„Vargas schreibt die schönsten und spannendsten Krimis in Europa.“ Tobias Gohlis, DIE ZEIT

Im Süden Frankreichs sterben mehrere Männer – angeblich sind sie dem Biss der Einsiedlerspinne zum Opfer gefallen. Allerdings reicht das Gift einer einzigen Spinne nicht aus, um einen Menschen zu töten. Adamsberg und sein Team von der Brigade Criminelle des 13. Pariser Arrondissements ermitteln. Seine Nachforschungen führen den eigenwilligen Kommissar zu einem Waisenhaus bei Nîmes und zu einer Gruppe von Jungen, die dort in den 1940er-Jahren lebte. Und plötzlich erscheinen die Todesfälle, die bislang nicht als Morde betrachtet wurden, in einem anderen Licht …

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Hol dir "Der Zorn der Einsiedlerin" von der Erfolgsautorin Fred Vargas und folge Kommissar Adamsberg und seinem Team in ihren Ermittlungen nach der Todesursache einiger Männer. Kann eine Spinne als Mordwaffe fungieren?

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Spannend gelesen von Volker Lechtenbrink

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    Gewinnspielfrage: Welche Spinne recherchiert Lieutenant Voisenet?

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    Leseprobe

    "Der Zorn der Einsiedlerin"

    1

    Adamsberg saß auf einem Felsblock der Hafenmole und sah
    den Fischern von Grímsey zu, wie sie von ihrem täglichen
    Fang zurückkehrten, anlegten, die Netze hochzogen. Hier
    auf der kleinen isländischen Insel nannte man ihn »Berg«.
    Seewind, 11 Grad, Sonne leicht verhangen, es stank nach
    Fischabfällen. Er hatte vergessen, dass er noch vor einiger
    Zeit Kommissar der Brigade criminelle im 13. Arrondissement
    von Paris gewesen war, an der Spitze von siebenundzwanzig
    Beamten. Sein Telefon war in ein Häufchen Schafköttel
    gefallen, und das Tier hatte es ohne böse Absicht mit
    einem akkuraten Huftritt noch hineingedrückt. Was eine
    beispiellose Art war, sein Handy zu verlieren, Adamsberg
    hatte es gebührend zu schätzen gewusst.
    Er sah Gunnlaugur, den Besitzer des kleinen Gasthofs, zum
    Hafen herunterkommen, wohl um sich die besten Stücke für
    das Abendessen auszusuchen. Lächelnd gab er ihm ein Zeichen.
    Aber Gunnlaugur schien nicht seinen guten Tag zu haben.
    Er beachtete den Beginn der Fischauktion gar nicht, kam
    geradewegs auf ihn zu, die blonden Brauen gefurcht, und
    reichte ihm ein Papier.
    »Fyrir pig«, sagte er und deutete mit dem Finger auf ihn.
    [Für dich.]
    »Ég?« [Mich?]
    Adamsberg, der unfähig war, sich auch nur die einfachsten
    Begriffe einer fremden Sprache zu merken, hatte sich auf
    der Insel unerklärlicherweise ein Arsenal von annähernd
    siebzig Wörtern zugelegt, und das alles in nur siebzehn
    Tagen. Man drückte sich im Gespräch mit ihm so einfach
    wie möglich aus und untermalte seine Worte mit Gesten.
    Aus Paris natürlich, die Nachricht kam aus Paris, woher
    sonst. Man rief ihn zurück, was sonst. Traurige Wut stieg in
    ihm hoch, er schüttelte den Kopf zum Zeichen der Weigerung
    und wandte das Gesicht zum Meer. Aber Gunnlaugur
    ließ nicht locker, er faltete das Blatt auseinander und schob
    es ihm in die Hand.
    Frau mit dem Auto überrollt. Ein Ehemann, ein Geliebter.
    Nicht so einfach. Anwesenheit erwünscht. Weitere Informationen
    folgen.

    Adamsberg senkte den Kopf, er machte die Hand auf und
    ließ das Blatt mit dem Wind davontreiben. Paris?
    Wieso Paris? Wo lag das überhaupt, Paris?
    »Dauður maður?«, fragte Gunnlaugur. [Ein Toter?]
    »Já.«
    »Ertu að fara, Berg? Ertu að fara?« [Reist du ab, Berg?]
    »Nei«, erwiderte er.
    »Jú, Berg«, seufzte Gunnlaugur. [Doch, Berg.]
    »Já«, gestand Adamsberg.
    Gunnlaugur rüttelte ihn an der Schulter und zog ihn mit
    sich fort.
    »Drekka, borða«, sagte er. [Trinken, essen.]
    »Já.«

    Der Aufprall des Fahrwerks auf dem Rollfeld von Roissy-
    Charles de Gaulle löste bei ihm augenblicklich eine Migräne
    aus, wie er sie seit Jahren nicht mehr erlebt hatte, und
    gleichzeitig das Gefühl, er würde durchgeprügelt. Es war
    die Rückkehr, die Attacke von Paris, der großen steinernen
    Stadt. Es sei denn, es waren die Gläser, die er am Abend
    zuvor gekippt hatte, als man im Gasthof seinen Abschied
    begossen hatte. Dabei waren sie sehr klein gewesen, die
    Gläschen. Aber zahlreich. Und es war der letzte Abend. Und
    es war Brennivín.
    Ein flüchtiger Blick durchs Bullauge. Nur nicht aussteigen,
    nicht hingehen.
    Er war schon da. Anwesenheit erwünscht.


    2

    Es war Dienstag, der 31. Mai, sechzehn Beamte der Brigade
    saßen bereits Punkt neun im Sitzungssaal, bestens vorbereitet
    mit Laptops, Akten und Kaffee, um dem Kommissar den
    Verlauf der Ereignisse zu schildern, mit denen sie es unter
    Leitung der Commandants Mordent und Danglard in seiner
    Abwesenheit zu tun gehabt hatten. Mit ihrer Ungezwungenheit
    und dem plötzlich einsetzenden Geplauder bekundete
    die Mannschaft ihm ihre Zufriedenheit, dass sie ihn wiederhatte,
    sein Gesicht und seine Eigenheiten, ohne dass
    man sich fragte, ob sein Aufenthalt dort im Norden Islands,
    auf jener kleinen Insel der Nebelbänke und wechselnden
    Strömungen, seine Umlaufbahn verändert hatte oder nicht.
    Und wenn es so war, auch egal, sagte sich Lieutenant Veyrenc,
    der wie der Kommissar zwischen dem Felsgestein der
    Pyrenäen aufgewachsen war und ihn mühelos verstand. Er
    wusste, dass die Brigade mit dem Kommissar an der Spitze
    mehr einem breiten Schoner glich, der manchmal mit starkem
    Rückenwind auf sein Ziel zusegelte, manchmal aber
    auch mit schlaffen Segeln auf der Stelle dümpelte, als einem
    mächtigen Außenborder, der einen Schwall von Gischt hinter
    sich lässt.
    Commandant Danglard dagegen befürchtete immer irgendetwas.
    Er suchte den Horizont nach allen möglichen
    Bedrohungen ab, schürfte sich sein Leben an der rauen
    Schale seiner Ängste auf. Schon bei Adamsbergs Abreise
    nach Island, am Ende einer aufreibenden Ermittlung, hatte
    ihn Sorge erfasst. Dass ein gewöhnlicher, allenfalls etwas
    erschöpfter Geist sich zur Entspannung in ein nebliges Land
    aufmachte, dünkte ihn eine kluge Entscheidung. Sinnvoller
    jedenfalls, als in die Sonne des Südens zu reisen, deren
    grausames Licht noch die kleinsten Unebenheiten, die geringste
    Höhlung eines Kiesels hervorhob, was ganz und gar nichts
    Entspannendes hatte. Doch dass ein nebulöser Geist in ein
    nebliges Land reiste, erschien ihm dagegen gewagt und voll
    möglicher Konsequenzen. Danglard befürchtete gravierende
    Spätfolgen, vielleicht sogar unumkehrbare. Er hatte
    ernsthaft in Erwägung gezogen, dass durch eine chemische
    Fusion der Nebel eines menschlichen Wesens mit denen
    eines Landes Adamsberg in Island versinken und nie mehr
    wiederkehren würde. Die Nachricht von der Rückkehr des
    Kommissars nach Paris hatte ihn ein wenig beruhigt. Als
    Adamsberg aber den Raum betrat, mit seinem stets etwas
    wogenden Gang, jeden mit einem Lächeln bedachte, Hände
    drückte, wurden Danglards Befürchtungen augenblicklich
    wieder wach. Windiger und wogender denn je, mit unstetem
    Blick und vagem Lächeln, schien der Kommissar alle
    genauen Bezugspunkte verloren zu haben, denen seine
    Ermittlungen ja doch immerhin folgten wie zwar spärlichen,
    aber beruhigenden Wegemarkierungen. Wirbellos, haltlos,
    schloss Danglard. Amüsant, noch immer etwas nebelfeucht
    fand ihn dagegen Veyrenc.
    Der junge Brigadier Estalère, der zuständig war für das
    Kaffeeritual, das er zelebrierte, ohne sich jemals zu irren –
    sein einziger Exzellenzbereich, wie die meisten seiner Kollegen
    fanden –, brachte dem Kommissar sofort seinen Kaffee
    mit der adäquaten Zahl von Zuckerstückchen.
    »Dann schießen Sie mal los«, sagte Adamsberg mit sanfter,
    wie von fern kommender Stimme, die viel zu entspannt
    klang für einen Menschen, der sich konfrontiert sah mit
    dem Tod einer siebenunddreißigjährigen Frau, die zweimal
    von den Rädern eines SUV überrollt worden war, die ihr das
    Genick und die Beine gebrochen hatten.
    Das war vor drei Tagen passiert, vergangenen Samstagabend
    in der Rue du Château-des-Rentiers. Welches Château?
    Was für Rentiers?, fragte sich Danglard. Das wusste keiner mehr,
    aber der Name klang seltsam in diesem Viertel
    des 13. Arrondissements. Er nahm sich vor, den Ursprung
    herauszufinden, denn dem enzyklopädischen Geist des
    Commandants erschien kein Wissen überflüssig.
    »Haben Sie die Akte gelesen, die wir Ihnen zu Ihrer
    Zwischenlandung nach Reykjavík geschickt haben?«, fragte
    Commandant Mordent.
    »Natürlich«, sagte Adamsberg achselzuckend.
    Sicher, er hatte sie gelesen während des Fluges von Reykjavík
    nach Paris. Aber in Wirklichkeit war er gar nicht in der Lage gewesen,
    sich darauf zu konzentrieren. Er wusste, dass die Frau,
    Laure Carvin – ausgesprochen hübsche Person,
    hatte er insgeheim notiert –, zwischen 22.10 Uhr und
    22.15 Uhr von diesem SUV getötet worden war. Die präzise
    Mordzeit erklärte sich aus der sehr geregelten Lebensweise
    des Opfers. In der Zeit von 14 Uhr bis 19.30 Uhr verkaufte
    sie Kinderkleidung in einer Luxusboutique des 15. Arrondissements.
    Danach machte sie sich an die Buchhaltung, und um 21.40 Uhr
    schloss sie das Ladengitter. Sie überquerte die
    Rue du Château-des-Rentiers jeden Tag zur gleichen Zeit,
    an der gleichen Ampel, zwei Schritt von ihrem Haus entfernt.
    Sie war mit einem reichen Typen verheiratet, einem,
    der »es zu etwas gebracht hatte«, doch Adamsberg erinnerte
    sich weder an seinen Beruf noch an sein Bankkonto. Und es
    war der SUV des Ehemanns, dieses reichen Typen – wie war
    noch mal sein Vorname? –, der die Frau überfahren hatte,
    daran bestand nicht der geringste Zweifel. Es klebte noch
    Blut am Reifenprofil wie auch an den Kotflügeln. Noch am
    selben Abend waren Mordent und Justin mit einem Polizeihund
    die Fahrstrecke der mörderischen Räder abgegangen,
    er hatte sie geradewegs zu dem kleinen Parkplatz einer
    Videospielhalle geführt, dreihundert Meter vom Tatort entfernt.
    Der leicht hysterische Hund hatte eine Menge Streicheleinheiten
    als Belohnung für seine Leistung verlangt.
    Der Chef des Etablissements kannte den Besitzer des
    blutverschmierten Wagens gut: ein treuer Kunde, der jeden
    Samstagabend von ungefähr 21 Uhr bis Mitternacht in seiner
    Halle zubrachte. Wenn er eine Pechsträhne hatte, konnte
    es vorkommen, dass er bis zur Schließung um 2 Uhr morgens
    verbissen vor seinem Gerät hockte. Er hatte ihnen den
    Mann auch gezeigt, Jackett, gelöste Krawatte, sehr auffällig
    unter all den Kapuzenpullis mit ihren Bierdosen. Der Typ
    schlug sich wütend mit einem Bildschirm herum, auf dem
    kadaverähnliche titanische Kreaturen auf ihn einstürzten,
    die er mit dem Maschinengewehr abknallen musste, um sich
    seinen Weg auf den Gewundenen Berg des Schwarzen Königs
    zu bahnen. Als die beiden Beamten der Brigade ihn unterbrachen,
    indem sie ihm die Hand auf die Schulter legten, schüttelte er heftig
    den Kopf, ohne seine Joysticks loszulassen, und schrie, dass er bei
    siebenundvierzigtausend sechshundertzweiundfünfzig Punkten,
    so dicht vorm Level des Bronzenen Pfads, auf keinen Fall aufhören würde, niemals.
    Commandant Mordent musste brüllen, um sich im Lärm
    der Automaten und dem Geschrei der Kunden verständlich
    zu machen und dem Mann zu eröffnen, dass seine Frau gerade
    ums Leben gekommen sei, kaum dreihundert Meter
    weit entfernt von einem Auto überfahren. Da war der Mann
    über dem Bedienpult zusammengesunken, und das Spiel
    war aus. Auf dem Bildschirm erschien mit musikalischer
    Untermalung der Satz: »Goodbye, Sie haben verloren.«
    »Und nun behauptet der Ehemann«, sagte Adamsberg,
    »dass er das Spielcasino nicht verlassen hat?«
    »Wenn Sie den Bericht gelesen haben …«, begann Mordent.
    »Ich höre es lieber«, fiel Adamsberg ihm ins Wort.
    »So ist es. Er habe die Halle nicht verlassen.«
    »Und wie erklärt er, dass sein eigener Wagen Blutspuren
    trägt?«
    »Mit der Existenz eines Liebhabers. Der Liebhaber würde
    seine Lebensgewohnheiten kennen, er hätte sich seinen
    Wagen ausgeliehen, hätte seine Mätresse überfahren, wäre
    danach umgekehrt und hätte das Fahrzeug wieder an derselben
    Stelle geparkt.«
    »Um ihm den Mord anzuhängen?«
    »Genau, da die Bullen stets den Ehemann beschuldigen.«
    »Wie war er so?«
    »Wie meinen Sie das?«
    »Wie hat er reagiert?«
    »Er war wie vor den Kopf geschlagen, aber mehr schockiert
    als traurig. Später dann, in der Brigade, hat er sich
    wieder ein wenig gefasst. Das Paar hatte vor, sich scheiden
    zu lassen.«
    »Wegen des Liebhabers?«
    »Nein«, sagte Noël mit verächtlicher Grimasse. »Weil ein
    Mann wie er, ein Anwalt, der so weit nach oben gelangt ist,
    sich durch eine Frau aus der Unterschicht behindert sieht.
    Wenn man zwischen den Zeilen seiner Rede zu lesen versteht.«
    »Und seine Frau«, fügte der blonde Justin hinzu, »fühlte
    sich gedemütigt, weil sie von allen Cocktail-Empfängen
    und Abendessen, die er in seiner Kanzlei im 7. Arrondissement
    für seine Mandanten und seinen Bekanntenkreis gab,
    ausgeschlossen blieb. Sie wünschte sich, dass er sie dahin
    mitnahm, er lehnte ab. Es gab ständig Szenen deshalb. Sie
    hätte nicht ›in den Rahmen gepasst‹, meint er, sie hätte sich
    ›danebenbenommen‹. Also so einer ist er.«
    »Ein Ekel«, sagte Noël.
    »Je mehr er sich fasste«, ergänzte Voisenet, »desto angriffslustiger
    wurde er, er stritt sich herum, als sähe er sich in seinem
    Videospiel auf den Höllenpfad gedrängt. Und benutzte
    immer kompliziertere oder unverständlichere Ausdrücke.«
    »Die Strategie ist einfach«, sagte Mordent und schob seinen
    langen, mageren Hals ruckweise aus seinem Rollkragen,
    nein, der Commandant hatte in diesen zwei Wochen nichts
    von seinem Gebaren eines alten, der Prüfungen des Daseins
    müden Stelzvogels verloren. »Er setzt auf den Kontrast
    zwischen sich selbst, dem Unternehmensanwalt, und dem
    Liebhaber.«
    »Der wer ist?«
    »Ein Araber, das hat er von vornherein ausdrücklich betont,
    Monteur von Getränkeautomaten. Er wohnt im Nebenhaus.
    Nassim Bouzid, Algerier, in Frankreich geboren, Frau und
    zwei Kinder.«
    Adamsberg zögerte, aber dann schwieg er. Er konnte seine
    Mitarbeiter nun wahrlich nicht bitten, ihm die Befragung
    dieses Nassim Bouzid zu schildern, die im Bericht ebenfalls
    protokolliert sein musste. Aber er hatte keine blasse Erinnerung
    an den Mann.
    »Was macht er für einen Eindruck?«, riskierte er und
    bedeutete Estalère, ihm einen zweiten Kaffee zu bringen.
    »Ein hübscher Kerl«, antwortete Lieutenant Hélène Froissy
    und drehte ihren Bildschirm zu Adamsberg um, damit er das
    Foto eines traurigen Nassim Bouzid sah. Lange Wimpern,
    honigfarbene Augen, die wie geschminkt aussahen, blendend
    weiße Zähne und ein charmantes Lächeln. »›Alle mögen ihn
    gern in seinem Haus, wo er sozusagen Mädchen für alles ist.
    Nassim wechselt Glühbirnen aus, Nassim repariert eine undichte
    Wasserleitung, Nassim sagt nie Nein.«
    »Woraus unser Ehemann schließt, dass er ein schwacher
    und serviler Charakter ist«, sagte Voisenet. »›Aus dem Nichts
    gekommen und es zu nichts gebracht‹, so hat er gesagt.«
    »Ein Ekel«, wiederholte Noël.
    »Ist der Gatte eifersüchtig?«, fragte Adamsberg, der lustlos
    begonnen hatte, sich ein paar Notizen zu machen.
    »Er behauptet, nein«, sagte Froissy. »Er hat nur Verachtung
    für dieses Verhältnis, aber im Fall einer Scheidung
    kommt es ihm gelegen.«
    »Also?«, sagte Adamsberg und wandte sich wieder an
    Mordent. »Sie sprachen von einer Strategie, Commandant?«
    »Er setzt auf die Reflexe von Polizisten, die er generell für
    ungebildet, rassistisch und in Stereotypen denkend hält: Hat
    ein Bulle vor sich einen vermögenden Anwalt mit hochgestochener
    bis unverständlicher Ausdrucksweise und einen arabischen Kofferträger,
    wird er immer auf den Araber tippen.«
    »Was wären solche hochgestochenen und damit unverständlichen
    Ausdrücke?«
    »Schwer zu sagen«, meinte Voisenet, »da ich sie ja nicht
    verstanden habe. Wörter wie ›Apperzeption‹ oder auch, warten
    Sie, ›hetero… heteronom‹. ›Heteronom‹, hat das was mit
    abweichendem sexuellen Verhalten zu tun? Er hat den Begriff
    in Bezug auf den Liebhaber gebraucht.«
    Alle Blicke richteten sich Hilfe suchend auf Danglard.
    »Nein, es bedeutet vielmehr, dass einer nicht autonom ist.
    Vielleicht sollte man auf sein Spiel eingehen.«
    »Da zähle ich auf Sie, Commandant«, erwiderte Adamsberg.
    »Wird gemacht«, sagte Danglard, innerlich jubelnd bei
    dem Gedanken, und für einen Augenblick vergaß er die
    beunruhigenden Entrücktheiten von Adamsberg und seine
    gegenwärtige Stümperei. Denn von dem Bericht, den er mit
    solcher Sorgfalt geschrieben hatte, hatte der Kommissar
    eindeutig nicht viel mitbekommen.
    »Er gebraucht auch viele Zitate«, ergänzte Mercadet, der
    gerade aus einer seiner schläfrigen Phasen auftauchte.
    Mercadet, gleich nach Hélène Froissy der überaus brillante
    Informatiker der Brigade, litt an Hypersomnie, und ausnahmslos
    alle Mitarbeiter respektierten das schwere Handicap ihres Kollegen,
    ja stellten sich schützend vor ihn.
    Wenn der Divisionnaire davon erfahren hätte, wäre Mercadet
    auf der Stelle rausgeflogen. Was tun mit einem Polizisten,
    den alle drei Stunden ein unwiderstehliches Schlafbedürfnis
    übermannt?
    »Und Maître Carvin erwartet, dass man auf seine verdammten
    Zitate reagiert«, fuhr Mercadet fort, »dass man zum Beispiel
    den Autor nennt. Er weidet sich an unserer Ignoranz, er ergötzt
    sich förmlich daran, einen zu zertreten, das ist nicht zu übersehen.«
    »Zum Beispiel?«
    »So einen Satz hier«, sagte Justin und schlug sein Notizbuch
    auf, »natürlich auf Nassim Bouzid gemünzt: Die Menschen
    fliehen das Betrogenwerden nicht so sehr als das Beschädigtwerden
    durch Betrug.
    «
    Wieder warteten alle auf einen erhellenden Kommentar
    von Danglard, der sie von den wiederholten Demütigungen
    des Anwalts entlasten würde, doch der Commandant hielt
    es für taktvoller, darauf zu verzichten und sich so auf eine
    Stufe zu stellen mit der gesamten Brigade in ihrer Unwissenheit.
    Dieses Zartgefühl verstand zwar keiner, aber man
    verzieh Danglard, denn man konnte von keinem Menschen
    verlangen, so unfassbar seine Bildung auch war, alle bedeutenden
    Sätze aus der Literatur zu kennen.
    »Was im Klartext heißt«, nahm Mordent den Faden wieder
    auf, »dass Anwalt Carvin uns liebenswürdigerweise ein
    Mordmotiv für Bouzid in die Hände spielt: Bouzid tötet
    seine Mätresse, um dem Schaden zu entgehen, den sein Ehebruch
    und die Zerstörung seiner Familie anrichten würde.«
    »Und von wem ist dieser Satz, Commandant Danglard?«,
    fragte Estalère und durchbrach die allgemeine Zurückhaltung
    in seinem unheilbaren Mangel an Geistesgegenwart –
    oder auch in seiner anhaltenden Dummheit, wie manche
    meinten.
    »Von Nietzsche«, antwortete Danglard schließlich.
    »Und, ist der Typ von Bedeutung?«
    »Sehr.«
    Adamsberg zeichnete vor sich hin und fragte sich wie so
    oft schon, welches unergründliche Geheimnis sich hinter
    Danglards phänomenalem Gedächtnis verbarg.
    »Ach so«, meinte Estalère verblüfft und mit weit aufgerissenen
    grünen Augen.
    Aber Estalères grüne Augen waren immer weit aufgerissen,
    als könnte er sich von seinem grenzenlosen Erstaunen
    über das Leben nicht erholen. Und vermutlich hatte er recht,
    dachte Adamsberg. Die Vorstellung dieser brutal zermalmten
    Frau, zum Beispiel, hatte etwas so Verstörendes, dass
    sich das Entsetzen darüber auch im Blick spiegeln musste.
    »Weil«, fuhr Estalère sehr konzentriert fort, »man kein
    bedeutender Mensch sein muss, um zu wissen, dass wir die
    Auswirkungen unserer Lügen fürchten. Wenn diese Furcht
    nicht wäre, wäre es ja nicht so schlimm, oder?«
    »Stimmt«, bestätigte Adamsberg, immer bereit, den
    jungen Mann zu verteidigen, was kein Mensch verstehen
    konnte.
    Er hob den Stift vom Papier. Er hatte die Silhouette seines
    Freundes Gunnlaugur gezeichnet, wie er die Fischauktion
    im Hafen überwachte. Dazu Möwen, Schwärme von Möwen.
    »Was spricht für und was gegen ihn?«, fuhr er fort, »bei
    dem einen wie dem anderen?«
    »Der Anwalt«, sagte Mordent, »hat das Alibi der Spielhalle.
    Das allerdings nicht viel taugt, denn wer in dieser Menge
    lärmender, besessener Spieler, die nur auf ihren Bildschirm
    starren, würde mitkriegen, wenn einer für fünfzehn
    Minuten verschwindet? Außerdem hat er verdammt viel
    Geld auf der Bank. Im Fall einer Scheidung verlöre er die
    Hälfte seiner vier Millionen zweihunderttausend Euro, die
    er dort gebunkert hat.«
    »Vier Millionen zweihunderttausend Euro?«, warf der
    schüchterne Brigadier Lamarre ein. »Wie viele Jahre müsste
    unsereiner dafür arbeiten?«
    »Versuchen Sie’s gar nicht erst herauszufinden, Lamarre«,
    Adamsberg hob besänftigend die Hand. »Sie tun sich damit
    nur sinnlos weh. Fahren Sie fort, Mordent.«
    »Aber wir haben keinen zwingenden Beweis gegen ihn.
    Nassim Bouzid dagegen ist in einer heikleren Lage, da gibt
    es belastendes Material. Auf dem Teppichboden im Wagen
    haben wir vor dem Beifahrersitz drei weiße Hundehaare gefunden,
    und am Bremspedal klebte eine rote Faser. Nach den
    ersten Analysen stammen die Haare eindeutig von Bouzids
    Hund. Und die Faser ist identisch mit dem Kelim in seinem
    Esszimmer. Ein Doppel vom Autoschlüssel kann er sich bei
    seiner Mätresse besorgt haben. Alle Schlüssel hängen dort
    im Flur.«
    »Und warum sollte er den Hund mitnehmen, wenn er
    seine Geliebte ermorden geht?«, fragte Froissy.
    »Bouzid hat eine Frau. Was gibt es Besseres, als ihr zu
    sagen, er gehe mit dem Hund Gassi?«
    »Und wenn der Hund nun schon pinkeln war?«, fragte
    Noël.
    »War er nicht«, sagte Mordent, »es ist genau die Zeit, zu
    der er immer ausgeführt wird. Bouzid gibt bereitwillig zu,
    dass er draußen war, aber er schwört, dass er nie der Liebhaber
    von Laure Carvin gewesen ist. Ja, er versichert sogar,
    die Frau nicht mal zu kennen. Vom Sehen vielleicht, so auf
    der Straße. Wenn er die Wahrheit sagt, hätte Anwalt Carvin
    sich seinen Sündenbock mit Bedacht ausgesucht. Die paar
    Hundehaare und eine Teppichfaser hätte er aus Bouzids
    Wohnung mitnehmen können, das Schloss kriegt man mit
    dem Fingernagel auf. Finden Sie diese beiden Details nicht
    ein bisschen übertrieben?«
    »Eins hätte in der Tat genügt.«
    »Das haben Menschen so an sich, die allzu stolz auf ihre
    Intelligenz sind«, mischte Danglard sich ein. »Ihre
    Selbstgefälligkeit blendet sie, sie schätzen die anderen nicht richtig
    ein und tun darum entweder ein bisschen zu viel oder nicht
    genug. Ihr Eichmaß ist, entgegen ihrer Selbsteinschätzung,
    nicht verlässlich.«
    »Außerdem«, Justin hob die Hand, »sagt Bouzid, dass er
    den Hund immer in eine Tasche setzt, wenn er ihn mit ins
    Auto nimmt. Und in der Tat haben wir in seinem eigenen
    Wagen kein einziges Haar gefunden. Weder vom Hund
    noch vom Teppich.«
    »Sind die beiden Männer gleich groß?«, fragte Adamsberg,
    während er das Porträt von Gunnlaugur mit dem Gesicht
    zur Tischplatte drehte.
    »Bouzid ist kleiner.«
    »Weshalb er den Sitz und die Rückspiegel für sich verändert
    haben müsste. In welcher Position waren sie?«
    »Für große Leute. Also entweder hat Bouzid nach seiner
    Rückkehr daran gedacht, die Einstellung wieder zu korrigieren,
    oder der Anwalt hat sie gelassen, wie sie war. Auch hier
    kommen wir also nicht weiter.«
    »Und die Fingerabdrücke im Auto? Lenkrad, Schalthebel,
    Türen?«
    »Wohl geschlafen im Flieger?«, bemerkte Veyrenc grinsend.
    »Kann sein, Veyrenc. Es stinkt.«
    »Sicher stinkt’s. Wir kommen nicht weiter, wir beißen
    immer wieder auf Granit.«
    »Ich meine, es stinkt wirklich, hier im Raum stinkt’s.
    Riecht ihr nichts?«
    Die Mitarbeiter hoben sämtlich den Kopf, um den Geruch
    auszumachen. Seltsam, dachte Adamsberg, dass der Mensch
    instinktiv die Nase um zehn Zentimeter hebt, wenn es darum
    geht, einen Geruch wahrzunehmen. Als ob zehn Zentimeter
    auch nur das Geringste ändern würden. Von jenem
    tierischen Instinkt getrieben, der sich seit Urzeiten erhalten
    hat, erinnerte die Schar seiner Beamten durchaus an eine
    Gruppe Rennmäuse, die den Geruch des Feindes zu wittern
    versuchen.
    »Stimmt«, sagte Mercadet, »es riecht etwas brackig.«
    »Es riecht nach altem Hafen«, präzisierte Adamsberg.
    »Finde ich nicht«, sagte Voisenet ziemlich entschieden.
    »Wir sehen später nach.«
    »Wo waren wir stehengeblieben?«
    »Bei den Fingerabdrücken«, sagte Mordent, der, am oberen
    Ende des langen Tisches neben Danglard sitzend, nichts
    Unangenehmes gerochen hatte.
    »Genau. Fahren Sie fort, Commandant.«
    »Die Fingerabdrücke«, und Mordents Reiherblick überflog
    seine Notizen mit schnellen, ruckartigen Kopfbewegungen,
    »passen zur einen wie zur anderen Version. Alles ist
    abgewischt. Entweder von Bouzid oder dem Anwalt, um
    Bouzid zu belasten. Es war nicht ein Haar auf der Kopfstütze.«
    »Nicht einfach«, murmelte Mercadet, dem Estalère gerade
    zwei Tassen Kaffee auf einmal serviert hatte, beide
    randvoll.
    »Weshalb wir uns entschieden haben, Sie schon etwas vor
    der Zeit zurückzurufen«, ergänzte Danglard.
    Er war es also, schloss Adamsberg. Danglard, der ihn
    aus seinem sanften Schlingern gerissen und so dringlich
    zurückbeordert hatte. Der Kommissar beobachtete seinen
    ältesten Stellvertreter und kniff dabei die Augen leicht zu.
    Danglard hatte Angst um ihn gehabt, das stand fest.
    »Kann ich Bilder von den beiden Männern sehen?«,
    fragte er.
    »Sie haben die Fotos gesehen«, meinte Froissy, aber
    drehte ihren Bildschirm noch einmal in seine Richtung.
    »Ich will sie in Bewegung sehen, während der Befragungen.«
    »An welchem Punkt der Befragungen?«
    »Egal. Sie können sogar den Ton wegnehmen. Ich will nur
    ihren Gesichtsausdruck sehen.«
    Danglard spannte sich. Von jeher hatte Adamsberg diesen
    entsetzlichen Hang, Menschen nach ihren Gesichtern zu
    beurteilen, darin das Gute vom Bösen zu trennen, was Danglard
    ihm laut vorwarf. Adamsberg wusste es und spürte,
    wie sein Stellvertreter sich verkrampfte.
    »Tut mir leid, Danglard«, und dabei lächelte er auf seine
    schräge Art, die widerstrebende Zeugen verführte, ja mitunter
    sogar Gegner entwaffnete. »Heute habe nun mal ich
    ein Zitat zu meiner Rechtfertigung. Ich fand das Buch in
    Reykjavík, jemand hatte es auf einem Stuhl liegen lassen.«
    »Nämlich?«
    »Augenblick, ich weiß so was ja nicht auswendig«, sagte
    er, während er in seinen Taschen wühlte. »Hier: ›Das gewohnte
    Leben prägt die Seele, und die Seele prägt die Physiognomie.‹
    «
    »Balzac«, brummte Danglard.
    »Genau. Und den lieben Sie, Commandant.«
    Adamsbergs Lächeln wurde noch breiter, er faltete das
    Blatt zusammen.
    »Und in welchem Buch steht das?«, fragte Estalère.
    »Aber das ist doch völlig egal, Brigadier!«, sagte Danglard.
    »Es war«, wandte Adamsberg zur Verteidigung Estalères
    ein, »die Geschichte eines braven, nicht sehr schlauen Pfarrers
    und einiger gehässiger Seelen, die den Pfarrer am Ende
    zur Strecke bringen. Sie spielte, glaube ich, in Tours.«
    »Und der Titel?«
    »Den weiß ich nicht mehr, Estalère.«
    Enttäuscht warf Estalère seinen Stift hin. Er verehrte
    Adamsberg, ebenso wie die mächtige Retancourt, das genaue
    Gegenstück zu Adamsberg, und er versuchte den Kommissar
    in allem nachzuahmen, so zum Beispiel auch dieses Buch
    zu lesen. Den Wunsch, Retancourt nachzueifern, hatte er
    dagegen instinktiv fallen gelassen. Denn mit ihr konnte es
    kein Mann und keine Frau aufnehmen, selbst der überhebliche
    Noël hatte es am Ende begriffen. Danglard kam dem
    jungen Mann schließlich zu Hilfe.
    »Die Novelle heißt Der Pfarrer von Tours
    »Danke«, sagte Estalère herzlich und notierte es stockend,
    denn er war Dyslektiker und hatte Schwierigkeiten beim
    Schreiben. »Mit dem Titel allerdings hat Balzac sich kein
    Bein ausgerissen.«
    »Von einem Balzac, Estalère, sagt man nicht, dass er sich
    ›kein Bein ausgerissen‹ hat.«
    »Verstehe, Commandant. Ich werde es nicht noch mal
    sagen.«
    Adamsberg drehte sich zu Froissy um.
    »Also, Froissy, zeigen Sie mir nun mal die Visagen der
    beiden Burschen. Und während ich sie mir ansehe, können
    Sie alle Ihre Pause machen.«

    Zehn Minuten später, er saß allein vor dem Bildschirm,
    wurde Adamsberg sich bewusst, dass er bis auf die allerersten
    Bilder von Maître Carvin nichts gesehen, nichts gehört
    hatte. Der Isländer Brestir hatte ihn unter dem beifälligen
    Blick der anderen Seeleute aufgefordert, mit zum Fischen
    zu kommen. Eine große Ehre für einen Fremden, so viel
    stand fest, eine Ehre, die man dem Besieger jenes teuflischen
    Inselchens erwies, dessen schwarzes Relief man wenige
    Kilometer vorm Hafen liegen sah. Adamsberg durfte,
    kaum waren die Netze eingeholt, beim Sortieren der Fische
    mithelfen, wobei sie die jungen Fische, die trächtigen Weibchen
    und alles Ungenießbare ins Meer zurückwarfen. Dort
    auf dem glitschigen Deck, die Hände im Netz, sich die Haut
    an den Schuppen aufschürfend, hatte er diese zehn Minuten
    verbracht. Brutaler Schnitt, er sah vor sich wieder das
    Gesicht von Maître Carvin, versetzte den Rechner in den
    Ruhemodus und ging hinaus zu seinen über den großen
    Büroraum verstreuten Mitarbeitern.
    »Und?«, fragte Veyrenc.
    »Noch zu früh, um etwas sagen zu können«, erwiderte
    Adamsberg ausweichend. »Ich muss mir das noch mal
    anschauen.«
    »Natürlich«, sagte Veyrenc lächelnd. Feucht, glitschig,
    dachte er, man kriegte ihn einfach nicht zu fassen.
    Adamsberg bedeutete Froissy, dass er an ihren Laptop
    zurück kehrte, unterbrach sich aber dann.
    »Es stinkt wirklich«, sagte er. »Und es kommt aus diesem
    Raum.«
    Mit um zehn Zentimeter erhobener Nase begann der
    Kommissar durch den Saal zu gehen, wie ein Polizeihund
    dem ekelerregenden Geruch hinterherschnüffelnd, und
    blieb schließlich vor Voisenets Schreibtisch stehen. Voisenet
    war Polizist, und sogar ein sehr guter, aber seit seiner
    Jugend auch leidenschaftlicher Ichthyologe, was zu seiner
    Laufbahn zu machen sein Vater ihm jedoch vehement untersagt
    hatte, so dass er seiner Passion nur heimlich frönen
    konnte. Den Begriff »Ichthyologie« hatte Adamsberg
    sich schließlich sogar gemerkt: Voisenet war Spezialist
    für Fische, insbesondere Süßwasserfische. Man hatte sich
    daran gewöhnt, dass auf seinem Schreibtisch immer alle
    möglichen Fachzeitschriften und Artikel herumlagen, und
    Adamsberg tolerierte es in gewissen Grenzen. Aber es war
    das erste Mal, dass echter, übler Fischgeruch von Voisenets
    Territorium ausging. Stutzig geworden, lief Adamsberg um
    den Schreibtisch herum und zog einen großen Gefrierbeutel
    unter dem Stuhl hervor. Voisenet, ein kurzbeiniger kleiner
    Mann mit schwarzem Haar, kugeligem Bauch und vollen
    roten Wangen, richtete sich mit aller Würde auf, die seine
    Statur ihm erlaubte. Ein verhöhnter, zu Unrecht beschuldigter
    Mann, wollte er mit seiner Haltung sagen.
    »Das ist privat, Kommissar«, sagte er laut.
    Adamsberg riss mit einem Ruck die Klammern auf, die
    den Beutel verschlossen, und öffnete ihn weit. Er schrak zurück
    und ließ das Ganze los, das mit schwerem, weichem
    Geräusch auf den Boden fiel. Es war Jahre her, dass der
    Kommissar vor etwas zurückgeschreckt war. Seine wenig
    nervöse, um nicht zu sagen infranervöse Natur konnte so
    leicht nichts erschüttern. Doch außer dem pestilenzialischen
    Gestank, der dem Beutel entstieg, hatte der grässliche Anblick
    seines Inhalts ihm diesen Schock versetzt. Der widerliche
    Kopf eines Tieres mit starrem Blick und aufgerissenem,
    riesigem Maul, das mit Furcht erregenden Zähnen
    geharnischt war.
    »Was ist das für ein Dreckzeug?«, schrie er.
    »Das ist mein Kescher«, erklärte Voisenet.
    »Es ist nicht Ihr Kescher!«
    »Es ist eine Muräne, eine gefleckte Muräne aus dem Atlantik
    «, erwiderte Voisenet selbstbewusst. »Genauer gesagt,
    ein Muränenkopf mit sechzehn Zentimetern Körper. Und
    das ist weiß Gott kein Dreckzeug, sondern ein wunderschönes
    Exemplar von einem männlichen Tier, das eine Länge
    von 1,55 Meter hatte.«
    Wutausbrüche von Adamsberg waren so selten, dass
    die Mitarbeiter betroffen aufstanden und brabbelnd und
    mit zugehaltener Nase an dem Tier vorbeidefilierten, sich
    aber auch sofort wieder abwandten. Selbst der hartgesottene
    Lieu tenant Noël murmelte: »Hier darf man ja wohl mal sagen,
    dass die Natur ihr Ding vermasselt hat.« Nur
    die stämmige, robuste Retancourt zeigte keinerlei Reaktion
    angesichts des abstoßenden Fischkopfes und kehrte unbeeindruckt
    an ihren Platz zurück. Danglard lächelte verstohlen,
    er war entzückt über den Vorfall, der, so meinte er, den
    Kommissar brutal in die Wirklichkeit zurückholte, in das
    Reich der echten Emotionen. Adamsberg aber war verärgert
    über sich. Er bedauerte, dass er die Insel Grímsey verlassen
    hatte, bedauerte, dass er zusammengezuckt und laut geworden
    war, bedauerte, dass er sich nur so halbherzig für den
    grauenvollen Tod der kleinen Frau unter den Rädern eines
    SUV interessierte.
    »Aber eine Muräne, das ist schon was«, sagte Estalère,
    fassungsloser denn je.
    Voisenet nahm seinen Gefrierbeutel mit Würde wieder
    an sich.
    »Ich bringe den Fisch zu mir nach Hause«, sagte er und
    maß seine Kollegen mit verächtlichem Blick wie eine Horde
    bornierter, in ihren Vorurteilen befangener Gegner.
    »Gute Idee«, sagte Adamsberg, der sich schon fast beruhigt
    hatte. »Ihre Frau wird sich über das Mitbringsel freuen.«
    »Ich lasse ihn von meiner Mutter zubereiten.«
    »Das zeugt von Verstand. Mütter verzeihen alles.«
    »Ich habe nicht wenig dafür gezahlt«, wandte Voisenet ein,
    dem daran gelegen war, den Wert seines Fisches zu beweisen.
    »Mein Händler führt mitunter recht außergewöhnliche
    Stücke. Vor zwei Monaten hatte er einen ganzen Schwertfisch
    im Angebot, mit einem Schwert von einem Meter
    Länge. Ein Traum. Aber ich konnte ihn mir nicht leisten. Bei
    der Muräne hat er mir einen guten Preis gemacht, weil sie
    schon zu verderben begann. Da habe ich zugeschlagen.«
    »Kann man verstehen«, sagte Adamsberg. »Schaffen Sie
    mir das Viech auf der Stelle hier raus, Voisenet. Sie hätten
    das Ding ja auch draußen in den Hof legen können. Wir
    werden drei Tage brauchen, die Räume zu lüften.«
    »In den Hof? Damit man ihn mir klaut?«
    »Immerhin«, wiederholte Estalère, »so eine Muräne, das
    ist schon was.«
    Voisenet nickte dem Brigadier dankbar zu. Er glitt hinter
    seinen Schreibtisch, und mit raschem, beinahe verstohlenem
    Griff schaltete er seinen Bildschirm aus. Dann verließ
    er den Ort ohne alle Eleganz – die besaß er nicht –, aber
    doch mit einer gewissen Forschheit, seine schwere Trophäe
    am Arm schwenkend, voller Verachtung für die Banausen-
    Truppe seiner Kollegen. Aber konnte man von Bullen etwas
    anderes erwarten?
    »Und ihr anderen, macht alle weit die Fenster auf!«, befahl
    Adamsberg. »Kommen Sie, Froissy, wir sehen uns den
    Mitschnitt noch mal von vorne an.«
    »Ist Ihnen etwas aufgefallen?«
    »Vielleicht«, log Adamsberg. »Einen kleinen Moment,
    bitte, warten Sie.«
    Misstrauisch trat der Kommissar noch einmal hinter den
    Schreibtisch seines Ichthyologen-Kollegen. Warum hatte
    Voisenet seinen Bildschirm ausgeschaltet, bevor er ging?
    Er schaltete ihn wieder ein, es erschien die zuletzt von ihm
    konsultierte Website. Da waren weder eine Muräne zu
    sehen noch irgendwelche polizeilichen Vermerke. Dafür das
    Foto einer kleinen braunen, nicht sonderlich interessanten
    Spinne. Unbefriedigt ging er nacheinander alle Seiten
    durch, die der Lieutenant zuletzt im Internet aufgerufen
    hatte. Spinne, Spinne, immer die gleichen zoologischen Artikel,
    Verbreitung in Frankreich, Lebensweise und
    Ernährungsgewohnheiten, Gefährlichkeit, Paarungszeiten, dazu
    Zeitungsausschnitte jüngeren Datums mit reißerischen
    Überschriften: Kehrt die Einsiedlerspinne zurück? Ein Mann
    in Carcassonne durch Spinnenbiss ums Leben gekommen. –
    Müssen wir uns fürchten vor der Braunen Einsiedlerspinne?
    Ein zweites Opfer in Orange.

    Adamsberg unterbrach seine Lektüre. Froissy wartete,
    elegant, sehr gerade, sehr schlank. Gemessen an der Menge
    der Nahrungsmittel, die sie vertilgte – in aller Heimlichkeit,
    wie sie meinte –, getrieben von der panischen Angst,
    es könnte ihr mal an irgendetwas fehlen, blieb die
    Vollkommenheit ihrer Figur ein Rätsel.
    »Lieutenant«, sagte Adamsberg zu ihr, »erfassen Sie mir
    mal sämtliche Dateien, die Voisenet sich in den letzten drei
    Wochen angesehen hat. Und die was mit einer Spinne zu
    tun haben.«
    »Was für einer Spinne?«
    »Der Einsiedlerspinne. Oder auch Violinen-Spinne. Kennen
    Sie sie?«
    »Mitnichten.«
    »Spinnen sind nicht sein Forschungsgebiet. Er hat uns
    schon zur Genüge mit Nebelkrähen, Siebenschläferkot und
    Fischen unterhalten, dafür ist er bekannt, aber mit Spinnen
    noch nie. Ich würde gern wissen, wo unser Lieutenant sich
    so herumtreibt.«
    »Es ist nicht sehr korrekt, im Rechner eines Kollegen herumzuschnüffeln.«
    »Sehr nicht. Aber ich möchte es sehen. Können Sie mir
    das Ganze auf meinen Rechner schicken?«
    »Selbstverständlich.«
    »Perfekt, Froissy. Und hinterlassen Sie keine Spuren.«
    »Ich hinterlasse nie Spuren. Und was soll ich den Kollegen
    sagen, die mich fragen werden, was ich an Voisenets
    Computer mache?«
    »Sagen Sie, er habe Sie auf einen Programmierfehler aufmerksam
    gemacht. Und Sie nutzten seine Abwesenheit, um das in Ordnung
    zu bringen.«
    »Er stinkt mächtig, sein Schreibtisch.«
    »Ich weiß, Froissy, ich weiß.«

    3

    Diesmal konnte Adamsberg sich auf die Befragungen des
    Proletariers Nassim Bouzid und des hochmütigen Maître
    Carvin konzentrieren. Mehrmals ließ er einige Passagen
    durchlaufen, in denen der Anwalt ohne die geringste Scheu
    sein Überlegenheitsbewusstsein und seinen Zynismus ausspielte.
    Seine »Strategie«, wie Mordent gesagt hatte, aber vor allem
    sein Temperament. Adamsberg meinte, dass der
    Commandant sich über die wahre Natur dieser Strategie
    täuschte.

    Mordent: Ihr Bankkonto weist ein Guthaben von vier
    Millionen zweihundertsechsundsiebzigtausend Euro
    auf. Davon waren Sie vor nicht mal sieben Jahren
    weit entfernt.

    Carvin: Sie haben doch von der massenhaften Rückkehr
    der Steuerflüchtlinge gehört? Die sich bemühen,
    ihre Steuerbereinigung gegenüber dem Staat zu den
    bestmöglichen Bedingungen zu verhandeln? Nun, das
    ist das reinste Manna für einen Anwalt, glauben Sie
    mir. Vorausgesetzt, er hat die entsprechende Fachkompetenz.
    In puncto Recht, natürlich, aber vor allem
    was die Schliche des Rechts angeht. Geist und Buchstabe
    des Gesetzes, Sie verstehen? Ich favorisiere den
    Geist in seiner unendlichen Geschmeidigkeit.

    Voisenet: …
    Carvin: Aber ich sehe nicht, was das mit dem Tod
    meiner Frau zu tun hat.

    Mordent: Nun, ich frage mich, warum Sie mit einem
    solchen Vermögen noch immer zur Miete in dieser
    Dreizimmer-Parterrewohnung in der tristen Impasse
    des Bourgeons wohnen.

    Carvin: Was hat das schon zu sagen? Ich verbringe
    meine Tage in der Kanzlei, einschließlich der Wochenenden.
    Ich komme spät nach Hause, und dann schlafe ich.

    Voisenet: Essen Sie zu Hause zu Abend?
    Carvin: Selten. Meine Frau ist zwar eine gute Köchin,
    aber man muss an seinem Netzwerk arbeiten. Das
    Netzwerk ist für unsereinen der Garten.


    »Plumpe Anspielung auf Voltaire«, murmelte Danglard, der
    hinter Adamsberg getreten war. »Als wäre dieser Schnösel
    auch nur irgendwie berufen, ihn zu zitieren.«
    »Ein Ekel«, sagte Adamsberg.
    »Aber er schafft es, Voisenet aus dem Konzept zu bringen.«

    Voisenet: …
    Carvin: Lassen Sie’s sein, Lieutenant. Ich warte
    immer noch darauf, dass Sie mir den Zusammenhang
    mit dem Tod meiner Frau erklären.

    Mordent: Wie ein großer König einst auf seine
    Kutsche wartete.


    Man sah, wie Carvin mit den Schultern zuckte. Danglard
    verzog das Gesicht.
    »Guter Versuch«, sagte er, »aber an der falschen Stelle.
    Carvin hat sie alle beide abgehängt.«
    »Warum haben nicht Sie die Befragung durchgeführt,
    Danglard?«
    »Ich wollte, dass Carvin vor uns das ganze Spektrum seiner
    Vernichtungstaktik sichtbar werden lässt. Vernichtung
    der Bullen, vielleicht auch seiner Frau. Dass er auf diese
    Weise seine verborgene Gewaltbereitschaft zu erkennen
    gibt. Aber ich begreife nicht, worauf er hinauswill. Dass er
    die Bullen demütigt, macht es ihm doch auch nicht leichter,
    sie in die Tasche zu stecken, im Gegenteil.«
    »Er demütigt sie nicht, Danglard, er beherrscht sie. Das ist
    etwas ganz anderes. Unser Zoologe Voisenet würde Ihnen
    sagen, dass das Rudel der Polizisten dem Willen des dominanten
    Männchens, Carvin, mit gesenktem Haupt folgen wird.
    Weil Carvin das, hierarchisch gesprochen, dominante
    Männchen der Brigade – Commandant Mordent – besiegt
    hat. Sie, Danglard, sind nur nicht so empfänglich für Carvins
    Attacken, weil Sie selbst ein Alphatier sind.«
    »Ich?«
    »Já.«
    Danglard schwieg verwirrt, nahm er sein Leben doch eher
    als Verkettung von Ängsten und Unzulänglichkeiten wahr,
    ausgenommen seine fünf Kinder.
    »Es war zweifellos ein Fehler von Ihnen, Danglard, dass
    Sie nicht selbst die Federführung bei dieser Befragung
    übernommen haben. Sie hätten den Herrn Advokaten an die
    Wand gespielt, und die Brigade hätte sich stärker gefühlt.
    Mögen unsere Leute ihn auch spöttisch behandeln, sagen,
    dass er ein ›Ekel‹ ist – was stimmt –, sie sind ihm dennoch
    partiell ergeben. Und darum nicht sehr geeignet, über den
    Urheber dieses Verbrechens sachlich zu urteilen.«
    »Es ist keiner eine dominante Person, nur weil er hier und
    da ein bisschen Voltaire oder Nietzsche zu zitieren weiß.«
    »Es kommt immer auf den Kontext an. In unserem Fall
    setzt Carvin auf den Umstand, dass eine Polizeibrigade
    nicht unbedingt ein Ort ist, wo der Geist Funken schlägt.
    Also greift er uns mit genau dieser Waffe an, trifft uns an
    unserem schwächsten Punkt. Verdammt, Danglard, dieses
    Gefecht hätten Sie führen müssen.«
    »Tut mir leid, so habe ich die Dinge nicht gesehen.«
    »Noch ist es nicht zu spät.«

    Mordent: Aber Ihre Frau verbrachte jeden Abend und
    jeden Morgen zu Hause. Seit wie vielen Jahren?

    Carvin: Seit über fünfzehn Jahren.
    Mordent: Haben Sie niemals in Erwägung gezogen, ihr
    ein lichteres Zuhause zu bieten, in einem weniger einsamen
    Viertel, wenn sie so spät am Abend heimkehrte?

    Carvin: Commandant, man reißt eine Napfschnecke
    nicht von ihrem Felsen.

    Mordent: Das heißt?
    Carvin: Wenn ich den Fehler begangen hätte, meine
    Frau aus diesem Viertel herauszuholen, hätte ich ihre
    Wurzeln wie mit der Axt gekappt. Ihretwegen habe
    ich diese Wohnung behalten. In den hohen Räumen
    der Haussmann’schen Boulevards hätte sie jeden
    psychosozialen Halt verloren.

    Voisenet: Glauben Sie nicht an die Macht der
    Anpassung? Durch die sich Intelligenz ja definiert?


    »Voisenet versucht Boden zu gewinnen«, meinte Adamsberg.
    »Jetzt ist er auf seinem Gebiet: dem der Viecher.«
    »Und es wird keinerlei Wirkung haben.«
    »Ich weiß. Diese Stelle habe ich mir schon zweimal angesehen.«

    Carvin: Meine Frau war nicht intelligent, Lieutenant.
    Mordent: Und warum haben Sie sie dann geheiratet?
    Carvin: Wegen ihres Lachens, Commandant. Ich
    selbst lache nicht. Und dieses erfrischende Lachen
    schlug jeden in seinen Bann, sogar den Araber. Es
    war kein ordinäres Lachen, es brach nicht wie ein
    Sturzbach, eine Kaskade aus ihr heraus, es perlte in
    Tropfen, ein Seurat, wenn Sie so wollen.

    Mordent: …
    Carvin: Und dieses Lachen wird mir fehlen.
    Voisenet: Nicht so wie die zwei Millionen, die sie im
    Fall einer Scheidung mitgenommen hätte.

    Carvin: Ein so vitales Lachen lässt sich nicht beziffern.
    Selbst als geschiedener Mann – und so weit waren wir
    noch gar nicht – hätte ich weiterhin mein Quäntchen
    aus diesem Quell schöpfen wollen«.


    »Mir reicht’s«, sagte Adamsberg und hielt das Video mit
    einem energischen Mausklick an.
    »Und Nassim Bouzid?«
    »Den habe ich.«
    »Und was meinen Sie nun zu den beiden Kerlen? Was
    lesen Sie in ihren ›Visagen‹?«
    »Es gibt Zeichen, Falten, Markierungen, Gesten. Aber
    das reicht nicht aus. Bevor ich heute Morgen in die Brigade
    kam, bin ich die Strecke zwischen der Spielhalle und dem
    Tatort hin und zurück abgelaufen. Und da habe ich etwas
    Interessantes bemerkt.«
    »Wir haben die Zeit schon gestoppt.«
    »Das meine ich nicht, Danglard. Ich meine die Reste von
    Splitt, die da noch auf einer Baustelle liegen.«
    »Und?«
    »Wir sind uns doch darüber einig, dass unter den Milliarden
    Löwenzahnpflanzen, die auf dieser Erde wachsen, es
    keine zwei gleichen gibt?«
    »Gewiss.«
    »Dasselbe gilt für Autofahrer. Keine zwei Fahrer, die
    einander gleichen. Bestellen Sie Löwenzahn Nummer 1,
    Carvin, zu 14 Uhr, und Löwenzahn Nummer 2, Bouzid, zu
    15 Uhr in die Brigade. Wir werden eine Runde drehen. Und
    lassen Sie die Leute von der Spurensicherung kommen, sie
    sollen da sein, wenn ich zurückkomme.«
    »Sehr gut, dann bleibt uns ja noch genügend Zeit, um
    essen zu gehen.«
    »Drekka, borða«, sagte Adamsberg lächelnd. [Trinken,
    essen.]
    Na gut, sagte sich Danglard. Jetzt sprach Adamsberg
    schon Isländisch – wie hatte er diese paar Wörter bloß gelernt?
    Doch seit dem Zwischenfall mit der Muräne sah es
    ja so aus, als sei er wieder ein wenig bei ihnen angekommen.
    »Noch etwas, Danglard«, sagte Adamsberg im Aufstehen.
    »Gegen 14.30 Uhr, wenn ich mit Carvin von der Spazierfahrt
    zurück bin, werden Sie ihn befragen. Aber diesmal
    schlagen Sie ihn mit seinen eigenen Waffen. Ich will,
    dass er von seinem hohen Ross herunterkommt. Anschließend
    soll sich die ganze Brigade die Aufzeichnung anhören.
    Das wird sie wieder zur Vernunft bringen. Ich will,
    dass jeder unserer Mitarbeiter für Carvin wie für Nassim
    Bouzid die gleiche Wahrnehmung entwickelt. Also, gehen
    Sie mit seinen eigenen Waffen gegen ihn vor und zertreten
    Sie ihn.«
    Danglard verließ den Raum mit etwas weniger schlaffem
    Schritt als sonst, auf etwas festeren Beinen, ein klein wenig
    aufgehellt durch seinen neuen Rang als »Alphatier«, an den
    er mitnichten glaubte.
    Und diese Sache mit dem Splitt hatte er absolut nicht verstanden.

    4

    Maître Carvin war ein kaltblütiger Mensch, weder ungeduldig
    noch cholerisch, und als Lamarre und Kernorkian zu ihm
    in die Kanzlei kamen und ihn mitten in der Arbeit unterbrachen,
    um ihn in die Brigade mitzunehmen, bat er
    sie, fünf Minuten zu warten, damit er eine Seite beenden
    konnte, dann folgte er ihnen widerstandslos.
    »Worum geht es diesmal?«, fragte er.
    »Der Kommissar«, begann Kernokian zu erklären.
    »Oh, der! Er ist also zurück? Ich habe so einiges über ihn
    gehört.«
    »Er will Sie sehen, Sie und Nassim Bouzid.«
    »Vollkommen normal. Ich bin bereit, ihm Rede und Antwort
    zu stehen.«
    »Ich glaube gar nicht mal, dass er mit Ihnen reden will, er
    will im Auto mit Ihnen eine Runde fahren.«
    »Was schon nicht mehr ganz so normal ist. Aber ich
    nehme an, er weiß, was er tut.«

    Adamsberg hatte in seinem Büro zu Mittag gegessen und
    dabei noch einmal den Bericht gelesen, den er auf dem
    Flughafen von Reykjavík erhalten hatte. Er las wie üblich
    im Stehen, in dem kleinen Raum auf und ab gehend. Der
    Kommissar arbeitete selten im Sitzen, wenn es sich denn
    vermeiden ließ. Und während er las, wobei er jedes Wort
    leise vor sich hin murmelte – was seine Zeit brauchte –,
    konnte er nicht verhindern, dass Voisenets kleine Spinne
    ihm durchs Gemüt lief, immer von links nach rechts. Sie
    lief sehr bedächtig, wie um nicht bemerkt zu werden, um
    nicht zu stören. Aber stören tat sie bereits, seit Adamsberg
    wusste, dass sie durch Froissys Talent nun auch in seinem
    eigenen Rechner wohnte. Er legte den Bericht auf den Tisch
    und schaltete den Bildschirm ein. Lieber gleich wissen, was
    es mit dieser Spinne auf sich hatte, dann sollte sie sich aus
    dem Staub machen. Lieber gleich wissen, was Voisenet mit
    diesem Tierchen im Sinn hatte, selbst heute Morgen noch,
    als er doch voll auf die bevorstehende Versammlung hätte
    konzentriert sein müssen wie auch auf das Problem mit seiner
    vor sich hin gammelnden Muräne. Warum also hatte er
    dennoch ein weiteres Foto der Einsiedlerspinne aufgerufen?
    Immer noch im Stehen öffnete er die Datei, die Froissy
    ihm auf seinen Rechner überspielt hatte, und sah sich die
    Vorgeschichte an: Schon seit achtzehn Tagen beobachtete
    der Lieutenant seine Spinne. Heute Morgen hatte er die
    wichtigsten Lokalzeitungen des Departements Languedoc-
    Roussillon durchgesehen und erneut verschiedene
    Diskussionsforen zum Thema überflogen. In denen wurde ziemlich
    erbittert über die zurückgezogen lebende Spinne debattiert.
    Da trafen die Ängstlichen, die angeblichen Kenner, die
    Pragmatiker, die Umweltschützer, die Panikmacher aufeinander.
    Voisenet hatte sogar noch Nachrichten aus dem
    vergangenen Sommer hochgeladen, wo in derselben Region
    sechs nicht tödliche Bisse von Einsiedlerspinnen Panik gesät
    hatten bis hinauf in einige überregionale Wochenzeitungen.
    Und das alles, weil ein von irgendwoher aufgetauchtes Gerücht
    seinen üblen Atem verbreitete: War die Braune Einsiedlerspinne
    aus Amerika in Frankreich angekommen? Die
    nämlich galt als gefährlich. Wo hielt sie sich auf, und wie
    zahlreich war sie? Es gab ein maßloses Geschrei, bis eine seriöse
    Forscherin auf den Plan trat und dem Ganzen ein Ende
    setzte: Nein, die amerikanische Spinne hatte sich in Frankreich
    nicht blicken lassen. Eine ihrer Verwandten hingegen
    hatte hier schon immer gelebt, im Südosten des Landes, und
    sie war nicht giftig. Zumal sie, von Natur aus ängstlich und
    nicht aggressiv, zurückgezogen in ihrem Loch lebte und das
    Risiko, mit einem menschlichen Wesen zusammenzutreffen,
    daher eher selten war. Um die aber handelte es sich,
    um keine andere, Loxosceles rufescens – den Namen konnte
    Adamsberg nicht mal murmelnd aussprechen.
    Bis im Frühjahr besagte kleine Spinne zwei alte Männer
    biss. Aber diesmal starben die Gebissenen daran. Diesmal
    also hatte die Einsiedlerin sehr wohl getötet. Die Tode, so
    meinten einige, seien allein dem hohen Alter der Opfer geschuldet.
    Darüber war eine Polemik entbrannt, die schon
    wieder über hundert Seiten füllte, nach allem, was Adamsberg
    in der Eile feststellen konnte. Er warf einen Blick auf
    die Uhr des PC. 13.53 Uhr, Maître Carvin würde gleich in
    der Brigade sein. Er durchquerte den Büroraum, der trotz
    der geöffneten Fenster noch immer stank, und nahm sich
    aus dem Schrank den Schlüssel des einzigen Spitzenklassewagens,
    den die Brigade besaß. Was mochte Voisenet nur an dieser
    verdammten Spinne finden? Zwei Männer waren
    gestorben, gewiss, ihre geschwächte Immunkraft war dem
    Gift nicht gewachsen gewesen, klar, aber musste der Lieutenant
    deswegen die Situation seit nunmehr fast drei Wochen
    Tag für Tag verfolgen? Es sei denn, eines der Opfer war ein
    ihm nahestehender Mensch, ein Freund oder Angehöriger.
    Adamsberg verscheuchte die Einsiedlerin aus seinen Gedanken
    und beeilte sich, den Anwalt draußen auf dem Bürgersteig
    abzufangen, bevor seine vergesslichen Beamten ihn in
    den faulig riechenden Raum führen würden, der das
    Großraumbüro zurzeit war.

    »Sie holen den Galaschlitten für ihn raus, Kommissar?«,
    warf ihm Retancourt im Vorbeigehen zu. »Sind Sie dem
    hochmütigen Charme des Herrn Anwalt nun auch schon
    erlegen?«
    Adamsberg neigte den Kopf und sah sie lächelnd an.
    »Haben Sie mich schon vergessen, Retancourt? In nur
    siebzehn Tagen?«
    »Nein. Da muss ich wohl was verpasst haben.«
    »Ja, Lieutenant. Den Splitt auf dem Weg zurück in die
    Spielhalle.«
    »Den Splitt«, wiederholte sie nachdenklich. »Mehr können
    Sie mir wohl nicht sagen?«
    »Aber sicher. Es gibt keine zwei Löwenzahn auf Erden
    und auch keine zwei Autofahrer, die sich absolut gleichen,
    das ist alles.«
    »Das ist alles. Und da befürchtete Danglard, Sie hätten
    sich verändert.«
    »Vermutlich ist es schlimmer geworden mit mir, aber kein
    Grund zur Aufregung. Sagen Sie«, fügte er hinzu und ließ
    die Autoschlüssel an seinen Fingerspitzen baumeln, »was
    halten Sie davon, wenn einer seinen zweiten Autoschlüssel
    verliert? Das ist jetzt eine ernste Frage.«
    »Und eine sehr einfache. Ein Zweitschlüssel darf nie verloren
    gehen, Kommissar.«
    »Und wenn er’s ist?«
    »Dann sucht man ihn bis zur Erschöpfung. Der zweite
    Autoschlüssel gehört zu den Dingen, die einen um den Verstand
    bringen können.«

    Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg stammt aus einem kleinen Ort in der Provinz Béarn am Fuß der Pyrenäen, wo er mit fünfundzwanzig seine Karriere bei der Polizei begann. Aufgrund seiner für sein Umfeld verblüffenden Fähigkeit, Morde aufzuklären, wurde er erst zum Inspektor, dann zum Kommissar befördert. Mit Mitte vierzig kommt er nach Paris, als Kommissar im 5. Arrondissement (Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord). Adamsberg ist ein „Wolkenschaufler“, der zu aktivem Denken nicht fähig scheint – geduldig wartet er, meist auf langen Spaziergängen, dass Ideen und Erkenntnisse an die Oberfläche seines Bewusstseins treiben. Namen kann er sich nicht merken, und an systematischer Ermittlungsarbeit ist er nicht interessiert, was sein Team oft verzweifeln lässt. Seine Fälle löst Adamsberg vor allem mithilfe seiner außerordentlichen Intuitionsgabe.

    Auch auf ein beeindruckendes Erscheinungsbild legt er keinen Wert, er trägt stets verwaschene T-Shirts oder Hemden und ein zerknittertes schwarzes Leinenjackett. Von kleiner Statur, die Gesichtszüge unregelmäßig, der Blick meist abwesend, ist er dennoch ein anziehender Mann mit seinem vollen Haar und seiner respektvollen und sanften Natur; vor allem, wenn eine Erkenntnis seine Augen aufleben lässt, zieht er die Menschen in seinen Bann.
    Adamsberg begehrt die Frauen, seine große und einzige Liebe jedoch war Camille Forestier, eine unkonventionelle Musikerin und Hobbyklempnerin, die er mit seiner Untreue und gedankenlosen Art oft verletzt hat. Unwissentlich hat er zwei Söhne gezeugt: einen mit Camille – Tom, von dem er erst zufällig nach dessen Geburt erfährt (Der vierzehnte Stein) und um den er sich sporadisch kümmert; und einen in seiner Jugend in den Pyrenäen, mit einem Mädchen, an das er sich nicht mal erinnert – Zerk (eigentlich Armel), den er kennenlernt, als dieser bereits neunundzwanzig ist (Der verbotene Ort).

    Adamsberg verfügt nicht nur über einen außergewöhnlichen Instinkt, sondern auch über eine besonders scharfe Beobachtungsgabe. Dazu haben seine Hände eine erstaunliche, beruhigende Wirkung: Indem er jemandem, ob Mensch oder Tier, über den Kopf streichelt, bringt er ihn augenblicklich zum Einschlafen. Adamsberg ist offen gegenüber Dingen, die nicht mit dem Verstand zu erklären sind, und so passt es, dass in seinen Fällen regelmäßig vermeintlich übernatürliche Elemente und das Fantastische eine Rolle spielen.

    Der Kommissar hat mitten in Paris ein kleines, altes Haus erworben (Die dritte Jungfrau), in dessen Garten er oft abends mit seinem Nachbarn Lucio sitzt und Bier trinkt. Der alte Lucio hat als Kind im Spanischen Bürgerkrieg einen Arm verloren; an diesem Arm hatte er einen Spinnenbiss, den er noch nicht fertig gekratzt hatte. Daher rührt sein Ratschlag, den er Adamsberg regelmäßig mit auf den Weg gibt, dass man immer zu Ende kratzen muss, weil die Dinge einen sonst nicht loslassen.

    Commandant Adrien Danglard ist Adamsbergs ältester Mitarbeiter und sein Stellvertreter seit den frühen Zeiten im 5. Arrondissement – zudem aber auch sein vollendeter Gegenpol. Er ist durch und durch Rationalist und Logiker, da wo Adamsberg auf die Intuition setzt.

    Und er ist ein wandelndes Lexikon: Ob Literatur, Geschichte, Legenden oder Kuriositäten, Danglards Gehirn beherbergt unglaubliche Schätze an Wissen. Blut kann er nicht sehen, außerdem leidet er unter Flugangst. Adamsberg ist er loyal verbunden, auch wenn die beiden aufgrund ihrer entgegengesetzten Denk- und Arbeitsweisen häufig aneinandergeraten. Mehr als einmal hat sich die Brigade in zwei Lager gespalten, in diejenigen, die dem Kommissar trotz seiner merkwürdigen Ideen und unorthodoxen Ermittlungsmethoden treu ergeben sind, und diejenigen, die wie Danglard auf Logik, Rationalität und klare Beweisführung pochen.

    Dennoch ist Danglard die Wertschätzung seines Vorgesetzten sehr wichtig, er neigt in dieser Hinsicht sogar zur Eifersucht – was in einmal beinahe das Leben gekostet hätte (Die Nacht des Zorns). Seinen Mangel an physischer Attraktivität versucht Danglard durch tadellose, britisch-elegante Kleidung auszugleichen. Er ist dem Weißwein sehr zugetan, der jedoch seine Gedankenschärfe in keinem Augenblick mindert, und zugleich ein liebevoller alleinerziehender Vater von fünf Kindern. Außerdem ist er der Vertraute von Camille, die er zärtlich beschützt, wann immer ihr Leben einen neuerlichen Zusammenbruch erleidet.

    Lieutenant Louis Veyrenc de Bilhc ist wie Adamsberg in einem kleinen Dorf in den Pyrenäen aufgewachsen und versteht ihn meist mühelos, während die Denkweisen des Kommissars den anderen Mitgliedern der Brigade oft ein Rätsel bleiben. Er unterrichtete einst Geschichte und kam ursprünglich zur Brigade, weil er glaubte, mit Adamsberg eine Rechnung offen zu haben (Die dritte Jungfrau).
    Als Kind wurde er von einer Gruppe Jugendlicher überfallen, die ihm die Kopfhaut zerschnitten. An den verletzten Stellen wuchsen seine Haare feuerrot nach, was seine Erscheinung sehr auffällig macht. Er ist ein attraktiver Mann mit schönen Gesichtszügen und einem anziehenden schiefen Lächeln. Ein weiteres seiner Markenzeichen ist, dass er gelegentlich in Versen spricht (ein Erbe seiner Großmutter, die immer Racine-Verse murmelnd durchs Haus gegangen war). Er ist besonnen, liebenswürdig, widerstandsfähig und verfügt über einen schnellen Verstand.

    Lieutenant Violette Retancourt ist die „Allzweckwaffe“ der Brigade. Sie ist von kräftiger Statur – hundertzehn Kilo bei einer Körpergröße von einem Meter vierundachtzig –, hat überraschend zarte Gesichtszüge und trägt ihr blondes Haar zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden. Voller Energie, die sie scheinbar beliebig umwandeln und einsetzen kann, ist sie Adamsbergs Fels in der Brandung und hat ihm bereits mehr als einmal den Hals gerettet. Obwohl sie anfangs eine Abneigung gegen ihn hegte (aufgrund der oft nicht nachvollziehbaren Vorgehensweisen des Kommissars, die sie als Respektlosigkeit dem Team gegenüber empfand), gehört sie nun zu den Mitgliedern der Brigade, die ihm stets loyal zur Seite stehen. Adamsberg selbst war von Beginn an fasziniert von der beeindruckenden, klugen und besonnenen Frau.

    Retancourt verschwendet keine Worte oder Emotionen, ihre soziale Kompetenz ist nicht sehr ausgeprägt, sie hat aber dennoch einen sicheren Blick für die Nöte anderer. Seit sie ihm auf spektakuläre Weise aus einer besonders prekären Lage geholfen hat (Der vierzehnte Stein), verlässt Adamsberg sich blind auf seinen Lieutenant und hegt geradezu liebevolle Gefühle für sie. Er nennt sie seine „vielseitige Göttin“, vergleicht sie mit einem mächtigen Baum, der allen Mitgliedern der Brigade Schutz bietet, und bewundert sie für ihre physische Stärke und ihre scheinbar unerschöpfliche seelische Widerstandskraft.

    Commandant Mordent ist der zweite Stellvertreter Adamsbergs und schon beinahe dreißig Jahre bei der Brigade. Kahlköpfig und mit langem Hals erinnert er ein wenig an einen Reiher. Er ist kompetent, liebenswürdig, redegewandt und kennt sich wie kein anderer mit Märchen und Legenden aus.

    Brigadier Estalère ist nicht der hellste Kopf der Brigade. Mit seinen weit aufgerissenen grünen Augen sieht der junge Mann permanent erstaunt aus. Adamsberg schätzt ihn für seine naive Beobachtungsgabe, die manchmal überraschende Erkenntnisse herbeiführt. Seine wichtigste Aufgabe in der Brigade ist jedoch die Zubereitung des Kaffees, er kennt die Vorlieben aller Kollegen und irrt sich nie. Estalère verehrt Adamsberg und die allmächtige Violette Retancourt.

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