Ein neuer, atemberaubender Fall für das Ermittlerduo Cormoran Strike und Robin Ellacott!

Cormoran Strike muss sich nicht nur mit dem Verhältnis zu seiner früheren Assistentin Robin Ellacott auseinandersetzen, sondern auch mit einem neuen Fall von besonderer Brisanz: ein junger Mann bittet um die Aufklärung eines Verbrechens, welches er - so glaubt er - als Kind mit angesehen hat. Billy hat psychische Probleme, doch er erscheint aufrichtig. Cormoran Strike und Robin Ellacott folgen einer verschlungenen Spur von den zwielichtigen Ecken Londons bis in die oberen Kreise des Parlaments. Wie hängen die beiden Fälle zusammen?

London kann so düster sein!

Bist du bereit, einer neuen Spur zu folgen?

Dann schließe dich jetzt Cormoran Strike und Robin Ellacott in ihren Ermittlungen durch die britische Hauptstadt an und decke den neuesten Fall auf! Sagt Billy die Wahrheit? Und welche geheimen Machenschaften verbergen sich hinter den Mauern des Parlaments?

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Leseprobe

"Weißer Tod"

PROLOG


Glück, liebe Rebekka, Glück ist zuerst und vor allen
Dingen das stille, frohe, sichere Gefühl der Schuldlosigkeit.

Henrik Ibsen, Rosmersholm


Das Bild wäre der Höhepunkt im Schaffen des
Hochzeitsfotografen gewesen, doch die beiden
Schwäne weigerten sich standhaft, Seite an
Seite über den dunkelgrünen See zu
schwimmen.
Das weiche Licht, das durchs Blätterdach fiel,
verwandelte die Braut mit ihren locker
gedrehten, rotgoldenen Locken in einen
präraffaelitischen Engel und betonte die
markanten Wangenknochen des Bräutigams,
sodass der Fotograf die beiden nur ungern an
eine andere Stelle beordern wollte. Er konnte
sich nicht erinnern, wann er zum letzten
Mal ein so schönes Ehepaar fotografiert hatte.
Bei Mr. und Mrs. Matthew Cunliffe bedurfte es
keiner taktvollen Tricks – weder musste er die
Braut so positionieren, dass man die
Fettwülste am Rücken nicht sah
(wenn überhaupt, war sie eher zu dünn, was
jedoch für das Foto nur von Vorteil sein
konnte), noch dem Bräutigam vorschlagen,
»es mal mit geschlossenem Mund zu
versuchen«, denn Mr. Cunliffes Zähne waren
weiß und ebenmäßig.
Das Einzige, was aus den Bildern
herausretuschiert werden müsste, wäre die
hässliche, rotviolette Narbe, die sich deutlich
auf dem Unterarm der Braut abzeichnete.
Selbst die Wundnähte waren noch zu
erkennen.
Als der Fotograf an diesem Morgen bei ihren
Eltern eingetroffen war, hatte sie einen
Armschutz aus elastischem Gummi getragen.
Daher war er auf den Anblick der Wunde nicht
vorbereitet gewesen und hatte sich gehörig
erschreckt. Er hatte sogar einen missglückten
Selbstmordversuch kurz vor der Hochzeit
vermutet. Nach zwanzig Jahren im Geschäft
wunderte einen nichts mehr.
»Eine Messerattacke«, hatte Mrs. Cunliffe
erklärt – oder Robin Ellacott, wie sie vor
zwei Stunden noch geheißen hatte, woraufhin
der Fotograf, eine eher zartbesaitete Natur,
das Bild der Klinge, die sich in das weiche,
blasse Fleisch gebohrt hatte, nicht mehr
aus dem Kopf bekam. Zum Glück lag die
hässliche Narbe nun im Schatten des
Straußes aus cremefarbenen Rosen,
den Mrs. Cunliffe in der Hand hielt.
Diese verdammten Schwäne. Wenn sie sich
doch verzogen hätten. Stattdessen tauchte
einer ständig ab und präsentierte sein
Hinterteil, das wie ein flauschiger,
pyramidenförmiger Eisberg aus der Mitte
des Sees ragte. Die Wellen, die er dabei
erzeugte, würden nicht ganz so einfach
digital zu beseitigen sein wie der junge
Mr. Cunliffe, der den Vorschlag gemacht
hatte, vielleicht glaubte.
Der zweite Schwan lungerte unterdessen
in Ufernähe herum: ruhig, elegant und fest
entschlossen, außerhalb des Bildes zu bleiben.
»Fertig?«, fragte die Braut, deren Ungeduld
deutlich zu spüren war.
»Schätzchen, du siehst klasse aus«,
sagte Geoffrey, der Vater des Bräutigams, der
hinter dem Fotografen stand. Er lallte schon
leicht. Die Eltern der Brautleute, der
Trauzeuge und die Brautjungfern warteten
in der Nähe im Schatten der Bäume. Die
jüngste der Brautjungfern, noch ein
Kleinkind, musste wiederholt davon
abgehalten werden, Kieselsteine ins
Wasser zu werfen. Sie fing an zu
quengeln, woraufhin die Mutter leise,
aber in scharfem Ton auf sie einredete.
»Fertig?«, fragte Robin abermals, ohne
ihrem Schwiegervater Beachtung zu schenken.
»So gut wie«, log der Fotograf. »Drehen Sie
sich bitte noch ein Stückchen zu ihm …
Sehr gut, Robin. Und jetzt schön lächeln.
Lächeln – und bitte!«
Die Anspannung, die von dem Brautpaar
ausging, war bestimmt nicht allein den
unkooperativen Schwänen zuzuschreiben.
Doch das war dem Fotografen egal, er war
ja kein Eheberater. Er hatte mehrmals
erlebt, wie sich Brautleute anschrien,
noch ehe er seinen Belichtungsmesser
gezückt hatte. Einmal hatte eine Braut
während der eigenen Hochzeitsfeier die
Flucht ergriffen. Unvergessen war auch
das verschwommene Foto aus dem
Jahr 1998, das den Bräutigam zeigte,
wie er dem Trauzeugen einen Kopfstoß
verpasste. Damit erheiterte er selbst heute
noch gelegentlich seine Freunde.
Die Cunliffes mochten gut aussehen;
ihrer Ehe dagegen räumte er keine allzu
lange Lebensdauer ein. Die Narbe auf
dem Arm der Braut war ihm von Anfang an
suspekt vorgekommen – ein schlechtes,
hässliches Omen.
»Das muss reichen«, sagte der Bräutigam
unvermittelt und ließ Robin los. »Wir haben
doch genug Bilder, oder?«
»Moment, Moment, der andere Schwan
schwimmt gerade los!«, rief der Fotograf
verärgert.
Im selben Augenblick, da Matthew Robin
losgelassen hatte, war der Schwan vom
entfernten Ufer auf seinen Gefährten
zugeschwommen.
»Egal«, sagte Robin und raffte den langen
Rock ihres Hochzeitskleids zusammen,
für das ihre Schuhe ganz offenkundig zu
flach waren. »Da war doch bestimmt ein
schönes Bild dabei.«
Sie marschierte aus dem Schatten der
Bäume in den strahlenden Sonnenschein
und dann über die Rasenfläche auf das zu
einem Hotel umfunktionierte Schloss aus
dem siebzehnten Jahrhundert zu, wo sich
die meistenHochzeitsgäste bereits
versammelt hatten und bei einem Glas
Champagner die Aussicht bewunderten.
»Wahrscheinlich tut ihr der Arm wieder weh«,
teilte die Brautmutter dem Vater des
Bräutigams mit.
Blödsinn, dachte der Fotograf mit einem
leichten Anflug von Schadenfreude. Sie haben
sich im Auto gestritten. Im Konfettiregen
beim Verlassen der Kirche hatte das Paar
noch halbwegs glücklich gewirkt. Bei der
Ankunft im Schlosshotel hingegen waren
ihre Mienen finster vor kaum verhehlter
Wut gewesen.
»Das wird schon wieder. Braucht nur
einen Drink«, sagte Geoffrey gutmütig.
»Matt, geh und leiste ihr Gesellschaft.«
Eilig schloss Matthew zu seiner über den
Rasen stöckelnden Braut auf. Die übrige
Hochzeitsgesellschaft folgte ihnen.
Die mintgrünen Chiffonkleider der
Brautjungfern flatterten in der warmen Brise.

»Robin, wir müssen reden.«
»Ja?«
»Bleib mal kurz stehen.«
»Wenn ich stehen bleibe, holen uns die
anderen ein.«
Matthew sah sich um. Sie hatte recht.
»Robin …«
»Fass meinen Arm nicht an!«
Die Wunde pochte schmerzhaft in der
Hitze. Robin hätte gern den Gummischutz
übergezogen, doch der lag unerreichbar in
ihrer Tasche in der Hochzeitssuite, wo
immer die sein mochte.
Inzwischen waren die Gäste im Schatten
des Hotels deutlicher zu erkennen.
Die Damen waren anhand ihrer
Hüte leicht auseinanderzuhalten –
Matthews Tante Sue trug ein knallblaues
Exemplar von den Ausmaßen eines
Wagenrads, Robins Schwägerin Jenny
ein merkwürdiges Gebilde aus gelben
Federn –, während die männlichen Gäste
zu einer konformen Masse aus dunklen
Anzügen verschmolzen. Ob Cormoran
Strike ebenfalls da war, konnte sie nicht
erkennen.
»Jetzt bleib doch mal stehen!«
Mittlerweile hatten sie einen komfortablen
Vorsprung vor dem Rest der Familie, die
ihr Tempo dem von Matthews kleiner Nichte
angepasst hatte.
Robin hielt inne.
»Ich war einfach schockiert, ihn zu sehen,
mehr nicht«, erklärte Matthew.
»Glaubst du vielleicht, es war meine Idee,
dass er in den Gottesdienst platzt und
die Blumen umschmeißt?«, gab
Robin zurück.
Matthew hätte ihr beinahe Glauben
geschenkt, wäre da nicht das Schmunzeln
gewesen, das sie verzweifelt zu
unterdrücken versuchte. Die Freude in
ihrem Gesicht, als ihr ehemaliger Chef die
Trauung gestört hatte, hatte er nicht
vergessen. Und würde er ihr je verzeihen
können, dass sie bei den Worten
»Ja, ich will« den Blick nicht auf ihn,
ihren Ehemann, sondern auf Cormoran
Strikes große, grobschlächtige Gestalt
gerichtet hatte? In der Kirche hatten alle
mitbekommen, wie sie ihn angestrahlt hatte.
Allmählich holte die Familie auf. Matthew
legte seine Hand sanft ein paar Zentimeter
über der Wunde auf Robins Oberarm, schob
sie vor sich her, und sie ließ es geschehen
– wahrscheinlich nur, wie er insgeheim
dachte, weil sie auf diese Weise hoffentlich
Strike näher kam.
»Ich hab es dir schon im Auto gesagt.
Wenn du wieder für ihn arbeiten willst …«
»… bin ich eine ›verdammte Idiotin‹.«
Langsam, aber sicher konnte Robin die
auf der Terrasse versammelten Männer
voneinander unterscheiden. Strike war
nirgends zu sehen. Dabei war er so groß,
dass er selbst ihre Brüder und die Onkel
überragt hätte, von denen keiner weniger
als einen Meter achtzig maß. Ihre Laune,
die sich bei Strikes Erscheinen zu einem
Höhenflug aufgeschwungen hatte, trudelte
jetzt wie ein regennasses Küken dem
Boden entgegen. Anscheinend hatte er
sich abgeseilt, als die übrige Hochzeits-
gesellschaft in Kleinbussen zum Hotel
aufgebrochen war. Überhaupt war sein
Auftauchen nur eine Geste des guten
Willens gewesen, nichts weiter. Er hatte
sie nicht wieder einstellen, sondern ihr
lediglich zum neuen Lebensabschnitt
gratulieren wollen.
»Hör mal«, sagte Matthew jetzt etwas
versöhnlicher. Offenbar hatte auch er
einen Blick auf die Menge geworfen
und war, als er Strike nicht entdeckt
hatte, zu dem gleichen Schluss
gekommen. »Was ich im Auto sagen
wollte: Es ist letztlich deine Entscheidung,
Robin. Aber er will dich ja sowieso …
Ich meine – für den Fall, dass er
dich zurückhaben will … Verflucht,
ich mache mir doch nur Sorgen um dich!
Für ihn zu arbeiten war ja nicht gerade
ungefährlich, oder?«
»Nein.« Die Stichwunde pochte. »Ungefährlich
war es nicht.« Dann drehte sie sich um und
wartete auf ihre Eltern und die übrigen
Familienmitglieder. Der süße Duft des warmen
Rasens kitzelte sie in der Nase, und die Sonne
brannte auf ihre nackten Schultern herab.
»Willst du zu Tante Robin?«, fragte Matthews
Schwester, woraufhin die kleine Grace
gehorsam Robins Armpackte und daran zog,
was einen Schmerzenslaut zur Folge hatte.
»Oh, das tut mir so leid, Robin! Gracie, lass
los!«
»Champagner!«, rief Geoffrey und schob die
Braut mit seinem Arm um ihre Schultern auf
die wartende Gästeschar zu.

Wie man es in dem exklusiven Schlosshotel
erwarten durfte, war und roch die
Herrentoilette blitzsauber. Am liebsten hätte
Strike sich mit einem Pint in eine der kühlen,
stillen Toilettenkabinen verzogen, doch das
hätte den Eindruck des abgehalfterten
Alkoholikers, der geradewegs aus dem
Gefängnis zur Hochzeit gekommen war, nur
noch verstärkt. An der Rezeption war seine
Beteuerung, zur Hochzeitsgesellschaft
Cunliffe-Ellacott zu gehören, auf kaum
verhohlene Skepsis gestoßen.
Selbst in unversehrtem Zustand war der
große, dunkelhaarige Strike mit seiner
Boxernase und der von Natur aus gries-
grämigen Miene eine einschüchternde
Erscheinung. Heute sah er aus, als wäre
er geradewegs aus dem Ring gestiegen.
Seine Nase war gebrochen, hatte sich
violett verfärbt und war auf die doppelte
Größe angeschwollen. Die Augen waren
gerötet und verquollen, ein Ohr entzündet
und frisch vernäht, wie an dem schwarzen
Faden deutlich zu erkennen war.
Gnädigerweise verbarg ein Verband die
Schnittwunde in seiner Handfläche.
Der gute Anzug, der bei seinem letzten
Einsatz einen Weinfleck abbekommen
hatte, war verknittert. Immerhin hatte er
es geschafft, vor der Abfahrt nach
Yorkshire zwei zueinander passende
Schuhe herauszusuchen.
Strike gähnte, schloss die schmerzenden
Augen und lehnte den Kopf gegen die kühle
Trennwand. Er war so müde, dass er auf der
Stelle noch auf der Toilette hätte einschlafen
können. Doch das durfte er sich nicht erlauben.
Er musste Robin sprechen, sie bitten – sie
anflehen, wenn nötig –, ihm die Kündigung zu
verzeihen und wieder zur Arbeit zu kommen.
Als sich vorhin in der Kirche ihre Blicke
getroffen hatten, war da nicht Erleichterung
in ihrem Gesicht zu erkennen gewesen?
Während sie bei Matthew untergehakt an ihm
vorbeigeschritten war, hatte sie ihn eindeutig
freudestrahlend angelächelt – und zwar so
freudestrahlend, dass er zurück zu seinem
Kumpel Shanker gelaufen war, der jetzt auf
dem Parkplatz in ihrem eigens für die Fahrt
geborgten Mercedes ein Nickerchen
hielt, und ihn gebeten hatte, den Kleinbussen
von der Kirche zum Schlosshotel zu folgen.
Strike wollte weder zum Festessen noch zu
den anschließenden Reden bleiben; deshalb
hatte er auch auf die Einladung, die er – vor
der Kündigung – erhalten hatte, gar nicht erst
reagiert. Er würde bloß ganz kurz ungestört
mit Robin reden müssen, aber das schien
unmöglich zu sein. Strike hatte völlig
vergessen, wie es auf Hochzeiten zuging.
Während er auf der überfüllten Terrasse nach
Robin Ausschau gehalten hatte, hatte er die
Blicke aus hundert neugierigen Augenpaaren
auf sich gespürt. Er lehnte den angebotenen
Champagner ab – ein Getränk, gegen das er
ohnehin eine Abneigung hatte –, und wandte
sich zur Bar, um sich dort ein Pint zu holen.
Ein dunkelhaariger junger Mann, der Robin
vor allem um Mundpartie und Stirn herum
auffällig ähnlich sah, folgte ihm mitsamt einer
Horde ebenso neugieriger Gleichaltriger.
»Du bist Strike, oder?«
Der Detektiv nickte.
»Martin Ellacott«, stellte sich sein Gegenüber
vor. »Ich bin Robins Bruder.«
»Freut mich.« Strike hob die Hand, um ihm
zu signalisieren, dass sie sich nicht ohne
Schmerzen würde schütteln lassen. »Weißt du,
wo sie gerade steckt?«
»Sie lassen Hochzeitsfotos machen«,
antwortete Martin und hielt sein iPhone in
die Höhe. »Du bist in den Nachrichten.
Du hast den Shacklewell Ripper geschnappt.«
»Yeah«, sagte Strike. »Stimmt.«
Trotz der frischen Schnittwunden an
Handfläche und Ohr kam es ihm vor, als
lägen jene turbulenten und blutigen
Ereignisse von vor zwölf Stunden
schon jetzt eine Ewigkeit zurück.
Das Schlosshotel kam für ihn einer
anderen Wirklichkeit gleich – so groß
war der Unterschied zum schäbigen
Versteck des Killers.
Eine Frau, deren türkisfarbener Kopfputz im
weißblonden Haar auf- und abwippte, hatte
die Bar betreten. Sie hatte abwechselnd
zu dem Detektiv und auf das Handy in ihrer
Hand geblickt und den leibhaftigen Strike
ganz offensichtlich mit einem Foto auf dem
Display verglichen.
»Entschuldigung, ich muss mal«, hatte Strike
gemurmelt und Reißaus genommen, ehe
jemand ihn ansprechen konnte. Nachdem er
das Personal an der Rezeption von der
Rechtmäßigkeit seiner Anwesenheit
überzeugt hatte, war er zur Toilette
geflüchtet.
Gähnend sah er auf die Uhr. Die Fotos
mussten doch längst im Kasten sein.
Weil die Wirkung der Schmerzmittel,
die er im Krankenhaus
bekommen hatte, schon vor einer
Weile nachgelassen hatte, verzog er
beim Aufstehen das Gesicht. Dann
entriegelte er die Kabinentür und kehrte
zu den neugierigen Fremden zurück.

Am gegenüberliegenden Ende des leeren
Speisesaals hatte ein Streichquartett Platz
genommen und fing an zu spielen, während
die Gäste sich in einer Schlange aufstellten,
um vor dem Brautpaar zu defilieren.
Irgendwann während der Hochzeits-
vorbereitungen hatte sie
das wohl abgenickt. Robin hatte so viele
Entscheidungen anderen überlassen, dass
sie sich im Lauf der Feier ständig mit
kleineren Überraschungen konfrontiert sah.
Zum Beispiel hatte sie völlig vergessen,
dass die Fotos vor dem Hotel und nicht
vor der Kirche gemacht werden sollten.
Deshalb waren sie nach dem Gottesdienst
auch sofort in den Mercedes gestiegen und
davongefahren, sodass sie keine
Gelegenheit mehr gehabt hatte, mit Strike
zu sprechen und ihn zu bitten – ihn anzu-
flehen, wenn nötig –, sie wieder einzustellen.
Dann war er ohne ein Wort verschwunden.
Würde sie den Mut aufbringen oder ihren
Stolz auch nur halbwegs hinunterschlucken
können, um ihn anzurufen und um ihren
Job zu betteln?
Nach dem sonnigen Schlossgarten kam
ihr der Raum mit der Holzverkleidung, den
Brokatvorhängen und Ölgemälden
geradezu düster vor. In der Luft hing der
schwere Duft der Blumengestecke; Gläser
und Silberbesteck glänzten auf schneeweißen
Tischdecken. Das Streichquartett, dessen
erstes Stück laut durch den holzvertäfelten
Raum gehallt hatte, wurde allmählich von den
eintreffenden Gästen übertönt, die sich unter
dem Einfluss von Champagner und Bier
plaudernd und lachend auf dem
Treppenabsatz versammelten.
»Jetzt geht’s los!«, rief Geoffrey, dem die
Feier mit Abstand am meisten Spaß zu
machen schien. »Immer angetreten!«
Robin bezweifelte, dass Geoffrey seiner
Überschwänglichkeit derart Ausdruck
verliehen hätte, wenn Matthews Mutter
noch am Leben gewesen wäre. Die
kürzlich verstorbene Mrs. Cunliffe war
eine Meisterin des kühlen
Seitenblicks und der unauffälligen
Zurechtweisung gewesen. Sue, die
Schwester der Verblichenen, die sich
an der Spitze der Schlange eingereiht
hatte, beglückwünschte Robin leicht
unterkühlt, da man ihr das Privileg
verwehrt hatte, am Tisch des Brautpaars
zu sitzen.
»Alles Gute, Robin«, sagte sie und küsste die
Luft neben Robins Ohr. Robin, die sich elend,
enttäuscht und schuldig fühlte, weil sie nicht
glücklicher war, spürte mit einem Mal, wie
wenig ihre neue Schwiegertante sie leiden
konnte.
»Schönes Kleid«, sagte Sue noch, während
ihr Blick längst auf dem blendend aussehenden
Matthew ruhte. »Hätte deine Mutter doch
nur …«
Mit einem Schluchzen vergrub sie das Gesicht
in einem Taschentuch, das sie zu diesem
Zweck bereits in der Hand gehalten hatte.
Weitere Freunde und Verwandte drängten sich
lächelnd, Küsschen verteilend und Hände
schüttelnd an Robin vorbei. Geoffrey sorgte für
eine gewisse Verzögerung,indem er jeden, der
sich nicht wehrte, aufs Herzlichste umarmte.
»Dann ist er doch gekommen«, flüsterte
Robins Lieblingscousine Katie. Dass sie hoch-
schwanger war, hatte sie von ihren Braut-
jungfernpflichten entbunden. Der Geburtstermin
war ausgerechnet für den heutigen Tag
berechnet worden, und Robin staunte, dass
Katie überhaupt noch gehen konnte. Als sie
sich vorbeugte, um ihr ein Küsschen zu geben,
spürte Robin, dass deren Bauch hart wie eine
Wassermelone war.
»Wer ist gekommen?«, fragte Robin, als Katie
beiseitetrat und Matthew umarmte.
»Dein Chef. Strike. Martin hat ihn schon in
Beschlag genommen und …«
»Katie, ich glaube, du sitzt da drüben«, sagte
Matthew und deutete auf einen Tisch in der
Mitte des Raums. »Da kannst du dich aus-
ruhen. Die Hitze macht dir bestimmt zu
schaffen, oder?«
Die nächsten Gäste in der Schlange nahm
Robin kaum mehr wahr. Wie in Trance
bedankte sie sich für die Glückwünsche,
ohne den Blick von der Eingangstür
abzuwenden. Sollte das heißen, dass
Strike mit zum Hotel gekommen war?
Würde er gleich hier auftauchen? Wo
hatte er dann gerade gesteckt?
Sie hatte ihn überall gesucht – auf
der Terrasse, im Eingangsbereich,
an der Bar. Der Hoffnungsfunken
flackerte auf und erlosch sofort wieder.
Martin konnte gelegentlich recht taktlos sein.
Womöglich hatte er ihn verscheucht? Doch
das kam ihr unwahrscheinlich vor; immerhin
hatte Strike ein dickes Fell. Wieder erlaubte
sie es sich zu hoffen, und in diesem
Wechselbad aus Erwartung und
Enttäuschung wollte ihr eine Vorspiegelung
konventioneller Hochzeitstagsgefühle
schlichtweg nicht mehr gelingen – sehr zu
Matthews Enttäuschung, der dies sehr
wohl registrierte.
»Martin!«, rief Robin erfreut, als ihr Bruder,
der bereits drei Pints zu viel intus hatte,
im Kreis seiner Freunde erschien.
»Du hast es schon gehört, oder?« Er hielt
sein Handy in die Höhe. Er meinte es als
rein rhetorische Frage – Martin hatte bei
einem Freund übernachtet, da sein Zimmer
für Verwandte aus dem Süden gebraucht
worden war.
»Was denn?«
»Dass er gestern Nacht den Ripper
geschnappt hat.«
Martin hielt ihr das Telefon hin. Robin keuchte
überrascht, als sie dort endlich den Namen
des Rippers las.
Die Wunde, die ihr der Mann am Unterarm
zugefügt hatte, fing wieder an zu pochen.
»Ist er noch hier?«, fragte Robin rundheraus.
»Strike? Mart, wollte er noch bleiben?«
»Herrgott noch mal«, murmelte Matthew.
»Entschuldige«, sagte Martin, der Matthews
Ärger bemerkt hatte, »ich halte alles auf …«
Dann trollte er sich.
Robin wandte sich zu Matthew um. Wie
mittels einer Wärmebildkamera sah sie ihn
vor Schuldgefühlen glühen.
»Du wusstest es«, sagte sie und schüttelte
einer Großtante, die sich eigentlich für ein
Wangenküsschen vorgebeugt hatte,
unachtsam die Hand.
»Was wusste ich?«, knurrte er.
»Dass Strike den Ripper …«
Als Nächstes beanspruchte Matthews
Exkommilitone und derzeitiger Kollege Tom
mitsamt seiner Verlobten Sarah ihre
Aufmerksamkeit. Trotzdem behielt Robin auf
der Suche nach Strike ständig die Tür im
Blick und bekam so gut wie nichts davon
mit, was Tom erzählte.
»Du wusstest es«, wiederholte Robin, sobald
Tom und Sarah sich entfernt hatten und eine
kurze Pause entstand, weil Geoffrey einen
Cousin aus Kanada begrüßte. »Oder
etwa nicht?«
»Kann sein, dass ich es heute Morgen in
den Nachrichten gehört habe«, murmelte
Matthew. Dann verfinsterte sich seine
Miene, als er über Robins Kopf hinweg zur
Tür blickte. »Wie es aussieht, kriegst du
deinen Willen. Da ist er.«
Robin drehte sich um. Strike betrat
den Raum. In seinem stoppeligen Gesicht
leuchtete ein Veilchen, ein Ohr war ange-
schwollen und allem Anschein nach mit
mehreren Stichen genäht worden. Als sich
ihre Blicke trafen, hob er die bandagierte
Hand und versuchte sich an einem
reumütigen Lächeln, das jedoch sofort in
ein schmerzhaftes Zusammenzucken
überging.
»Robin«, sagte Matthew. »Hör mal,
du musst …«
»Später«, sagte sie mit einer
Begeisterung, die sie an diesem Tag
bislang hatte vermissen lassen.
»Bevor du mit ihm sprichst, muss ich dir
noch was sagen…«

Hörprobe

Hörbuch gelesen von Dietmar Wunder

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Robert Galbraith
© Photography Debra Hurford Brown © J.K. Rowling 2018

Mehr über den Autor

Robert Galbraith ist das Pseudonym von J.K. Rowling, Autorin der Harry-Potter-Reihe und des Romans »Ein plötzlicher Todesfall«. Die ersten drei Cormoran-Strike-Romane, »Der Ruf des Kuckucks«, »Der Seidenspinner« und »Die Ernte des Bösen«, erklommen die Spitzenplätze der internationalen Bestsellerlisten und wurden für BBC One als große TV-Serie verfilmt, produziert von Brontë Film and Television.

Alle Bücher von Robert Galbraith

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