doch stattdessen drehte er sich langsam um die eigene Achse und ließ den Blick durch die Dunkelheit schweifen. Dabei klopfte sein Herz wie verrückt. In der Gewissheit, allein zu sein, beugte er sich leicht schwankend über die Leiche. Dabei verlor er das Gleichgewicht und fiel auf den leblosen Körper. Als Rudi wieder auf die Beine kam, waren seine Hände voll mit Blut.

2. Kapitel


Flensburg, Deutschland

Vibeke umschloss den Griff der Walther P99Q fest mit beiden Händen und visierte ihr Ziel an. Ihr rechter Zeigefinger wanderte zum Abzugsbügel und zog ihn mit zunehmender Kraft durch, bis sich der Schuss löste. Sie blendete Knall und Rückstoß aus, konzentrierte sich darauf, wie die leere Hülse zu Boden fiel und die nächste Patrone ins Patronenlager rutschte. Sie schoss ein weiteres Mal. Erst als die letzte Kugel das Magazin verlassen hatte, senkte sie die Waffe. Sie überprüfte, ob das Patronenlager der Walther vollständig leer war, ehe sie die Waffe auf dem Tisch ablegte und den Gehörschutz herunternahm.
Anders als bei ihrer alten Dienststelle, dem LKA Hamburg, deren Polizei-Trainingszentrum auf rund fünftausend Quadratmetern die modernste Schießanlage Europas war, erfüllte die Raumschießanlage der Flensburger Polizei lediglich ihren Zweck.
Doch Vibeke war Realistin, keine Träumerin, und für sie war der Wechsel vom LKA Hamburg zur Bezirkskri-minalinspektion Flensburg vor drei Monaten die vernünf-tigste Option gewesen. Zudem bedeutete der neue Job als Leiterin der Mordkommission beim K1 einen weiteren Schritt auf der Karriereleiter. Zumindest auf dem Papier, denn Flensburg war nicht Hamburg. Anstatt wie in der Metropole pausenlos Verbrecher zu jagen, plätscherte in der Fördestadt alles so dahin. Der letzte Mordfall, die Tote in Kollund, den sie zusammen mit ihren dänischen Kollegen gleich zu Beginn ihrer Amtszeit gelöst hatte, lag über zweieinhalb Monate zurück. Seitdem hatten sie und ihre beiden Mitarbeiter lediglich zwei Tötungsdelikte bearbeitet, von denen sich einer zudem als Suizid entpuppt hatte.
Das Pfeifen des Schießtrainers riss sie aus ihren Gedanken.
»Nicht übel, Frau Boisen.«
Vibeke wandte sich der Übungsscheibe am anderen Ende der Raumschießanlage zu, auf der die Umrisse eines bewaffneten Täters auf eine Leinwand projiziert waren. Rote Punkte kennzeichneten die Einschläge der Projektile im Kopf- und Brustraum. Fünfzehn Schüsse. Fünfzehn Treffer.
Sie hob die Brauen hinter ihrer Schutzbrille. »Nicht übel?«
Der Schießtrainer grinste und hielt ihr ein Handy entgegen. »Ihre Dienststelle.«

Fünfzehn Minuten später fuhr Vibeke in ihrem Dienstwagen den Kanonenberg hinauf. Das Gelände um den Alten Friedhof war weitläufig abgesperrt worden. Einsatzfahrzeuge parkten an den Zufahrtsstraßen, uniformierte Streifenbeamte bewachten die Eingänge. Die halbe Polizeidirektion schien auf den Beinen zu sein, und Vibeke fragte sich, was sie erwartete. Ein Toter am Sockel des Idstedt-Löwen, hatte man ihr am Telefon gesagt. Warum ausgerechnet dort?, war ihr als Erstes durch den Kopf geschossen.
Der Idstedt-Löwe war nicht nur ein monumentales Denkmal, das an die Schlacht von Idstedt im Jahr 1850 und den Sieg der Dänen erinnerte, sondern auch ein Symbol für die vielschichtige deutsch-dänische Geschichte. Heute galt es darüber hinaus als Zeichen von Freundschaft und Vertrauen zwischen den beiden be-nachbarten Ländern.
Vibeke parkte ihren Wagen hinter dem Transporter der Spurensicherung, holte einen Satz Schutzkleidung aus dem Kofferraum und schlüpfte hinein. Es war bereits angenehm warm, und der wolkenfreie Himmel versprach trotz des aufkommenden Windes einen sonnigen Spät-sommertag.
Hinter dem Absperrband drängelten sich die Schaulus-tigen bereits dicht an dicht, manche hielten ihre Handys gezückt. Ein Kamerateam vom örtlichen Fernsehsehsen-der und ein Übertragungswagen vom Radiosender waren ebenfalls bereits vor Ort. Sobald etwas Aufsehenerre-gendes in Flensburg passierte, verbreitete sich das wie ein Lauffeuer in der Stadt. Ein Toter am Idstedt-Löwen fiel definitiv in diese Kategorie.
Vibeke zeigte den Streifenbeamten, die den Zugang zum Gelände flankierten, ihren Dienstausweis. Hinter der Absperrung erwartete sie bereits ihr Mitarbeiter Michael Wagner, ein junger Schlacks mit blondem Backenbart, der erst seit Kurzem bei der Mordkommission war.
»Moin, Vibeke.« Seine Wangen unter der Kapuze seines Spurensicherungsoveralls waren vor Aufregung gerötet.
»Moin.« Sie ließ den Blick Richtung Friedhofsgelände schweifen, das hinter Bäumen und Büschen verborgen lag. »Weiß man schon, was passiert ist?«
»Der Tote liegt am Sockel des Löwen«, erzählte Michael eifrig. »Laut den Kollegen, die als Erstes vor Ort waren, hat ihm jemand den Schädel eingetreten. Es soll eine ganz schöne Sauerei sein.«
»Gibt es Zeugen?«
»Bisher nicht. Eine Frau hat die Leiche auf ihrem Weg zur Arbeit entdeckt und umgehend die Polizei informiert. Aber sie hat niemanden gesehen.«
»Wo ist die Frau jetzt?«
Michael Wagner zeigte auf einen Polizeitransporter, in dem eine Beamtin neben einer blassen jungen Frau saß, die mit beiden Händen einen Kaffeebecher umklammerte.
»Gut, wir sprechen später noch mit ihr. Erst möchte ich mir ein Bild vom Tatort machen.« Vibeke schlug den von der Spurensicherung freigegebenen Trampelpfad aufs Friedhofsgelände ein. Ihr Mitarbeiter folgte ihr.
Feuchter Dunst lag in der Luft, benetzte Pflanzen und Gräser und die goldgelben Blätter der Bäume. Es roch nach Moos, Erde und nahendem Herbst.
»Wo steckt eigentlich Holtkötter?«, fragte Vibeke, während sie an prächtigen, spät blühenden Rhododend-ren vorbeigingen.
Kriminalhauptkommissar Klaus Holtkötter war ihr Stell-vertreter und ein Mitarbeiter der unbequemsten Sorte, der aus seiner Abneigung ihr gegenüber keinen Hehl machte. Gründe dafür hatte er viele. Ihr Job beim LKA. Dass sie eine Frau war. Ihr Alter und dass sie schon jetzt die Karriereleiter höher geklettert war, als er es jemals schaffen würde. Und natürlich, dass sie die Tochter des stellvertretenden Polizeichefs war.
»Ich habe Herrn Holtkötter eine Nachricht auf seiner Mailbox hinterlassen.« Michael errötete.
»Du konntest ihn also nicht erreichen«, stellte Vibeke fest. Wieder einmal, dachte sie.
Ihr Stellvertreter war ein Ermittler der alten Schule, gründlich und routiniert, in dieser Hinsicht gab es keinerlei Grund zur Beschwerde. Doch die zeitlichen Intervalle, in denen er sich krankmeldete oder nicht erreichbar war, häuften sich. Vielleicht hatte Klaus Holtkötter ein gesundheitliches Problem, von dem er nichts erzählte, oder es war seine Art der Meuterei. So oder so, irgendwann musste Vibeke das klären. Sie hatte nicht vor, sich von diesem Wadenbeißer länger auf der Nase herumtanzen zu lassen.
Sie erreichten die Grünfläche im mittleren Teil des Friedhofs, die von kunstvoll verzierten Kriegsgräbern, Steintafeln und Skulpturen und prächtigen alten Bäumen umrahmt war. Auf dem Rasen erhob sich majestätisch der Idstedt-Löwe, eine imposante Bronzestatue, die auf einem Sockel aus Beton und Granit thronte und aus über sieben Metern Höhe in Richtung Süden blickte.
Scheinwerfer waren aufgestellt worden, Kameras klickten, und ein halbes Dutzend Kriminaltechniker in Schutzanzügen wuselte um eine am Boden liegende Gestalt herum.
Der Tote lag auf dem Rücken, trug einen leichten blauen Mantel, eine farblich passende Stoffhose und braune Schuhe. Die Ärmel des Mantels waren hochgerutscht und entblößten dunkle Hämatome auf den Unterarmen. Die Beine waren lang ausgestreckt. Einer der Schnürsenkel hatte sich gelöst und hing lose ins Gras herab.
Fliegen umschwirrten den Kopf des Mannes. Der graue Haaransatz war blutverkrustet, das darunter liegende Gesicht durch Platzwunden und Schwellungen nahezu vollständig entstellt. An der linken Schläfe klaffte eine Wunde wie ein offener Reißverschluss auseinander und zeigte einen Krater rohes Fleisch, Speisekammer für In-sekten und Maden. Winzige weiße Körner besiedelten die Verletzungen bereits zu Hundertschaften. Larveneier.
Die Bodenplatte unter dem Kopf war ein See aus geronnenem Blut. Dunkelrot, fast schwarz. Auch der Sockel war verfärbt. Eine Blutspur zog sich unterhalb der Gedenktafel über den hellen Granit bis zum Hinterkopf des Toten. Auf der Kleidung zeichneten sich kaum erkennbar Fußabdrücke ab und offenbarten die Brutalität des Verbrechens.
Vibeke hörte hinter sich ein Würgen. Sie drehte sich um und sah, wie Michael Wagner sich in ein nahes Gebüsch erbrach. Einer der Kriminaltechniker fluchte. Sie wandte sich wieder dem Toten zu. Der unappetitliche Anblick der Leiche machte ihr nichts aus. Als langjährige Mordermittlerin hatte sie bereits alles gesehen. Verbrennungsopfer, verweste und mumifizierte Leichen, Men-schen, die jahrelang unentdeckt in ihren Wohnungen gelegen oder denen man bei lebendigem Leib die Haut abgezogen hatte, weggeschossene Hinterköpfe und tote Kinder, Wasserleichen, die in regelmäßigen Abständen aus Alster und Elbe gefischt wurden. Sie hatte gelernt, ihren Magen und ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.
Trotzdem wurden Momente wie dieser nie zur Routine. Vibeke erinnerte sich an jeden Toten, den sie gesehen hatte. Sie kannte ihre Geschichten, und sie zollte den Opfern Respekt, indem sie ihre Mörder überführte.
»Moin.« Arne Lührs, der korpulente Chef der Spurensicherung, tauchte hinter dem Sockel auf. Er war ein langjähriger Freund ihres Vaters, Vibeke kannte ihn schon von Kindesbeinen an. »Scheußliche Sache. Ich glaube, ich werde mich niemals daran gewöhnen.«
»Moin, Arne. Geht mir genauso.« Sie trat näher zu ihm heran. »Hast du schon etwas für mich?«
»Wir haben gerade erst angefangen.« Der Kriminaltechniker lüpfte seinen Mundschutz, und sein grauer Walrossbart wurde sichtbar. »Aber wie es aussieht, ist der Mann zunächst mit dem Hinterkopf gegen die Sockelkante gestürzt«, er zeigte mit seiner behandschuhten Hand zur Blutspur auf dem hellen Granit, »ehe am Boden auf ihn eingetreten wurde. Der Blutmenge und der Position nach ist er an Ort und Stelle gestorben. Der Rechtsmediziner wird dir vermutlich Genaueres sagen können, aber bis der hier aufschlägt, dauert es bestimmt noch eine Weile.«
Vibeke nickte. Anders als in Hamburg gab es in Flensburg kein rechtsmedizinisches Institut. Dafür war Kiel zuständig. »Was ist mit den Fußabdrücken?«
»Es waren mindestens drei Personen am Tatort«, erwiderte Arne Lührs. »Aber es wird schwierig werden, die Abdrücke zu rekonstruieren. Die Trockenheit, dazu die Beschaffenheit des Untergrunds, das sind nicht gerade ideale Voraussetzungen. Außerdem sind die Abdrücke größtenteils übereinandergelagert.«
»Trägt der Tote Ausweispapiere bei sich?«
»Ich muss fragen, ob der Kollege schon nachgesehen hat.« Arne Lührs drehte sich um und ging zu einem seiner Mitarbeiter, der soeben dabei war, mithilfe von Klebeband Spuren vom Mantel des Opfers zu nehmen.
Michael Wagner tauchte neben ihr auf. Er wirkte blass und angespannt. Auf seinem Overall klebten Reste von Erbrochenem. »Da bin ich wieder.« Er mied den Blick zur Leiche.
»Kümmere dich bitte um die Zeugin«, bat Vibeke ihren Mitarbeiter. »Wie es aussieht, dauert es hier noch eine Weile. Und fordere ein paar Kollegen an. Sie sollen die umliegenden Häuser abklappern. Vielleicht hat einer der Anwohner etwas mitbekommen.«
Er nickte.
»Ach, und Michael, ehe du mit der Frau sprichst, zieh den Schutzanzug aus.« Sie deutete auf die Flecken.
Der junge Kriminalbeamte lief rot an.
»Mach dir keinen Kopf«, sagte Vibeke freundlich. »Wir haben alle mal angefangen.«
Michael lächelte gequält und entfernte sich mit schnellen Schritten Richtung Ausgang.
»Vibeke!« Arne Lührs, der vor der Leiche hockte, winkte sie zu sich heran. Er hielt einen Schlüsselbund in die Höhe. »Den hatte das Opfer in der Manteltasche.«
Vibeke erkannte, dass es sich um ein halbes Dutzend Schlüssel in unterschiedlichen Formen und Größen handelte. Der Kriminaltechniker reichte den Fund an einen seiner Mitarbeiter zum Eintüten. »Leider hat der Mann weder eine Brieftasche noch Ausweispapiere bei sich.«
Sie seufzte. »Das wäre ja auch zu schön gewesen.«
»Aber dafür haben wir das hier.« Arne Lührs langte vorsichtig nach dem oberen linken Mantelkragen, der nach innen eingeknickt und unter das Kinn des Toten gerutscht war, und klappte ihn um.
Ein kleiner rot-weißer Aufkleber wurde sichtbar. Der gezackte Dannebrog, den die Mitglieder des Südschleswigschen Vereins beim Jahrestreffen der dänischen Min-derheit trugen.
Vibekes Blick glitt zu der Inschrift der Gedenktafel, die etwa einen Meter über dem Kopf des Toten am oberen Sockel hing:

ISTED
DEN 25. JULI 1850
REJST 1862
2011 wieder errichtet
als Zeichen von Freundschaft und Vertrauen
zwischen Dänen und Deutschen


Trotz der warmen Temperaturen stellten sich ihre Na-ckenhaare auf.

Flensburg, Deutschland

Clara trat kräftig in die Pedale. Von ihrem Haus am Ostufer der Stadt bis zur Bibliothek im Zentrum brauchte sie mit dem Fahrrad gute dreißig Minuten. Wind fegte ihr ins Gesicht und wirbelte ihr kinnlanges blondes Haar durcheinander. Sie würde wieder völlig zerzaust bei der Arbeit ankommen, doch aus dem Alter, in dem ihr das etwas ausgemacht hatte, war sie längst heraus.
Clara liebte den Weg am Ufer entlang. Das schim-mernde Wasser, Segelschiffe und Fischerboote, die roten Holzhütten am Museumshafen und die dahinter liegenden pittoresken Giebelhäuser der Altstadt und über ihr das Kreischen der Möwen, die am Himmel ihre Kreise zogen.
Solange es nicht in Strömen goss oder Eis und Schnee die Wege in Schlittschuhbahnen verwandelten, fuhr sie mit dem Fahrrad. Die frische Luft tat ihr gut, und die re-gelmäßige Bewegung verhinderte, dass sich die süßen Teilchen, die sie täglich verschlang, übermäßig an ihren Hüften festsetzten.
Als sie die südliche Hafenspitze erreichte, startete am gegenüberliegenden Polizeirevier eine Streifenkolonne mit Blaulicht. Hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert, dachte Clara. Ein mulmiges Gefühl befiel sie, so wie im-mer, wenn Sirenen in Flensburgs Straßen ertönten. Sie dachte an ihre Freundinnen und ihre alte Mutter und hoffte, dass der Einsatz keiner von ihnen galt. Um ihren Mann machte sie sich hingegen weniger Gedanken. Nicht, dass sie sich um Valdemar nicht sorgen würde. Das tat sie tatsächlich. Aber aus anderen Gründen. Valdemar hatte sich in den letzten Monaten verändert. Er wirkte fahrig und stets ein wenig gereizt, hatte kaum noch Ähnlichkeit mit dem liebenswürdigen und gut gelaunten Mann, in den sie sich vor über dreißig Jahren verliebt hatte. Clara hatte mehrfach das Gespräch mit ihm gesucht, um zu erfahren, was ihn beschäftigte, doch er wischte ihre Bedenken jedes Mal mit der Bemerkung beiseite, dass sie maßlos übertrieb. Dabei gehörte Clara nicht zu der Kategorie Frau, die zu Übertreibungen neigte.
Die Sirenen entfernten sich, und sie schüttelte die Ge-danken ab. Fünf Minuten später schob sie ihr Fahrrad in den Fahrradständer vor der Dänischen Zentralbibliothek, einem schnörkellosen Bau mit schiefergrau gestrichener Fassade und großer Fensterfront. Bis zur offiziellen Öffnungszeit um neun blieb ihr noch eine knappe Stunde Zeit, um alles vorzubereiten.
Clara sperrte die Schiebetür auf und schloss hinter sich wieder ab. Wie jeden Morgen freute sie sich, an ihren Arbeitsplatz zu kommen. Der Eingangsbereich war lichtdurchflutet und einladend gestaltet. Naturfarbener Fliesenboden, weiße Möbel, dazu viel helles Holz. Ein großformatiges VELKOMMEN schmückte den Empfangstresen.
Der Schreibtisch dahinter war Claras Arbeitsplatz. Sie legte ihre Umhängetasche auf den Stuhl und stellte den Computer an. Anschließend machte sie ihren morgendlichen Rundgang. Sie ordnete in der Informationsecke die Broschüren in den Ständern, arrangierte die aktuellen Ausgaben des Flensborg Avis und rückte im Lesebereich die Schalenstühle ordentlich an die runden Tische.
In der Küche setzte sie eine Kanne Kaffee auf und überlegte, ob sie schnell zur dänischen Bäckerei laufen sollte, um für sich und die Kollegen ein paar Zimtschnecken zu kaufen. Nach einem kurzen Blick auf die kleine Speckrolle, die sich seit ein paar Monaten hartnäckig in ihrer Körpermitte hielt, verwarf sie den Gedanken wieder.
Stattdessen nahm Clara die Treppe ins Obergeschoss. Sonnenschein drang durch die ringsherum liegenden Fenster und tauchte den riesigen, offen gestalteten Raum in helles Licht. Geschwungene weiße Bücherregale, zahlreiche mit bunten Kissen bestückte Sitzlandschaften, mittendrin ein leuchtend blauer Bücherbus, in dem die Lesungen für ihre kleinen Besucher stattfanden.
Clara rückte Kissen zurecht, stellte liegen gebliebene Bücher zurück ins Regal, sah in dem kleinen Vorführraum nach dem Rechten und ging schließlich zum Herzstück der Bibliothek, der Schleswigschen Sammlung, die in einem separaten Raum untergebracht war.
Die Buch- und Mediensammlung umfasste über fünfzigtausend Exemplare zum Themenbereich Schleswig in den fünf Sprachen und Dialekten der Region. Das älteste Werk des historischen Bestandes stammte aus dem sechzehnten Jahrhundert. Familienforscher, Wissenschaftler und Studenten verbrachten oft viele Stunden zwischen den Regalen, die für jedermann zugänglich waren.
Clara ging die vielen Regalreihen entlang, strich hin und wieder über einen Buchrücken und verweilte schließlich einen Moment an den Tischen, die den Besuchern zum Lesen zur Verfügung standen.
Zurück im Hauptraum hörte sie, wie im Erdgeschoss die Tür aufglitt. Sie warf einen Blick über die Galerie. Ihre junge Kollegin Kirsten, die ihren Universitätsabschluss frisch in der Tasche hatte, schwenkte eine Papiertüte in die Höhe. Ihr dunkler Pferdeschwanz wippte auf ihrer Schulter.
»Frische Zimtschnecken gefällig?«
Clara lachte. »Bin schon auf dem Weg.«
Die beiden Frauen gesellten sich in der Küche zusammen, tranken eine Tasse Kaffee und genossen das köstliche Gebäck.
»Am Idstedt-Löwen wurde ein Toter gefunden«, erzählte Kirsten zwischen zwei Bissen.
Clara hielt erschrocken inne. »Woher weißt du das?«
»Ich habe bei meinem Freund übernachtet, der wohnt ganz in der Nähe. Die Polizei hat sämtliche Straßen um den Alten Friedhof abgesperrt. Sie befragen jetzt die Anwohner.« Kirsten wischte sich mit dem Handrücken einen Krümel vom Mund. »Hoffentlich ist das niemand, den wir kennen.« Sie leerte den letzten Rest ihrer Kaffeetasse und stellte sie in den Geschirrspüler. »Ich lege dann mal los. Gestern Nachmittag ist noch eine Lieferung mit neuen Titeln gekommen. Ich will sie schnell einräumen, ehe wir öffnen.«
Sie verschwand im Flur.
Clara füllte nachdenklich ihren Kaffeebecher auf und ging zu ihrem Platz hinter dem Empfangstresen. Ein Toter am Idstedt-Löwen. Vielleicht war es einer der Obdachlosen, die nachts durch die Parkanlagen streiften. Oder ein zusammengebrochener Jogger. Davon las man häufiger in der Zeitung. So oder so, irgendwann würde sie es ohnehin erfahren.
Sie wandte sich ihrem Computer zu und startete das E-Mail-Programm. Als Erstes beantwortete sie die Lesungsanfrage eines Autors, von dem sie noch nie etwas gehört hatte, und widmete sich im Anschluss dem Schreiben eines Kinderbuch-Verlages. Als sie den Blick von ihrem Monitor hob, bemerkte sie die alte Hannah, die wie jeden Morgen um kurz vor neun durch die Scheiben der Eingangstür spähte. Trotz der Wärme trug sie einen dicken Mantel. Das graue Haar lag dünn und fisselig um ihren Kopf.
»Gleich, Hannah«, murmelte Clara, tippte ein paar weitere Wörter in ihre Tastatur und erhob sich dann doch, um die erste Besucherin bereits vor der regulären Öffnungszeit hereinzulassen.
»Moinsen.« Die Alte zog mit ihrem Stoffbeutel in der Hand an Clara vorbei, steuerte zielstrebig ihren Stammplatz im Lesebereich an und ließ sich dort auf einem der Schalenstühle schnaufend nieder. Dann holte sie wie jeden Morgen einen Joghurtbecher und einen Löffel aus ihrem Beutel und machte sich an ihr Frühstück.
Clara, die noch immer im Eingang stand, bückte sich, um ein paar Blätter aufzuheben, die zusammen mit der alten Hannah durch die Tür geweht waren, und beförderte diese hinaus auf den Bürgersteig. In der Ferne ertönten wieder Sirenen. Erneut machte sich in Clara ein mulmiges Gefühl breit.

Flensburg, Deutschland

Vibeke traf mit Michael Wagner bei den Einsatzfahrzeu-gen am Kanonenberg zusammen.
»Die Zeugin ist völlig durch den Wind«, informierte sie ihr Mitarbeiter. »Ich habe die Frau mit dem Streifenwagen nach Hause bringen lassen. Sie konnte ohnehin nichts Brauchbares beisteuern.«
Vibeke nickte. »Kein Wunder. Schließlich findet man nicht jeden Tag eine Leiche.«
Michael errötete, dann räusperte er sich. »Ich habe ein paar Uniformierte zu den Häusern der Anwohner geschickt.«
»Gut, wir beide haben erst einmal anderes zu tun.« Vibeke zeigte ihm den Autoschlüssel mit dem VW-Emblem, den die Kriminaltechniker kurz zuvor in einer der Hosentaschen des Toten gefunden hatten.
»Wir suchen den dazugehörigen Wagen. Sobald wir ihn finden, können wir eine Halterabfrage machen.« Vibeke zupfte an ihrem Spurensicherungsoverall. »Aber erst muss ich aus diesem Zeug raus.« Sie ging zu ihrem Dienstwagen.
»Vielleicht ist das Opfer zu Fuß gekommen«, sagte ihr Kollege, der ihr hinterhergeeilt war.
»Möglich, aber der Mann war kein Jungspund mehr. Sofern er also nicht direkt in der Nachbarschaft wohnt, musste er den Museumsberg hochsteigen, um zum Alten Friedhof zu kommen. Und das ist ab einem gewissen Alter kein Spaß mehr.«
Vibeke schlüpfte aus der Schutzkleidung und beförderte sie in den Kofferraum. Beim Schließen der Heckklappe fiel ihr Blick auf die Menschen hinter dem Absperrband. Die Menge hatte sich seit ihrer Ankunft nahezu verdoppelt.
Eine ältere blonde Frau, die mit ihrem Fahrrad etwas abseits stand, weckte ihr Interesse. Im Gegensatz zu den anderen Schaulustigen hielt sie kein Handy in der Hand, sondern hatte den Blick starr auf den Eingang des Alten Friedhofs gerichtet.
Es war nicht mehr als ein vages Gefühl, das Vibeke dazu veranlasste, ein paar Schritte auf die Unbekannte zuzugehen, doch im nächsten Moment schwang diese sich auf ihr Fahrrad und fuhr davon.
Vibeke drehte sich zu Michael Wagner um. »Hast du die Frau auf dem Fahrrad gesehen?«
»Nein. Warum?«
»Ach, ich weiß auch nicht.« Sie blickte zu der Biegung, hinter der die Fahrradfahrerin verschwunden war. »Vergiss es. Lass uns lieber loslegen.«
Ohne auf die Schaulustigen zu achten, verließen die beiden Kriminalbeamten den abgesperrten Bereich und steuerten auf die am Straßenrand geparkten Autos zu. Vibeke drückte auf die Taste des elektronischen Zündschlüssels, die zum Öffnen diente, doch nichts tat sich.
Während sie das Straßengeflecht rund um den Friedhof abliefen, erzählte Vibeke ihrem Mitarbeiter von dem gezackten Dannebrog-Aufkleber am Mantel des Toten.
»Dann könnte es sich bei dem Opfer um ein Mitglied der dänischen Minderheit handeln.«
»Die Vermutung liegt zumindest nahe.« Vibeke bemerkte, dass Wagner die Stirn runzelte, doch er sagte nichts.
Sie erreichten die Ostseite des Friedhofs. Die Häuser waren hier spärlicher verteilt. Keines der abgestellten Autos reagierte auf den Zündschlüssel.
Auf halber Straßenhöhe ragte linker Hand der Idstedt-Löwe hinter den Büschen hervor. Eine kleine Steintreppe führte zum Friedhofsgelände. Anstatt weiterer Häuser befanden sich auf der gegenüberliegenden Seite ein Kinderspielplatz und eine Grünanlage. Am angrenzenden Parkstreifen war nur ein einziges Auto abgestellt. Ein dunkelblauer Golf.
Vibeke hielt den Zündschlüssel in Richtung des Fahrzeugs. In dem Augenblick, als sie die Taste mit dem Symbol zum Öffnen drückte, leuchteten die Scheinwerfer und Rückleuchten des Golfs auf. Sie hatten das gesuchte Auto gefunden.

Solderup, Dänemark

Die Sonne stand hoch am Himmel, als Svend Johannsen von seinem Bulldog stieg und besorgt über seine Felder blickte.
Risse zogen sich durch den ausgedörrten Ackerboden. Der Großteil des Sommergetreides war vertrocknet, auch das Gras der Wiesen, alles war braun verfärbt. Die Dürre in diesem Sommer war extrem gewesen und der kurze Regenschauer in der vergangenen Nacht kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Angesichts der verdorrten Halme war auch die Brandgefahr noch immer nicht gebannt. Ein einziger Funkenschlag reichte aus, und alles brannte wie Zunder. So wie in der Nähe von Kolding, da hatte das Feuer im Juli tagelang gewütet. Einige Hun-dert Quadratkilometer Wald einfach weg.
Alles, was trotz der Hitze gewachsen war, Getreide, Hackfrüchte und Gras, war längst abgeerntet und an die Tiere verfüttert. Gereicht hatte es trotzdem nicht. Svend hatte ganze Wagenladungen an Futter für seine Tiere teuer zukaufen müssen. Die Transportkosten über mehrere Hundert Kilometer hatten seine finanziellen Rücklagen vollends erschöpft. Wie er seine Milchkühe, Rinder und Kälber durch den Winter bringen sollte, das wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auf den Nachbarhöfen waren bereits Tiere notgeschlachtet worden, damit weniger Mäuler zu stopfen waren. Doch das war für ihn keine Option.
Er hatte den Hof vor fünf Jahren von seinem Vater übernommen und mithilfe von hohen Krediten auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. Seitdem weideten seine Milchkühe auf mit Kräutern bepflanzten Wiesen. Es war ein steiniger, arbeitsreicher Weg gewesen, doch Svend hatte sich trotz der Konkurrenz durch deutsche Biogassubventionen und des Ausstiegstrends vieler Milcherzeuger aus der Ökobranche am Markt durchgesetzt und belieferte mittlerweile die größte Molkereigenossenschaft Dänemarks mit der Milch seiner Kühe.
Die letzten zwei Jahre hatte der Hof schwarze Zahlen geschrieben. Für Svend die Bestätigung, dass sich seine Plackerei am Ende auszahlte. Trotzdem hatte er einen hohen Preis bezahlt. Das Verhältnis zu seinem Vater war vollkommen zerrüttet. Evan Johannsen, der den Hof einst selbst von seinem Vater übernommen hatte, hielt die Umwandlung in ökologische Landwirtschaft für einen Fehler. Bei ihrem letzten Streit hatte er Svend vorgewor-fen, dass dieser mit Füßen trat, was vor ihm viele Gene-rationen seiner Familie aufgebaut hatten. Mit seiner Art von Zukunftsvision würde Svend den Hof in Grund und Boden wirtschaften.
Das war vor drei Jahren gewesen. Seitdem hatten Vater und Sohn kein Wort mehr miteinander gesprochen. Unter einem Dach lebten sie trotzdem. Die Überschreibung des Hofes hatte einen Passus enthalten, der Evan lebenslanges Wohnrecht zusicherte.
Jetzt würde Svend seine Produktion erstmals drosseln müssen. Was das für seine Existenz bedeutete, mochte er sich nicht ausmalen. Am Ende würde der Alte noch recht behalten und der Hof, der sich seit über hundert Jahren in Familienbesitz befand, unter den Hammer kommen. So war es bereits einigen Bauern in Jütland ergangen.
Svend bückte sich und griff nach einem Erdklumpen, der zwischen seinen Fingern sofort zerbröselte und zu Staub verfiel. Dies war sein Land. Das ließ er sich nicht wegnehmen. Bisher hatte er für jedes Problem eine Lösung gefunden, auch wenn er dachte, schlimmer könne es nicht mehr werden.
Als er sich wieder erhob, gerieten die beiden einsam am Ackerrand stehenden Bäume in sein Sichtfeld, und ihm fiel auf, dass er an exakt der Stelle stand wie der Fremde, der vor ein paar Monaten wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Ein älterer Mann hatte am Straßenrand gestanden und zum Hof hinübergestarrt. Obwohl nichts an ihm bedrohlich gewirkt hatte, war Svend instinktiv beunruhigt gewesen. Als er den Fremden angesprochen hatte, war dieser in ein nahe stehendes Auto gestiegen und verschwunden.
Nicht zum ersten Mal dachte Svend, dass die Gefahr, den Hof zu verlieren, möglicherweise aus ganz anderer Richtung drohte als bislang angenommen.

Flensburg, Deutschland

Das alte Spitzgiebelhaus lag in einem Hinterhof mit Kopfsteinpflaster. Auf der weiß getünchten Steinfassade prangten zahlreiche Verfärbungen, stellenweise rankte sich Efeu vom Sockel bis in die erste Etage hinauf. Fenster und Tür waren schiefergrau gestrichen. Vor dem Gebäude schützte ein großer, weit verzweigter Baum die Bewohner hinter den Fenstern vor neugierigen Blicken.
Der Fahrzeughalter des Golfs hieß Karl Bentien, war Jahrgang 1946 und unter dieser Adresse gemeldet, wie ihr Michael Wagner vor wenigen Minuten am Telefon mitgeteilt hatte.
Vibeke drückte den Klingelknopf neben dem Namensschild. Nichts rührte sich. Sie klingelte erneut, trat dann einen Schritt zurück und sah zum Obergeschoss. Die Fenster waren geschlossen, die Gardinen zugezogen.
»Wollen Sie zum Karl?« Eine alte Frau schlurfte über das Kopfsteinpflaster zum Nachbarhaus, dessen Fassade vollkommen von Efeu verdeckt war. Sie trug einen langen grauen Mantel, der ein wenig fleckig war und farblich mit ihren fisseligen Haaren zu verschmelzen schien. In der Hand hielt sie einen Jutebeutel.
Vibeke zückte ihren Dienstausweis. »Polizei Flensburg.« Sie trat auf die Frau zu. »Wohnt im Nachbarhaus noch jemand außer Herrn Bentien?«
Die Nachbarin schüttelte den Kopf. »Karls Frau ist schon lange weg. Ich habe gehört, dass sie vorletztes Jahr gestorben ist.« Die Alte beugte sich vor und senkte die Stimme. »Krebs«, flüsterte sie, als handelte es sich bei der Krankheit um etwas Unanständiges. »Die kam nicht zurecht mit den ganzen Dänen da.«
Vibeke hob die Brauen.
»Na, der Karl ist doch Mitglied in der dänischen Minderheit«, schob die Nachbarin hinterher, als würde das alles erklären.
»Wissen Sie vielleicht, ob Herr Bentien weitere Angehörige hat?«
»Es gibt noch einen Sohn, den Jan. Aber der lebt irgendwo in Hamburg.« Sie reckte das Kinn. »Warum fragen Sie mich das alles überhaupt? Ist was mit dem Karl?«
»Danke für Ihre Hilfe«, erwiderte Vibeke freundlich. »Ich halte Sie jetzt nicht länger auf.«
Ein letzter misstrauischer Blick, dann verschwand die Alte hinter der Tür des Nachbarhauses. Kurz darauf be-wegten sich am Fenster neben dem Eingang die Gardinen.
Vibeke ging zurück zu dem Spitzgiebelhaus, streifte sich Einweghandschuhe über und zog den Schlüsselbund aus ihrer Tasche, den sie sich zuvor von einem der Kriminaltechniker hatte aushändigen lassen. Der dritte Schlüssel passte.
Die Haustür ächzte leise, als sie über die Schwelle in die Diele trat. Alter Fliesenboden, Landschaftsaufnahmen auf vergilbter Raufasertapete, ein Garderobenständer, an dem eine einzelne Jacke baumelte. Fünf Türen gingen vom Flur in weitere Räume ab, eine geschwungene Holztreppe mit ausgetretenen Stufen führte ins Obergeschoss.
Es roch ein wenig muffig, so als hätte der Bewohner seit Tagen nicht gelüftet.
»Hallo?«, rief Vibeke. »Hier ist die Polizei. Ist jemand zu Hause?«
Stille.
Die mittlere Tür führte ins Wohnzimmer. Die Einrichtung wirkte hier etwas moderner als im Eingangsbereich. Schränke aus hellem Holz, bis zur Decke reichende Bü-cherregale, dazu eine schwarze Ledercouch auf geöltem Eichenparkett.
Vibeke fuhr mit ihrer behandschuhten Hand die Buchrücken in einer der Regalreihen entlang. Brecht, Goethe, Molière und zahlreiche weitere Klassiker. In anderen Fächern standen Bildbände über den Deutsch-Dänischen Krieg und etliche Sachbücher über die Geschichte beider Länder, viele waren in Dänisch verfasst. Sie ging zum Wohnzimmerschrank, öffnete eine der Türen und entdeckte ein halbes Dutzend Aktenordner. Die Etiketten waren fein säuberlich mit Inhalt und Datum beschriftet. Sie zog den Ordner mit dem Vermerk Urkunden heraus. Zuoberst war in einer Klarsichthülle eine Geburtsurkunde abgelegt, die den Namen Karl Madsen trug.
Vibeke runzelte die Stirn. Das Geburtsdatum passte. Die Urkunde war auf Oktober 1958 datiert. Zu dem Zeitpunkt war Karl zwölf Jahre alt gewesen. Eine Adoption, schoss es ihr durch den Kopf. Auch sie hatte eine neue Geburtsurkunde erhalten, als Werner und Elke sie als Vierzehnjährige adoptiert hatten. Der Name ihrer leiblichen Eltern tauchte in dem Dokument nicht auf.
Vibekes Hals wurde eng, und sie spürte einen unangenehmen Druck auf der Brust. Sie riss sich zusammen und konzentrierte sich wieder auf die Unterlagen.
Das nächste Formular war ein Antrag auf Namensänderung von Madsen in Bentien, der offensichtlich genehmigt worden war, wie die nachfolgende Urkunde bestätigte.
In der Mitte des Ordners fand Vibeke neben einem Umschlag mit Röntgenbildern vom Zahnarzt auch eine Versicherungskarte der Krankenkasse. Das Foto zeigte einen grauhaarigen Mann mit fahler Gesichtshaut. Ob es sich dabei um den Toten vom Idstedt-Löwen handelte, ließ sich schwer beurteilen.
Sie blätterte weiter. Heiratsurkunde. Scheidungspapiere. Geburtsurkunde des Sohnes. Ein Taufschein. Schulzeugnisse. Das letzte Dokument erweckte ihre Aufmerksamkeit. Das Papier hinter der Klarsichthülle war vom Alter vergilbt und hatte an einigen Stellen Stockflecken. Die Angaben waren allesamt in Dänisch verfasst.
Vibeke beherrschte die Sprache des Nachbarlandes seit ihrer Schulzeit und hatte daher keinerlei Mühe, die Worte zu übersetzen. So wie es aussah, handelte es sich bei dem Dokument um einen Auszug aus einem alten Kirchenregister. Ein Geburtseintrag. Datum, Ort und der Name des Neugeborenen. Karl Bentien. Das Geburtsdatum stimmte überein. Ihr Blick blieb an dem Ort hängen. Oksbøl. Demnach war der Tote in Dänemark geboren. Sie musste die Kollegen im Nachbarland kontaktieren.
Kurzerhand klappte Vibeke den Ordner zu und klemmte ihn sich unter den Arm. Die restlichen Unterlagen ließ sie zunächst unberührt. Sie schloss die Haustür sorgfältig ab, brachte ein Polizeisiegel an und ging zurück zu ihrem Dienstwagen. Nachdem sie den Ordner auf dem Beifahrersitz abgelegt hatte, griff sie nach dem Handy und wählte die Nummer des GZ Padborg, des Gemeinsamen Zentrums der deutsch-dänischen Polizei, das formal gesehen ihre erste Anlaufstelle im Nachbarland war. Wäh-rend sie dem Freizeichen lauschte, dachte sie kurz an Rasmus Nyborg, den großen, hageren Ermittler von der Polizei Esbjerg mit dem rebellischen Blick. Was der Däne wohl gerade machte?

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