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Special zu »Wie werde ich Jude?« von Eliyah Havemann

Das Lesereise-Tagebuch von Eliyah Havemann

Es war meine erste Lesereise, als ich im März 2014 zur Leipziger Buchmesse fuhr, um mein Buch »Wie werde ich Jude? Und wenn ja, warum?« vorzustellen. Es war anstrengend, ja, aber es hat unglaublichen Spaß gemacht. Ich habe viele Menschen getroffen, unzählige Gespräche geführt und bin viele Tausend Kilometer gereist. Und mit mir meine Frau und mein Sohn.

Sonntag, 9. März 2014
Montag, 10. März 2014
Dienstag, 11. März 2014
Mittwoch, 12. März 2014
Donnerstag, 13. März 2014
Freitag, 14. März 2014
Samstag, 15. März 2014
Sonntag, 16. März 2014
Montag, 17. März 2014
Dienstag, 18. März 2014
Mittwoch, 19. März 2014
Donnerstag, 20. März 2014



Sonntag, 9. März 2014

Um 17:25 geht unser Flug. Meine Frau bringt meinen knapp zweijährigen Sohn und mich in unserem alten Opel zum Ben Gurion Flughafen bei Tel Aviv. Die Fahrt dauert etwa 20 Minuten. Wir zwei Männer fliegen heute schon nach Deutschland zu meiner Mutter in Berlin. Meine Frau kann nicht so viele Kurse an der Uni verpassen und kommt daher erst am Donnerstag nach. Der Flieger hat 45 Minuten Verspätung. Mein Sohn spielt im Terminal mit dem Matchbox-Auto, das ich ihm im Duty-Free gekauft habe. Sonst geht aber alles glatt und er kann am späten Abend gut gelaunt in Berlin seine Oma in die Arme nehmen, die uns vom Flughafen Schönefeld abholt.

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Montag, 10. März 2014

Der Verlag ruft an. Die B.Z., die Schwesterzeitung der BILD in Berlin, will ein Interview mit mir machen. Ich zögere. Ausgerechnet ein Boulevard-Blatt? Sie versprechen, die Lesung in Berlin zu bewerben und meine Pressefrau aus dem Verlag beschwört mich, meine Vorbehalte zu überdenken. Aber nicht nur der Boulevard interessiert sich, vor allem das norddeutsche öffentlich-rechtliche Radio fragt nach Interviews. Ich bin aufgeregt. Das Interesse der Medien an mir ist neu für mich. Ich komme zwar aus einer Familie, die schon immer im öffentlichen Interesse stand, aber ich als Individuum wurde bisher kaum wahrgenommen. Das war mir auch sehr recht. Dabei bin ich gar nicht öffentlichkeitsscheu. Nur wenn ich mich auf einer Bühne spreize, dann für etwas, was ich selber geleistet habe und nicht für meine Herkunft.
Nun habe ich ein Buch geschrieben, und das hat Öffentlichkeit verdient.

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Dienstag, 11. März 2014

Meine Mutter hat heute Geburtstag. Deswegen bin ich auch schon ein paar Tage vor der Leipziger Buchmesse nach Berlin geflogen, damit ich mit meiner Familie meine Mutter an diesem Tag feiern kann. Abends essen wir alle zusammen. Die kleinen Spitzen und Bemerkungen meiner Geschwister zu meinem Plastikteller und dem koscherem Essen ignoriere ich. Sie bekommen trotzdem was von dem leckeren Hummus ab, den ich aus Israel mitgebracht habe. Vor allem freue ich mich, sie zu sehen. Denn auch wenn ich gerne in Israel lebe und das Wetter in Deutschland alleine schon Grund genug zum Auswandern ist, so vermisse ich doch meine Familie. Ein Foto dokumentiert eine seltene Konstellation: Meine Mutter mit all ihren Kindern und Enkeln vereint. Doch vor dem Essen steht mittags noch das Interview mit der B.Z. an. Ich schwinge mich aufs Damenrad meiner Mutter und radle zum Beth-Café, wo ich mit dem Journalisten verabredet bin. Er hat unangemeldet einen Fotografen mitgebracht und der macht eine halbe Stunde lang Fotos von mir: Vor der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße und vor dem Beth-Café um die Ecke. Mit Stativ und Blitzschirm. Das Gespräch danach ist angenehm und sympathisch.

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Mittwoch, 12. März 2014

Nach der Geburtstagsparty gestern habe ich mit meinem Bruder noch einige leckere Whiskys ausprobiert. Da ich mir an Purim, der am kommenden Montag traditionell mit viel Alkohol gefeiert wird, keinen Kater leisten kann, ich muss ja für die Lesungen fit sein, war das eine kleine willkommene Entschädigung. Aber auch heute muss ich wach sein, daher blieb es beim Ausprobieren. Heute habe ich mein erstes Radiointerview mit dem NDR, was über eine Schalte aus dem Hauptstadtstudio der ARD aufgezeichnet wird. Ich winke mir ein Taxi heran und bitte den Fahrer, mich in genau dieses Studio zu bringen. Er ist ein junger Mann, telefoniert über Freisprecher und verabschiedet sich, als ich einsteige mit "Salaam Aleikum". Er fragt mich: "Arbeiten Sie bei der ARD?". Ich verneine. "Werden Sie interviewt?"; "Ja"; "Warum?"; "Ich habe ein Buch geschrieben"; "Worüber?". Er sah sympathisch aus, aber sollte ich wirklich mein Glück herausfordern? "Wollen Sie das wirklich wissen?"; "Ja!". Nun denn. Vorurteile sind dafür da, abgebaut zu werden: "Über Judentum"; "Sind Sie Jude?"; "Ja"; "Dann habe ich ja einen Gelehrten hier im Auto sitzen! Ich habe drei Fragen." Er erzählt mir, dass er Schaaria in Saudi-Arabien studiert hat und man ihm beigebracht hat, dass man nicht zum Judentum konvertieren könne. Genau mein Thema! Er stellt seine drei Fragen und die erste ist natürlich, wie das mit dem Konvertieren im Judentum funktioniert. Das Gespräch wird leider unterbrochen, weil wir das Ziel erreichen und er weiter muss, den nächsten Kunden durch den Berliner Straßendschungel zu chauffieren. Und ich denke mir: Mein Buch sollten Muslime lesen. Der Islam ist unsere Bruderreligion und wir beten zum selben G'tt, und doch wissen wir so wenig voneinander. Dabei ist das Interesse da, wie der Fahrer des Taxis mit seinen Fragen beweist.

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Donnerstag, 13. März 2014

Heute ist "Ta'anit Esther", der Fasttag Esther. Ich darf bis Sonnenuntergang weder essen noch trinken. Noch wichtiger aber: Es ist der Geburtstag meiner Frau im jüdischen Kalender und heute fahren wir nach Leipzig zur Buchmesse. Meine Geburtstagskinds-Frau ist gerade gelandet, ihre Mutter fährt auch mit und wir treffen uns alle am Berliner Hauptbahnhof und steigen zusammen in den Zug nach Leipzig. Mein Sohn fährt zum ersten Mal in seinem Leben Eisenbahn und schaut begeistert aus dem Fenster des Kleinkinderabteils im ICE. Meine Frau und ich freuen uns über dieses angenehme Abteil und lachen innerlich: In Israel müsste ein solcher ein Zug ein einziges Kleinkindabteil sein, in Deutschland scheint ein einziges Kleinkindabteil für einen ganzen Zug ausreichend zu sein. In Leipzig nimmt uns Antonia Bräunig aus der Presseabteilung des Verlags in Empfang. Sie führt uns in unser Hotel und übergibt mir alle möglichen Papiere mit Informationen und Eintrittskarten für die Messe. Doch bevor es los geht, ruhen wir uns ein wenig aus. Ich habe ja immer noch nichts gegessen oder getrunken! Um kurz nach sechs laufe ich in die Synagoge. Wir beten dort das Abendgebet und danach hat Antonia ein großes, koscheres Fastenbrechenmahl in der Jüdischen Gemeinde für uns alle organisiert. Nach einem Fasttag schmeckt sogar Leitungswasser richtig lecker, aber auch die anderen, die nicht alle gefastet haben, mögen das Essen. Das sind unter anderem auch Nanette Elke, die mein Buch im Verlag betreut, und mein Freund, der Leipziger Rabbi Zsolt Balla und seine Frau und Kinder. Gestärkt und gesättigt spazieren die Verlagsfrauen, meine Frau und ich zum Ariowitschhaus in der Nähe. Dort habe ich meine erste Lesung. Der Moderator ist Dr. Alexander Kissler vom Cicero. Er saß im selben Zug nach Leipzig wie wir und hat mich auf dem Bahnsteig erkannt und begrüßt. Ich war noch total unterzuckert und habe das nicht wirklich würdigen können. Dazu habe ich jetzt aber Gelegenheit, denn das Gespräch mit ihm macht unglaublich viel Spaß. Und nicht nur uns auf der Bühne, auch dem Publikum. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den fantastisch vorbereiteten und spritzigen Moderator. Keiner der Gags auf der Bühne war einstudiert, wir haben uns vorher, bis auf die Begrüßung auf dem Bahnsteig, nicht gesehen oder gesprochen! Die erste Lesung, die so gut läuft nimmt unglaublich viel Druck von mir. Offenbar kann ich das ganz gut: Ich kann auf einer Bühne über eine Stunde sitzen und erzählen und die Leute laufen nicht gelangweilt weg. Im Gegenteil, sie fragen am Ende noch viel, kaufen Bücher und lassen sie von mir signieren und machen Fotos mit mir. Die Aufmerksamkeit der Medien ist nichts verglichen mit dem, was man auf einer Bühne erlebt! Mein Sohn bleibt bei seiner Oma und so können wir danach noch auf der Random House Messeparty anstoßen. Ich kenne niemanden dort, nur Vince Ebert, den Kabarettisten und Naturwissenschaftler erkenne ich. Und ich binde ihm gleich auf die Nase, dass ich seine Shows ziemlich geil finde. Fast wie ein Fan.

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Freitag, 14. März 2014

Heute Abend beginnt der Schabbat in Leipzig um 18:55 Uhr. Meine Frau, mein Sohn und ich sind bei unserem Freund und Rabbi Zsolt Balla eingeladen und übernachten auch bei ihm. Bis es so weit ist, steht aber noch ein langer, erster Messetag an. Er fängt schon früh morgens im Hotel an. Direkt nach dem Frühstück stehe ich einer Frau vom NDR mit Mikrofon in der Hand Rede und Antwort. Danach geht es endlich los zum Messegelände. Ich war noch nie auf der Leipziger Buchmesse. Dort angekommen bewundere ich den schönen Glaskuppelbau und bin erstaunt über die Besuchermassen. Bücher sind "out"? Niemals! Bücher werden noch "in" sein, wenn Fernsehen Schnee von Vorgestern sein wird! Die Jungs und Mädchen in Mangakostümen, die sich traditionell auf der Messe treffen, sind heitere Farbtupfer in den Besucherströmen. Ich begebe mich zum Stand von Heyne, wo mein Buch angepriesen wird. Seinen eigenen Namen sieht man nicht so häufig auf einem Messestand, aber das zu genießen bleibt mir kaum Zeit. Judith Nieke von Bertelsmann will mit mir sprechen. Während wir uns unterhalten, kommt Ulrich Genzler, der verlegerische Geschäftsführer von Heyne und Diana und gratuliert mir zu meinem Buch. Es gefällt ihm und er hat es sogar Freunden weiterempfohlen. Ich fühle mich geehrt. Dieser Mann hat abertausende Bücher an der Hand, die er empfehlen kann und meines schaffte es, seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Um zwölf habe ich die Bühne auf dem Sachbuchforum für mich allein. Ich habe keinen Moderator, an dem ich mich festhalten könnte sondern nur mein Buch, ein Glas Wasser und ein Mikrofon. Die Zuhörer sind Messebesucher, die wie Nomaden von Stand zu Stand ziehen. Kann ich sie begeistern, mir eine halbe Stunde lang zuzuhören? Es ist nicht meine beste Lesung, denn ich bin nicht gut auf einen Soloauftritt vorbereitet. Aber immerhin: Keiner läuft weg und ein paar Zuhörer kaufen sogar ein Buch und lassen es signieren!

Der nächste Termin ist mit dem MDR. Bastian Wierzioch erwartet mich für ein Interview für die Sendung "Sinn- und Glaubensfragen". Meine treue Begleiterin Antonia vom Verlag und ich machen uns auf die Suche nach dem Ü-Wagen irgendwo auf dem Messegelände. Wir überwinden Wassergräben und Rolltore und erreichen endlich einem unklimatisierten, stickigen Wohnwagen mit ARD-Aufkleber drauf und Mikrofonen drin. Direkt vor mir wurde Hamed Abdel-Samad in dem Wohnwagen interviewt. Als er 2013 in Ägypten verschwunden war, hat mich sein Schicksal sehr berührt und ich habe täglich in den Nachrichten auf Lebenszeichen von ihm gehofft. Jetzt steht er vor mir, umgeben von drei Bodyguards, und wir begrüßen uns freundlich, auch wenn er mich nicht kennt. Es bedrückt mich zu sehen, dass vor mir ein Mann steht, dessen Blick von Religion und Religiösen gebrochen wurde. Und ich soll jetzt Fragen zu Sinn- und Glaubensfragen beantworten?

Danach treffe ich mich mit Jan Schapira von der Zeitung Die Welt. Er nimmt seinen Job als Journalist sehr ernst. Niemand hat mir bisher so viele Fragen und Nachfragen gestellt wie er. Mal sehen, was er daraus macht. Es wird eine größere Story mit noch anderen Konvertiten, verspricht er mir. Kaum bin ich fertig, treffe ich meine Frau. Sie war unterdessen shoppen gegangen. Ich trage nur am Schabbat Hemden, und die sind meist weiß. Für die Lesungen in Hamburg, Zürich und Berlin brauche ich also neue, bunte Hemden. Ich lasse mich noch mal kurz für die Aktion "Buchverschenker" ablichten und dann steigen meine Frau und ich ins Taxi und fahren zum Rabbi. Bald beginnt Schabbat und ich muss noch duschen und mein weißes Hemd raussuchen.


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Samstag, 15. März 2014

Es ist Abend, der Schabbat ist zu Ende. Welch wohltuende Pause. Nach dem Abendgebet sitzen Rabbi Zsolt und ich im Esszimmer mit einer Flasche Apfelschnaps und einer Mini-Flasche Wodka. Heute Abend beginnt Purim, die jüdische Fastnacht, an der man sich betrinkt, bis man Mordechai und Haman, also Freund und Feind aus der Purim-Geschichte um Königin Esther nicht mehr auseinanderhalten kann. Aber Sonntag-Morgen habe ich schon wieder einen wichtigen Termin auf der Messe und Zsolt muss am Morgen die Esther-Geschichte wie schon heute Abend laut vorlesen, also bleibt es bei einem kleinen Gläschen für jeden von uns.

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Sonntag, 16. März 2014

Beatrice Braken-Gülke vom Verlag holt mich mit dem Taxi ab und wir fahren zum Ausstellereingang der Messe. Es ist noch früh, die Pforten für Besucher öffnen erst in wenigen Minuten. Wir laufen durch die Hallen, wo die Stände noch von Mitarbeitern aufgehübscht werden für den in Kürze anrollenden Besucheransturm. Unser Ziel: Die LVZ-Autorenarena. Backstage treffe ich die Moderatorin Simone Liss. Die Arena ist eine kleine Bühne mit einer steilen, breiten Treppe als Sitzplätze für die Zuschauer. Während sich die Halle und auch die Arena mit Besuchern füllt, kommt Marianne Birthler zu uns, da sie nach mir ihr Buch "Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben. Erinnerungen." vorstellen wird. Marianne und ich kennen uns schon seit einigen Jahren und wir begrüßen uns herzlich. Simone Liss hat damit nicht gerechnet. Ich glaube, das hat sie ein wenig aus ihrem Konzept für das Gespräch gebracht und damit dazu beigetragen, dass wir ein sehr lebendiges Gespräch auf der Bühne führen. Auf jeden Fall lebendig genug, dass die anwesenden Frühaufsteher unter den Messebesuchern aufmerksam zuhören und mitmachen. Nach der Lesung holt mich meine Frau mit unserem Sohn mit dem Taxi von der Messe ab und wir fahren zusammen zum Bahnhof und mit dem ICE nach Hamburg. Dort werden wir von unseren Freunden, wir stammen ja beide aus Hamburg, im Chabad-Zentrum herzlich empfangen. Die Purim-Feier ist bereits in vollem Gange, meine Frau verkleidet sich als Captainess America und ich gönne mir einen Schluck Whisky. Aber nur einen. Morgen wird wieder ein langer Tag!

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Montag, 17. März 2014

Ich laufe nach dem Morgengebet im Jüdischen Gemeindezentrum im Hamburger Grindelviertel zum NDR-Campus in der Rothenbaumchaussee. Es ist sehr kalt, aber sonnig. Ich treffe noch vor meiner Frau und Antonia vom Verlag dort ein, die mich beide begleiten. Die Moderatorin Kerstin von Stürmer nimmt mit mir das "Stadtgespräch" für NDR 90,3 auf. Es wird an einem Freitagabend ausgestrahlt werden, wenn ich gerade Schabbat feiere. Ich kann es mir also nicht anhören. Danach essen wir in der Gemeinde koscher zu Mittag und treffen uns mit einem Redakteur der NDR Talkshow. Leider kann er mich nicht in die Show einladen, wie sich später herausstellt. Sie hätten mich gerne in der Sendung gehabt, aber sie senden live am Freitagabend und da halte ich Schabbat. Auch wenn ich es sowieso nicht tun würde, aber selbst wenn ich Freitagabends in ein Fernsehstudio gehen würde, um ein Buch über orthodoxes Judentum vorzustellen, wäre das in sich doch sehr widersprüchlich. Abends findet in der Talmud-Tora-Realschule, das ist das Gebäude der Gemeinde, wo ich schon morgens gebetet und zu Mittag gegessen habe, die erste Lesung außerhalb der Messe statt. Die Aula ist voll. Unter den Gästen sind auch viele Freunde aus Hamburg und ein Teil meiner Familie. Mein Vater sitzt in der vorletzten Reihe und hat meinen Sohn, seinen Enkel, auf dem Schoß. Er kennt mein Buch bisher nicht, auch nicht in Auszügen, und daher hat diese Lesung auch eine Vater-Sohn-Qualität für mich. Ich stelle ihm wie auch dem übrigen Publikum mein Buch vor. Der Moderator ist mein Freund Claus Friede. Das Thema des Buches berührt ihn persönlich und so kommt nicht die Lockerheit wie in der ersten Lesung in Leipzig auf. Ich finde das ein wenig schade, denn das Buch ist zwar ernsthaft, hat aber viel mehr Humor zu bieten, als diese Lesung vermuten lässt. Aber das Publikum und auch mein Vater sind zufrieden und wir sitzen noch lange und essen und trinken, bis die Security uns rauswirft.

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Dienstag, 18. März 2014

Früh aufstehen ist angesagt, um 9:50 geht der Flug nach Zürich. Meine Frau bleibt mit unserem Sohn in Hamburg bei ihrer Mutter, aber Antonia vom Verlag begleitet mich. Wir sind pünktlich am Flughafen und haben noch viel Zeit bis zum Abflug. Ich lasse mir daher von einem Profi im Terminal die Schuhe putzen. Nicht nur sehen die Schuhe danach glänzend aus, es ist irgendwie auch eine kleine Fußmassage, die man da bekommt. Kann ich nur empfehlen. In Zürich angekommen checken Antonia und ich im Hotel ein und stärken uns in einem koscheren Bagelgeschäft um die Ecke. Zürich ist ein Traum für religiöse Juden. Es gibt alles, was man sich wünscht in Laufweite. Das liegt aber auch daran, dass die Stadt einfach mal relativ klein ist. Um 13 Uhr habe ich meinen ersten Termin, ein Zeitungsinterview. Danach setze ich mich an meinen Laptop und arbeite ein wenig. Mein Job als Netzwerktechniker darf vor lauter Lesereiserei nicht komplett vergessen werden. Die Lesung findet im Buchhaus Lüthy + Stocker in einem Einkaufszentrum statt. Da wir erst nach Ladenschluss beginnen können, starten wir sehr spät am Abend. Es haben sich aber doch einige Menschen eingefunden und es müssen sogar noch ein paar Stühle dazugestellt werden. Trotz allem ist das aber ein kleineres Event und der Moderator und ich haben nicht mal ein Mikrofon. Antonia steht in der letzten Reihe mit einem handgemalten Schild auf dem steht "lauter". Ich kann nicht viel lauter. Der Moderator ist David Vogel. Ein Mann in meinem Alter, der beim Radio arbeitet und gerade an einer Doku über jüdische Konvertiten arbeitet. Die Lesung macht großen Spaß und die Zuhörer stellen viele Fragen. David Vogel geht das Thema persönlich an, er ist Jude und war auch mal religiös. Daher fragt er teilweise ziemlich hart nach. Danach entschuldigt er sich dafür und ich sage: "Am harten Wind segelt es sich am besten!"

Der Buchladen hat einen koscheren "Apero" organisiert. So nennen die Schweizer einen kleinen Imbiss mit Getränken. Ich kämpfe um etwas zu Essen, bevor die Gäste alles wegfuttern. Völlig unnötig, stellt sich heraus, denn es bleibt noch viel übrig. Als die Gäste alle gegangen sind, unterhalten wir uns noch gut mit den Mitarbeitern des Buchladens und ich bekomme das Kinderbuch "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak, mit dem auch ich aufgewachsen bin, für meinen Sohn geschenkt. Danke vielmals dafür und auch für den schönen Abend im Buchhaus Lüthy + Stocker!

Eigentlich wollen Antonia und ich noch gemütlich ein Bier trinken, bevor wir in unsere Hotelzimmer verschwinden, aber so gemütlich wird es nicht. Ein System auf meiner Arbeit ist während der Lesung ausgefallen und nun wische ich auf meinem iPad rum und unterstütze meine Kollegen bei der Reparatur.

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Mittwoch, 19. März 2014

Eigentlich war ein Interview mit der NZZ für heute Morgen geplant, aber der arme Journalist hat eine Lungenentzündung und musste absagen. Gute Besserung! Immerhin kann ich ausschlafen. Wir fahren mit der Bahn zum Flughafen und nehmen den Flieger nach Berlin. Dort lese ich heute Abend im Jüdischen Museum. Wir haben versäumt, koscheres Essen zu bestellen. Bei Swiss ist koscher die einzige Option, die man auch auf Kurzstrecken wählen kann, lerne ich vom Personal. Nächstes Mal denke ich daran. Ich habe aber Proviant mitgenommen, Reste vom leckeren Apero gestern Abend. Ich sitze am Gang, gegenüber von Antonia vom Verlag, die auch lieber am Gang sitzt, und neben mir sitzen zwei Frauen. Sie sind Mutter und Tochter und wurden vor kurzem Oma und Uroma. Heute machen sie einen Ausflug nach Berlin, der Geburtsstadt der Uroma. Die beiden machen aber eher den Eindruck von Pubertierenden als von Grußmüttern und kichern und lachen den ganzen Flug über. Ich komme mit diesen sympathischen Frauen ins Gespräch und lade sie ein, auf die Lesung abends in Berlin zu kommen. Sie versprechen, es sich zu überlegen. Sie versprechen also nichts. Werden sie kommen? In Berlin angekommen fährt Antonia in ihr Hotel und ich zu meiner Schwester. Dort treffe ich auch meine Frau und meinen Sohn wieder, die aus Hamburg gekommen sind. Die Lesung in der Schweiz musste ich ohne die Unterstützung meiner Frau überstehen, aber jetzt ist sie wieder da. Und viele meiner Geschwister, meine Mutter und noch mehr Familie werden auch da sein. Aber sind die wirklich Unterstützung oder eher die kritischsten Stimmen im Publikum? Um sechs fahre ich ins Jüdische Museum. Kurz vor der Lesung habe ich noch ein Radiointerview. Meine Frau und meine Familie kommen nach. Die Lesung, dieses Mal wieder mit Mikrofon, wird von Shelly Kupferberg moderiert. Im Saal sitzen nicht nur viele Gäste, Familie und Freunde, es ist auch Susanne Schädlich, die Lektorin, die mein Buch mitverantwortet hat, da. Sie hat es nicht geschafft, nach Leipzig zu kommen und ich freue mich sehr, sie zu sehen. Auch mein Chef aus Bremen mit einer Kollegin ist angereist. Aber am meisten freue ich mich, als ich die beiden Schweizerinnen aus dem Flieger entdecke. Sie haben mein Foto in der B.Z. gesehen und dachten: Neben dem Kerl saßen wir doch im Flugzeug! Da müssen wir hin! Allein dafür hat sich der Ausflug ins Boulevard dann doch gelohnt. Es kommt wie es kommen musste. Die Lesung neigt sich dem Ende zu und Fragen aus dem Publikum werden gestellt. Auch meine Geschwister greifen sich reihum das Mikrofon und fragen mich die fiesesten Fragen! Danach lädt uns Antonia im Namen und Geldbeutel des Verlages noch zu einem kleinen Umtrunk ein. Nachdem wir die Gläser geleert haben, müssen wir uns verabschieden. Antonia hat mich eine ganze Woche begleitet und sich um mich gekümmert. Auf ein Mal bin ich wieder auf mich selbst gestellt! Wer sagt mir, wann ich wo sein muss? G'ttseidank habe ich noch eine Ehefrau, die mir sagt, was ich zu tun habe.

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Donnerstag, 20. März 2014

Heute fliegen wir zurück. Viel Gepäck in Koffern voll Klamotten, Geschenke und Schoppingschnäppchen meiner Frau und viel Gepäck an Erfahrungen und Eindrücken haben wir dabei. Der Flug verläuft reibungslos und unser kleiner Opel steht noch da, wo meine Frau ihn abgestellt hat, auf dem Langzeitparkplatz vom Ben Gurion Flughafen in Tel Aviv. Zuhause angekommen lasse ich Revue passieren, was in den letzten beiden Wochen passiert ist. Ich habe auf sechs sehr verschiedenen Veranstaltungen und Bühnen aus meinem Buch gelesen, begleitet von fünf sehr verschiedenen Moderatoren. Das waren in chronologischer Reihenfolge Dr. Alexander Kissler, Simone Liss, Claus Friede, David Vogel und Shelly Kupferberg. Bei allen fünf möchte ich mich bedanken dafür, dass sie mich in den Gesprächen angetrieben und mir gleichzeitig Halt gegeben haben. Auch wenn ich mich auf den Bühnen wohl gefühlt habe, ein alter Hase im Showgeschäft bin ich nicht. Mein weiterer Dank gilt Antonia Bräunig aus der Presseabteilung des Verlags. Sie hat sich fantastisch um mich gekümmert und ich war immer gut informiert, versorgt und vorbereitet. Außerdem will ich mich bei Nanette Elke, die mein Buch in der Entstehung betreut hat bedanken für ihre manchmal etwas überstrapazierte Geduld und ihr Engagement, das sie mitgebracht hat. Und natürlich gilt meinen Dank meiner wunderbaren Lektorin Susanne Schädlich, ohne die mein Buch aus verschiedensten Gründen nicht existieren würde. Den vielen Menschen, die ich für meine Recherchen interviewt habe und mit denen ich mich über das Thema unterhalten habe, will ich für ihre Gedanken und Einblicke danken, die in das Buch eingeflossen sind. Und zu guter Letzt danke ich meiner Familie, die als Probeleser, Designer, Ideengeber und einfach mir nahe Menschen an mich glauben (und nicht an G'tt) und für mich da sind, allen voran natürlich meine Frau Jenny (die jedoch nicht nur an mich, sondern auch an G'tt glaubt), die meine Launen aushalten musste, als der Abgabetermin für das Manuskript immer näher rückte und mich inspirierte und mir Kraft gab und gibt. Morgen ist Schabbat. Ein wohlverdienter Ruhetag nach einer aufregenden Reise.

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