SPECIAL zu Elisabeth Herrmann »Schattengrund«

»Das allerletzte Wort habt ihr!«

Elisabeth Herrmann über ihren neuen Jugendroman »Schattengrund«

© Max Lautenschläger
Liebe Frau Herrmann, in Ihrem neuen Thriller für jugendliche Leser geht es um ein Haus voller Geheimnisse und ein Mädchen auf der Suche nach ihren Erinnerungen. Aber eigentlich steht nicht nur ein Mädchen im Zentrum des Romans, sondern es sind zwei: ein lebendes und ein totes Mädchen, die »Winterhexen« – das ist ein Schlüsselbild aus der Kindheit der beiden. War das Ihr Einstieg in diese aufwühlende Geschichte?
Ja. Zwei Kinder, Hand in Hand, verschwinden im Wald ... Das war das Bild, das meine Lektorin und ich vor Augen hatten. Wir haben lange über dieses Thema gesprochen, uns immer weiter in die Geschichte vorgewagt. Und so kam ich langsam dem eigentlichen Kern, der einzigen, großen Frage, die jedes Buch vorantreibt, näher.
Unsere Hauptfigur, Nico, kehrt viele Jahre später an den Ort des grausamen Geschehens zurück. Sie hat verdrängt, was passiert ist. Bis die Dorfbewohner sie daran erinnern und ihr die Schuld am Tod eines kleinen Mädchens geben – woran sie fast zerbricht. Der Moment, in dem sie sich wehrt, ist sehr wichtig. Dieser Augenblick, in dem sie erkennt: Ich bin nicht die, die ihr aus mir machen wollt. Ich bin ich. Und ich wehre mich. Da weiß sie noch nicht, dass der wahre Täter alles daran setzen wird, sie zum Schweigen zu bringen.

Die Story spielt im Harz, im Winter… und Sie haben intensiv recherchiert.
Wie war das für Sie?

Kalt! Eiskalt! Bei minus achtzehn Grad auf die Rosstrappe! Ins Bodetal! Auf den Hexentanzplatz! Glücklicherweise hatten wir in diesem Winter eine grandiose Kältewelle. Ich bin mit meiner Tochter in den Harz gefahren, den ich gut kenne und sehr liebe. Er ist für mich »das dunkle Herz Deutschlands« – ein sagenumwobener, märchenhafter Ort. Vielleicht erkennt ja der eine oder andere Altenbrunn wieder – das ist Altenbrak. Ich liebe dieses Städtchen und diese wildromantische Bergschlucht! Ich habe immer das Gefühl, im Harz haben Grimms Märchen gespielt. Er ist wunderschön und lieblich, aber auch düster und geheimnisvoll. Ich wollte immer eine Geschichte schreiben, die dort spielt!

Auslöser Ihres Thrillers ist ein hartes, reales Verbrechen. Wie psychologisch darf oder muss ein Jugend-Thriller sein?
In erster Linie sollen sich die Leser ja mit der Hauptfigur identifizieren. Wenn die ein Problem hat, das zu einem ausgewachsenen Thriller wird, fiebert man natürlich mit. Man muss ein bisschen vorsichtig sein. Ich bin es zumindest. Grausame Details wird man in diesem Buch nicht finden, die gehören da auch nicht hin. Ich will eher den Umgang mit diesem Verbrechen beschreiben – das Vertuschen und Verschweigen. Und die Mädchen, die von so etwas natürlich auch im realen Leben hören, vielleicht sogar damit konfrontiert werden, nicht damit allein lassen. Es gibt Hilfe. Der Ausweg aus der Hölle ist, den Mund aufzumachen und nicht tatenlos zuzusehen. Wie Nico das schafft, soll meine Leser in Atem halten – nicht das detailgetreue Beschreiben von Grausamkeiten.

Und noch eine letzte Frage: War jetzt beim Schreiben Ihres zweiten Jugendbuchs für Sie irgendetwas anders als bei Ihrem Debut »Lilienblut«?
Ja. Ich hatte nicht mehr die gleiche Angst, nicht verstanden zu werden. Bei »Lilienblut«, meinem allerersten Roman für Jugendliche, war sie sehr groß. Was, wenn die mich albern und peinlich finden? Was, wenn ich völlig danebenliege mit dem, was eine junge Frau berührt? Wenn mich meine Erinnerung an meine eigene Jugend täuscht, in die Irre führt, sie beschönigt oder verfälscht hat? Diese Bedenken hat der Erfolg von »Lilienblut« etwas zerstreuen können. Die letzte große Angst des Schriftstellers bleibt natürlich: Wir wünschen uns so sehr,
dass ihr unsere Geschichten liebt. Wir zittern, hoffen und bangen.
Denn das Wort »Ende« ist nicht das letzte Wort eines Romans. Das allerletzte, das habt ihr.

Vielen Dank für dieses Gespräch!