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»Bulgarien ist ein großes Abenteuer abseits der üblichen Reiserouten«

Elizabeth Kostova
© Lynne Harty / c/o Jenny Meyer Agency
Elizabeth Kostova brachte ein Traum auf die Idee zu Das dunkle Land.
Im Interview erzählt die amerikanische Schriftstellerin, was sie an Bulgarien, dem Schauplatz
ihres neuen Romans, fasziniert und warum sie seit 28 Jahren immer wieder dorthin fährt.


Ihr jüngster Roman „Das dunkle Land” spielt in Bulgarien. Wie kamen Sie auf die Idee, Ihren Roman mit einem Missgeschick beginnen zu lassen?

Tatsächlich kam ich recht überraschend auf den Einfall zu „Das dunkle Land“. Ich dachte schon länger darüber nach, einen Roman zu schreiben, der ausschließlich in Bulgarien spielen sollte, ein Land, das ich seit 28 Jahren immer wieder besuche – aber ich konnte mir nicht darüber klarwerden, welches die richtige Geschichte wäre, um den all den Stoff aufzunehmen, den ich dort gesammelt hatte. Während ich darüber nachsann, wie ich das Thema anpacken könnte, hatte ich eines Morgens kurz vor dem Erwachen einen Traum, in dem mir eine junge Amerikanerin erschien, die gerade in Sofia angekommen war. Ich sah, wie sie einem älteren Ehepaar in ein Taxi half und dabei versehentlich eine seiner Taschen behielt, und es stellte sich heraus, dass sich darin menschliche Überreste befanden. Daraufhin musste sie sich auf eine Reise quer durchs Land und die bulgarische Geschichte begeben, um diese Familie wiederzufinden. Außerdem sah ich ein hochdramatisches Ende und sogar den Titel des Buchs, wie es auf dem Regal lag. Im Moment des Erwachens wusste ich, dass ich endlich meine Geschichte gefunden hatte.

Können Sie uns etwas mehr über Ihre Faszination für dieses osteuropäische Land erzählen?

Ich kam zum ersten Mal 1989 nach Bulgarien, eine Woche nach dem Fall der Berliner Mauer, um dort dörfliche Liedkultur aufzunehmen und zu studieren. Traditionelle bulgarische Musik ist wirklich vielschichtig und der Gesang ist besonders eindringlich. Zwei amerikanische Freunde begleiteten mich; wir verbrachten eine unvergleichliche Zeit, besuchten Sänger in Bergdörfern und erfuhren etwas über die angestammte Kultur, die an einigen Orten mitten in der kommunistischen Ära teilweise lebendig geblieben war. In dieser Zeit begegnete ich meinem künftigen Ehemann, und wir sind seither etliche Male zurückgekehrt, in jüngerer Zeit mit unseren Kindern. Bulgarien ist ein überwältigend schönes kleines Land mit Bergen, Klöstern, Küsten, archäologischen Fundstätten und eigenartigen kommunistischen Denkmälern – ein großes Abenteuer abseits der üblichen Reiserouten.
Bulgariens Hauptattraktion, das Rila-Kloster, liegt im Südwesten des Landes und ist UNESCO-Weltkulturerbe. ©Copyrighted by Anthony Georgieff
Alexandra Boyd, eine Ihrer Hauptfiguren, kommt im Alter von 26 Jahren als Englischlehrerin aus den Vereinigten Staaten nach Bulgarien. Warum erschien Ihnen Alexandra besonders geeignet, das tragische Schicksal des Violinisten Stoyan Lazarov aufzudecken und dabei die bulgarische Geschichte der letzten hundert Jahre zu beleuchten?

Alexandra ist jung, leicht zu beeindrucken und begeistert von allem, was ihr in Bulgarien begegnet, genauso wie ich, als ich zum ersten Mal dort war – aber (anders als ich) versucht sie zugleich, einem tragischen Ereignis zu entfliehen, das sich in ihrer Familie in Amerika zugetragen hatte. Sie schien mir deshalb genau die Richtige, um Stoyans Schicksal zu enthüllen, weil sie anderen gegenüber tiefes Mitgefühl und eine moralische Verpflichtung empfindet und weil sie zu Hause nie die Möglichkeit hatte, ihren geliebten Bruder beerdigen, der im Alter von 16 Jahren auf tragische Weise spurlos verschwunden war. Dies müsste für mein Empfinden besonderen Eifer in ihr wecken, Stoyan Lazarovs Asche seiner Familie zurückzugeben, damit er in Würde beigesetzt werden kann – und tatsächlich habe ich meinem Buch ein Zitat aus der Tragödie „Antigone“ von Sophokles vorangestellt, womöglich das bedeutendste literarische Werk, das je über die Bestattung eines Familienmitglieds geschrieben wurde.

Auf ihrer Reise durch Bulgarien wird Alexandra von Bobby, einem jungen Taxifahrer, begleitet. Was macht ihn für Alexandra bei ihren Recherchen zur perfekten Ergänzung?

Bobby entwickelte sich im Roman zu meiner Lieblingsfigur! Ich mag die Vorstellung, dass er Alexandra dabei hilft, den Verlust ihres Bruders zu verarbeiten – zwischen Bobby und Alexandra entwickelt sich eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Außerdem gleicht er ihren Charakter aus. Er ist ziemlich zynisch, wohingegen sie optimistisch und manchmal naiv ist, er geht logisch vor, wo sie emotional reagiert. Sie bilden als Detektive ein Team, über das ich wahnsinnig gern geschrieben habe.

In Ihrem Roman spielt die Ebene die Vergangenheit eine zentrale Rolle. Warum haben Sie sich auf dieser Zeitebene ausgerechnet für einen Musiker, einen begnadeten Geiger, als Hauptfigur entschieden?

Ich liebe Musik, vor allem klassische Kammermusik, und ich wollte herausfinden, ob es mir gelingen würde, Klänge in Worte zu fassen. (Es ist schwer!) Am wichtigsten war mir, Stoyan Lazarov mit einer Gabe auszustatten, die ihn mit solcher Leidenschaft und solchem Trost erfüllt, dass sie ihn durch eine der schlimmsten Situationen tragen könnte, die ein Mensch zu erleiden vermag. Ich habe mich gefragt, was einen Menschen befähigen könnte, derartige Verhältnisse zu überleben, ohne völlig vernichtet zu werden. Die Musik schien mir darauf eine richtige Antwort zu sein.

Haben Sie für Ihren Roman ausgiebig vor Ort recherchiert und sich mit vielen Zeitzeugen getroffen?


Ja, für „Das dunkle Land” habe ich eine Menge recherchiert, wie für alle anderen Romane auch. Ich habe viele geschichtliche Werke gelesen und Filme angesehen, darüber hinaus habe ich in Bulgarien etliche Orte besucht, über die ich vorhatte zu schreiben, selbst wenn ich früher schon einmal dort gewesen war. Ich sprach mit Freunden und Verwandten, die als Kinder in Bulgarien den Zweiten Weltkrieg und die Anfangsjahre des Kommunismus erlebt hatten. Am hilfreichsten waren für mich Schilderungen von Zeitzeugen, die unter dem kommunistischen Regime in Arbeitslager interniert waren. Man hatte ihre Aussagen in den frühen 1990er Jahren in einer Serie aufgezeichnet. Einige berichteten gegen Ende ihres Lebens mutig über ihre Erfahrungen. Ich habe darauf geachtet, keine ihrer persönlichen Geschichten zu verwenden, da sie mir heilig waren und zu nahe an der Realität erschienen, aber diese mündlichen Berichte trugen dazu bei, dass ich von jener schrecklichen Zeit ein genaueres Bild zeichnen konnte.
Leshten ist ein traditionelles Dorf in den Rhodopen, der Bergkette im Süden Bulgariens. ©Copyrighted by Anthony Georgieff
Die bulgarische Bevölkerung war traumatisiert aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen, aber damit hatte ihr Leiden noch kein Ende gefunden. Es setzte sich unter der kommunistischen Herrschaft fort, wie das Schicksal von Stoyan Lazarov im Roman illustriert. Können Sie uns etwas darüber erzählen, wie die Leute in Bulgarien mit den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte umgehen? Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihrer Recherche und auf Ihren Lesereisen dort gemacht?

Wie viele Osteuropäer, die allerorts im Zweiten Weltkrieg und der darauf folgenden kommunistischen Ära gelitten hatten, sind die Menschen in Bulgarien sehr leidensfähig. Die Ereignisse haben bei ihnen und in ihrer Kultur schreckliche Wunden hinterlassen, aber sie vermochten es nicht, die Güte, den Humor und das spezielle Lebensgefühl auszulöschen, dem man dort immer noch begegnet. Als ich 1989 zum ersten Mal in bulgarische Dörfer kam, war ich überwältigt davon, wie nett und gastfreundlich mir die älteren Leute begegneten, die ihr Leben unter härtesten Bedingungen zugebracht hatten.

2007 haben Sie in Bulgarien die Elizabeth Kostova Foundation gegründet. Welches Ziel verfolgt diese Stiftung und welche Erfolge verzeichnet sie?

Dieses Projekt macht mir riesigen Spaß. Die Elizabeth Kostova Foundation bietet bulgarischen Schriftstellern und Übersetzern die Chance, sich an Wettbewerben zu beteiligen, und englischsprachigen Schriftstellern aus anderen Ländern gibt sie die Möglichkeit, bei Autorenworkshops in Bulgarien mitzumachen. Ich habe die Stiftung 2007 gemeinsam mit einem bulgarischen Verleger gegründet, weil mir aufgefallen war, dass es nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs dort kaum Preise und Tagungen für Schriftsteller gab. Die Stiftung verzeichnet großartige Erfolge: Bis heute haben über 500 Leute an unseren Workshops teilgenommen und Stipendien erhalten, und gegenwärtig werden deutlich mehr Romane und Geschichten aus Bulgarien auf Englisch veröffentlicht als noch vor zehn Jahren. Viele internationale Gäste, die mithilfe unserer Initiative nach Bulgarien kommen, begeistern sich für das Land und kehren hierher zurück. Unser Angebot findet man übrigens auf folgender Website: www.ekf.bg

Mit Ihrem Debütroman „Der Historiker“ landeten Sie 2005 einen überwältigenden Erfolg: Er stand auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste und wurde in 40 Sprachen übersetzt. Seither werden Ihre Romane auf der ganzen Welt mit Spannung erwartet. Hoffen Sie, dass Ihr jüngster Roman auch über die Lektüre hinaus Interesse an Bulgarien weckt?

Es war für mich eine erstaunliche Erfahrung, die Veröffentlichung von „Das dunkle Land“ rund um den Globus mitzuverfolgen – der Roman erscheint nächstes Jahr sogar in China. Unter anderem erlebe ich sehr häufig, dass bei einigen Lesern nicht nur Interesse an Bulgarien geweckt wird, sondern dass sie sogar beschließen, eine Reise dorthin zu unternehmen, obwohl sie vorher nie auf diese Idee gekommen wären. Das freut mich wirklich. Das Buch wurde auch in Bulgarien begeistert aufgenommen, trotz (oder vielleicht gerade wegen) der umstrittenen und problembehafteten historischen Ereignisse im Zentrum meiner Geschichte.

Können Sie schon etwas über Ihr nächstes Buch verraten?

Seit letztem Jahr arbeite ich an einem neuen Roman. Wieder nehmen historische Bezüge einen großen Raum ein, jedoch aus einer Zeit und einer Gegend, über die ich noch nie geschrieben habe – und diesmal hat die Geschichte starke Anklänge an den Schauer- wie auch den Kriminalroman. Das Buch steckt so tief in den Anfängen, dass ich vielleicht lieber noch nicht mehr darüber erzählen sollte. Aber es macht mir riesigen Spaß.


© WUNDERRAUM Verlag
Interview: Elke Kreil

Das dunkle Land

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