Als naive Prinzessin wurde sie verstoßen, als starke selbstbewusste Frau kehrt sie zurück.

Als Thronerbinnen des Waldkönigreichs Strata führen Flora und ihre ältere Schwester Amora ein behütetes Leben. Doch dann trifft Flora aus Liebe zu ihrer Schwester eine fatale Entscheidung, mit schrecklichen Konsequenzen. Sie wird von ihrem eigenen Vater verbannt und sieht sich plötzlich mit der wirklichen Welt, außerhalb des Palastes, konfrontiert. Von ihrer letzten Vertrauten verraten, ist Flora dem Tode nahe und endgültig auf sich gestellt. Doch sie ist nicht bereit aufzugeben. Flora kämpft und überlebt. Aus dem naiven Mädchen wird eine starke junge Frau, die bereit ist zu kämpfen, um die zu retten, die sie liebt …

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Folge der naiven Prinzessin Flora in die Verbannung und werde Teil ihrer Geschichte. Was wäre aus dir geworden, wenn deine letzte Vertraute dich in der Verbannung verraten hätte? Wenn du endgültig auf dich gestellt dem Tode nahe gewesen wärst? Hättest du gekämpft? Hättest du überleben können?

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TEIL I

PRINZESSIN

Kapitel 1
Der lange Sturz


Flora nickte so unverbindlich und nichtssagend, wie sie es immer
tat, wenn ihre ältere Schwester einen ihrer Vorträge hielt –
selbst wenn sie nicht deren Meinung war. Wer nicht den
Thron erbte, verhielt sich besser umgänglich.
»Wir sind Prinzessinnen«, fuhr Amora fort. »Wir können
tun, was immer uns beliebt.«
Flora lächelte hinter vorgehaltener Hand leicht spöttisch.
Dann könnte ich also in die Luft springen und fliegen? Oder davonlaufen
und mich einem Wanderzirkus anschließen? Oder wenn es mir gefiele, hier
und da Vaters Klinge gürten und jemanden töten?

Flora stand mit diesen lächerlichen Gedanken im Kopf an
dem runden Fenster, das in die drei Handbreit dicke hölzerne
Außenwand des Thronerbenturms eingelassen war, des zweithöchsten
Wohnturms auf der Lichtung. Es bot ihr einen hervorragenden
Ausblick auf die freie Fläche. Nur der Königsturm
war höher, und obwohl sie und Amora in seinem Schatten lebten,
genossen sie mehr Sonne als irgendein niederer Adeliger
auf der Lichtung – wie es unser gutes Recht ist –, zumindest bei den
seltenen Gelegenheiten, da die gelben Strahlen der Sonne die
hartnäckige stratanische Wolkendecke über ihren Köpfen
durchdrangen. Es ist ein großartiger Turm, dachte Flora. Besser als
die Türme der anderen adeligen Familien.

Um einen lebenden Tuftorbaum herum erbaut, der als zentrale
Säule diente, erhob sich der Thronerbenturm hoch in die
Baumkronen des Waldes, und die Kammern der Schwestern
befanden sich im obersten Stockwerk – runde Räume, die aus
den tiefen Holzwänden herausgeschlagen worden waren. Ähnlich
gerundete Flure zweigten wie Speichen vom zentralen Innenhof
mit seinem Tuftorherzen ab. Drei Ausgänge führten
auf schmalen Stegen zum angrenzenden Königsturm, zum
Mönchsturm und hinunter zur Lichtungshalle. Aber die Äste
der Bäume, die durch die stratanischen Gebäude und zwischen
ihnen wuchsen, boten einem klugen und geschickten Mädchen
alternative Pfade. Einem Mädchen wie mir! Das Astwandeln war
keine einfache Sache, und ihr Vater hasste es, wenn sie es tat –
er sagte, er werde sie gewiss eines Tages wie eine gewöhnliche
Verbrecherin tot am Fuße des Baums auffinden. Aber Flora
liebte es, in den Ästen und Blättern herumzuklettern. Sie
brauchte nur die kleinsten Vorsprünge, um sich festzuhalten,
dann konnte sie auf fast alles klettern. Jeden Tag suchte sie
nach einer anderen Route durch das Labyrinth der Äste, die
sich bogen und krümmten, sich im nassen Frühling nach der
schwer fassbaren Sonne reckten oder sich im Winter gegen die
Kälte einrollten.
Amora kletterte nicht, nicht in ihren hübschen Kleidern.
Stattdessen verbrachte sie ihre Zeit damit, durch Stratas
Türme und Hallen zu wandern, müßiges Geschwätz aufzuschnappen
und weiterzutragen, damit es Wurzeln schlug und
wuchs. Als würde sie Gerüchte züchten. Sie mochte besonders den
Läuferturm, das Zuhause des Herzogs und der Herzogin
Läufer und ihrer fünf Töchter, die die größten Ohren auf der
Lichtung hatten – ihre riesigen Lauscher hörten alles, weshalb
Amora sie so mochte und viele andere sie hassten. Ihr Turm
war etwas niedriger, aber nicht viel. Floras eigene königliche
Gemächer im Thronerbenturm lagen nur ein klein wenig höher
als die der Läufers – nah genug, dass Amora auch zu den
ungewöhnlichsten Stunden augapfelgroße Tuftorsamen durch
Emerly Läufers Fenster werfen konnte.
Wichtiger noch, sie befanden sich weit über all den viehischen
Dingen tief unter ihnen im Dreck: furchterregenden
Großkatzen, schmuddeligen Grundlingen und blutrünstigen
Eindringlingen. Obwohl seit der Zeit vor Floras Geburt keine
Armee mehr durch die Wälder von Strata bis zur Lichtung
vorgedrungen war, waren die Geschichten über die Gemetzel
und Plünderungen während der Holzkriege erschreckend.
Und obwohl sie täglich kletterte – geschickt über schmale
Äste lief und sich von herabhängenden Zweigen schwang, was
ebenso dem Spaß diente wie der Fortbewegung zwischen den
Türmen –, ließ sie sich nur noch selten bis zum Boden herunter.
Mägde und Laufburschen hievten nach oben, was sie und
Amora brauchten, und die beiden lebten monatelang näher an
den Baumwipfeln als am Boden und ohne den Dreck je zu berühren.
In der Tat sagten ihnen die stratanischen Mönche,
dass sie in ihrem Thronerbenturm, hoch oben zwischen den
majestätischen Tuftorbäumen, »den Göttern nahe« seien.
Amora versuchte, Flora davon zu überzeugen, dass die Mönche
gesagt hätten, sie beide seien »nahezu göttlich«.
Aber Flora fühlte sich nicht wie ein Gott, als sie an dem
großen polierten Wasserbecken stand, das in das dicke Sims
ihres Fensters eingelassen war, noch hatte sie das Gefühl, tun
zu können, was immer ihr gefiel. Stattdessen fühlte sie sich wie
ein glücklich verschwitztes Mädchen von knapp fünfzehn
Jahren, das sein verschmiertes Gesicht waschen musste, bevor
es sich in einem Spinnenseidenkleid als eine der Töchter des
Königs in der Öffentlichkeit präsentierte.
Das von der Zeit blank gescheuerte Wasserbecken war so
breit wie die Spanne ihrer Arme. In den Baumkronen darüber
sammelte sich in ausladenden, zusammengenähten Blättertrichtern
frisches Regenwasser; dünne, schlauchartige Ranken
wanden sich von diesen Blatt-Kollektoren aus nach unten wie
Schlangen, die sich um den zentralen Tuftorstamm schlängelten,
bevor sie das gewonnene Wasser in Floras Waschbecken
pumpten. Ein kleines Abflussloch, das ihre Dienerin Eggie in
den Boden eingearbeitet hatte, sorgte dafür, dass das Wasser
stetig abfloss – jedoch nicht so schnell, dass sich das Becken je
leerte. Eggie war ein linkisches, hässliches Mädchen mit dicken
Gliedmaßen und einer flachen Stupsnase. Tatsächlich
hatte Amora sie »unbeholfenes Rindvieh« genannt, als sie
Amoras Haarbürste aus Wildschweinborsten zwischen den
Ästen bis ganz nach unten in den Dreck hatte fallen lassen.
Aber Flora fand, dass Eggie auch schlau war – sie konnte
Dinge reparieren. Wie brackige Wasserbecken. Und Eggie hatte
Amora eigenhändig eine neue Bürste aus Kiefernnadeln gefertigt,
die noch besser war als die aus Wildschweinborsten.
Flora hielt sich ihre dicken, rabenschwarzen Locken hinter
dem Kopf zusammen und tauchte das Gesicht ins Wasser.
Während sie sich nach ihrer morgendlichen Kletterpartie
den Schweißfilm von der Stirn wusch, öffnete sie unter der
Oberfläche die Augen, um zu beobachten, wie das Wasser in
einem Strudel durch Eggies schlaues Loch abfloss. Sie konnte
nicht wirklich sehen, wie die Flüssigkeit aus dem Holzbecken
entkam, aber sie spürte den Sog an ihrem Kinn und ihren
Lippen, als würde das Wasser versuchen, sie durch den Abfluss
zur Erde zu ziehen. Als sie auftauchte, tropften kristalline
Perlen von ihr herab, und sie sah ihre Schwester schelmisch
grinsen.
»Und was mir heute beliebt«, fuhr Amora fort, als hätte
Flora sie nicht die ganze Zeit ignoriert, »wartet gerade in meinem
Zimmer und hat seine Tunika über meinen Bettpfosten
gehängt.«
Flora schnappte nach Luft und spie einen nassen Sprühnebel
aus dem Mund. Sie versuchte, schneller zu reden, als ihre
Zunge es vermochte. »Ein Junge? In deinem Zimmer? Du
kannst nicht … er kann nicht … aber … wer? Wer? Wer?«
Amora lachte. »Du klingst wie eine stotternde Eule, kleine
Schwester.« Sie warf Flora ein Handtuch ins nasse Gesicht.
»Enic, der Stallbursche, wenn du es unbedingt wissen musst.
Der mit der Narbe auf der Wange.« Amoras Gegacker war
ganz anders als Floras mädchenhaftes Kichern; es hatte scharfe
Kanten, die sich mit zunehmendem Alter auch in Floras Lachen
entwickeln würden, so stellte sie es sich jedenfalls vor.
Mit über sechzehn Jahren war Amora fast zwei Jahre älter. Sie
war außerdem die Erste in der Thronfolge; Flora würde nicht
Königin werden. Ihr königlicher Vater hatte bei ihrer älteren
Schwester hinten im Nacken das verschlungene Mal der Evangelins
eingebrannt und in Floras Nacken zwei Male, sodass es,
sollte er eines Tages fallen, keinen Irrtum geben konnte, keine
unrechtmäßigen Ansprüche, keine Kämpfe innerhalb der
Familie.
Sie waren beide Thronerbinnen, aber das einzelne
Mal kam zuerst.
Doch seine Vorsichtsmaßnahmen waren unnötig, denn sosehr
sie einander ärgerten, liebten sie einander auch. Wie es bei
den meisten Schwestern der Fall ist, nehme ich an.
Tatsächlich hatte
Amora eines Nachts einen heimlichen Pakt mit Flora geschlossen,
während sie ihnen ihre Katzenfelldecken über die
Köpfe gezogen hatte, als sie eigentlich hätten schlafen sollen.
Amora hatte Flora einen Platz an ihrer Seite versprochen,
wenn sie den Thron bestieg, mit fast gleicher Machtbefugnis.
Fast. Sie würden auf den zwei Thronen in der Lichtungshalle
als Schwester-Königinnen sitzen, während ihre Ehemänner –
wer immer die sein würden – in der zweiten Reihe saßen.
Amora sagte ihr, dass ihre gemeinsame Herrschaft eine köstliche
Überraschung für ihren zutiefst traditionellen königlichen
Vater sein würde – einen Mann, der sich mit Überraschungen
entschieden unwohl fühlte –, wenn Amora ihm ihre
Idee in ein paar Monden an ihrem siebzehnten Geburtstag
präsentierte. Amora würde ihr Vorhaben mit einer rechtsgültigen
Erklärung offiziell machen, einer Erklärung, die Flora
schreiben würde – sie konnte besser mit Buchstaben umgehen,
obwohl sie zwei Jahre jünger war.
»Keine Tunika?«, fragte Flora fasziniert. »Was hat er denn
dann an?«
»Gar nichts, vermute ich, wenn er meine Anweisungen verstanden
hat. Er ist nicht der Hellste.«
»Amora! Du bist schrecklich. Und du hast ihn einfach dort
allein gelassen?«
»Wenn man sie warten lässt, sind sie umso bemühter. Das
hat uns unsere liebe königliche Mutter gelehrt, nicht wahr?«
»Sie meinte, man solle sie auf die Hochzeit warten lassen.«
»In beiden Fällen sind sie um die gleiche Sache bemüht. Die
Ehe ist lediglich die offizielle Methode, sie zu bekommen.«
Amoras bewegliche Augenbrauen wackelten wie Schleiertänzerinnen.
»Aber es gibt auch andere Methoden.«
»Nicht für die Tochter eines Königs. Erst recht nicht für
die Tochter eines so strengen Königs. Vater würde einem Jungen
die Hand abschlagen, wenn er sie unter deinem Kleid
fände.«
»Ach, die Gefahr macht es ja gerade so amüsant. Außerdem
hat Enic noch eine zweite Hand.«
»Wie lange wirst du ihn warten lassen?«
»Ich glaube, es ist jetzt fast eine Stunde, aber ich verliere
leicht den Überblick. Eine weitere Viertelstunde wird genügen.
Bis dahin sollte er reif sein. Ich hoffe nur, dass er nicht
ohne mich anfängt. Er hat schließlich noch seine Hände.«
Flora errötete, verlegen und schockiert, aber insgeheim erfreut
darüber, in das unanständige Geheimnis ihrer Schwester
eingeweiht worden zu sein – Amora hatte die besten Geheimnisse
auf der Lichtung. Und die schlimmsten. Flora beugte sich
weit über den Rand des Beckens, um die saubere, feuchte
Waldluft tief einzuatmen.
»Seltsam. Das niedere Volk versammelt sich auf dem Treppenabsatz.«
»Grundlinge? Auf dem Treppenabsatz? Wird jemand gebäumt?«
Amora trat neben sie und blickte auf die Menschenmenge
in schlichten Tuniken und Überwürfen hinab – die
Bauern, die Bewohner des Drecks. Die Grundlinge. Sie lungerten
herum und starrten zu ihnen herauf.
»Ich glaube nicht, dass das heute stattfindet«, sagte Flora.
»Es muss so sein, wenn der Pöbel sich auf dem Treppenabsatz
versammelt. Der älteste Bruder der Rackel-Brut, der Fette,
wartet jetzt seit Wochen auf sein Schicksal auf den Balken.
Vater muss endlich beschlossen haben, ihn bäumen zu lassen.«
»Ich dachte, die Verzögerung würde bedeuten, dass er nicht
gebäumt wird. Normalerweise entscheidet Vater binnen Augenblicken
über das Schicksal eines Mannes.«
»Aber ja, binnen zorniger Augenblicke. Sieh sie dir an, wie sie
herumwimmeln wie Fleischaffen, grunzend und kreischend.
Sie sind gekommen, um zu sehen, ob Rackel den Sturz überlebt,
ich sage es dir.«
»Wie hoch in den Richtbaum werden sie ihn bringen?«
»Ich wette, bis ganz nach oben. Der fette Rackel hatte sich
mit dem Wüstenvolk verschworen, um den Federsee trockenzulegen.
Diese sandfressenden Wüstengrundlinge wollen ihren
dreckigen Sand mit unserem sauberen Nass bewässern.
Vater hat ein Truppenkontingent geschickt, um ihre Ingenatoren
und Schaufler zu vertreiben, und dabei die Verschwörung
aufgedeckt. Der fette Rackel verdient jeden Ast, den er
trifft.«
»Ganz nach oben?«
»Gewiss. Falls sie seinen fetten Arsch so weit hinaufhieven
können.«
»Er wird direkt an unserem Fenster vorbeifallen!«
Ihre lange dunkle Mähne hing über den Rand des Beckens,
und sie beobachtete die Grundlinge. Sie wuselten so weit unter
ihr herum, dass sie weniger Bedeutung zu haben schienen als
Nagetiere, doch warteten sie auf das gleiche tödliche Spektakel
und waren ein ebenso gewolltes Publikum wie sie und ihre
königliche Schwester. Sogar noch mehr.
»Der Pöbel ist neugierig auf die Welt über ihm«, überlegte
Amora laut. »Sollen wir sie anspucken?«
»Es regnet. Sie werden es nicht bemerken.«
»Genau. Sie werden ebenso lächerlich unwissend sein wie
immer.« Amora hustete einen Mund voll Schleim hoch.
»Du bist wirklich gemein.«
Amora spuckte zweimal aus und ermutigte Flora, es ebenfalls
zu versuchen, was diese auch tat. Es war nicht so befriedigend,
wie ihre Schwester es angedeutet hatte; die Menschen
waren zu weit entfernt, um zu erkennen, ob sie sie getroffen
hatte. Wenn ja, reagierten sie nicht, und es machte wohl kaum
Spaß, Grundlinge anzuspucken, die nicht reagierten.
Bei einem Geräusch von oben hoben sie die Köpfe – irgendetwas
ging in dem nahen Baum, dem Richtbaum, vor sich. Das
Geschehen wurde von Ästen und Blättern verdeckt, war aber
laut genug, dass Flora wusste, dass stratanische Lichtungswachen
einen Mann auf die Büßerplattform zerrten, die oberhalb
der höchsten Äste aus dem Baumstamm ragte. Ein dummer
Name,
dachte Flora. Es zählt nicht, etwas zu bereuen, wenn man gleich
in den Tod gestoßen wird.
Der Sturz von der Plattform war tief, bevor
irgendwelche Äste dem Verurteilten eine Chance boten,
nach Rettung zu greifen. Es geschah selten, dass jemand seinen
Sturz bremste, aber im Laufe der Geschichte der Lichtung
hatten einige es geschafft, und sie waren begnadigt worden.
Graf Dörrtal, der wegen der Ermordung seiner eigenen Frau
verurteilt worden war, hatte sich mit einem berühmt gewordenen
Hüpfer gerettet, als er mitten auf einem dicken Ast gelandet
war, mit seinem gleichermaßen dicken Bauch, oder zumindest
ging so die Geschichte. Die Tötung seiner Frau war
als gerechtfertigt erklärt worden – oder warum hätten die
Götter ihn sonst verschont? Flora hatte zu ihren Lebzeiten
noch niemanden davonkommen sehen. Da sie selbst eine Kletterin
war, hatte sie sich jedoch im Kopf zurechtgelegt, wie es
zu bewerkstelligen wäre: den Sturz zu Beginn abbremsen, indem man
mit den Beinen die ersten Äste trifft – die stabilsten Äste, bei denen die
Wahrscheinlichkeit am geringsten ist, dass sie beim Aufschlag abbrechen –,
dann die Arme ausbreiten und den nächsten Ast packen und daran schwingen,
um den Abwärtssog in eine seitliche Richtung umzulenken, darauf hoffend,
dass die Handgelenke nicht gebrochen sind und man noch zupacken
kann.
Danach war es reines Glück. Ein beherzter Eichhörnchengriff
vielleicht. Überlebende blieben nicht in Strata, nachdem
sie gebäumt worden waren; in diesem Punkt waren die
Archive eindeutig. Traditionellerweise flohen Überlebende der
Bäumung nach der Demütigung, von oben heruntergeworfen
worden zu sein wie der Inhalt eines Nachttopfes – den Floras
Familie und andere Adelige vom entferntesten Ast des Stinkbaums
in den Sumpf leerten. Überlebende einer Bäumung
nahmen ihre verräterischen Narben und gebrochenen Glieder
mit sich und kehrten nie mehr zurück.
Eine Trompete wurde geblasen. Der Ruf der Gerechtigkeit.
Amora klatschte erwartungsvoll in die Hände. »Sollen wir
hinausklettern, um besser sehen zu können?«
»Die Aussicht von hier ist gut genug«, antwortete Flora.
»Außerdem, was ist, wenn er in unsere Richtung fällt? Ich
habe gehört, ein gebäumter Mann habe einmal auf seinem
Weg in die Tiefe eine übertrieben neugierige Herzogin mitgerissen.«
»Das ist bloß eine Geschichte. Ich habe sie ein Dutzend
Mal gehört, und mit jeder Schilderung verändert sie sich. Einmal
war es eine Baronin, die umgerissen wurde, und einmal
war es eine uns besuchende Königin!«
Flora schnaubte. »Ein paar unterschiedliche Einzelheiten
bedeuten nicht, dass die Geschichte nicht wahr ist.« Sie kannte
die verschiedenen Versionen ebenfalls, aber sie genoss es immer
wieder, sie zu hören. Tatsächlich liebte sie Geschichten,
vor allem die unmöglichen. »In allen Geschichten steckt ein
Körnchen Wahrheit, selbst in den Mythen.«
Nachdem sie über ihren Aussichtsplatz entschieden hatten,
setzten sie sich hin, um zuzusehen. Es war sehr aufregend. Der
lange Sturz des Verurteilten lockte immer eine Menschenmenge
an. Es war Gerechtigkeit. Es war Leben. Aufstieg und
Fall. Wachstum und Tod. Leben erhob sich aus dem Boden
und wuchs; und wenn es verfault war oder starb, fiel es herunter
und kehrte zur Erde zurück.
Der Verurteilte stand jetzt auf der Plattform, dem höchsten
Punkt im Baum der Gerechtigkeit, der das Gewicht von zwei
Wachen und einem glücklosen Gefangenen tragen konnte. Von
dort, wo die Schwestern sich auf den Rand von Floras Wasserbecken
lehnten, war der Mann eine ferne Silhouette. Zwei massige
stratanische Lichtungswachen flankierten ihn, so muskelbepackt,
dass ihre Leiber erkennbar waren, obwohl sie
eigentlich nur Schatten vor dem Hintergrund des Himmels
waren – Fichtan und Eicham Krud, die Amora »die Fichte-
und-Eiche-Brüder« nannte. Neben ihnen sah der verurteilte
Rackel klein aus. Aus dieser Entfernung wirkt er eigentlich nicht
besonders fett.
Die Gebrüder Krud zerrten ihn zum Rand und stützten
ihn, damit er nicht zusammenbrach oder sich wie ein panischer
Affe an die Plattform klammerte. Auch ihr königlicher
Vater war mit dort oben, um das Urteil zu verkünden. Es wurde
etwas gesagt, zu leise, um es zu verstehen, dann warfen die Brüder
den Gefangenen ohne viel Federlesens über den Rand.
Flora und Amora schnappten gleichzeitig nach Luft. Der
Verurteilte verdrehte die Glieder, um zu versuchen, sich zu retten.
Er war beweglicher, als Flora erwartet hatte, und seine
Hände waren nicht gefesselt. Er ruderte mit den Armen, um
die ersten Äste abzuwehren. Nein!, dachte Flora. Er sollte sich daran
festhalten.
Oben waren die dünnen Zweige der Baumkronen,
die ohne Verletzungsgefahr genutzt werden konnten, um die
Wucht des Sturzes zu bremsen, aber Rackel mied sie und
nahm stattdessen Geschwindigkeit auf. Als er auf Floras Fenster
zustürzte, verfing sich sein Bein an einem größeren Ast und
ließ ihn unkontrolliert herumwirbeln. Seine bloßen Arme und
Beine flogen in alle Richtungen.
»Er ist nackt!«, quiekte Amora mit einer Mischung aus
Entsetzen und Erheiterung.
Und dünn. Flora runzelte die Stirn. Und jung.
Der nächste Ast traf ihn in die Rippen und trieb ihm mit
einem Wusch, das sie von weit unten hören konnten, die Luft
aus der Lunge. Aber der Ast verlangsamte seinen Sturz nicht;
nicht genug. Als sein Kopf gegen einen anderen dicken Ast
schlug, ertönte ein scharfer Laut, als würde ein Fleischaffe auf
einem Stein eine Tuftornuss knacken. Er war jetzt direkt über
ihnen und fiel immer noch sehr schnell. Schließlich konnte
Flora sein Gesicht erkennen.
»Amora, das ist nicht der fette Rackel. Das ist …«
Enic, der Stallbursche, schoss vorbei, erschlafft von einem
vernichtenden Schlag gegen den Schädel. Aus dem offenen
Loch in seinem Kopf spritzte fettige Flüssigkeit in Floras
sauberes Wasserbecken. Er würde während der verbleibenden
Reise zur Erde keinen Ästen mehr ausweichen. Er war bereits
tot.

Kapitel 2
Könige und Königinnen


»Bist du zornig, Vater?«, fragte Flora.
»Nein«, antwortete König Leonard Evangelin.
Mit siebenunddreißig Jahren war ihr königlicher Vater körperlich
immer noch kräftig, nun aber eher sehnig als muskulös.
Obwohl er früher ein schwergewichtiger Mann gewesen
war, klagte Floras Mutter, dass sein Appetit in letzter Zeit vor
Sorge gelitten habe. Das Herrschen hatte den Großkater, wie
seine Waldkrieger ihn nannten, altern lassen. Sie respektierten
ihn, denn er war ein zuverlässiger, entschiedener und gerechter
Mann. Aber nun saß er rastlos vor seiner Tochter auf dem
Thron in der Lichtungshalle wie ein Kater, der sich bereit
machte, sich auf jemanden zu stürzen oder zu fliehen oder einfach
frustriert zu miauen.
Natürlich ist er zornig, dachte Flora. Er hat gerade den Befehl gegeben,
einen Jungen von einem Baum zu werfen!

»Ich muss dir lediglich eine Frage stellen«, fuhr er fort.
»Man hat einen Jungen aus dem gemeinen Volk unbekleidet
im Zimmer deiner Schwester gefunden, wo sein unteres Glied
steif wie ein Ast hervorragte. Amora sagt, eine deiner Dienerinnen
habe ihn dort hingebracht. Die kleine Egmont. Das
Mädchen bestreitet es. Was hast du dazu zu sagen?«
»Er ist tot, nicht wahr?«
Der Großkater knurrte. Es war nicht die Antwort, die er
hören wollte. »Er ist verurteilt worden. Er gehört der Vergangenheit
an. Es ist passiert. Und zu Recht, wie es mein Gesetzesgeber
bestätigt hat.« Er deutete auf den Mann in Amtsrobe
an seiner Seite, Benavere Schuster, der zurücknickte. »Jetzt erklär
mir, wie ein nackter Grundling im Zimmer einer Prinzessin
auftauchen konnte.«
»Ich habe ihn nicht dort hingebracht.«
»Natürlich nicht. Nicht du. Das weiß ich. Du bist mein
zarter grüner Zweig. Aber ich wette, du weißt, wer es getan
hat … nicht wahr?«
Flora sah, dass er darum kämpfte, vor seinem beträchtlichen
Publikum ruhig zu bleiben – vor Amora, Schuster, seiner
Lichtungswache, dem irritierenden Meistermönch, der
Flora immer auf die Finger schlug, wenn sie im Unterricht uralte
Namen falsch aussprach. Und vor meiner Mutter. Es waren
nicht sehr viele Menschen, aber sehr wichtige. Auch Eggie war
da. Das Fehlen von Enics Familie fiel auf. Ihr königlicher Vater
würde sich später persönlich mit ihnen treffen, um das Urteil
und die schnelle Bestrafung zu erklären. Allzu schnell – Enic hätte
dir sagen können, wer ihn nach oben gebeten hat, wenn du ihn nicht getötet
hättest, du verrückter Kater!
Die Familie bekam erst Gelegenheit,
Beschwerden zu äußern, nachdem das Urteil bereits vollstreckt
war. Aber wie sollen sie sich beschweren? Ein Stalljunge hatte nichts
im Zimmer einer Prinzessin zu suchen – schon gar nicht nackt.
Außerdem würde ihr Vater dafür sorgen, dass Enics Familie
alle ausstehenden Löhne bekam, die der Stalljunge verdient
hatte. Er ist ein guter, gerechter Mann, dachte Flora, aber auch ein Mann
voller Launen.
Es war klug, das nicht zu vergessen.
Eggie stand starr und mit steinerner Miene da – steif wie ein
Ast.
Sie wurde von einer Lichtungswache flankiert, deren riesige
Hand auf ihrer Schulter lag. Sie betrachtete Flora mit dem
gleichen intensiven Blick, wie wenn sie darüber nachgrübelte,
wie man ein Schubkarrenrad reparieren konnte. Oder ein Becken
mit stehendem Wasser.
Amora saß krumm wie eine gescholtene
Hündin vor ihrer königlichen Mutter, die ihr beruhigend den
Rücken tätschelte. Ihre Wangen waren tränenüberströmt, und
sie sah Flora mit flehenden Augen an. Die Konsequenzen waren
ernst. Ein Junge war tot. Nur ein Junge aus dem niederen Volk,
den Göttern sei gedankt, aber trotzdem
… Amora sollte sich ihre Unschuld
für einen Prinzen aufsparen, der eines Tages kommen
würde, nicht für irgendeinen Grundling mit einem steifen Ast.
Eggie kam aus dem Volk. Wie Enic. Ihre mögliche Strafe würde
sich von der Amoras ebenso gewaltig unterscheiden wie ihrer
beider Geburtsrechte.
Flora wünschte, sie könnte so schnell Worte finden wie ihr
königlicher Vater. Er hatte sie gelehrt, dass ein guter Herrscher
entschlossen sein musste. Aber Impulsivität, Instinkt
und Zorn halfen ihr nicht, so wie sie ihm halfen. Sie litt an der
Unentschlossenheit, die aus Vorsicht und Nachdenklichkeit
geboren war, und jetzt verließ sie auch noch ihre träge Vernunft.
Alle schauen her. Sie stand mitten auf der Bühne vor einem
gebannten Publikum, das auf ihre nächste Zeile wartete, wie
bei einer Wanderschauspielerin in einem Drama. Die Wahrheit
ist fast immer die richtige Antwort.
Flora öffnete den Mund, um zu
sprechen. Aber die Worte blieben ihr im Hals stecken, als ihr
ein anderer Gedanke durch den Kopf schoss – Schwestern geben
einander Rückendeckung.
Es war ein weiterer heimlicher Pakt, auf
den Amora sie in tiefster Nacht eingeschworen hatte – einer
Zeit, zu der Floras Schwester viele ihrer Lebensregeln formulierte.
Und wieder hatte Flora alles abgenickt, ob sie es glaubte
oder nicht.
»Eggie mag Jungen«, sagte Flora schließlich. Das stimmte
durchaus – Eggie war ein Mädchen, und Amora zufolge mochten
alle Mädchen Jungen. Und tatsächlich hatte Eggie mit ihnen
beiden einmal über Neve, den Küchenjungen, gekichert.
Und Eggie hatte Enic wahrscheinlich gekannt, obwohl sie
keine Unzucht mit ihm getrieben haben würde, da sie der königlichen
Familie in den Türmen diente und er ein Grundling
war, der Pferdescheiße schaufelte. »Und ich denke, sie hat den
nackten Jungen gekannt. Sie sind schließlich beide Diener«,
fügte Flora hinzu. Dann zuckte sie die Achseln, als lade sie das
Publikum ein, die Verbindung selbst herzustellen.
Die Stimme ihres königlichen Vaters hob sich um eine Oktave.
»Und sie hat einen nackten Jungen, den sie kannte, in das
Schlafzimmer einer Prinzessin gebracht?«
»Ich weiß es nicht. Aber wie sollte er sonst dort hingelangt
sein?«
Sie beobachtete ihr Publikum. Einige Männer und Frauen
nickten. Andere seufzten wissend – vulgäre junge Grundlinge würden
auf einem Esstisch rammeln, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu bot,
überlegten sie. Warum sollten sie es nicht in einem eleganten königlichen
Schlafzimmer tun?
Floras Andeutung reichte. Und sie hatte es
ohne eine tatsächliche Lüge geschafft.
Ein erleichterter Ausdruck huschte über Amoras Züge,
dann erschien der Anflug eines Lächelns auf ihrem Schmollmund.
Sie machte eine dezente Handbewegung, zwei zusammengedrückte
Finger. Schwestern.
Flora wollte Eggie nicht ansehen, aber ihre Dienerin stand
nahebei, direkt neben dem Thron. Ihre Lippen waren zusammengepresst,
und ihre Schweinenasenflügel blähten sich. Wenn
sie das tut, ist sie besonders hässlich.
Aber statt sich zu verteidigen
oder zu protestieren, blinzelte sie nur. Ein Zeichen? Wer konnte
das wissen?
Flora war erleichtert. Es hätte schlimmer kommen können.
Eggie hätte »Lügnerin!« schreien können. Nein, hätte sie nicht,
denn Flora hatte nicht gelogen. Außerdem war Flora die Tochter
eines Königs.
Und eine Prinzessin kann tun, was immer ihr beliebt.

Königin Evita Evangelin stand auf dem geschwungenen Balkon
des Königsturms mit Blick auf die Lichtung, und ihr
pechschwarzes Haar fiel ihr wie ein Schleier halb übers Gesicht.
Es ist auch der Königinnenturm, dachte Flora – ihre königliche
Mutter war ebenso Herrscherin über Strata wie ihr königlicher
Vater. Aber da sie in der Öffentlichkeit niemals stritten,
war ihre Doppelherrschaft für das gewöhnliche Volk nicht
sichtbar. Flora hörte gelegentlich Geschrei hinter der dicken
Tuftortür mit dem goldenen Katzenkopfklopfer, größtenteils
von ihrem Vater, aber sie wusste, dass ihre Mutter mit ihrer
kühlen Logik ebenso oft gewann, wie sie verlor. Und wenn sie
nach einer privaten Beratung wieder auftauchten, benahmen
sie sich, als wären sie die ganze Zeit einer Meinung gewesen.
Flora stützte sich mit ihrer Mutter auf das geschwungene
hölzerne Geländer, ganze zehn Etagen über dem Boden. Ein
langer Sturz für eine Prinzessin.
Doch es bestand keine Gefahr, dass
das königliche Geländer nachgeben würde – die Zapfenverbindungen
waren zwei Generationen zuvor von einem stratanischen
Handwerksmeister maßgefertigt worden, als Königin
Tetra Evangelin den Turm um vier Etagen hatte erweitern lassen,
damit er das höchste Gebäude auf der Lichtung wurde.
Königin Tetra mochte die elegante Spiralstruktur lieber als
den Festungsklotz ihres Mannes etwas weiter nördlich, der
jetzt die Lichtungshalle war – ebenfalls ein hohes Gebäude,
aber älter und erbaut, bevor die stratanische Architektur lebende
Bäume einbezogen hatte. Tetra hatte ihren Ehemann
nicht besonders gemocht, hieß es, und sie hatte den zauberhaften
gewundenen Anbau ihres neuen Heims in gleichem Maße
befohlen, um die Erinnerung an ihn und das Leben in der
Lichtungshalle hinter sich zu lassen, wie um sich in der Waldhauptstadt
Strata einen Namen zu machen.
Wie Floras eigener Turm folgte Tetras Meisterwerk einem
himmelhohen Tuftorbaum in die Wolken. Der Turm schlang
sich um den Baum wie eine Wendeltreppe mit stabilen geschlossenen
Plattformen auf jeder Etage. Flora wurde gern in
den Turm ihrer Eltern gerufen. Wenn sie auf einen Ausguck
stieg, den eine Königin entworfen und gebaut hatte, bot ihr
das eine andere Perspektive, die Perspektive einer Königin. Vor allem
war er ein wenig höher als Floras eigener Turm, und es gab weniger
Blätter dort oben, die die Aussicht versperrten. Die
Sonne schien kräftiger, und sie konnte weiter und klarer sehen.
Ihre Schwester dagegen beklagte sich, dass sie sich schutzlos
fühle, wann immer sie sich dort aufhielt. »Als würde ich von
einem übereifrigen Mönch aus einem kühlen dunklen Raum
ins grelle Morgenlicht gezerrt, nachdem ich mir am Abend
zuvor zu viele Becher Wein einverleibt habe.«
»Vater hat einen unschuldigen Jungen getötet«, sagte Flora
ohne jede Einleitung.
Ihre Mutter sah sie nicht einmal an. Und sie wirkte auch
nicht überrascht, obwohl Flora vorgehabt hatte, sie zu erschüttern.
»Ach ja?«
»Ja. Er hat einen Tobsuchtsanfall gehabt und ihn ohne Untersuchung
bäumen lassen.«
»Hast du ihn toben hören?«
»Ich kann ihn im Geiste hören.«
»Der Junge ist verurteilt worden. Ja. Es war ein hartes Urteil.
Aber war es wirklich die Entscheidung deines Vaters?«
»Wessen Entscheidung soll es denn sonst gewesen sein?«
Ihre königliche Mutter tätschelte ihr geistesabwesend die
Hand und fuhr fort, die Aussicht zu betrachten. »Ja, wessen
Entscheidung, in der Tat?«
Flora starrte sie ungläubig an. »Was? Du? Nein. Das würdest
du nicht tun!«
»Channeri Läufer hat ihn im Zimmer deiner Schwester gefunden.
Ich nehme an, Channeri ist in die Stadt gekommen,
um ein wenig eigenen Turmtratsch zu verbreiten. Und da saß
er, wartete nackt auf dem Bett, eine saftige Portion Klatsch für
den Hof – und wertvoll. Verstehst du, Channeri redet viel,
und sie war schon immer eifersüchtig auf Amora, und deine
Schwester trägt wenig dazu bei, sie davon abzubringen. Channeri
hätte allen in Strata erzählt, die Thronerbin sei unkeusch.
Der Wert deiner Schwester als Ehefrau wäre in den Augen
möglicher Bewerber dramatisch gesunken.«
»Ihr Wert?« Flora schäumte. Sie war zornig. Aber auf wen? Es
war leicht, böse auf ihren aufbrausenden Vater zu sein, aber es
fiel ihr schwer, ihrer vernünftigen Mutter zu zürnen. Noch
konnte sie auf Enic wütend sein, weil er sich seinen Tod eingehandelt
hatte. Er war ein netter Junge gewesen, wenn auch ein
wenig stumpfsinnig. Er hatte ihr einmal einen Rat gegeben, als
sie ausgeritten war. »Nehmt nicht das Pony«, hatte er gesagt.
»Ein Mädchen mit Mumm, wie Ihr es seid, wird auch mit der
Stute fertig.« Das hatte ihr gefallen. Und er hatte recht. Sie war
mit der Stute so gut fertiggeworden wie eine doppelt so alte
Reiterin. Enic war das Opfer ihrer Schwester und der großmäuligen
Channeri. Und das Opfer meiner königlichen Mutter.
»Vielleicht hättest du Channeri vom Baum werfen lassen
sollen.«
»Es wurde erwogen«, antwortete ihre Mutter zu Floras
Überraschung. »Aber Channeri ist die Tochter eines Herzogs.
Man hätte zu viel erklären müssen. Außerdem war sie bereits
in die Küche gelaufen, um die Nachricht dort zu verbreiten.
Wir mussten die Geschichte unter Kontrolle bekommen, und
sie hatte ihre Version davon bereits erzählt. Eine Lichtungswache
hat den Jungen gepackt, bevor er noch seine Kniehose
hochziehen konnte. Wir haben ihn daran gehindert, ihre Geschichte
zu bestätigen.«
»Warum habt ihr ihn nicht einfach dazu gezwungen, alles
geheim zu halten. Damit gedroht, ihn zu bäumen?«
»Oh, mein liebes Mädchen. Junge Menschen können keine
Geheimnisse hüten. Nur Alter und Erfahrung lehren Menschen,
den Mund zu halten. Wie gesagt, die Information war
zu wertvoll – er hätte sie irgendwann ausgeplappert, vielleicht
betrunken bei einem Kartenspiel. Aber halte mich nicht für
ein Ungeheuer. Wenn ich ihn gefunden hätte, hätte ich ihn
seiner Wege geschickt; niemand würde einem Grundling aus
den Ställen glauben, der mit einem Ausflug in die Gemächer
einer Prinzessin prahlt. Zwei Kupfermünzen kaufen dir in
einer Taverne ein Dutzend dieser ›erstaunlichen‹ Geschichten.
Aber Channeri ist die Tochter eines Herzogs. Hätte er
ihr Gerücht bestätigt, hätte die Geschichte die Runde gemacht.
Nein, wir konnten nicht darauf vertrauen, dass er diesen
Leckerbissen für sich behielt. Doch bei den Toten kann
man sich immer darauf verlassen, dass sie ein Geheimnis
wahren.«
Flora nickte. Es war eine Lektion. Ihre Mutter erteilte sie
ihr. »Hast du Vater damit überzeugt?«
»Nein. Das war viel einfacher. Wie du gesagt hast, er ist
leicht zu erzürnen, und der Gedanke, dass ein Grundling das
Bett seiner Tochter besudelt hat, war Anlass genug. Er glaubt,
die Tugend deiner Schwester wäre immer noch unversehrt.«
Floras leerer Blick verriet ihrer Mutter, was sie wissen
musste.
»Bist du genauso naiv wie er? Was denkst du, weshalb ich
Neve, den Küchenjungen, vor drei Monaten fortgeschickt
habe?«
»Oh.«
»Ich war diejenige, die diesen Jungen zwischen den Beinen
deiner Schwester gefunden hat, und so konnte ich ihn vor dem
Abgrund retten.« Die Königin entfernte sich von dem Geländer
und füllte sich einen hölzernen Kelch mit Apfelwein aus
einem geschnitzten Schwanenkrug. Sie schenkte auch Flora einen
Becher ein, wenn auch nur halb voll. »Fremdländische
Prinzen können wählerisch sein, was ihre Verlobten betrifft.
Man lehrt sie, ›Tugend‹ zu verlangen, aber was sie eigentlich
meinen, ist eine Furche, die noch kein Mann gepflügt hat. Natürlich
ergibt das keinen Sinn. Diese geilen Jungen erwarten,
dass junge Mädchen das Lager mit ihnen teilen. Und doch erwarten
sie, wenn sie Männer werden, eine Frau zu bekommen,
die ihrerseits mit keinem Jungen das Lager geteilt hat. Und so
müssen wir die Jungen zurückweisen oder die Männer belügen.
Und deine Schwester ist eine begnadete Lügnerin.« Ihre
Mutter warf sich ihr langes Haar über die Schultern und
lachte leise. »Schön und gut – wer will schon ablehnen, wenn
er jung ist. Aber sie hätte keinen Jungen in ihrem Zimmer lassen
dürfen, wo ihre schwatzhafte Freundin ihn finden konnte.
Unvorsichtig. Dumm. Sie hätte sich mit ihm in den Ställen
treffen sollen, wo niemand einem Zeugen geglaubt hätte, selbst
wenn ein Mann oder eine Frau aus dem gemeinen Volk sie gesehen
hätte. Und sie hätte sich eine weniger nützliche Dienerin
aussuchen sollen, um ihr die Schuld in die Schuhe zu schieben.
Es sind Entscheidungen wie diese, die sie zu einer schwachen
stratanischen Königin gemacht hätten.«
»Gemacht hätten?«
»Deine Schwester wird heiraten.«
Flora schnappte nach Luft. Es hatte gar keine Gerüchte
über einen Bewerber gegeben. Kein Gerede. Keine förmlichen
Besuche seit dem des kleinen Sohnes des Obstgarten-Herzogs
vor zwei Jahren, und der war noch ein Kind gewesen. Es gab
nicht einmal einen passenden Kandidaten auf der Lichtung,
oder? Flora ging im Geiste die heiratsfähigen Adeligen durch.
»Heiraten? Ich dachte, sie würde Ärger bekommen!«
»Den bekommt sie. Glaub mir, diese Heirat ist keine Belohnung
für ihr Verhalten. Sie soll Prinz Ulgar vom Wüstenvolk
heiraten. Dein Vater hat Iain Rackel gleich nach diesem Zwischenfall
ausgeschickt, um die Verbindung einzufädeln.«
»Der fette Rackel, der unter Bewachung stand?«
»Ja. Er kennt das Wüstenvolk. Er wird deine Schwester anbieten,
um unsere Königreiche zu einen und einen Krieg wegen
des Federsees zu verhindern. Sie wird eine Königin des Sandes
sein.«
»Aber das bedeutet …«
»Ja. Du wirst Königin des Großen Waldes von Strata werden.«
Flora konnte den Gedanken kaum fassen. Ich werde Strata regieren.
Einfach so, alles an einem einzigen Tag. Doch nagende
Schuldgefühle überschatteten ihre Aufregung. Ihre Schwester
würde weggeschickt werden, um ihr den Weg freizumachen,
und ihr Pakt, gemeinsam über Strata zu regieren, würde gebrochen
werden. Enic, der Stallbursche, war gestorben, um Floras
Thronfolge zu ermöglichen, und …
»Was wird aus Eggie?«, fragte sie.
»Du hast recht daran getan, für deine Schwester zu lügen.«
»Ich habe nicht gelogen. Nicht direkt.«
»Du hast sehr wohl gelogen. Wie eine Königin. Es ist die
eine königliche Fähigkeit, die deine Schwester und du tatsächlich
zu teilen scheint.«
»Es ist keine Fähigkeit, die ich teile. Ich meine, es ist keine
Fähigkeit, die ich besitze. Es war schwer für mich, diese Dinge
zu sagen. Es hat mir nicht gefallen.«
»Dann schlägst du nach deinem Vater. Er könnte die Wahrheit
nicht mal beschönigen, wenn es um sein Leben ginge. In
der Tat, ich denke, es wird eines Tages sein Verderben sein.«
»Aber Eggie …«
»Oh ja. Die Dienerin wird nach unten geschickt werden,
wenn auch nicht vom Baumwipfel aus. Keine Sorge. Sie hat uns
jahrelang gut gedient, kluges Mädchen. Ihre Großmutter hat
sich um mich gekümmert, als ich jung war, und sie hatte sich
von den Tuftorwurzeln hochgearbeitet, um sich und ihrer Familie
einen Platz in den Baumkronen zu sichern, wo sie dem
Adel diente. Eggie wird nicht gebäumt werden.«
Flora stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Wohin
wird man sie dann schicken?«
Ihre Mutter verdrehte die Augen, als wäre dies die geringste
ihrer Sorgen.
Und wahrscheinlich ist das auch so, dachte Flora. Viel war an diesem
Tag geschehen.
Evita Evangelin zuckte mit ihren königlichen Schultern.
»Wie ich höre, ist in den Ställen eine Position frei geworden:
Scheiße schaufeln.«

Kapitel 3
Beunruhigende Briefe


Der erste Brief von Amora kam zehn Tage nachdem sie in
einen sonnengebleichten Wagen verfrachtet worden war. In ihrem
absurden grünen Hochzeitsgewand mit der belaubten,
zehn Fuß langen Schleppe war sie von einem schwankenden
Gespann mit vier buckeligen Pferden in die Wüste gekarrt
worden.
Flora nahm das versiegelte Papier von dem Kurier entgegen,
stopfte es unter ihre Schärpe und kletterte in die Äste
hinauf. Der Kurier – Kouglas war sein Name – rief ihr etwas
nach, aufrichtig besorgt. Jede Lichtungswache war verantwortlich
für ihr Wohlergehen, und es war keine ganz ungefährliche
Angewohnheit, durch die Tuftorbäume zu klettern,
jedenfalls nicht für ein durchschnittliches stratanisches Mädchen,
das vielleicht hinunterfallen und sich das Genick brechen
würde.
Aber ich bin kein durchschnittliches stratanisches Mädchen!
In der Tat wäre es für jeden tödlich gewesen, der nicht so
geschickt darin war wie sie, über die Äste zu laufen, aber Flora
lebte in der Baumkrone und war seit frühester Kindheit von
Ast zu Ast gehüpft. Sie lief über die drei Handbreit dicken gegabelten
Pfade drei Ebenen über der Erde. Kouglas folgte ihr,
aber er war ein Renner, kein Kletterer. Ein Grundling. Sie führte
ihn an der Nase herum, und er rannte unter ihr her und schrie
Warnungen, die sie ignorierte, bis das dichter werdende Unterholz
ihn bremste.
Flora schlängelte sich weiter durch die Bäume, den ganzen
Weg zu den Ruinen von Wychwald, wo sie sich anmutig von
den Ästen auf die bröckelnde Steinmauer fallen und dann die
Beine baumeln ließ. Der nasse Wychwald tropfte vom ewigen
leichten Nebel. Er war nicht weit von der Lichtung entfernt,
aber er stand in den Vorhügeln des zerklüfteten Rabenkamms,
und die grauen stratanischen Wolken entließen ihre Bürde auf
seine Hänge, wenn sie über die gezackten Gipfel zu klettern
begannen. Der Nebel verlieh den Ruinen eine gewisse Stille,
als hinge ein dünner Vorhang über ihnen.
Flora beugte sich über den Brief, um ihn gegen die Feuchtigkeit
zu schützen, und brach sein Wachssiegel. Das Papier
war ein dünnes Pergament, hochwertiger, als sie es von dem
wilden Sandvolk erwartet hätte. Mattias Ospringer, ein
Bibliothekslehrling von der Lichtung, hatte ihr einmal erzählt,
dass das Wüstenvolk, weil es in seiner staubigen Welt keine
Bäume habe, Papier aus der Haut geschlachteter Lagerhunde
mache. Oder es stahl – die Wüstenbewohner waren außerdem
berüchtigte Räuber. Flora hatte die Geschichten über blutige
Plünderungen von Karawanen gehört, die den Sand zwischen
Strata, Tiborin und Schmutz durchquerten.
Bei den Buchstaben im Brief handelte es sich offensichtlich
um Amoras abgehacktes Gekritzel, verfasst in der Sprache der
Evangelins, die Floras Großtante Hilda sie gelehrt hatte. Die
Sprache war für alle außerhalb ihrer eigenen Familie unleserlich.
Die Geheimschrift war jedoch nicht gänzlich unknackbar;
einmal hatte ein Gelehrter aus dem Bibliotheksturm sie
entschlüsselt, der hinreichend klug gewesen war – nicht Mattias.
Aber dieser Gelehrte war zu klug gewesen. Man hat ihn
gebäumt,
erinnerte sich Flora, als sie den Brief ihrer Schwester
auseinanderfaltete.

Liebe, süße Flora,
mein Leben ist erbärmlich.
Ein Albtraum im Wachzustand. Ich kann so nicht weitermachen!
Ich bin mit einem Wahnsinnigen verheiratet worden, der jede Nacht
in mein Bett kommt, um mich zu schänden und zu demütigen. Und es
ist nicht der Prinz, dem man mich versprochen hatte! Der alte, verlebte
König hat mich seinem eigenen Sohn gestohlen und mich zu seiner
zweiten Braut gemacht. Sein Sohn soll jetzt stattdessen irgendein
Miststück von den Hügelvölkern heiraten.
Ich bin unglücklich und staubig und allein. Ich kann das Grunzen
und Murmeln meiner neuen Diener in ihrer hässlichen Sprache kaum
verstehen. Überall um mich herum nur Dreck und Sand. Meilenweit
kein Baum. Hier sind alle Grundlinge.
Mutter und Vater haben auf meinen ersten Brief nicht geantwortet.
Wirst du mir helfen? Du musst! Hol mich nach Hause. Für uns. Wir
wollten Strata gemeinsam regieren. Du hast es geschworen!
Außerdem vermisse ich dich.
Deine dich liebende Schwester,
Amora


Flora ließ auf der einzigen Steinmauer in ganz Strata die
Schultern hängen. Der Brief rührte sie zu Tränen, die Ungerechtigkeit
des Ganzen weckte ihren Zorn, und ihre Hilflosigkeit
wurde zu Verzweiflung.
»Ahhhh!«
Ihr menschlicher Schrei hallte durch den tropfenden Wald,
dann senkte sich eine unheimliche Stille herab, als hätte sie bei
der Kuttenzeremonie eines Mönchs eine unpassende Bemerkung
gemacht, und alle hätten sich umgedreht, um sie anzustarren.
Sämtliche Tiere lauschten, warteten, beobachteten sie.
Sie lauern. Flora hatte ihre Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Es
raschelte im Gebüsch, und sie sprang auf, während in ihrem
Kopf Bilder von Panthern, Tigern und den sagenumwobenen
Mynx erschienen – Letztere waren legendäre, pferdegroße
Mörderkatzen mit gebogenen Reißzähnen, die angeblich
»flinker als ein Fuchs und stärker als ein Ochs« waren.
Flora spannte die Muskeln an, um in die Bäume zu springen
und um ihr Leben zu rennen. Ihr Herz hämmerte wie eine
Trommel, doch die Kreatur, die aus dem Blätterwerk brach,
war eine andere Art von Großkater als der Mynx.
»Vater?«
Flora wusste nicht, ob sie erleichtert darüber war, dass ihr
königlicher Vater gekommen war und nicht der Albtraum irgendeiner
Kindergeschichte. Er wird zornig sein.
Leo Evangelin erschien mit einem Stampfen seiner Affenfellstiefel
auf Wychwalds uralten Pflastersteinen, die rissig
und grün von einem Teppich aus Moos waren. Der Umhang
aus dem gestreiften Fell des großen Tigers, den er als Junge erlegt
hatte, um sich seinen Namen zu verdienen, flatterte hinter
ihm her. Flora war der Wirbel peinlich, den sie mit ihrem
Schrei verursacht hatte; sofort erschienen drei weitere Lichtungswachen,
darunter Kouglas, der zweifellos Ärger bekommen
würde, weil er sie aus den Augen verloren hatte. Selbst
schuld, lahmer Schneckengrundling.
Als Leo sah, dass sie unversehrt
war, schnaubte er in wortlosem Ärger und scheuchte seine
Wachleute schroff zurück auf die Lichtung. Dann seufzte er
und kletterte die zerbrochenen Steine zu ihr hinauf. Es hatte
keinen Sinn zu fliehen.
Ich sitze in der Falle, dachte Flora, als König Leo Evangelin
sich auf die gewaltigen Grundmauersteine hievte, die halb in
der Erde begraben lagen, und dann den Schutt der Bresche
bestieg, die vor Urzeiten gewaltsam in den Hauptwall der Festung
geschlagen worden war.
Die steinernen Ruinen der uralten Stadt erhoben sich wie
riesige Grabsteine zwischen den Fichten, Kiefern und Tuftors,
fast gänzlich vom Wald zurückerobert, verdeckt durch Bäume,
Gräser und Farne, Hunderte von Jahren nachdem die grauen
Mauern brutal in die neblige grüne Landschaft eingedrungen
waren.
Während ihr Vater kletterte, staunte Flora über das schiere
Ausmaß der Steinbauten. Wie lange muss es gedauert haben, das alles
zu erbauen?
Ein halbes Jahrhundert, hatte sie gehört. Ein ganzes
Leben.
Der durchbrochene Wall schlängelte sich zwischen den
gewaltigen Tuftors hindurch wie ein hoher gepflasterter Pfad,
der einen großen Kreis bildete. Er war jetzt natürlich verfallen
und verlassen, abgesehen von hungrigen Katzen und Fleischaffen,
aber seine Überreste würden stehen, solange Flora es
sich vorstellen konnte. Viele Generationen lang. Darin lagen Stolz
und Schande. Mutige Menschenhände und geniale Ingenatoren
hatten das Steinwunder mitten in der unwirtlichen
Landschaft des nassen Waldes errichtet, und sie hatten sich seinen
wilden Bewohnern gestellt, um ein mächtiges Zeugnis menschlicher
Stärke zu erschaffen.
Und meine stratanischen Vorfahren haben es niedergerissen.
Es gab dazu natürlich eine Geschichte, und Flora kannte sie
sehr gut. Stratanische Axtkrieger hatten Stein mit Holz besiegt.
Sie hatten im Morgengrauen angegriffen und waren
mithilfe hölzerner Gerüste in Massen über die Mauern gekommen.
Der Wall war zu nah an dem dichten Blätterwerk
von Wychwald gebaut worden, und die Mauerwache hatte das
nächtliche Nahen der Feinde erst sehen können, als es zu spät
gewesen war. Leitern waren zum Einsatz gekommen, bevor die
Wychmänner ihre Bogenschützen zu den Schießscharten schicken
konnten. Als die Bedrohung durch die Bogenschützen
erst zunichtegemacht worden war, brachte man Rammböcke
aus Tuftorbäumen herbei, um Löcher in die Mauern zu schlagen.
Die Niederlage folgte schnell und unmissverständlich
und legte die Schwäche einer massiven Felsfestung im tiefen
Wald bloß. Steinerne Mauern und Burgen waren Bauten fürs
offene Gelände – wie die Wüstenoase oder die Küstenstadt
Schmutz. Es hatte ein halbes Jahrhundert gedauert, die Festung
von Wychwald zu erbauen, und eine einzige Nacht, sie zu
zerstören. Die Strataner hatten demonstriert, dass steinerne
Bauten keinen Platz in ihrem dichten Wald hatten, zum blutigen
Kummer der Wychmänner. Sie wurden von ihrer eigenen
Schutzmauer geworfen – in einer primitiven Vorform moderner
Bäumungen –, und das Zeitalter der Holztürme hielt das
Vorrücken des Steins auf.
»Du machst mir Angst, Prinzessin«, sagte ihr königlicher
Vater, als er zu ihr auf den Wall trat. Er hatte sich angewöhnt,
sie »Prinzessin« zu nennen, jetzt, da ihre Schwester fort war.
Vorher war es immer »Zweig« gewesen. Amora hatte er
»Knospe« genannt, bis sie das Alter ihrer ersten Blutung erreichte,
und anschließend »Prinzessin«, wie es sich für eine
junge Frau geziemte, die alt genug war, um auf einem Thron
zu sitzen. »Du bist jetzt Stratas Thronerbin. Du darfst kein
impulsives Kind mehr sein.«
Flora wedelte mit Amoras Brief vor seiner Nase, als wollte
sie ihn damit schlagen. »Amora hat dir eine Nachricht geschickt!
Du hast sie ignoriert. Warum?«
Er seufzte. Offensichtlich war das ein wunder Punkt. Er hat
wahrscheinlich schon mehrere entnervende Beratungen zu diesem Thema mit
meiner königlichen Mutter durchlitten.

»Wir haben mit dem Wüstenvolk Frieden geschlossen. Ein
guter, praktischer Handel. Ich werde diesen Frieden nicht stören,
weil deiner Schwester irgendetwas nicht behagt.«
»Nicht behagt? Du hast sie an einen alten Mann verkauft!«
»König Ulag ist fünfunddreißig. Er ist jünger als ich und
kaum alt zu nennen.«
»Mehr als doppelt so alt wie sie. Und schrumpelig.«
»Er hat Wüstenhaut – gesunde Runzeln von der Wüstensonne,
nicht von hohem Alter.«
»Und du wirst zusehen, wie der Traum deiner erstgeborenen
Tochter, über unser eigenes Königreich zu herrschen, in
diesem trostlosen Ödland ebenfalls dahinschrumpelt?«
»Ja.«
Flora schob die Unterlippe vor und verlangte mit ihrem
Schmollmund eine bessere Erklärung.
»Ich werde zu meinem Wort stehen, wie ein König es tun
muss.« Er hielt inne und blickte sie vielsagend an. »Wie eine
Königin es tun muss.«
»Ich habe mein Wort nicht gegeben.«
»Dann ist es gut, dass du noch keine Königin bist und keine
Soldaten befehligst. Es wäre närrisch zu versuchen, sie zurückzuholen.
Er ist ein stolzer Mann. Du müsstest ihn töten.
Könntest du das tun, Zweig?«
»Ja!«
»Ha, er würde dich einfach ebenfalls töten. Und wo wärst
du dann?«
»Unsere Armeen können siegen.«
»Ein Krieg wegen eines einzigen Mädchens?«
»Einer einzigen Prinzessin.«
»Einer einzigen Prinzessin, die sich schlecht benommen
hat. Dieser staubige alte König tut mir beinahe leid. Außerdem
habe ich noch eine andere Prinzessin.«
»Amora ist dein eigen Fleisch und Blut und deine Thronerbin.«
»Du bist jetzt meine Thronerbin. Würdest du das und das
Leben all dieser Soldaten aufgeben?«
»Ja. Mit Freuden, wenn es meine Schwester nach Hause
brächte. Jeder loyale stratanische Soldat würde für die Ehre
seiner Prinzessin sterben.«
»Sei dir da nicht so sicher. Loyalität ist eine gute Sache,
aber sie muss verdient werden, bevor man sie bekommt. Eine
gute Königin ist besonnen genug, ihre Untertanen nicht in den
Tod zu schicken, weil ein Mädchen in einem Brief irgendeine
Geschichte ausbrütet. Jetzt lass uns nach Hause zurückkehren.«
»Ich bleibe noch ein Weilchen. Es ist schön hier, und ich
will mich darin üben, besonnener zu sein.«
»Denk auf dem Heimweg darüber nach. Hier ist es nicht
sicher. Du hast dich nicht bewaffnet, bevor du davongelaufen
bist und es Kouglas überlassen hast, seinem König zu berichten,
dass die Prinzessin ihn abgehängt habe. Er hat gezittert
wie Espenlaub.«
»Es scheint, dass ich ihn nicht gründlich genug abgehängt
habe.«
»Komm. Sonst wirst du noch von einem Mynx gefressen.«
»Die gibt es nicht wirklich«, erklärte Flora. »Oder doch?«
»Dann von einem mädchenfressenden Tiger. Der Fellumhang,
den ich trage, ist echt. Ich habe in ebendiesem Wychwald
die Kehle dieses großen Tieres durchgeschnitten, als
ich …«
»Als du ein Junge warst. Ich kenne die Geschichte.«
»Es ist keine Geschichte. Es ist wirklich passiert. Dieses Fell
ist der Beweis. Du kannst es berühren. Du kannst es fühlen.
Ich war mit einer Klinge ausgerüstet, als ich jung war, nicht
mit Tagträumen und mürrischen Launen. Ich habe mich nicht
vom schönen Schein der Welt täuschen lassen. Ich lebe noch,
und dieses Tier ist tot, weil ich nach Fährten auf dem Boden
gesucht habe, nach Klauenspuren an Baumstämmen und nach
Blutstropfen auf Blättern. Dein Aufstieg zum Thron wird
schwierig werden, wenn du nicht den Unterschied lernst zwischen
einer fantastischen Geschichte und dem, was real ist.«

Kapitel 4
Eine fantastische Geschichte


Es kamen drei weitere Briefe, jeder eindringlicher als der vorangegangene.
Beim Lesen konnte Flora beinahe die Stimme
ihrer Schwester hören, mit ihrem vertrauten schrillen Ton, bei
dem sie immer zusammenzuckte. Und die Nachrichten waren
schlimm. Man hatte Amora gezwungen, Insekten zu essen!
Und all ihre stratanischen Kleider wegzuwerfen. Wie die stinkenden
Wilden, unter denen sie lebte, konnte sie oft tagelang
nicht baden. Und der Sand fand seinen Weg in jede Nische
und jede Ritze ihres Körpers, schrieb sie. »Nicht unähnlich
meinem lüsternen Gemahl!« Sie nannte ihn sogar »Sandmann«.
Ich muss sie retten, dachte Flora, als sie sich auf ihren Stuhl an
der gewaltigen Festtafel in der Lichtungshalle setzte. Ihr
königlicher Vater und ihre königliche Mutter saßen am Kopfende
des Tisches, flankiert von ihren Ratgebern. Flora nahm
weiter unten Platz, wo sie sich nicht in ihrem direkten Blickfeld
befand. Sie lächelten, tunkten Nüsse in Seetaucherleberöl
und warteten mit beschämend guter Laune auf das
Unterhaltungsprogramm des Abends, als wäre die Vergewaltigung
ihrer ältesten Tochter ihre geringste Sorge, als würde Amora
nicht in der heißen Wüste gefoltert und entehrt, während sie
sich inmitten munterer Gäste in einer kühlen Halle an frischem
Gemüse und Wildbretpasteten gütlich taten. Es war
der Tag der Dankbaren Ernte, aber die Feier fühlte sich für
Flora so hohl an wie der Turm der Thronerben ohne ihre
Schwester.
»Da kommt der Barde!«, rief Graf Wanken, der weiter unten
in der Mitte der Tafel saß. Wanken war ein fetter Mann,
der Floras Meinung nach Feste ein wenig zu sehr genoss.
Zuerst fragte sie sich, ob Wanken den Ausrufer ihres Vaters
meinte, Schnickschnack, der neben dem Thron stand.
Schnickschnack fungierte auch als Hofnarr des Königs, und
sie hatte ihn als Kind ungemein witzig gefunden – oft hatte
sie sich vor Lachen gekrümmt, wenn er seinen Schlapphut aufgesetzt
hatte und herumgetollt war, während er so tat, als wäre
er ein Affe oder ein Löwe. Doch seit sie älter als zehn war,
hatte sie festgestellt, dass sie all seine Witze schon aufsagen
konnte, bevor er sie ausgesprochen hatte, und statt lustig fand
sie ihn jetzt ermüdend oder sogar ärgerlich. Aber Schnickschnack
rührte sich nicht von der Stelle. Stattdessen klammerte
er sich am Thron fest, wie ein Kind, das befürchtete,
man könnte ihm sein Spielzeug wegnehmen.
»Wo ist sie?«, rief Floras Onkel Vernon ein wenig zu laut.
Vernon war der jüngere Bruder ihres Vaters und nach Flora
der Nächste in der Thronfolge, nun, da Amora fort war. Er
beugte sich über den Tisch, stieß Kelche um und grölte.
Sie? Barden waren doch immer Männer, dachte Flora. Vielleicht
hat mein Onkel bereits zu viele Becher genossen.
Er war ein berüchtigter
Trinker. Amora hatte Vernon sogar »Trunkel« getauft.
Es gab eine Geschichte, nach der er einmal bei einer Hochzeit,
ohne hinzuschauen, aus einem Fenster der Lichtungshalle gepinkelt
hatte, genau auf die Mutter des Bräutigams. Flora war
sich nicht sicher, wessen Hochzeit es gewesen war, aber so ging
die Geschichte.

"Die Klinge des Waldes" von Bloggern in Szene gesetzt

Royce Buckingham

Wusstest du, dass Royce Buckinghams Inspiration für "Die Klinge des Waldes" eine "Disney"-Prinzessin war?

Warum schreiben Sie?
Weil ich so viele Geschichten in meinem Kopf habe. Wenn ich sie nicht herausbekomme, werden Sie mich noch wahnsinnig machen!

Haben Sie ein Lieblingsgenre?

Mittelalterliche Fantasy. Früher mochte ich am liebsten Horrorgeschichten. Dann bekam ich Kinder und die Horrorgeschichten verloren ihre Sogkraft. Da ich kein Teenager mehr bin, faszinieren mich Geschichten über Teenager, die im Wald getötet werden, nicht mehr so sehr. Außerdem habe ich mehrere davon. Allerdings gefallen mir gute Gruselgeschichten auch heute noch.

Was hat es mit Mittelalter-Fantasy auf sich?

Ich mag das Konzept des Rittertums, das mit diesem (recht frei ausgelegten) Zeitalter assoziiert wird. Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen tatsächlich ritterlich waren, doch das Konzept eignet sich für einen Charakter gut als Motivation, Heuchelei und inneren Konflikt. Meine Freude am Genre des Mittelalters geht auch auf das Spiel "Dungeons & Dragons" zurück, bei dem ich lernte, mir mittelalterliche Szenarien auszudenken. Ich habe eine klare Vorstellung davon, wie mittelalterliche Fantasy-Welten aussehen können.
Mir gefällt, dass es keine Technik gibt. Vor diesem Hintergrund scheint es jede Menge Möglichkeiten für Konflikte, Herausforderungen und Dramen zu geben.
In meinem neuen Roman, "Die Klinge des Waldes", kommt ein Erfinder vor, der Gegenstände entwirft und baut, die ich mir ausgedacht habe. Sie erscheinen plausibel. Es würde mir heute schwerer fallen, mir Science Fiction auszudenken. Angesichts der technischen Fortschritte unserer Zeit ist es nicht leicht, sich Neuerungen vorzustellen, die über das hinausgehen, was Erfinder bereits tatsächlich tun. Die Technik vermag uns immer wieder zu begeistern. Für mich ist es einfacher (und lustiger), mir vorzustellen, was die Menschen im Mittelalter in Staunen versetzt hat.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
In der mittelalterlichen Welt wäre ein mechanischer Elefant faszinierend. In unserer modernen Welt wäre das vielleicht eine Internetsensation für einen Tag. Erschaffe ich also einen mechanischen Elefanten mit einem Rüssel, aus dem Flammen lodern, und Stoßzähnen, die Pfeile abschießen, werden meine Charaktere (und mein Publikum) sagen: "Wie kann das sein?" oder "Das ist unglaublich!", und nicht: "Ach, cool, und was ist sonst noch auf YouTube?"

Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Geschichten?
Aus allen möglichen Dingen. Eine Geschichte ist ein Drama über alltägliche Probleme, die jeder haben könnte, getreu dem Motto: "Oh nein! Man wird mich töten und ich will nicht …" Das ist sowohl heute als auch im Mittelalter ein echtes Problem. Tatsächlich war es damals wohl schwieriger zu leben und zu überleben. Ein gewöhnliches Drama kann Themen wie "Ich liebe dich nicht" und "Sie sind gefeuert" enthalten.
Ich frage mich auch: "Was wäre, wenn …?" Die Antwort ist dann die Geschichte. In Bezug auf "Die Klinge des Waldes" dachte ich: "Was wäre, wenn du über eine "Disney"-Prinzessin schreibst, der schreckliche Dinge passieren? Wie würde sie damit umgehen?" Die Antwort in meiner Welt lautet: nicht sehr gut.
Eine gute Geschichte ergibt sich aus der Art und Weise, wie Menschen mit Konflikten umgehen. Je größer die Herausforderung, desto schwieriger. Die Kämpfe einer gefallenen Prinzessin sind besonders faszinierend.

"Die Klinge des Waldes" erzählt von einer starken Protagonistin. In Ihren zahlreichen früheren Büchern haben Sie größtenteils über männliche Protagonisten geschrieben. Hatten Sie bei dieser Geschichte einen anderen Ansatz, weil Sie von einer weiblichen Figur erzählten?
In der Mapper-Reihe gibt es eine Protagonistin und es hat mir Spaß gemacht, mit einer weiblichen Hauptfigur zu arbeiten. Auf Grundlage dieser Erfahrung habe ich diese Figur noch besser entwickelt. Sie sollte sowohl Männer als auch Frauen ansprechen. Ihre Schwierigkeiten sind sehr menschlich und haben meistens nichts mit ihrem Geschlecht zu tun (im Sinne von: "Ich will nicht getötet werden"), doch sie lebt in einer Welt, in der Frauen mit bestimmten, einzigartigen Herausforderungen konfrontiert sind.

Was treibt Ihre Geschichten am meisten an? Die Charaktere, die Handlung oder das Erfinden einer Welt?
Früher war es die Handlung, aber jetzt lege ich mehr Fokus auf die Charaktere. Die Leser mögen die Figuren. Wenn den Lesern ein Protagonist gefällt, wollen sie wissen, was er tun wird, auch wenn er es mit so einfachen Konflikte zu tun hat wie: "Was gibt’s zum Abendessen?" Bei diesem Buch konzentrierte ich mich mehr auf die Entwicklung der Prinzessin als auf die Ereignisse um sie herum. Aber natürlich kann ein Zebra seine Streifen nicht ändern. Es gibt noch einige große Wendungen!

Wie hat sich Ihr Schreiben sonst noch weiterentwickelt?
Ich wurde besser im Erfinden von Welten. Wenn Sie "Die Klinge des Waldes" lesen, werden Sie eine in sich geschlossene und detaillierte Welt erleben. Den Lesern macht es Spaß, eine gut entwickelte Umgebung zu haben. Es ist wie bei "Game of Thrones" mit seiner vielschichtigen Welt und den vielen unterschiedlichen Charakteren und Orten. Die Stadt, die ich in "Die Klinge des Waldes" geschaffen habe, umfasst 35 Bezirke, die alle ein eigenes Flair haben. Es ist fast so, als wären München, Paris, Lagos, Seattle, Tokio und Rio alle in einer großen – allerdings mittelalterlichen – Stadt vereint.

Haben Sie einen Lieblingsbezirk?
Der Karnevalbezirk! Er ist auch der Favorit der Stadtbewohner: Partys, Vorführungen, Politik und ein verrückt-brillanter Herzog, der das Sagen hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch der Lieblingsbezirk meiner Lektoren ist. Für den Roman ließen sie eine schön illustrierte Karte anfertigen, auf der das Schloss und das Zirkuszelt des Karnevals vergrößert dargestellt sind.

Erzählen Sie uns von den Karten! Sie scheinen ein wichtiger Bestandteil Ihrer mittelalterlichen Fantasy-Bücher zu sein. Was können Sie uns darüber erzählen?
Es begann mit "Die Karte der Welt", meinem zweiten Bestseller in Deutschland. Mein Lektor bei Blanvalet bat mich, eine Karte zu zeichnen. Ich habe etwas hingekritzelt, um zu zeigen, wo die verschiedenen Orte liegen, und er beauftragte einen professionellen Kartenzeichner, der eine richtige Karte für die gesamte Die Karte der Welt-Reihe anfertigte. Supercool. In meinem neuen Roman sind Karten zwar kein Motiv in der Geschichte, doch er ist so weit entwickelt, dass meine Lektor mir schrieb: "Ich weiß, dass du viel zu tun hast, aber könntest du noch eine Karte von deiner Welt skizzieren, damit ein Illustrator sie zeichnen kann?"

Hat das Spaß gemacht?
Ich muss zugeben, dass ich wirklich gern Karten erstelle. Tatsächlich wurde ich ein wenig besessen und verbrachte eine Woche damit, noch einmal meinen gesamten Roman zu lesen, um für jeden Ort die richtige Lage zu finden. Dann skizzierte ich es wie ein Kindergärtner ... oder zumindest wie ein Kindergärtner mit Photoshop. Ich schrieb auch drei Seiten mit detaillierten Notizen über die Karte. Blanvalet engagierte einen Illustrator, der anhand meiner Materialien schöne Karten für das Innere des Romans zeichnete. Es war fantastisch! Ich glaube nicht, dass jeder Autor in Bezug auf das Bildmaterial seiner Romane so großen kreativen Input bekommt.

Was gefällt Ihnen besonders an "Die Klinge des Waldes"?
Mir gefällt besonders Flora. Sie ist eine komplexe Person. Am Anfang ist sie einfach gestrickt, doch sie wird sehr kompliziert.

Warum sollten andere den Roman gut finden?
Er ist groß, cineastisch und persönlich zugleich. Wir erfahren viel über Flora und dann sehen wir sie auf einer riesigen Bühne, wo sie versucht, Katastrophen, Triumphe und Alltagsprobleme wie den Sturz ganzer Königreiche und Streitigkeiten mit ihrer älteren Schwester zu meistern.

Was unterscheidet diese Geschichte von den anderen, die Sie geschrieben haben?
Es ist eine Erwachsenengeschichte so wie sich "Game of Thrones" von "Herr der Ringe" unterscheidet.

Was kommt als nächstes? Stehen neue Projekte an?
Ja. Ich bin immer dankbar dafür, dass mein Verlag an meine Arbeit glaubt. Gerade schreibe ich bei Blanvalet einen weiteren mittelalterlichen Fantasy-Roman. Er ist Ende des Jahres fällig und wird voraussichtlich 2019 irgendwann erscheinen.

Vielen Dank für das nette Interview!

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