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Elizabeth George im Interview zu 'Wer Strafe verdient'

George, Elizabeth
© Michael Stadler

In dem beschaulichen englischen Städtchen Ludlow stoßen Thomas Lynley und Barbara Havers auf ein dunkles Geflecht aus Sex, Alkohol und Geheimnissen. Einige der Bewohner müssen sich ihren inneren Dämonen stellen – ebenso aber auch die Mitarbeiter von Scotland Yard.
»Wer Strafe verdient« ist Elizabeth Georges 20. Fall mit ihrem legendären Ermittlerpaar, das nicht locker lässt, bis es die Fäden nahezu perfekt getarnter Verbrechen entwirren kann.


Was war ausschlaggebend für Sie, Ihren neuen Krimi zu schreiben: Waren es die Themen, die zur Sprache kommen, wie der sehr freie Umgang der College-Studenten in Ludlow mit Sexualität oder das exzessive Trinken am Semesterende?

Ich habe keine Botschaften oder Moral, die ich vermitteln will, das ist etwas, was ich nicht leiden kann. Ich will vielmehr Geschichten erzählen. Die Romanfiguren sind für mich entscheidend, ich finde es faszinierend, einem Menschen und seiner Lebenssituation auf den Grund zu gehen. In diesem Fall spielt zum Beispiel eine Studentin eine Rolle, deren Vater unter sehr ungewöhnlichen Umständen starb, als sie klein war. Sie hat das verdrängt, und doch wird sie davon bestimmt. Oder Studenten treten auf, die damit fertig werden müssen, dass ihre Mütter in ihr Leben eingreifen. Mich interessiert, wie Menschen auf extreme Situationen reagieren. Aber ich urteile nicht, die Leser sollen sich frei dem nähern können, was sich auf der Bühne des Buchs abspielt.

Welche Ihrer Figuren berührt Sie selbst in diesem neuen Fall am meisten?

Isabelle Ardery, Thomas Lynleys und Barbara Havers Chefin. Sie ist mit Barbara anfangs in Ludlow, ist sehr mit sich selbst beschäftigt, hat aber auch ihre Mitarbeiterin im Visier, will Barbara am liebsten loswerden. Isabelle kämpft mit dem Alkohol und ist schließlich so am Ende, dass sie zugeben kann, abhängig zu sein und Hilfe zu brauchen. Zudem haben mich sehr die Mütter beschäftigt, die ihre nahezu erwachsenen Kinder kontrollieren wollen. Was treibt sie dazu? Warum können sie nicht loslassen?

Das Besondere Ihrer Krimireihe ist, dass nicht nur die Handlungsorte in Großbritannien wechseln, sondern Ihre Hauptfiguren sich auch immer neuen Herausforderungen stellen müssen. Isabelle kämpft mit dem Alkohol. Wie sehen Sie Thomas Lynley und Barbara Havers – womit konfrontieren Sie die beiden in diesem Krimi?

Barbaras große Herausforderung ist ihr Selbstwertgefühl: sich denjenigen gegenüber zu behaupten, mit denen sie zusammenarbeitet. Und sie muss akzeptieren, dass andere sich für sie interessieren und sich um sie kümmern, ihren Marotten zum Trotz. Das ist eigentlich ja etwas sehr Schönes, ihr fällt das aber schwer. Die Herausforderung für Thomas bleibt, mit dem gewaltsamen Tod seiner Frau fertigzuwerden. Neu ist, dass er mit seiner Beziehung zu Daidre Trahair umgehen muss und mit seinen Gefühlen für sie. Liebt er sie, oder lindert sie nur seine Trauer? Er muss das herausfinden und Daidre ebenfalls.

Ausgangspunkt der Krimihandlung ist der Tod eines Diakons. Jemand hat ihn anonym wegen eines schweren Verbrechens angezeigt, er wird verhaftet und vorübergehend in einer verlassenen Polizeistation untergebracht, wo er sich selbst tötet, jedenfalls sieht es nach Selbstmord aus. Gab es einen realen Anlass für diesen neuen Fall?

Nein, lediglich ein Aspekt aus der Wirklichkeit spielte eine Rolle für die Konzeption des Krimis: dass die Polizei große finanzielle Einschnitte verkraften muss. Dass die Station in Ludlow eigentlich aufgegeben ist und die Räume nur noch in Notfällen genutzt werden, ist zentral für meinen Krimi. Der Polizist, der den Diakon verhaftet, kann ihn erst einmal nicht in die nächste, etwas weiter entfernt gelegene Station bringen, weil er sich um ein anderes Problem kümmern muss: College-Studenten, die sich nahezu bewusstlos getrunken haben. Der Diakon ist also allein in dem Gebäude, als er ums Leben kommt.

Warum haben Sie Ludlow als Handlungsort gewählt?

Es ist ein Ort in England nahe Wales, mit einer langen Geschichte und mittelalterlicher Atmosphäre, mit vielen historischen Gebäuden im Zentrum, mit schmalen Kopfsteinpflasterstraßen und einer alten Burg. 2003 war ich zum ersten Mal dort, damals mit meiner Patentochter. Wir besuchten Ludlow wegen seiner Verbindungen zu den Plantagenets. Ich dachte, dass es ein guter Handlungsort sein könnte, und jetzt war es so weit, jetzt hatte ich eine Geschichte, die genau dorthin passt: ein überschaubarer Ort, in dem tatsächlich aber – jedenfalls in meinem Krimi – vieles verborgen bleiben soll.

Mögen Sie dieses Städtchen?

Ich wähle immer Orte aus, die ich mag, sonst würde das für mich nicht funktionieren. Deshalb habe ich auch nie einen Roman in Südkalifornien angesiedelt, wo ich mehr als 34 Jahre gelebt habe.

Heute sind Sie im Nordwesten der USA zu Hause, auf Whidbey Island, viele Flugstunden entfernt von Ihren Tatorten in Großbritannien. Trotzdem hat man von der ersten Seite an das Gefühl, genau dort zu sein. Wie gelingt Ihnen das – arbeiten Sie mit Google Earth, um sich mit einem Handlungsort vertraut zu machen?

Am Anfang steht immer die direkte Recherche: Ich muss vor Ort sein. Google Earth kann nicht das Gefühl für die Details vermitteln, die etwas über einen Ort erzählen und bezeichnend für ihn sind. Ich versuche dann immer, so viele Eindrücke wie möglich zu sammeln und festzuhalten.

Es sind ja viele Details, die in einen Roman einfließen: Parkanlagen und Gebäude, aber auch eine dunkle Ecke in einer Straße oder der Eingang eines Geschäfts. Wie merken Sie sich das alles?

Ich lese sehr viel über meine Handlungsorte, und wenn ich dort bin, mache ich hunderte Fotos, halte Eindrücke mit Hilfe meines Aufnahmegeräts fest, spreche mit Menschen, die mir wichtige Informationen geben können. Für den neuen Krimi habe ich zum Beispiel mit dem Chief Constable von der West Mercia Police gesprochen, mit dem Vorsitzenden des Midland Gliding Club von Long Mynd, weil Segelflugzeuge in dem Krimi eine Rolle spielen, und mit dem Bürgermeister von Ludlow. Erst am Ende war das Internet dann doch wichtig: Als das Manuskript fertig war, habe ich mir Ludlow noch einmal über Google Earth angeschaut – und stellte zu meinem Schrecken fest, dass Barbara Havers an einer Stelle etwas tat, was nicht möglich ist.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Google Earth zeigte mir, dass ein Detail nicht stimmte. Lösen konnte ich das aber nur vor Ort. Ich fuhr noch einmal nach Ludlow und verbrachte einen Nachmittag dort, um mir alles genau anzuschauen.

Sie schreiben aber doch Fiktion. Muss jedes Detail der Realität entsprechen?

Unbedingt! Es ist die Genauigkeit, die einen Handlungsort real und erlebbar für die Leser macht.

Am Anfang Ihrer Reihe um Thomas Lynley und Barbara Havers steht »Gott schütze dieses Haus«. Dieser Krimi war Ihr internationaler Durchbruch: der Fall einer jungen Frau, die neben der Leiche ihres Vaters gefunden wird und sagt, dass sie ihn getötet hat. Wenn Sie zurückdenken – was ist Ihnen an Ihren Krimis vor allem wichtig?

Bei diesem frühen Fall ging es darum, ob tatsächlich passiert sein kann, was die junge Frau behauptet. Und wenn sie es war: Warum hat sie ihren Vater ermordet, zu dem sie doch eine gute Beziehung zu haben schien? Wie war ihr Leben vor seinem Tod? Welche Menschen, welche Ereignisse haben für sie eine Rolle gespielt? Von Anfang an waren es die Figuren und ihre Lebensumstände, die für mich entscheidend waren. Meine Krimis sind immer auch psychologische Studien, und das ist für mich zentral geblieben.

Interview: Sabine Schmidt.

Wer Strafe verdient Blick ins Buch

Elizabeth George

Wer Strafe verdient

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