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SPECIAL zu Elliot Perlman

Elliot Perlman im Gespräch

Elliot Perlman
© Peter von Felbert

Wie lautet Ihr liebster Romananfang?

»Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.« Der erste Satz von Kafkas Prozeß.

Interessant, dass Sie ausgerechnet Kafka zitieren – wie er und einige andere große Schriftsteller haben auch Sie Jura studiert.

Ja, das stimmt. Ich habe Jura studiert, weil dieses Fach die Chance bietet, die Sprache, den Verstand und das logische Denkvermögen so einzusetzen, daß man anderen Menschen damit helfen kann. Und weil man sich selbständig machen kann. Außerdem gefiel mir wohl noch etwas anderes an dem Job: Ich hatte zu Schul- und zu Unizeiten immer in irgendwelchen Theatergruppen und auch in Bands gespielt, und mir gefiel die Vorstellung, daß man als Anwalt gewissermaßen auch auf einer Bühne steht.

Aber Jura war nicht Ihr einziges Fach an der Universität.

Ich habe zusätzlich Wirtschafts- und Politikwissenschaften studiert, um einen Begriff davon zu bekommen, wie unsere Welt funktioniert, und weil ich das Gefühl hatte, daß diese Fächer mir erklären könnten, wie es zu der Ungleichheit und Ungerechtigkeit in unserer Welt kommt. Ich muß aber zugeben, daß meine wahre Leidenschaft von jeher Filmen, Büchern und der Musik galt.

Zu Beginn Ihrer schriftstellerischen Laufbahn haben Sie auch in einer Kanzlei gearbeitet. Wie paßten diese beiden Berufe zueinander?

Wenn ich mit Juristen zusammen war, fühlte ich mich als Schriftsteller, und wenn ich mit Schriftstellern zusammen war, gaben sie mir das Gefühl, Anwalt zu sein. Und dann stand das eine dem anderen ganz einfach zeitlich im Wege. Andererseits ergänzen sich beide Tätigkeiten auch sehr gut – ein Anwalt muß in der Lage sein, sich für einen Mandanten einzusetzen, ganz unabhängig davon, wie er selbst zu ihm steht und zu dem, was er getan hat. Und genau das muß einem Autor auch gelingen mit den Figuren, die er erfindet. In Sieben Seiten der Wahrheit sind alle Charaktere auf irgendeine Art und Weise geschädigt. Wenn die Leser Sympathie für sie aufbringen können, obwohl sie schreckliche Dinge tun, dann bin ich sehr zufrieden.

Ihr Roman hat sieben Teile, jeder wird von einer anderen Figur, aus einem anderen Blickwinkel, erzählt. Daß es verschiedene Seiten der Wahrheit geben kann, ist das auch etwas, was man als Anwalt lernt?

Natürlich. Gerade in Rechtsfällen sieht man immer wieder, wie wirkungsvoll es ist, wenn man der erste ist, der eine Geschichte erzählt. Jeder hat eine ganz natürliche Neigung, der ersten Version zu glauben, und jede später vorgebrachte Variante für falsch zu halten. Im englischen Rechtssystem kommt diese erste Version immer von der Anklage – und ich habe oft beobachten können, daß es zuweilen selbst den Profis schwerfällt, in ihren Köpfen noch Raum zu lassen für die Version der Verteidigung. Mir war immer bewußt, daß wir alle der Version glauben wollen, die wir als erste gehört haben.
Diese Erfahrung hat mich dazu inspiriert, meinen Roman aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen. Natürlich setzt jede Figur den Akzent anders, was dazu führt, daß die Sympathie des Lesers mal bei der einen, mal bei der anderen liegt. Und wo genau die Wahrheit liegt – darüber wird man sich im Lauf der Geschichte immer unsicherer statt sicherer.

Ihr Roman zeigt Sie als einen Schriftsteller mit politischem Anliegen. Gleichzeitig betonen Sie, wie sehr gerade Sprache der Mehrdeutigkeit unterworfen ist, wie sehr der Leser also selbst entscheiden muß, welcher Bedeutungsvariante er den Vorrang gibt. Sie können mit dem Roman also keine einfachen politischen Botschaften transportieren, können nicht didaktisch sein.

Ja, das versuche ich in der Tat zu vermeiden. Vielleicht gehört das aber auch einfach zum Älterwerden: Ganz gleich, wie sehr du dir wünschst, die Welt ließe sich zum Besseren verändern, die Lösungen erscheinen dir doch nicht mehr als ganz so offensichtlich, wie sie es in deiner Jugend getan haben. Gleichzeitig wächst deine Verzweiflung an der Welt…
Auch wenn das Buch, das man liest, einem vielleicht keine Lösungen bietet, sondern nur das Problem beschreibt, so fühlt man sich angesichts der Schönheit der Darstellung schon viel besser, und sei es, weil man erkennt, ich bin nicht der einzige, dem das aufgefallen ist, den etwas stört. Andere Menschen sehen das auch so. Das ist für mich als Autor wohl der größte Lohn: Wenn Menschen nach der Lektüre eines meiner Bücher auf mich zukommen und sagen »Ich fühle mich nicht mehr so allein.«

Haben Sie literarische Vorbilder?

Die Romane, die mich in meiner Jugend am meisten beeindruckt haben, waren häufig sozialkritisch oder sie haben sich mit Außenseitern beschäftigt. Durch Charles Dickens und Thomas Hardy, durch Kafka, Steinbeck, Arthur Miller, die frühen Romane von E.L. Doctorow und die Short storys von Raymond Carver habe ich ein Gefühl dafür gewonnen, was man als Schriftsteller leisten kann: Man kann die Weltkenntnis vergrößern, man kann große Gefühle und Empfindungen hervorrufen, und man kann das Dasein so bereichern, daß sich ein einsamer Leser nicht mehr ganz so allein fühlt. Das Tröstliche des Leseprozesses hat für mich immer eine wichtige Rolle gespielt. Andere Formen von Spiritualität waren mir nicht zugänglich, daher haben mir bestimmte Bücher und Autoren durch schwierige Zeiten geholfen. Irgendwann kam der Wunsch, anderen Menschen das zu geben, was diese Schriftsteller mir gegeben hatten.

Der Einfluß dieser Autoren macht sich ja auch bemerkbar. Vergleiche mit George Eliot, Charles Dickens, Philip Roth, Raymond Carver und Thomas Pynchon sind in den Kritiken, die man über Sie findet, nicht selten. Am häufigsten scheinen Sie jedoch mit Jonathan Franzen verglichen zu werden. Haben Sie Die Korrekturen je gelesen?

Nein, diesen Roman habe ich ganz bewußt nicht gelesen. Hätte ich ihn gelesen und großartig gefunden, hätte mich das deprimiert, weil er so gut ist. Hätte ich ihn gelesen und schlecht gefunden, hätte mich das gleichermaßen deprimiert.

Eine zentrale Figur in Ihrem Roman ist die Prostituierte Angelique. Woher nehmen sie Ihr Detailwissen, auf welche Weise haben Sie hier recherchiert?

Es ist schon komisch, daß mich noch nie jemand gefragt hat: Haben Sie wirklich mit Börsenmaklern gesprochen für dieses Buch? Alle interessieren sich für die Rotlichtdamen. Aber ich habe tatsächlich einem Bordell in Melbourne ein paar Besuche abgestattet. Beim ersten Mal bin ich an der Tür wieder umgedreht. Beim zweiten Mal habe ich meine Visitenkarte von der Kanzlei sowie einige Exemplare meiner Bücher vorgezeigt – aber natürlich hat mir niemand geglaubt, die haben einfach schon jede Ausrede gehört. Ich hatte ungeheure Angst, dort jemandem zu begegnen, den ich kenne. Die Frauen haben grundsätzlich nur auf dem Zimmer mit mir gesprochen, zu ihren normalen Konditionen. Obwohl einige irgendwann Mitleid bekamen und sich einverstanden zeigten, auch außerhalb mit mir zu reden, in einer Bar. Eine wollte mir das Geld sogar zurückgeben. Ich habe nicht nur gefragt, was sie mit ihren Kunden machen, sondern beispielsweise auch, wie sie an Baufinanzierungskredite kommen. Ich wollte alles über das Leben eines Menschen wissen, dessen soziales Dasein einer Doppelmoral unterliegt.

Wieviel von Ihnen persönlich steckt in Sieben Seiten der Wahrheit?

Viele der Ansichten und Meinungen, die im Roman entfaltet werden, sind meine, die politischen auf jeden Fall. Allerdings habe ich einigen Figuren auch andere Auffassungen in den Mund gelegt, so daß es für den Leser nicht allzu ersichtlich ist, mit welchen ich mich identifizieren kann und mit welchen nicht. Aber natürlich gibt es auch autobiographische Elemente in dem Buch. Als mein Vater zum ersten Mal die Beschreibung von Simons Wohnung las, lachte er: »Oh, das kommt mir aber alles sehr bekannt vor.«

Wenn jemand Ihre Biographie schreiben würde, wie könnte der Titel lauten?

Aufs Geschriebene reduziert. Die teilweise wahre Geschichte eines beunruhigten Mannes.

Sieben Seiten der Wahrheit Blick ins Buch

Elliot Perlman

Sieben Seiten der Wahrheit

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