„Vargas schreibt die schönsten und spannendsten Krimis in Europa.“ Tobias Gohlis, DIE ZEIT

Im Süden Frankreichs sterben mehrere Männer – angeblich sind sie dem Biss der Einsiedlerspinne zum Opfer gefallen. Allerdings reicht das Gift einer einzigen Spinne nicht aus, um einen Menschen zu töten. Adamsberg und sein Team von der Brigade Criminelle des 13. Pariser Arrondissements ermitteln. Seine Nachforschungen führen den eigenwilligen Kommissar zu einem Waisenhaus bei Nîmes und zu einer Gruppe von Jungen, die dort in den 1940er-Jahren lebte. Und plötzlich erscheinen die Todesfälle, die bislang nicht als Morde betrachtet wurden, in einem anderen Licht …

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Spannend gelesen von Volker Lechtenbrink

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Leseprobe

"Der Zorn der Einsiedlerin"

1

Adamsberg saß auf einem Felsblock der Hafenmole und sah
den Fischern von Grímsey zu, wie sie von ihrem täglichen
Fang zurückkehrten, anlegten, die Netze hochzogen. Hier
auf der kleinen isländischen Insel nannte man ihn »Berg«.
Seewind, 11 Grad, Sonne leicht verhangen, es stank nach
Fischabfällen. Er hatte vergessen, dass er noch vor einiger
Zeit Kommissar der Brigade criminelle im 13. Arrondissement
von Paris gewesen war, an der Spitze von siebenundzwanzig
Beamten. Sein Telefon war in ein Häufchen Schafköttel
gefallen, und das Tier hatte es ohne böse Absicht mit
einem akkuraten Huftritt noch hineingedrückt. Was eine
beispiellose Art war, sein Handy zu verlieren, Adamsberg
hatte es gebührend zu schätzen gewusst.
Er sah Gunnlaugur, den Besitzer des kleinen Gasthofs, zum
Hafen herunterkommen, wohl um sich die besten Stücke für
das Abendessen auszusuchen. Lächelnd gab er ihm ein Zeichen.
Aber Gunnlaugur schien nicht seinen guten Tag zu haben.
Er beachtete den Beginn der Fischauktion gar nicht, kam
geradewegs auf ihn zu, die blonden Brauen gefurcht, und
reichte ihm ein Papier.
»Fyrir pig«, sagte er und deutete mit dem Finger auf ihn.
[Für dich.]
»Ég?« [Mich?]
Adamsberg, der unfähig war, sich auch nur die einfachsten
Begriffe einer fremden Sprache zu merken, hatte sich auf
der Insel unerklärlicherweise ein Arsenal von annähernd
siebzig Wörtern zugelegt, und das alles in nur siebzehn
Tagen. Man drückte sich im Gespräch mit ihm so einfach
wie möglich aus und untermalte seine Worte mit Gesten.
Aus Paris natürlich, die Nachricht kam aus Paris, woher
sonst. Man rief ihn zurück, was sonst. Traurige Wut stieg in
ihm hoch, er schüttelte den Kopf zum Zeichen der Weigerung
und wandte das Gesicht zum Meer. Aber Gunnlaugur
ließ nicht locker, er faltete das Blatt auseinander und schob
es ihm in die Hand.
Frau mit dem Auto überrollt. Ein Ehemann, ein Geliebter.
Nicht so einfach. Anwesenheit erwünscht. Weitere Informationen
folgen.

Adamsberg senkte den Kopf, er machte die Hand auf und
ließ das Blatt mit dem Wind davontreiben. Paris?
Wieso Paris? Wo lag das überhaupt, Paris?
»Dauður maður?«, fragte Gunnlaugur. [Ein Toter?]
»Já.«
»Ertu að fara, Berg? Ertu að fara?« [Reist du ab, Berg?]
»Nei«, erwiderte er.
»Jú, Berg«, seufzte Gunnlaugur. [Doch, Berg.]
»Já«, gestand Adamsberg.
Gunnlaugur rüttelte ihn an der Schulter und zog ihn mit
sich fort.
»Drekka, borða«, sagte er. [Trinken, essen.]
»Já.«

Der Aufprall des Fahrwerks auf dem Rollfeld von Roissy-
Charles de Gaulle löste bei ihm augenblicklich eine Migräne
aus, wie er sie seit Jahren nicht mehr erlebt hatte, und
gleichzeitig das Gefühl, er würde durchgeprügelt. Es war
die Rückkehr, die Attacke von Paris, der großen steinernen
Stadt. Es sei denn, es waren die Gläser, die er am Abend
zuvor gekippt hatte, als man im Gasthof seinen Abschied
begossen hatte. Dabei waren sie sehr klein gewesen, die
Gläschen. Aber zahlreich. Und es war der letzte Abend. Und
es war Brennivín.
Ein flüchtiger Blick durchs Bullauge. Nur nicht aussteigen,
nicht hingehen.
Er war schon da. Anwesenheit erwünscht.


2

Es war Dienstag, der 31. Mai, sechzehn Beamte der Brigade
saßen bereits Punkt neun im Sitzungssaal, bestens vorbereitet
mit Laptops, Akten und Kaffee, um dem Kommissar den
Verlauf der Ereignisse zu schildern, mit denen sie es unter
Leitung der Commandants Mordent und Danglard in seiner
Abwesenheit zu tun gehabt hatten. Mit ihrer Ungezwungenheit
und dem plötzlich einsetzenden Geplauder bekundete
die Mannschaft ihm ihre Zufriedenheit, dass sie ihn wiederhatte,
sein Gesicht und seine Eigenheiten, ohne dass
man sich fragte, ob sein Aufenthalt dort im Norden Islands,
auf jener kleinen Insel der Nebelbänke und wechselnden
Strömungen, seine Umlaufbahn verändert hatte oder nicht.
Und wenn es so war, auch egal, sagte sich Lieutenant Veyrenc,
der wie der Kommissar zwischen dem Felsgestein der
Pyrenäen aufgewachsen war und ihn mühelos verstand. Er
wusste, dass die Brigade mit dem Kommissar an der Spitze
mehr einem breiten Schoner glich, der manchmal mit starkem
Rückenwind auf sein Ziel zusegelte, manchmal aber
auch mit schlaffen Segeln auf der Stelle dümpelte, als einem
mächtigen Außenborder, der einen Schwall von Gischt hinter
sich lässt.
Commandant Danglard dagegen befürchtete immer irgendetwas.
Er suchte den Horizont nach allen möglichen
Bedrohungen ab, schürfte sich sein Leben an der rauen
Schale seiner Ängste auf. Schon bei Adamsbergs Abreise
nach Island, am Ende einer aufreibenden Ermittlung, hatte
ihn Sorge erfasst. Dass ein gewöhnlicher, allenfalls etwas
erschöpfter Geist sich zur Entspannung in ein nebliges Land
aufmachte, dünkte ihn eine kluge Entscheidung. Sinnvoller
jedenfalls, als in die Sonne des Südens zu reisen, deren
grausames Licht noch die kleinsten Unebenheiten, die geringste
Höhlung eines Kiesels hervorhob, was ganz und gar nichts
Entspannendes hatte. Doch dass ein nebulöser Geist in ein
nebliges Land reiste, erschien ihm dagegen gewagt und voll
möglicher Konsequenzen. Danglard befürchtete gravierende
Spätfolgen, vielleicht sogar unumkehrbare. Er hatte
ernsthaft in Erwägung gezogen, dass durch eine chemische
Fusion der Nebel eines menschlichen Wesens mit denen
eines Landes Adamsberg in Island versinken und nie mehr
wiederkehren würde. Die Nachricht von der Rückkehr des
Kommissars nach Paris hatte ihn ein wenig beruhigt. Als
Adamsberg aber den Raum betrat, mit seinem stets etwas
wogenden Gang, jeden mit einem Lächeln bedachte, Hände
drückte, wurden Danglards Befürchtungen augenblicklich
wieder wach. Windiger und wogender denn je, mit unstetem
Blick und vagem Lächeln, schien der Kommissar alle
genauen Bezugspunkte verloren zu haben, denen seine
Ermittlungen ja doch immerhin folgten wie zwar spärlichen,
aber beruhigenden Wegemarkierungen. Wirbellos, haltlos,
schloss Danglard. Amüsant, noch immer etwas nebelfeucht
fand ihn dagegen Veyrenc.
Der junge Brigadier Estalère, der zuständig war für das
Kaffeeritual, das er zelebrierte, ohne sich jemals zu irren –
sein einziger Exzellenzbereich, wie die meisten seiner Kollegen
fanden –, brachte dem Kommissar sofort seinen Kaffee
mit der adäquaten Zahl von Zuckerstückchen.
»Dann schießen Sie mal los«, sagte Adamsberg mit sanfter,
wie von fern kommender Stimme, die viel zu entspannt
klang für einen Menschen, der sich konfrontiert sah mit
dem Tod einer siebenunddreißigjährigen Frau, die zweimal
von den Rädern eines SUV überrollt worden war, die ihr das
Genick und die Beine gebrochen hatten.
Das war vor drei Tagen passiert, vergangenen Samstagabend
in der Rue du Château-des-Rentiers. Welches Château?
Was für Rentiers?, fragte sich Danglard. Das wusste keiner mehr,
aber der Name klang seltsam in diesem Viertel
des 13. Arrondissements. Er nahm sich vor, den Ursprung
herauszufinden, denn dem enzyklopädischen Geist des
Commandants erschien kein Wissen überflüssig.
»Haben Sie die Akte gelesen, die wir Ihnen zu Ihrer
Zwischenlandung nach Reykjavík geschickt haben?«, fragte
Commandant Mordent.
»Natürlich«, sagte Adamsberg achselzuckend.
Sicher, er hatte sie gelesen während des Fluges von Reykjavík
nach Paris. Aber in Wirklichkeit war er gar nicht in der Lage gewesen,
sich darauf zu konzentrieren. Er wusste, dass die Frau,
Laure Carvin – ausgesprochen hübsche Person,
hatte er insgeheim notiert –, zwischen 22.10 Uhr und
22.15 Uhr von diesem SUV getötet worden war. Die präzise
Mordzeit erklärte sich aus der sehr geregelten Lebensweise
des Opfers. In der Zeit von 14 Uhr bis 19.30 Uhr verkaufte
sie Kinderkleidung in einer Luxusboutique des 15. Arrondissements.
Danach machte sie sich an die Buchhaltung, und um 21.40 Uhr
schloss sie das Ladengitter. Sie überquerte die
Rue du Château-des-Rentiers jeden Tag zur gleichen Zeit,
an der gleichen Ampel, zwei Schritt von ihrem Haus entfernt.
Sie war mit einem reichen Typen verheiratet, einem,
der »es zu etwas gebracht hatte«, doch Adamsberg erinnerte
sich weder an seinen Beruf noch an sein Bankkonto. Und es
war der SUV des Ehemanns, dieses reichen Typen – wie war
noch mal sein Vorname? –, der die Frau überfahren hatte,
daran bestand nicht der geringste Zweifel. Es klebte noch
Blut am Reifenprofil wie auch an den Kotflügeln. Noch am
selben Abend waren Mordent und Justin mit einem Polizeihund
die Fahrstrecke der mörderischen Räder abgegangen,
er hatte sie geradewegs zu dem kleinen Parkplatz einer
Videospielhalle geführt, dreihundert Meter vom Tatort entfernt.
Der leicht hysterische Hund hatte eine Menge Streicheleinheiten
als Belohnung für seine Leistung verlangt.
Der Chef des Etablissements kannte den Besitzer des
blutverschmierten Wagens gut: ein treuer Kunde, der jeden
Samstagabend von ungefähr 21 Uhr bis Mitternacht in seiner
Halle zubrachte. Wenn er eine Pechsträhne hatte, konnte
es vorkommen, dass er bis zur Schließung um 2 Uhr morgens
verbissen vor seinem Gerät hockte. Er hatte ihnen den
Mann auch gezeigt, Jackett, gelöste Krawatte, sehr auffällig
unter all den Kapuzenpullis mit ihren Bierdosen. Der Typ
schlug sich wütend mit einem Bildschirm herum, auf dem
kadaverähnliche titanische Kreaturen auf ihn einstürzten,
die er mit dem Maschinengewehr abknallen musste, um sich
seinen Weg auf den Gewundenen Berg des Schwarzen Königs
zu bahnen. Als die beiden Beamten der Brigade ihn unterbrachen,
indem sie ihm die Hand auf die Schulter legten, schüttelte er heftig
den Kopf, ohne seine Joysticks loszulassen, und schrie, dass er bei
siebenundvierzigtausend sechshundertzweiundfünfzig Punkten,
so dicht vorm Level des Bronzenen Pfads, auf keinen Fall aufhören würde, niemals.
Commandant Mordent musste brüllen, um sich im Lärm
der Automaten und dem Geschrei der Kunden verständlich
zu machen und dem Mann zu eröffnen, dass seine Frau gerade
ums Leben gekommen sei, kaum dreihundert Meter
weit entfernt von einem Auto überfahren. Da war der Mann
über dem Bedienpult zusammengesunken, und das Spiel
war aus. Auf dem Bildschirm erschien mit musikalischer
Untermalung der Satz: »Goodbye, Sie haben verloren.«
»Und nun behauptet der Ehemann«, sagte Adamsberg,
»dass er das Spielcasino nicht verlassen hat?«
»Wenn Sie den Bericht gelesen haben …«, begann Mordent.
»Ich höre es lieber«, fiel Adamsberg ihm ins Wort.
»So ist es. Er habe die Halle nicht verlassen.«
»Und wie erklärt er, dass sein eigener Wagen Blutspuren
trägt?«
»Mit der Existenz eines Liebhabers. Der Liebhaber würde
seine Lebensgewohnheiten kennen, er hätte sich seinen
Wagen ausgeliehen, hätte seine Mätresse überfahren, wäre
danach umgekehrt und hätte das Fahrzeug wieder an derselben
Stelle geparkt.«
»Um ihm den Mord anzuhängen?«
»Genau, da die Bullen stets den Ehemann beschuldigen.«
»Wie war er so?«
»Wie meinen Sie das?«
»Wie hat er reagiert?«
»Er war wie vor den Kopf geschlagen, aber mehr schockiert
als traurig. Später dann, in der Brigade, hat er sich
wieder ein wenig gefasst. Das Paar hatte vor, sich scheiden
zu lassen.«
»Wegen des Liebhabers?«
»Nein«, sagte Noël mit verächtlicher Grimasse. »Weil ein
Mann wie er, ein Anwalt, der so weit nach oben gelangt ist,
sich durch eine Frau aus der Unterschicht behindert sieht.
Wenn man zwischen den Zeilen seiner Rede zu lesen versteht.«
»Und seine Frau«, fügte der blonde Justin hinzu, »fühlte
sich gedemütigt, weil sie von allen Cocktail-Empfängen
und Abendessen, die er in seiner Kanzlei im 7. Arrondissement
für seine Mandanten und seinen Bekanntenkreis gab,
ausgeschlossen blieb. Sie wünschte sich, dass er sie dahin
mitnahm, er lehnte ab. Es gab ständig Szenen deshalb. Sie
hätte nicht ›in den Rahmen gepasst‹, meint er, sie hätte sich
›danebenbenommen‹. Also so einer ist er.«
»Ein Ekel«, sagte Noël.
»Je mehr er sich fasste«, ergänzte Voisenet, »desto angriffslustiger
wurde er, er stritt sich herum, als sähe er sich in seinem
Videospiel auf den Höllenpfad gedrängt. Und benutzte
immer kompliziertere oder unverständlichere Ausdrücke.«
»Die Strategie ist einfach«, sagte Mordent und schob seinen
langen, mageren Hals ruckweise aus seinem Rollkragen,
nein, der Commandant hatte in diesen zwei Wochen nichts
von seinem Gebaren eines alten, der Prüfungen des Daseins
müden Stelzvogels verloren. »Er setzt auf den Kontrast
zwischen sich selbst, dem Unternehmensanwalt, und dem
Liebhaber.«
»Der wer ist?«
»Ein Araber, das hat er von vornherein ausdrücklich betont,
Monteur von Getränkeautomaten. Er wohnt im Nebenhaus.
Nassim Bouzid, Algerier, in Frankreich geboren, Frau und
zwei Kinder.«
Adamsberg zögerte, aber dann schwieg er. Er konnte seine
Mitarbeiter nun wahrlich nicht bitten, ihm die Befragung
dieses Nassim Bouzid zu schildern, die im Bericht ebenfalls
protokolliert sein musste. Aber er hatte keine blasse Erinnerung
an den Mann.
»Was macht er für einen Eindruck?«, riskierte er und
bedeutete Estalère, ihm einen zweiten Kaffee zu bringen.
»Ein hübscher Kerl«, antwortete Lieutenant Hélène Froissy
und drehte ihren Bildschirm zu Adamsberg um, damit er das
Foto eines traurigen Nassim Bouzid sah. Lange Wimpern,
honigfarbene Augen, die wie geschminkt aussahen, blendend
weiße Zähne und ein charmantes Lächeln. »›Alle mögen ihn
gern in seinem Haus, wo er sozusagen Mädchen für alles ist.
Nassim wechselt Glühbirnen aus, Nassim repariert eine undichte
Wasserleitung, Nassim sagt nie Nein.«
»Woraus unser Ehemann schließt, dass er ein schwacher
und serviler Charakter ist«, sagte Voisenet. »›Aus dem Nichts
gekommen und es zu nichts gebracht‹, so hat er gesagt.«
»Ein Ekel«, wiederholte Noël.
»Ist der Gatte eifersüchtig?«, fragte Adamsberg, der lustlos
begonnen hatte, sich ein paar Notizen zu machen.
»Er behauptet, nein«, sagte Froissy. »Er hat nur Verachtung
für dieses Verhältnis, aber im Fall einer Scheidung
kommt es ihm gelegen.«
»Also?«, sagte Adamsberg und wandte sich wieder an
Mordent. »Sie sprachen von einer Strategie, Commandant?«
»Er setzt auf die Reflexe von Polizisten, die er generell für
ungebildet, rassistisch und in Stereotypen denkend hält: Hat
ein Bulle vor sich einen vermögenden Anwalt mit hochgestochener
bis unverständlicher Ausdrucksweise und einen arabischen Kofferträger,
wird er immer auf den Araber tippen.«
»Was wären solche hochgestochenen und damit unverständlichen
Ausdrücke?«
»Schwer zu sagen«, meinte Voisenet, »da ich sie ja nicht
verstanden habe. Wörter wie ›Apperzeption‹ oder auch, warten
Sie, ›hetero… heteronom‹. ›Heteronom‹, hat das was mit
abweichendem sexuellen Verhalten zu tun? Er hat den Begriff
in Bezug auf den Liebhaber gebraucht.«
Alle Blicke richteten sich Hilfe suchend auf Danglard.
»Nein, es bedeutet vielmehr, dass einer nicht autonom ist.
Vielleicht sollte man auf sein Spiel eingehen.«
»Da zähle ich auf Sie, Commandant«, erwiderte Adamsberg.
»Wird gemacht«, sagte Danglard, innerlich jubelnd bei
dem Gedanken, und für einen Augenblick vergaß er die
beunruhigenden Entrücktheiten von Adamsberg und seine
gegenwärtige Stümperei. Denn von dem Bericht, den er mit
solcher Sorgfalt geschrieben hatte, hatte der Kommissar
eindeutig nicht viel mitbekommen.
»Er gebraucht auch viele Zitate«, ergänzte Mercadet, der
gerade aus einer seiner schläfrigen Phasen auftauchte.
Mercadet, gleich nach Hélène Froissy der überaus brillante
Informatiker der Brigade, litt an Hypersomnie, und ausnahmslos
alle Mitarbeiter respektierten das schwere Handicap ihres Kollegen,
ja stellten sich schützend vor ihn.
Wenn der Divisionnaire davon erfahren hätte, wäre Mercadet
auf der Stelle rausgeflogen. Was tun mit einem Polizisten,
den alle drei Stunden ein unwiderstehliches Schlafbedürfnis
übermannt?
»Und Maître Carvin erwartet, dass man auf seine verdammten
Zitate reagiert«, fuhr Mercadet fort, »dass man zum Beispiel
den Autor nennt. Er weidet sich an unserer Ignoranz, er ergötzt
sich förmlich daran, einen zu zertreten, das ist nicht zu übersehen.«
»Zum Beispiel?«
»So einen Satz hier«, sagte Justin und schlug sein Notizbuch
auf, »natürlich auf Nassim Bouzid gemünzt: Die Menschen
fliehen das Betrogenwerden nicht so sehr als das Beschädigtwerden
durch Betrug.
«
Wieder warteten alle auf einen erhellenden Kommentar
von Danglard, der sie von den wiederholten Demütigungen
des Anwalts entlasten würde, doch der Commandant hielt
es für taktvoller, darauf zu verzichten und sich so auf eine
Stufe zu stellen mit der gesamten Brigade in ihrer Unwissenheit.
Dieses Zartgefühl verstand zwar keiner, aber man
verzieh Danglard, denn man konnte von keinem Menschen
verlangen, so unfassbar seine Bildung auch war, alle bedeutenden
Sätze aus der Literatur zu kennen.
»Was im Klartext heißt«, nahm Mordent den Faden wieder
auf, »dass Anwalt Carvin uns liebenswürdigerweise ein
Mordmotiv für Bouzid in die Hände spielt: Bouzid tötet
seine Mätresse, um dem Schaden zu entgehen, den sein Ehebruch
und die Zerstörung seiner Familie anrichten würde.«
»Und von wem ist dieser Satz, Commandant Danglard?«,
fragte Estalère und durchbrach die allgemeine Zurückhaltung
in seinem unheilbaren Mangel an Geistesgegenwart –
oder auch in seiner anhaltenden Dummheit, wie manche
meinten.
»Von Nietzsche«, antwortete Danglard schließlich.
»Und, ist der Typ von Bedeutung?«
»Sehr.«
Adamsberg zeichnete vor sich hin und fragte sich wie so
oft schon, welches unergründliche Geheimnis sich hinter
Danglards phänomenalem Gedächtnis verbarg.
»Ach so«, meinte Estalère verblüfft und mit weit aufgerissenen
grünen Augen.
Aber Estalères grüne Augen waren immer weit aufgerissen,
als könnte er sich von seinem grenzenlosen Erstaunen
über das Leben nicht erholen. Und vermutlich hatte er recht,
dachte Adamsberg. Die Vorstellung dieser brutal zermalmten
Frau, zum Beispiel, hatte etwas so Verstörendes, dass
sich das Entsetzen darüber auch im Blick spiegeln musste.
»Weil«, fuhr Estalère sehr konzentriert fort, »man kein
bedeutender Mensch sein muss, um zu wissen, dass wir die
Auswirkungen unserer Lügen fürchten. Wenn diese Furcht
nicht wäre, wäre es ja nicht so schlimm, oder?«
»Stimmt«, bestätigte Adamsberg, immer bereit, den
jungen Mann zu verteidigen, was kein Mensch verstehen
konnte.
Er hob den Stift vom Papier. Er hatte die Silhouette seines
Freundes Gunnlaugur gezeichnet, wie er die Fischauktion
im Hafen überwachte. Dazu Möwen, Schwärme von Möwen.
»Was spricht für und was gegen ihn?«, fuhr er fort, »bei
dem einen wie dem anderen?«
»Der Anwalt«, sagte Mordent, »hat das Alibi der Spielhalle.
Das allerdings nicht viel taugt, denn wer in dieser Menge
lärmender, besessener Spieler, die nur auf ihren Bildschirm
starren, würde mitkriegen, wenn einer für fünfzehn
Minuten verschwindet? Außerdem hat er verdammt viel
Geld auf der Bank. Im Fall einer Scheidung verlöre er die
Hälfte seiner vier Millionen zweihunderttausend Euro, die
er dort gebunkert hat.«
»Vier Millionen zweihunderttausend Euro?«, warf der
schüchterne Brigadier Lamarre ein. »Wie viele Jahre müsste
unsereiner dafür arbeiten?«
»Versuchen Sie’s gar nicht erst herauszufinden, Lamarre«,
Adamsberg hob besänftigend die Hand. »Sie tun sich damit
nur sinnlos weh. Fahren Sie fort, Mordent.«
»Aber wir haben keinen zwingenden Beweis gegen ihn.
Nassim Bouzid dagegen ist in einer heikleren Lage, da gibt
es belastendes Material. Auf dem Teppichboden im Wagen
haben wir vor dem Beifahrersitz drei weiße Hundehaare gefunden,
und am Bremspedal klebte eine rote Faser. Nach den
ersten Analysen stammen die Haare eindeutig von Bouzids
Hund. Und die Faser ist identisch mit dem Kelim in seinem
Esszimmer. Ein Doppel vom Autoschlüssel kann er sich bei
seiner Mätresse besorgt haben. Alle Schlüssel hängen dort
im Flur.«
»Und warum sollte er den Hund mitnehmen, wenn er
seine Geliebte ermorden geht?«, fragte Froissy.
»Bouzid hat eine Frau. Was gibt es Besseres, als ihr zu
sagen, er gehe mit dem Hund Gassi?«
»Und wenn der Hund nun schon pinkeln war?«, fragte
Noël.
»War er nicht«, sagte Mordent, »es ist genau die Zeit, zu
der er immer ausgeführt wird. Bouzid gibt bereitwillig zu,
dass er draußen war, aber er schwört, dass er nie der Liebhaber
von Laure Carvin gewesen ist. Ja, er versichert sogar,
die Frau nicht mal zu kennen. Vom Sehen vielleicht, so auf
der Straße. Wenn er die Wahrheit sagt, hätte Anwalt Carvin
sich seinen Sündenbock mit Bedacht ausgesucht. Die paar
Hundehaare und eine Teppichfaser hätte er aus Bouzids
Wohnung mitnehmen können, das Schloss kriegt man mit
dem Fingernagel auf. Finden Sie diese beiden Details nicht
ein bisschen übertrieben?«
»Eins hätte in der Tat genügt.«
»Das haben Menschen so an sich, die allzu stolz auf ihre
Intelligenz sind«, mischte Danglard sich ein. »Ihre
Selbstgefälligkeit blendet sie, sie schätzen die anderen nicht richtig
ein und tun darum entweder ein bisschen zu viel oder nicht
genug. Ihr Eichmaß ist, entgegen ihrer Selbsteinschätzung,
nicht verlässlich.«
»Außerdem«, Justin hob die Hand, »sagt Bouzid, dass er
den Hund immer in eine Tasche setzt, wenn er ihn mit ins
Auto nimmt. Und in der Tat haben wir in seinem eigenen
Wagen kein einziges Haar gefunden. Weder vom Hund
noch vom Teppich.«
»Sind die beiden Männer gleich groß?«, fragte Adamsberg,
während er das Porträt von Gunnlaugur mit dem Gesicht
zur Tischplatte drehte.
»Bouzid ist kleiner.«
»Weshalb er den Sitz und die Rückspiegel für sich verändert
haben müsste. In welcher Position waren sie?«
»Für große Leute. Also entweder hat Bouzid nach seiner
Rückkehr daran gedacht, die Einstellung wieder zu korrigieren,
oder der Anwalt hat sie gelassen, wie sie war. Auch hier
kommen wir also nicht weiter.«
»Und die Fingerabdrücke im Auto? Lenkrad, Schalthebel,
Türen?«
»Wohl geschlafen im Flieger?«, bemerkte Veyrenc grinsend.
»Kann sein, Veyrenc. Es stinkt.«
»Sicher stinkt’s. Wir kommen nicht weiter, wir beißen
immer wieder auf Granit.«
»Ich meine, es stinkt wirklich, hier im Raum stinkt’s.
Riecht ihr nichts?«
Die Mitarbeiter hoben sämtlich den Kopf, um den Geruch
auszumachen. Seltsam, dachte Adamsberg, dass der Mensch
instinktiv die Nase um zehn Zentimeter hebt, wenn es darum
geht, einen Geruch wahrzunehmen. Als ob zehn Zentimeter
auch nur das Geringste ändern würden. Von jenem
tierischen Instinkt getrieben, der sich seit Urzeiten erhalten
hat, erinnerte die Schar seiner Beamten durchaus an eine
Gruppe Rennmäuse, die den Geruch des Feindes zu wittern
versuchen.
»Stimmt«, sagte Mercadet, »es riecht etwas brackig.«
»Es riecht nach altem Hafen«, präzisierte Adamsberg.
»Finde ich nicht«, sagte Voisenet ziemlich entschieden.
»Wir sehen später nach.«
»Wo waren wir stehengeblieben?«
»Bei den Fingerabdrücken«, sagte Mordent, der, am oberen
Ende des langen Tisches neben Danglard sitzend, nichts
Unangenehmes gerochen hatte.
»Genau. Fahren Sie fort, Commandant.«
»Die Fingerabdrücke«, und Mordents Reiherblick überflog
seine Notizen mit schnellen, ruckartigen Kopfbewegungen,
»passen zur einen wie zur anderen Version. Alles ist
abgewischt. Entweder von Bouzid oder dem Anwalt, um
Bouzid zu belasten. Es war nicht ein Haar auf der Kopfstütze.«
»Nicht einfach«, murmelte Mercadet, dem Estalère gerade
zwei Tassen Kaffee auf einmal serviert hatte, beide
randvoll.
»Weshalb wir uns entschieden haben, Sie schon etwas vor
der Zeit zurückzurufen«, ergänzte Danglard.
Er war es also, schloss Adamsberg. Danglard, der ihn
aus seinem sanften Schlingern gerissen und so dringlich
zurückbeordert hatte. Der Kommissar beobachtete seinen
ältesten Stellvertreter und kniff dabei die Augen leicht zu.
Danglard hatte Angst um ihn gehabt, das stand fest.
»Kann ich Bilder von den beiden Männern sehen?«,
fragte er.
»Sie haben die Fotos gesehen«, meinte Froissy, aber
drehte ihren Bildschirm noch einmal in seine Richtung.
»Ich will sie in Bewegung sehen, während der Befragungen.«
»An welchem Punkt der Befragungen?«
»Egal. Sie können sogar den Ton wegnehmen. Ich will nur
ihren Gesichtsausdruck sehen.«
Danglard spannte sich. Von jeher hatte Adamsberg diesen
entsetzlichen Hang, Menschen nach ihren Gesichtern zu
beurteilen, darin das Gute vom Bösen zu trennen, was Danglard
ihm laut vorwarf. Adamsberg wusste es und spürte,
wie sein Stellvertreter sich verkrampfte.
»Tut mir leid, Danglard«, und dabei lächelte er auf seine
schräge Art, die widerstrebende Zeugen verführte, ja mitunter
sogar Gegner entwaffnete. »Heute habe nun mal ich
ein Zitat zu meiner Rechtfertigung. Ich fand das Buch in
Reykjavík, jemand hatte es auf einem Stuhl liegen lassen.«
»Nämlich?«
»Augenblick, ich weiß so was ja nicht auswendig«, sagte
er, während er in seinen Taschen wühlte. »Hier: ›Das gewohnte
Leben prägt die Seele, und die Seele prägt die Physiognomie.‹
«
»Balzac«, brummte Danglard.
»Genau. Und den lieben Sie, Commandant.«
Adamsbergs Lächeln wurde noch breiter, er faltete das
Blatt zusammen.
»Und in welchem Buch steht das?«, fragte Estalère.
»Aber das ist doch völlig egal, Brigadier!«, sagte Danglard.
»Es war«, wandte Adamsberg zur Verteidigung Estalères
ein, »die Geschichte eines braven, nicht sehr schlauen Pfarrers
und einiger gehässiger Seelen, die den Pfarrer am Ende
zur Strecke bringen. Sie spielte, glaube ich, in Tours.«
»Und der Titel?«
»Den weiß ich nicht mehr, Estalère.«
Enttäuscht warf Estalère seinen Stift hin. Er verehrte
Adamsberg, ebenso wie die mächtige Retancourt, das genaue
Gegenstück zu Adamsberg, und er versuchte den Kommissar
in allem nachzuahmen, so zum Beispiel auch dieses Buch
zu lesen. Den Wunsch, Retancourt nachzueifern, hatte er
dagegen instinktiv fallen gelassen. Denn mit ihr konnte es
kein Mann und keine Frau aufnehmen, selbst der überhebliche
Noël hatte es am Ende begriffen. Danglard kam dem
jungen Mann schließlich zu Hilfe.
»Die Novelle heißt Der Pfarrer von Tours
»Danke«, sagte Estalère herzlich und notierte es stockend,
denn er war Dyslektiker und hatte Schwierigkeiten beim
Schreiben. »Mit dem Titel allerdings hat Balzac sich kein
Bein ausgerissen.«
»Von einem Balzac, Estalère, sagt man nicht, dass er sich
›kein Bein ausgerissen‹ hat.«
»Verstehe, Commandant. Ich werde es nicht noch mal
sagen.«
Adamsberg drehte sich zu Froissy um.
»Also, Froissy, zeigen Sie mir nun mal die Visagen der
beiden Burschen. Und während ich sie mir ansehe, können
Sie alle Ihre Pause machen.«

Zehn Minuten später, er saß allein vor dem Bildschirm,
wurde Adamsberg sich bewusst, dass er bis auf die allerersten
Bilder von Maître Carvin nichts gesehen, nichts gehört
hatte. Der Isländer Brestir hatte ihn unter dem beifälligen
Blick der anderen Seeleute aufgefordert, mit zum Fischen
zu kommen. Eine große Ehre für einen Fremden, so viel
stand fest, eine Ehre, die man dem Besieger jenes teuflischen
Inselchens erwies, dessen schwarzes Relief man wenige
Kilometer vorm Hafen liegen sah. Adamsberg durfte,
kaum waren die Netze eingeholt, beim Sortieren der Fische
mithelfen, wobei sie die jungen Fische, die trächtigen Weibchen
und alles Ungenießbare ins Meer zurückwarfen. Dort
auf dem glitschigen Deck, die Hände im Netz, sich die Haut
an den Schuppen aufschürfend, hatte er diese zehn Minuten
verbracht. Brutaler Schnitt, er sah vor sich wieder das
Gesicht von Maître Carvin, versetzte den Rechner in den
Ruhemodus und ging hinaus zu seinen über den großen
Büroraum verstreuten Mitarbeitern.
»Und?«, fragte Veyrenc.
»Noch zu früh, um etwas sagen zu können«, erwiderte
Adamsberg ausweichend. »Ich muss mir das noch mal
anschauen.«
»Natürlich«, sagte Veyrenc lächelnd. Feucht, glitschig,
dachte er, man kriegte ihn einfach nicht zu fassen.
Adamsberg bedeutete Froissy, dass er an ihren Laptop
zurück kehrte, unterbrach sich aber dann.
»Es stinkt wirklich«, sagte er. »Und es kommt aus diesem
Raum.«
Mit um zehn Zentimeter erhobener Nase begann der
Kommissar durch den Saal zu gehen, wie ein Polizeihund
dem ekelerregenden Geruch hinterherschnüffelnd, und
blieb schließlich vor Voisenets Schreibtisch stehen. Voisenet
war Polizist, und sogar ein sehr guter, aber seit seiner
Jugend auch leidenschaftlicher Ichthyologe, was zu seiner
Laufbahn zu machen sein Vater ihm jedoch vehement untersagt
hatte, so dass er seiner Passion nur heimlich frönen
konnte. Den Begriff »Ichthyologie« hatte Adamsberg
sich schließlich sogar gemerkt: Voisenet war Spezialist
für Fische, insbesondere Süßwasserfische. Man hatte sich
daran gewöhnt, dass auf seinem Schreibtisch immer alle
möglichen Fachzeitschriften und Artikel herumlagen, und
Adamsberg tolerierte es in gewissen Grenzen. Aber es war
das erste Mal, dass echter, übler Fischgeruch von Voisenets
Territorium ausging. Stutzig geworden, lief Adamsberg um
den Schreibtisch herum und zog einen großen Gefrierbeutel
unter dem Stuhl hervor. Voisenet, ein kurzbeiniger kleiner
Mann mit schwarzem Haar, kugeligem Bauch und vollen
roten Wangen, richtete sich mit aller Würde auf, die seine
Statur ihm erlaubte. Ein verhöhnter, zu Unrecht beschuldigter
Mann, wollte er mit seiner Haltung sagen.
»Das ist privat, Kommissar«, sagte er laut.
Adamsberg riss mit einem Ruck die Klammern auf, die
den Beutel verschlossen, und öffnete ihn weit. Er schrak zurück
und ließ das Ganze los, das mit schwerem, weichem
Geräusch auf den Boden fiel. Es war Jahre her, dass der
Kommissar vor etwas zurückgeschreckt war. Seine wenig
nervöse, um nicht zu sagen infranervöse Natur konnte so
leicht nichts erschüttern. Doch außer dem pestilenzialischen
Gestank, der dem Beutel entstieg, hatte der grässliche Anblick
seines Inhalts ihm diesen Schock versetzt. Der widerliche
Kopf eines Tieres mit starrem Blick und aufgerissenem,
riesigem Maul, das mit Furcht erregenden Zähnen
geharnischt war.
»Was ist das für ein Dreckzeug?«, schrie er.
»Das ist mein Kescher«, erklärte Voisenet.
»Es ist nicht Ihr Kescher!«
»Es ist eine Muräne, eine gefleckte Muräne aus dem Atlantik
«, erwiderte Voisenet selbstbewusst. »Genauer gesagt,
ein Muränenkopf mit sechzehn Zentimetern Körper. Und
das ist weiß Gott kein Dreckzeug, sondern ein wunderschönes
Exemplar von einem männlichen Tier, das eine Länge
von 1,55 Meter hatte.«
Wutausbrüche von Adamsberg waren so selten, dass
die Mitarbeiter betroffen aufstanden und brabbelnd und
mit zugehaltener Nase an dem Tier vorbeidefilierten, sich
aber auch sofort wieder abwandten. Selbst der hartgesottene
Lieu tenant Noël murmelte: »Hier darf man ja wohl mal sagen,
dass die Natur ihr Ding vermasselt hat.« Nur
die stämmige, robuste Retancourt zeigte keinerlei Reaktion
angesichts des abstoßenden Fischkopfes und kehrte unbeeindruckt
an ihren Platz zurück. Danglard lächelte verstohlen,
er war entzückt über den Vorfall, der, so meinte er, den
Kommissar brutal in die Wirklichkeit zurückholte, in das
Reich der echten Emotionen. Adamsberg aber war verärgert
über sich. Er bedauerte, dass er die Insel Grímsey verlassen
hatte, bedauerte, dass er zusammengezuckt und laut geworden
war, bedauerte, dass er sich nur so halbherzig für den
grauenvollen Tod der kleinen Frau unter den Rädern eines
SUV interessierte.
»Aber eine Muräne, das ist schon was«, sagte Estalère,
fassungsloser denn je.
Voisenet nahm seinen Gefrierbeutel mit Würde wieder
an sich.
»Ich bringe den Fisch zu mir nach Hause«, sagte er und
maß seine Kollegen mit verächtlichem Blick wie eine Horde
bornierter, in ihren Vorurteilen befangener Gegner.
»Gute Idee«, sagte Adamsberg, der sich schon fast beruhigt
hatte. »Ihre Frau wird sich über das Mitbringsel freuen.«
»Ich lasse ihn von meiner Mutter zubereiten.«
»Das zeugt von Verstand. Mütter verzeihen alles.«
»Ich habe nicht wenig dafür gezahlt«, wandte Voisenet ein,
dem daran gelegen war, den Wert seines Fisches zu beweisen.
»Mein Händler führt mitunter recht außergewöhnliche
Stücke. Vor zwei Monaten hatte er einen ganzen Schwertfisch
im Angebot, mit einem Schwert von einem Meter
Länge. Ein Traum. Aber ich konnte ihn mir nicht leisten. Bei
der Muräne hat er mir einen guten Preis gemacht, weil sie
schon zu verderben begann. Da habe ich zugeschlagen.«
»Kann man verstehen«, sagte Adamsberg. »Schaffen Sie
mir das Viech auf der Stelle hier raus, Voisenet. Sie hätten
das Ding ja auch draußen in den Hof legen können. Wir
werden drei Tage brauchen, die Räume zu lüften.«
»In den Hof? Damit man ihn mir klaut?«
»Immerhin«, wiederholte Estalère, »so eine Muräne, das
ist schon was.«
Voisenet nickte dem Brigadier dankbar zu. Er glitt hinter
seinen Schreibtisch, und mit raschem, beinahe verstohlenem
Griff schaltete er seinen Bildschirm aus. Dann verließ
er den Ort ohne alle Eleganz – die besaß er nicht –, aber
doch mit einer gewissen Forschheit, seine schwere Trophäe
am Arm schwenkend, voller Verachtung für die Banausen-
Truppe seiner Kollegen. Aber konnte man von Bullen etwas
anderes erwarten?
»Und ihr anderen, macht alle weit die Fenster auf!«, befahl
Adamsberg. »Kommen Sie, Froissy, wir sehen uns den
Mitschnitt noch mal von vorne an.«
»Ist Ihnen etwas aufgefallen?«
»Vielleicht«, log Adamsberg. »Einen kleinen Moment,
bitte, warten Sie.«
Misstrauisch trat der Kommissar noch einmal hinter den
Schreibtisch seines Ichthyologen-Kollegen. Warum hatte
Voisenet seinen Bildschirm ausgeschaltet, bevor er ging?
Er schaltete ihn wieder ein, es erschien die zuletzt von ihm
konsultierte Website. Da waren weder eine Muräne zu
sehen noch irgendwelche polizeilichen Vermerke. Dafür das
Foto einer kleinen braunen, nicht sonderlich interessanten
Spinne. Unbefriedigt ging er nacheinander alle Seiten
durch, die der Lieutenant zuletzt im Internet aufgerufen
hatte. Spinne, Spinne, immer die gleichen zoologischen Artikel,
Verbreitung in Frankreich, Lebensweise und
Ernährungsgewohnheiten, Gefährlichkeit, Paarungszeiten, dazu
Zeitungsausschnitte jüngeren Datums mit reißerischen
Überschriften: Kehrt die Einsiedlerspinne zurück? Ein Mann
in Carcassonne durch Spinnenbiss ums Leben gekommen. –
Müssen wir uns fürchten vor der Braunen Einsiedlerspinne?
Ein zweites Opfer in Orange.

Adamsberg unterbrach seine Lektüre. Froissy wartete,
elegant, sehr gerade, sehr schlank. Gemessen an der Menge
der Nahrungsmittel, die sie vertilgte – in aller Heimlichkeit,
wie sie meinte –, getrieben von der panischen Angst,
es könnte ihr mal an irgendetwas fehlen, blieb die
Vollkommenheit ihrer Figur ein Rätsel.
»Lieutenant«, sagte Adamsberg zu ihr, »erfassen Sie mir
mal sämtliche Dateien, die Voisenet sich in den letzten drei
Wochen angesehen hat. Und die was mit einer Spinne zu
tun haben.«
»Was für einer Spinne?«
»Der Einsiedlerspinne. Oder auch Violinen-Spinne. Kennen
Sie sie?«
»Mitnichten.«
»Spinnen sind nicht sein Forschungsgebiet. Er hat uns
schon zur Genüge mit Nebelkrähen, Siebenschläferkot und
Fischen unterhalten, dafür ist er bekannt, aber mit Spinnen
noch nie. Ich würde gern wissen, wo unser Lieutenant sich
so herumtreibt.«
»Es ist nicht sehr korrekt, im Rechner eines Kollegen herumzuschnüffeln.«
»Sehr nicht. Aber ich möchte es sehen. Können Sie mir
das Ganze auf meinen Rechner schicken?«
»Selbstverständlich.«
»Perfekt, Froissy. Und hinterlassen Sie keine Spuren.«
»Ich hinterlasse nie Spuren. Und was soll ich den Kollegen
sagen, die mich fragen werden, was ich an Voisenets
Computer mache?«
»Sagen Sie, er habe Sie auf einen Programmierfehler aufmerksam
gemacht. Und Sie nutzten seine Abwesenheit, um das in Ordnung
zu bringen.«
»Er stinkt mächtig, sein Schreibtisch.«
»Ich weiß, Froissy, ich weiß.«

3

Diesmal konnte Adamsberg sich auf die Befragungen des
Proletariers Nassim Bouzid und des hochmütigen Maître
Carvin konzentrieren. Mehrmals ließ er einige Passagen
durchlaufen, in denen der Anwalt ohne die geringste Scheu
sein Überlegenheitsbewusstsein und seinen Zynismus ausspielte.
Seine »Strategie«, wie Mordent gesagt hatte, aber vor allem
sein Temperament. Adamsberg meinte, dass der
Commandant sich über die wahre Natur dieser Strategie
täuschte.

Mordent: Ihr Bankkonto weist ein Guthaben von vier
Millionen zweihundertsechsundsiebzigtausend Euro
auf. Davon waren Sie vor nicht mal sieben Jahren
weit entfernt.

Carvin: Sie haben doch von der massenhaften Rückkehr
der Steuerflüchtlinge gehört? Die sich bemühen,
ihre Steuerbereinigung gegenüber dem Staat zu den
bestmöglichen Bedingungen zu verhandeln? Nun, das
ist das reinste Manna für einen Anwalt, glauben Sie
mir. Vorausgesetzt, er hat die entsprechende Fachkompetenz.
In puncto Recht, natürlich, aber vor allem
was die Schliche des Rechts angeht. Geist und Buchstabe
des Gesetzes, Sie verstehen? Ich favorisiere den
Geist in seiner unendlichen Geschmeidigkeit.

Voisenet: …
Carvin: Aber ich sehe nicht, was das mit dem Tod
meiner Frau zu tun hat.

Mordent: Nun, ich frage mich, warum Sie mit einem
solchen Vermögen noch immer zur Miete in dieser
Dreizimmer-Parterrewohnung in der tristen Impasse
des Bourgeons wohnen.

Carvin: Was hat das schon zu sagen? Ich verbringe
meine Tage in der Kanzlei, einschließlich der Wochenenden.
Ich komme spät nach Hause, und dann schlafe ich.

Voisenet: Essen Sie zu Hause zu Abend?
Carvin: Selten. Meine Frau ist zwar eine gute Köchin,
aber man muss an seinem Netzwerk arbeiten. Das
Netzwerk ist für unsereinen der Garten.


»Plumpe Anspielung auf Voltaire«, murmelte Danglard, der
hinter Adamsberg getreten war. »Als wäre dieser Schnösel
auch nur irgendwie berufen, ihn zu zitieren.«
»Ein Ekel«, sagte Adamsberg.
»Aber er schafft es, Voisenet aus dem Konzept zu bringen.«

Voisenet: …
Carvin: Lassen Sie’s sein, Lieutenant. Ich warte
immer noch darauf, dass Sie mir den Zusammenhang
mit dem Tod meiner Frau erklären.

Mordent: Wie ein großer König einst auf seine
Kutsche wartete.


Man sah, wie Carvin mit den Schultern zuckte. Danglard
verzog das Gesicht.
»Guter Versuch«, sagte er, »aber an der falschen Stelle.
Carvin hat sie alle beide abgehängt.«
»Warum haben nicht Sie die Befragung durchgeführt,
Danglard?«
»Ich wollte, dass Carvin vor uns das ganze Spektrum seiner
Vernichtungstaktik sichtbar werden lässt. Vernichtung
der Bullen, vielleicht auch seiner Frau. Dass er auf diese
Weise seine verborgene Gewaltbereitschaft zu erkennen
gibt. Aber ich begreife nicht, worauf er hinauswill. Dass er
die Bullen demütigt, macht es ihm doch auch nicht leichter,
sie in die Tasche zu stecken, im Gegenteil.«
»Er demütigt sie nicht, Danglard, er beherrscht sie. Das ist
etwas ganz anderes. Unser Zoologe Voisenet würde Ihnen
sagen, dass das Rudel der Polizisten dem Willen des dominanten
Männchens, Carvin, mit gesenktem Haupt folgen wird.
Weil Carvin das, hierarchisch gesprochen, dominante
Männchen der Brigade – Commandant Mordent – besiegt
hat. Sie, Danglard, sind nur nicht so empfänglich für Carvins
Attacken, weil Sie selbst ein Alphatier sind.«
»Ich?«
»Já.«
Danglard schwieg verwirrt, nahm er sein Leben doch eher
als Verkettung von Ängsten und Unzulänglichkeiten wahr,
ausgenommen seine fünf Kinder.
»Es war zweifellos ein Fehler von Ihnen, Danglard, dass
Sie nicht selbst die Federführung bei dieser Befragung
übernommen haben. Sie hätten den Herrn Advokaten an die
Wand gespielt, und die Brigade hätte sich stärker gefühlt.
Mögen unsere Leute ihn auch spöttisch behandeln, sagen,
dass er ein ›Ekel‹ ist – was stimmt –, sie sind ihm dennoch
partiell ergeben. Und darum nicht sehr geeignet, über den
Urheber dieses Verbrechens sachlich zu urteilen.«
»Es ist keiner eine dominante Person, nur weil er hier und
da ein bisschen Voltaire oder Nietzsche zu zitieren weiß.«
»Es kommt immer auf den Kontext an. In unserem Fall
setzt Carvin auf den Umstand, dass eine Polizeibrigade
nicht unbedingt ein Ort ist, wo der Geist Funken schlägt.
Also greift er uns mit genau dieser Waffe an, trifft uns an
unserem schwächsten Punkt. Verdammt, Danglard, dieses
Gefecht hätten Sie führen müssen.«
»Tut mir leid, so habe ich die Dinge nicht gesehen.«
»Noch ist es nicht zu spät.«

Mordent: Aber Ihre Frau verbrachte jeden Abend und
jeden Morgen zu Hause. Seit wie vielen Jahren?

Carvin: Seit über fünfzehn Jahren.
Mordent: Haben Sie niemals in Erwägung gezogen, ihr
ein lichteres Zuhause zu bieten, in einem weniger einsamen
Viertel, wenn sie so spät am Abend heimkehrte?

Carvin: Commandant, man reißt eine Napfschnecke
nicht von ihrem Felsen.

Mordent: Das heißt?
Carvin: Wenn ich den Fehler begangen hätte, meine
Frau aus diesem Viertel herauszuholen, hätte ich ihre
Wurzeln wie mit der Axt gekappt. Ihretwegen habe
ich diese Wohnung behalten. In den hohen Räumen
der Haussmann’schen Boulevards hätte sie jeden
psychosozialen Halt verloren.

Voisenet: Glauben Sie nicht an die Macht der
Anpassung? Durch die sich Intelligenz ja definiert?


»Voisenet versucht Boden zu gewinnen«, meinte Adamsberg.
»Jetzt ist er auf seinem Gebiet: dem der Viecher.«
»Und es wird keinerlei Wirkung haben.«
»Ich weiß. Diese Stelle habe ich mir schon zweimal angesehen.«

Carvin: Meine Frau war nicht intelligent, Lieutenant.
Mordent: Und warum haben Sie sie dann geheiratet?
Carvin: Wegen ihres Lachens, Commandant. Ich
selbst lache nicht. Und dieses erfrischende Lachen
schlug jeden in seinen Bann, sogar den Araber. Es
war kein ordinäres Lachen, es brach nicht wie ein
Sturzbach, eine Kaskade aus ihr heraus, es perlte in
Tropfen, ein Seurat, wenn Sie so wollen.

Mordent: …
Carvin: Und dieses Lachen wird mir fehlen.
Voisenet: Nicht so wie die zwei Millionen, die sie im
Fall einer Scheidung mitgenommen hätte.

Carvin: Ein so vitales Lachen lässt sich nicht beziffern.
Selbst als geschiedener Mann – und so weit waren wir
noch gar nicht – hätte ich weiterhin mein Quäntchen
aus diesem Quell schöpfen wollen«.


»Mir reicht’s«, sagte Adamsberg und hielt das Video mit
einem energischen Mausklick an.
»Und Nassim Bouzid?«
»Den habe ich.«
»Und was meinen Sie nun zu den beiden Kerlen? Was
lesen Sie in ihren ›Visagen‹?«
»Es gibt Zeichen, Falten, Markierungen, Gesten. Aber
das reicht nicht aus. Bevor ich heute Morgen in die Brigade
kam, bin ich die Strecke zwischen der Spielhalle und dem
Tatort hin und zurück abgelaufen. Und da habe ich etwas
Interessantes bemerkt.«
»Wir haben die Zeit schon gestoppt.«
»Das meine ich nicht, Danglard. Ich meine die Reste von
Splitt, die da noch auf einer Baustelle liegen.«
»Und?«
»Wir sind uns doch darüber einig, dass unter den Milliarden
Löwenzahnpflanzen, die auf dieser Erde wachsen, es
keine zwei gleichen gibt?«
»Gewiss.«
»Dasselbe gilt für Autofahrer. Keine zwei Fahrer, die
einander gleichen. Bestellen Sie Löwenzahn Nummer 1,
Carvin, zu 14 Uhr, und Löwenzahn Nummer 2, Bouzid, zu
15 Uhr in die Brigade. Wir werden eine Runde drehen. Und
lassen Sie die Leute von der Spurensicherung kommen, sie
sollen da sein, wenn ich zurückkomme.«
»Sehr gut, dann bleibt uns ja noch genügend Zeit, um
essen zu gehen.«
»Drekka, borða«, sagte Adamsberg lächelnd. [Trinken,
essen.]
Na gut, sagte sich Danglard. Jetzt sprach Adamsberg
schon Isländisch – wie hatte er diese paar Wörter bloß gelernt?
Doch seit dem Zwischenfall mit der Muräne sah es
ja so aus, als sei er wieder ein wenig bei ihnen angekommen.
»Noch etwas, Danglard«, sagte Adamsberg im Aufstehen.
»Gegen 14.30 Uhr, wenn ich mit Carvin von der Spazierfahrt
zurück bin, werden Sie ihn befragen. Aber diesmal
schlagen Sie ihn mit seinen eigenen Waffen. Ich will,
dass er von seinem hohen Ross herunterkommt. Anschließend
soll sich die ganze Brigade die Aufzeichnung anhören.
Das wird sie wieder zur Vernunft bringen. Ich will,
dass jeder unserer Mitarbeiter für Carvin wie für Nassim
Bouzid die gleiche Wahrnehmung entwickelt. Also, gehen
Sie mit seinen eigenen Waffen gegen ihn vor und zertreten
Sie ihn.«
Danglard verließ den Raum mit etwas weniger schlaffem
Schritt als sonst, auf etwas festeren Beinen, ein klein wenig
aufgehellt durch seinen neuen Rang als »Alphatier«, an den
er mitnichten glaubte.
Und diese Sache mit dem Splitt hatte er absolut nicht verstanden.

4

Maître Carvin war ein kaltblütiger Mensch, weder ungeduldig
noch cholerisch, und als Lamarre und Kernorkian zu ihm
in die Kanzlei kamen und ihn mitten in der Arbeit unterbrachen,
um ihn in die Brigade mitzunehmen, bat er
sie, fünf Minuten zu warten, damit er eine Seite beenden
konnte, dann folgte er ihnen widerstandslos.
»Worum geht es diesmal?«, fragte er.
»Der Kommissar«, begann Kernokian zu erklären.
»Oh, der! Er ist also zurück? Ich habe so einiges über ihn
gehört.«
»Er will Sie sehen, Sie und Nassim Bouzid.«
»Vollkommen normal. Ich bin bereit, ihm Rede und Antwort
zu stehen.«
»Ich glaube gar nicht mal, dass er mit Ihnen reden will, er
will im Auto mit Ihnen eine Runde fahren.«
»Was schon nicht mehr ganz so normal ist. Aber ich
nehme an, er weiß, was er tut.«

Adamsberg hatte in seinem Büro zu Mittag gegessen und
dabei noch einmal den Bericht gelesen, den er auf dem
Flughafen von Reykjavík erhalten hatte. Er las wie üblich
im Stehen, in dem kleinen Raum auf und ab gehend. Der
Kommissar arbeitete selten im Sitzen, wenn es sich denn
vermeiden ließ. Und während er las, wobei er jedes Wort
leise vor sich hin murmelte – was seine Zeit brauchte –,
konnte er nicht verhindern, dass Voisenets kleine Spinne
ihm durchs Gemüt lief, immer von links nach rechts. Sie
lief sehr bedächtig, wie um nicht bemerkt zu werden, um
nicht zu stören. Aber stören tat sie bereits, seit Adamsberg
wusste, dass sie durch Froissys Talent nun auch in seinem
eigenen Rechner wohnte. Er legte den Bericht auf den Tisch
und schaltete den Bildschirm ein. Lieber gleich wissen, was
es mit dieser Spinne auf sich hatte, dann sollte sie sich aus
dem Staub machen. Lieber gleich wissen, was Voisenet mit
diesem Tierchen im Sinn hatte, selbst heute Morgen noch,
als er doch voll auf die bevorstehende Versammlung hätte
konzentriert sein müssen wie auch auf das Problem mit seiner
vor sich hin gammelnden Muräne. Warum also hatte er
dennoch ein weiteres Foto der Einsiedlerspinne aufgerufen?
Immer noch im Stehen öffnete er die Datei, die Froissy
ihm auf seinen Rechner überspielt hatte, und sah sich die
Vorgeschichte an: Schon seit achtzehn Tagen beobachtete
der Lieutenant seine Spinne. Heute Morgen hatte er die
wichtigsten Lokalzeitungen des Departements Languedoc-
Roussillon durchgesehen und erneut verschiedene
Diskussionsforen zum Thema überflogen. In denen wurde ziemlich
erbittert über die zurückgezogen lebende Spinne debattiert.
Da trafen die Ängstlichen, die angeblichen Kenner, die
Pragmatiker, die Umweltschützer, die Panikmacher aufeinander.
Voisenet hatte sogar noch Nachrichten aus dem
vergangenen Sommer hochgeladen, wo in derselben Region
sechs nicht tödliche Bisse von Einsiedlerspinnen Panik gesät
hatten bis hinauf in einige überregionale Wochenzeitungen.
Und das alles, weil ein von irgendwoher aufgetauchtes Gerücht
seinen üblen Atem verbreitete: War die Braune Einsiedlerspinne
aus Amerika in Frankreich angekommen? Die
nämlich galt als gefährlich. Wo hielt sie sich auf, und wie
zahlreich war sie? Es gab ein maßloses Geschrei, bis eine seriöse
Forscherin auf den Plan trat und dem Ganzen ein Ende
setzte: Nein, die amerikanische Spinne hatte sich in Frankreich
nicht blicken lassen. Eine ihrer Verwandten hingegen
hatte hier schon immer gelebt, im Südosten des Landes, und
sie war nicht giftig. Zumal sie, von Natur aus ängstlich und
nicht aggressiv, zurückgezogen in ihrem Loch lebte und das
Risiko, mit einem menschlichen Wesen zusammenzutreffen,
daher eher selten war. Um die aber handelte es sich,
um keine andere, Loxosceles rufescens – den Namen konnte
Adamsberg nicht mal murmelnd aussprechen.
Bis im Frühjahr besagte kleine Spinne zwei alte Männer
biss. Aber diesmal starben die Gebissenen daran. Diesmal
also hatte die Einsiedlerin sehr wohl getötet. Die Tode, so
meinten einige, seien allein dem hohen Alter der Opfer geschuldet.
Darüber war eine Polemik entbrannt, die schon
wieder über hundert Seiten füllte, nach allem, was Adamsberg
in der Eile feststellen konnte. Er warf einen Blick auf
die Uhr des PC. 13.53 Uhr, Maître Carvin würde gleich in
der Brigade sein. Er durchquerte den Büroraum, der trotz
der geöffneten Fenster noch immer stank, und nahm sich
aus dem Schrank den Schlüssel des einzigen Spitzenklassewagens,
den die Brigade besaß. Was mochte Voisenet nur an dieser
verdammten Spinne finden? Zwei Männer waren
gestorben, gewiss, ihre geschwächte Immunkraft war dem
Gift nicht gewachsen gewesen, klar, aber musste der Lieutenant
deswegen die Situation seit nunmehr fast drei Wochen
Tag für Tag verfolgen? Es sei denn, eines der Opfer war ein
ihm nahestehender Mensch, ein Freund oder Angehöriger.
Adamsberg verscheuchte die Einsiedlerin aus seinen Gedanken
und beeilte sich, den Anwalt draußen auf dem Bürgersteig
abzufangen, bevor seine vergesslichen Beamten ihn in
den faulig riechenden Raum führen würden, der das
Großraumbüro zurzeit war.

»Sie holen den Galaschlitten für ihn raus, Kommissar?«,
warf ihm Retancourt im Vorbeigehen zu. »Sind Sie dem
hochmütigen Charme des Herrn Anwalt nun auch schon
erlegen?«
Adamsberg neigte den Kopf und sah sie lächelnd an.
»Haben Sie mich schon vergessen, Retancourt? In nur
siebzehn Tagen?«
»Nein. Da muss ich wohl was verpasst haben.«
»Ja, Lieutenant. Den Splitt auf dem Weg zurück in die
Spielhalle.«
»Den Splitt«, wiederholte sie nachdenklich. »Mehr können
Sie mir wohl nicht sagen?«
»Aber sicher. Es gibt keine zwei Löwenzahn auf Erden
und auch keine zwei Autofahrer, die sich absolut gleichen,
das ist alles.«
»Das ist alles. Und da befürchtete Danglard, Sie hätten
sich verändert.«
»Vermutlich ist es schlimmer geworden mit mir, aber kein
Grund zur Aufregung. Sagen Sie«, fügte er hinzu und ließ
die Autoschlüssel an seinen Fingerspitzen baumeln, »was
halten Sie davon, wenn einer seinen zweiten Autoschlüssel
verliert? Das ist jetzt eine ernste Frage.«
»Und eine sehr einfache. Ein Zweitschlüssel darf nie verloren
gehen, Kommissar.«
»Und wenn er’s ist?«
»Dann sucht man ihn bis zur Erschöpfung. Der zweite
Autoschlüssel gehört zu den Dingen, die einen um den Verstand
bringen können.«

Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg stammt aus einem kleinen Ort in der Provinz Béarn am Fuß der Pyrenäen, wo er mit fünfundzwanzig seine Karriere bei der Polizei begann. Aufgrund seiner für sein Umfeld verblüffenden Fähigkeit, Morde aufzuklären, wurde er erst zum Inspektor, dann zum Kommissar befördert. Mit Mitte vierzig kommt er nach Paris, als Kommissar im 5. Arrondissement (Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord). Adamsberg ist ein „Wolkenschaufler“, der zu aktivem Denken nicht fähig scheint – geduldig wartet er, meist auf langen Spaziergängen, dass Ideen und Erkenntnisse an die Oberfläche seines Bewusstseins treiben. Namen kann er sich nicht merken, und an systematischer Ermittlungsarbeit ist er nicht interessiert, was sein Team oft verzweifeln lässt. Seine Fälle löst Adamsberg vor allem mithilfe seiner außerordentlichen Intuitionsgabe.

Auch auf ein beeindruckendes Erscheinungsbild legt er keinen Wert, er trägt stets verwaschene T-Shirts oder Hemden und ein zerknittertes schwarzes Leinenjackett. Von kleiner Statur, die Gesichtszüge unregelmäßig, der Blick meist abwesend, ist er dennoch ein anziehender Mann mit seinem vollen Haar und seiner respektvollen und sanften Natur; vor allem, wenn eine Erkenntnis seine Augen aufleben lässt, zieht er die Menschen in seinen Bann.
Adamsberg begehrt die Frauen, seine große und einzige Liebe jedoch war Camille Forestier, eine unkonventionelle Musikerin und Hobbyklempnerin, die er mit seiner Untreue und gedankenlosen Art oft verletzt hat. Unwissentlich hat er zwei Söhne gezeugt: einen mit Camille – Tom, von dem er erst zufällig nach dessen Geburt erfährt (Der vierzehnte Stein) und um den er sich sporadisch kümmert; und einen in seiner Jugend in den Pyrenäen, mit einem Mädchen, an das er sich nicht mal erinnert – Zerk (eigentlich Armel), den er kennenlernt, als dieser bereits neunundzwanzig ist (Der verbotene Ort).

Adamsberg verfügt nicht nur über einen außergewöhnlichen Instinkt, sondern auch über eine besonders scharfe Beobachtungsgabe. Dazu haben seine Hände eine erstaunliche, beruhigende Wirkung: Indem er jemandem, ob Mensch oder Tier, über den Kopf streichelt, bringt er ihn augenblicklich zum Einschlafen. Adamsberg ist offen gegenüber Dingen, die nicht mit dem Verstand zu erklären sind, und so passt es, dass in seinen Fällen regelmäßig vermeintlich übernatürliche Elemente und das Fantastische eine Rolle spielen.

Der Kommissar hat mitten in Paris ein kleines, altes Haus erworben (Die dritte Jungfrau), in dessen Garten er oft abends mit seinem Nachbarn Lucio sitzt und Bier trinkt. Der alte Lucio hat als Kind im Spanischen Bürgerkrieg einen Arm verloren; an diesem Arm hatte er einen Spinnenbiss, den er noch nicht fertig gekratzt hatte. Daher rührt sein Ratschlag, den er Adamsberg regelmäßig mit auf den Weg gibt, dass man immer zu Ende kratzen muss, weil die Dinge einen sonst nicht loslassen.

Commandant Adrien Danglard ist Adamsbergs ältester Mitarbeiter und sein Stellvertreter seit den frühen Zeiten im 5. Arrondissement – zudem aber auch sein vollendeter Gegenpol. Er ist durch und durch Rationalist und Logiker, da wo Adamsberg auf die Intuition setzt.

Und er ist ein wandelndes Lexikon: Ob Literatur, Geschichte, Legenden oder Kuriositäten, Danglards Gehirn beherbergt unglaubliche Schätze an Wissen. Blut kann er nicht sehen, außerdem leidet er unter Flugangst. Adamsberg ist er loyal verbunden, auch wenn die beiden aufgrund ihrer entgegengesetzten Denk- und Arbeitsweisen häufig aneinandergeraten. Mehr als einmal hat sich die Brigade in zwei Lager gespalten, in diejenigen, die dem Kommissar trotz seiner merkwürdigen Ideen und unorthodoxen Ermittlungsmethoden treu ergeben sind, und diejenigen, die wie Danglard auf Logik, Rationalität und klare Beweisführung pochen.

Dennoch ist Danglard die Wertschätzung seines Vorgesetzten sehr wichtig, er neigt in dieser Hinsicht sogar zur Eifersucht – was in einmal beinahe das Leben gekostet hätte (Die Nacht des Zorns). Seinen Mangel an physischer Attraktivität versucht Danglard durch tadellose, britisch-elegante Kleidung auszugleichen. Er ist dem Weißwein sehr zugetan, der jedoch seine Gedankenschärfe in keinem Augenblick mindert, und zugleich ein liebevoller alleinerziehender Vater von fünf Kindern. Außerdem ist er der Vertraute von Camille, die er zärtlich beschützt, wann immer ihr Leben einen neuerlichen Zusammenbruch erleidet.

Lieutenant Louis Veyrenc de Bilhc ist wie Adamsberg in einem kleinen Dorf in den Pyrenäen aufgewachsen und versteht ihn meist mühelos, während die Denkweisen des Kommissars den anderen Mitgliedern der Brigade oft ein Rätsel bleiben. Er unterrichtete einst Geschichte und kam ursprünglich zur Brigade, weil er glaubte, mit Adamsberg eine Rechnung offen zu haben (Die dritte Jungfrau).
Als Kind wurde er von einer Gruppe Jugendlicher überfallen, die ihm die Kopfhaut zerschnitten. An den verletzten Stellen wuchsen seine Haare feuerrot nach, was seine Erscheinung sehr auffällig macht. Er ist ein attraktiver Mann mit schönen Gesichtszügen und einem anziehenden schiefen Lächeln. Ein weiteres seiner Markenzeichen ist, dass er gelegentlich in Versen spricht (ein Erbe seiner Großmutter, die immer Racine-Verse murmelnd durchs Haus gegangen war). Er ist besonnen, liebenswürdig, widerstandsfähig und verfügt über einen schnellen Verstand.

Lieutenant Violette Retancourt ist die „Allzweckwaffe“ der Brigade. Sie ist von kräftiger Statur – hundertzehn Kilo bei einer Körpergröße von einem Meter vierundachtzig –, hat überraschend zarte Gesichtszüge und trägt ihr blondes Haar zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden. Voller Energie, die sie scheinbar beliebig umwandeln und einsetzen kann, ist sie Adamsbergs Fels in der Brandung und hat ihm bereits mehr als einmal den Hals gerettet. Obwohl sie anfangs eine Abneigung gegen ihn hegte (aufgrund der oft nicht nachvollziehbaren Vorgehensweisen des Kommissars, die sie als Respektlosigkeit dem Team gegenüber empfand), gehört sie nun zu den Mitgliedern der Brigade, die ihm stets loyal zur Seite stehen. Adamsberg selbst war von Beginn an fasziniert von der beeindruckenden, klugen und besonnenen Frau.

Retancourt verschwendet keine Worte oder Emotionen, ihre soziale Kompetenz ist nicht sehr ausgeprägt, sie hat aber dennoch einen sicheren Blick für die Nöte anderer. Seit sie ihm auf spektakuläre Weise aus einer besonders prekären Lage geholfen hat (Der vierzehnte Stein), verlässt Adamsberg sich blind auf seinen Lieutenant und hegt geradezu liebevolle Gefühle für sie. Er nennt sie seine „vielseitige Göttin“, vergleicht sie mit einem mächtigen Baum, der allen Mitgliedern der Brigade Schutz bietet, und bewundert sie für ihre physische Stärke und ihre scheinbar unerschöpfliche seelische Widerstandskraft.

Commandant Mordent ist der zweite Stellvertreter Adamsbergs und schon beinahe dreißig Jahre bei der Brigade. Kahlköpfig und mit langem Hals erinnert er ein wenig an einen Reiher. Er ist kompetent, liebenswürdig, redegewandt und kennt sich wie kein anderer mit Märchen und Legenden aus.

Brigadier Estalère ist nicht der hellste Kopf der Brigade. Mit seinen weit aufgerissenen grünen Augen sieht der junge Mann permanent erstaunt aus. Adamsberg schätzt ihn für seine naive Beobachtungsgabe, die manchmal überraschende Erkenntnisse herbeiführt. Seine wichtigste Aufgabe in der Brigade ist jedoch die Zubereitung des Kaffees, er kennt die Vorlieben aller Kollegen und irrt sich nie. Estalère verehrt Adamsberg und die allmächtige Violette Retancourt.

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