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Elke Krüsmann im Interview zu »Endlich Lady!« - Mosaik Verlag

„Wer älter wird, muss sich zurücknehmen… – das ist so zeitgemäß und sexy wie Mottenpulver“

Elke Krüsmann im Interview über "Endlich Lady! Älter werden muss nicht beige sein"

Elke Krüsmann
© Susie Knoll


Sie haben das Buch „Endlich Lady! Älter werden muss nicht beige sein“ geschrieben. Es geht darin um die Kunst, souverän älter zu werden. Wie jeder weiß, der die 45 überschritten hat, ist das Altern ein eigenartiger Vorgang: Es geschieht für einen selbst fast unmerklich, denn im Inneren fühlt man sich gleichsam alterslos. Können Sie sich an Momente erinnern, in denen Ihnen bewusst geworden ist, dass Sie nun der „Schicksalsgemeinschaft“ der „mittelalten Menschen“ angehören?

Vor ein paar Jahren besuchte uns die Nichte meines Mannes mit einigen ihrer Freundinnen. Sie schauten sich unsere Wohnung an, und eine der jungen Frauen blieb im Arbeitszimmer meines Mannes vor der Bücherwand stehen und sagte: „Wow, das ist aber eine schöne Bibliothek! So eine möchte ich auch haben, wenn ich alt bin.“ Sie sagte das in aller Unschuld, ihre Bemerkung war als Kompliment gemeint. Aber eines wurde dabei ganz klar: Die 30 Jahre jüngere Frau nahm uns nicht so wahr, wie wir uns selbst sahen: als jung gebliebene Mittvierziger – sondern als alte Menschen.


Wie entstand Ihre Idee, ein Buch über das Thema Älterwerden zu schreiben?

Ich bin Jahrgang 1961 und gehöre damit der Kohorte der Babyboomer an. Das ist eine sehr große Bevölkerungsgruppe von, ich glaube, 17 Millionen Menschen, die jetzt alle im Alter von plus minus 50 sind. Ich habe mich gefragt: Wie nehmen die heute 20- oder 30-Jährigen uns wahr? Wir bewegen uns ja ein bisschen wie ein Überrollkommando durch die Welt, allein durch unsere zahlenmäßige Überlegenheit. Da wäre es natürlich schön, wenn man versuchen würde, den anderen ein angenehmes Gegenüber zu sein, sie nicht durch Rechthaberei und ausgefahrene Ellenbogen zu verschrecken. Welche Eigenschaften sind nützlich, wenn man mit den Angehörigen anderer Generationen im freundlichen Dialog bleiben will? Welche Menschen sind in dieser Beziehung ein Vorbild, und warum? Beim Nachdenken über solche Fragen entstand die Idee zu dem Buch.


Sie haben als Journalistin zahlreiche Menschen interviewt, die ihr Leben professionell Mode, Stil und dem äußeren Erscheinungsbild widmen, darunter international bekannte Designer und Schauspieler. Waren darunter Persönlichkeiten, die für Sie vorbildlich mit dem Älterwerden umgehen?

Eine große Inspiration für mich ist die Künstlerin Marina Abramović. Sie verkörpert eine unglaubliche Radikalität und Leidenschaft. Diese Leidenschaft hält jung, ganz egal, wie alt man ist. Abramović, eine Pionierin der Performancekunst, ist inzwischen über 60 – und begeistert die Besucher ihrer Ausstellungen seit 40 Jahren durch ihre Vitalität und künstlerische Integrität.

Zu den Frauen, deren Stil Maßstäbe setzt, zählt für mich auch die Designerin Gabriele Strehle. Sie besitzt eine Begabung, die alle gut angezogenen Menschen verbindet: Sie beherrschen die Kunst, einen Look zu kreieren, der auf ganz unangestrengte Weise elegant ist.


Anti-Aging betrachten Sie mit großer Skepsis. Man assoziiert mit diesem Begriff anstrengende Gymnastik im Kampf gegen schlaffer werdende Haut, Botox-Einspritzungen und Schönheitsoperationen. Kann man sich diese Kosten und Mühen aus Ihrer Sicht sparen?

Die vom Hautarzt injizierte Botoxspritze ist das, was in früheren Jahrhunderten die vom Priester gereichte Hostie war: eine Zeremonie, die Erlösung verspricht. Die Fans dieses Treatments glauben, dass ihr Leben besser wird, wenn sie sich in regelmäßigen Abständen diesem Ritual unterziehen. Und wenn Menschen sich glücklicher fühlen, nachdem der Doktor ihres Vertrauens ihnen die Fältchen mit Hyaluronsäure aufgepolstert hat, dann wäre das Geld gut investiert. Aber sieht man hinterher wirklich besser aus? Wenn ich mir die Gesichter mancher Hollywoodstars anschaue, bin ich mir nicht sicher. Eine Überdosis Faltenfiller führt oft dazu, dass die individuellen Züge stark verfremdet werden, dass das Gesicht an Charakter verliert.


Sie erwähnten gerade, es sei wichtig, Individualität zum Ausdruck zu bringen. In diesen Zusammenhang gehört auch ein Beispiel aus ihrem Buch: Sie warnen vor Menschen, die Frauen ab Mitte 40 einen rosenholzfarbenen Lippenstift verkaufen wollen. Warum?

Mir fällt auf, dass sogenannte Beauty-Experten Frauen ab etwa 40 unisono zu diesem Farbton raten. Aber warum sollte eine Frau, die sich ihr Leben lang gerne in kräftigen Farben schminkte, plötzlich optisch auf Tauchstation gehen? Mein Verdacht: Hinter der Empfehlung, einen Lippenstift in der Einheitsfarbe Rosenholz zu tragen, verbirgt sich folgendes Konzept: Wer älter wird, muss sich zurücknehmen, darf nicht mehr strahlen, darf nicht mehr auffallen. Das ist Gedankengut der fünfziger Jahre, so zeitgemäß und sexy wie Mottenpulver.


Bei Stil denkt man häufig zuerst an Äußerlichkeiten. Doch wie Sie in Ihrem Buch ausführlich erläutern, hat Stil auch sehr viel mit einer inneren Haltung (dem Älterwerden gegenüber) zu tun. Nicht großmeisterlich aufzutreten, die eigene Jugend nicht zu glorifizieren etc. Können Sie etwas mehr darüber erzählen, was Stil mit Haltung und Bildung zu tun hat?

Klasse zeigt sich darin, wie man andere im Alltag behandelt. Erscheint man pünktlich zur Verabredung oder lässt man den anderen 20 Minuten warten? Sitze ich bei einer Essenseinladung stumm wie ein Fisch am Tisch oder gebe ich mir Mühe, ein unterhaltsamer Gesprächspartner zu sein? Auch wie jemand in schwierigen Situationen reagiert, sagt viel über ihn aus: Ergreift man nach einer Trennung jede Gelegenheit, um über den Ex-Partner herzuziehen? Oder meistert man einen solchen Abschied mit Grandezza? In solchen Momenten Größe zu zeigen, ist viel wichtiger als die Schuhe zu tragen, die der derzeit angesagte Stilexperte für die einzig wahren hält.


Älterwerden ist nicht nur eine Zeit der Abschiede, sondern bietet oft einen überraschenden Neubeginn in Lebensbereichen, in denen viele gar nicht damit gerechnet hätten. So lässt sich beobachten, dass in den Partnerschaften der über 40-Jährigen die Karten häufig neu gemischt werden. Welche Trümpfe halten Frauen in reiferen Jahren bei der Partnersuche in der Hand?

Es gab früher diesen bösen Spruch: Ist eine Frau erst mal 35, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, von einem Terroristen erschossen zu werden, als einen Mann für eine feste Beziehung zu finden. In meinem Umfeld stelle ich fest, dass das absolut nicht zutrifft. Erwachsene Frauen, gerade auch diejenigen, die schon eine Ehe hinter sich haben, beeindrucken potenzielle neue Partner durch ihre Selbständigkeit und Gelassenheit.

Viele Männer empfinden es als angenehm, dass sie nicht drängeln in Bezug auf Haus, Kinder und Geld. Sie sind gefestigt im eigenen Leben, gute Gesprächspartnerinnen und nicht so fokussiert auf den Mann. Ich beschreibe das in dem Kapitel „Das erotische Kapital der erwachsenen Frau“. Wie toll Frauen aussehen, die gerade 50 geworden sind, sieht man
an Stars wie der Schauspielerin Andrea Sawatzki, der Entertainerin Ute Lemper oder der Violinistin Anne Sophie Mutter – alle Jahrgang 1963 und Repräsentantinnen einer neuen, faszinierenden Frauengeneration.


Mit „Lady“ verbinde ich immer den Begriff der Eleganz. Gehört, um elegant sein zu können, notwendigerweise das Erreichen eines bestimmten Alters dazu? Oder kann jemand auch mit Anfang 20 schon elegant sein?

Ich hatte eine Kollegin, die mit 22 als Volontärin in die Redaktion kam und von Kopf bis Fuß eine Lady war – diese gewisse Noblesse, die man mit dem Begriff Lady verbindet, ist eher eine Frage der Geisteshaltung als eine Frage des Alters.


Wie wichtig ist im Umgang mit dem Älterwerden die Ehrlichkeit?

Älter werden ist, wie fast alle Dinge des Lebens, eine ambivalente Angelegenheit, ein Phänomen mit positiven und negativen Seiten. Am besten kommt man damit zurecht, indem man der Tatsache ins Auge sieht und sich seine gute Laune nicht verderben lässt.


Es gibt Menschen, die ihr wahres Alter verheimlichen oder sich wahnsinnig geschmeichelt fühlen, wenn jemand sie für deutlich jünger schätzt, als sie wirklich sind. Ist das nicht albern?

Manchmal gibt es dafür gute Gründe. Einer meiner Bekannten ist ein 60-jähriger mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter Drehbuchautor, der nicht das geringste Problem mit seinem Alter hat. Aber wenn er in einer Redaktion Ideen für neue Projekte präsentiert, behauptet er immer, er sei 54. Er fürchtet, die 30-jährigen Redakteurinnen, die ihm dort gegenübersitzen, könnten ihm, wenn er sich zu seinem wahren Alter bekennt, unterstellen: „Der Mann ist nicht mehr innovativ“. Dass er sich jünger macht, ist eine Form der Selbstverteidigung. Das finde ich in diesem Fall legitim. Aber sonst wüsste ich nicht, welchen Grund es geben sollte, sein Alter zu verleugnen.


Vielleicht auch den, Entscheidungen vor sich her zu schieben und so zu tun, als biete das Leben weiterhin uneingeschränkte Möglichkeiten. In Ihrem Buch ermutigen Sie dazu, Träume ernst zu nehmen. Kann der ehrliche Blick auf das eigene Älterwerden erzwingen, dass man bestimmte Vorhaben realisiert?

Jeder, der die 45 überschritten hat, trägt unerfüllte Sehnsüchte mit sich herum. Ideen und Vorstellungen von einem Leben parallel zu dem offiziellen, das man führt. Eine meiner Freundinnen etwa lebt allein. Sie ist ein sehr fürsorglicher Mensch und hat immer bedauert, keine eigenen Kinder zu haben. Da ergab es sich, dass ihre jüngste Schwester, die beruflich stark eingespannt ist, ein Baby bekam. Nun ist meine Freundin ihrer Nichte eine hingebungsvolle Ersatzmutter. Die mittleren Jahre bieten uns die Gelegenheit, sich wesentliche Sehnsüchte auf Schleichwegen doch noch zu erfüllen. Man sollte sich fragen: Steckt in dem großen, schwer zu realisierenden Traum, vielleicht ein kleiner, machbarer? Auch ganz verrückte Ideen lassen sich Jahrzehnte, nachdem man sie in dem Ordner mit der Aufschrift „Hirngespinste“ abgeheftet hatte, noch erfolgreich reaktivieren.


Welche Botschaft würden Sie Ihren Leserinnen gerne mitgeben?

Eine Erkenntnis, die ich bei den Recherchen zu dem Buch gewonnen habe, lautet: Man kann in jedem Alter und auf jedem Gebiet, das einen interessiert, noch einmal Debütantin sein. Dafür habe ich zahlreiche Beispiele gesammelt. Wie das der 69-jährigen Ruth Flowers, die einmal mit ihrem Neffen in einen Club gegangen ist. Sie fand es dort so faszinierend, dass
sie DJ werden wollte und sich von Produzenten für diesen Job ausbilden ließ. Heute, mit 73, ist sie Kult und tritt als gefragte DJane im Silberjackett unter dem Künstlernamen Mamy Rock auf. So wie sie kann jeder in jeder Lebensphase auf jedem Gebiet debütieren. Oder, wie Udo Lindenberg es ausdrückt: „Ich hab immer gedacht: früher Tod, großer Ruhm. Es geht auch anders: später Tod, großer Ruhm.“

Das Interview führte Elke Kreil © Mosaik Verlag

Elke Krüsmann, geboren 1961, studierte Germanistik und arbeitet seit 25 Jahren als Journalistin. Nach Stationen als Autorin u.a. bei den Magazinen "Ambiente" und "Bunte" schreibt sie heute bei der Zeitschrift "Elle" vor allem über Themen aus Psychologie und Mode. Sie lebt mit ihrem Mann in München.