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SPECIAL zu Ennio Flaiano »Alles hat seine Zeit«

Zum 100. Geburtstag von Ennio Flaiano am 5. März 2010

Der bekannteste Unbekannte des europäischen Films

1940 trafen in Rom zwei Männer aufeinander, deren Begegnung den Grundstein legen sollte für etliche spektakuläre Welterfolge des italienischen Kinos. Die beiden Männer waren der dreißigjährige Ennio Flaiano, der als Film- und Theaterkritiker arbeitete, und der zwanzigjährige Federico Fellini, ein damals noch völlig unbekannter Zeichner. Das Satireblatt, für das Fellini seine Bildgeschichten erfand, hatte seine Redaktionsräume unmittelbar neben denen der Zeitschrift, für die Flaiano schrieb. Flaianos aphoristischer Humor und sein erzählerisches Temperament begeisterten Fellini, und so kam es, dass Flaiano die Drehbücher für Fellinis erste eigene Filme verfasste, für «Lichter des Varietes» (1950) und «Der weiße Scheich» (1952).
Dies war der Beginn einer fruchtbaren Karriere, die in Flaianos Fall allerdings nicht ins Rampenlicht führte. Über sechzig Drehbücher schrieb er, berühmt wurden jedoch die Regisseure, die sie verfilmten, vor allem Fellini. Dreimal wurde Flaiano in Hollywood für den Drehbuch-Oscar nominiert: für «Die Müßiggänger» (I vitelloni, 1953), «Das süße Leben» (La dolce vita, 1960) und «8 ½» (Otto e mezzo, 1963). Fellinis «La strada» und «Le notti di Cabiria», deren Drehbücher ebenfalls von Flaiano stammten, gewannen 1954 und 1957 den Oscar als bester ausländischer Film. Während Fellini ein kometenhafter Aufstieg zum weltberühmten und gefeierten Regisseur gelang, stand Flaiano zeit seines Lebens im Schatten seines Freundes.

Ohnehin betrachtete er das Filmgeschäft skeptisch: Lapidar bezeichnete er den Film als «Kunstwerk von drei Zentimetern Höhe und wenigstens zweieinhalb Kilometern Länge. Die Geschwindigkeit ist festgelegt: eintausendsechshundertfünfzig Meter in der Stunde.» Was den eher scheuen und spöttischen Flaiano dazu bewog, sich mit der Welt des Films auseinanderzusetzen, war nicht so sehr eine leidenschaftliche Begeisterung für das Metier des Filmemachers, sondern vielmehr seine Begabung, bildhaft zu denken und sich in Bildern von starker Suggestionskraft auszudrücken.

«Ein Zauberkünstler der Verzweiflung» (Giorgio Manganelli)

Mit Mitte zwanzig – nach seinem abgebrochenen Architekturstudium – hatte Ennio Flaiano begonnen, als Journalist zu arbeiten. Er schrieb vor allem Theater- und Filmkritiken, aber auch scharfsichtige Glossen und gesellschaftskritische Kolumnen, die in ihrer suggestiven Ausdrucksweise von Einfallsreichtum, melancholischem Witz und kluger Beobachtungsgabe zeugen. Gleich bei der ersten Begegnung mit dem Verleger Leo Longanesi riet dieser ihm, unverzüglich ein Buch zu schreiben. Als sich die beiden einige Jahre später, an einem Dezemberabend des Jahres 1946, in Mailand wiedertrafen, drängte der Verleger erneut: «Schreiben Sie mir einen Roman auf Anfang März?» Zwar lachte Flaiano zunächst über den Scherz, aber Anfang März 1947 schickte er tatsächlich das Manuskript ab. Es hatte also des energischen Anstoßes durch seinen Freund Longanesi bedurft, um Flaiano zum Schreiben zu bewegen.

Flaianos erster und einziger Roman wurde noch 1947 unter dem Titel «Tempo di uccidere» («Alles hat seine Zeit») veröffentlicht und gleich mit dem neu gegründeten und erstmals vergebenen Premio Strega ausgezeichnet, dem inzwischen renommiertesten italienischen Literaturpreis. Den Hintergrund des Romans bildet der italienische Abessinienfeldzug, der von Oktober 1935 bis Mai 1936 dauerte. Die eigentlichen Kampfhandlungen sind allerdings vollkommen ausgeblendet; vielmehr erzählt das Buch von den Folgen des Krieges und der Gewalt auf die Seele eines jungen italienischen Leutnants, der in der Fremde seinen moralischen Halt und damit sich selbst, seine Identität verliert.

Der Krieg in Afrika

Am Abessinienfeldzug hatte Ennio Flaiano selbst teilgenommen: Als Fünfundzwanzigjähriger wurde er zum Militärdienst eingezogen und nach Afrika geschickt. Der grausame Kolonialkrieg, der mit der Annexion Äthiopiens und der Gründung der Kolonie Italienisch-Ostafrika endete, wurde mit äußerst brutalen Mitteln geführt; die italienischen Truppen verübten zahlreiche Gräueltaten und setzten Giftgas ein.

Flaiano hätte den Militärdienst gern verweigert. In seinem Nächtlichen Tagebuch, das er 1956 veröffentlichte, schreibt er sarkastisch: «Als ich jung war, wurde ich eines Tages einberufen, um meinen Militärdienst zu leisten, aber ich verweigerte ihn aus Gewissensgründen. Man sagte mir, es handele sich nicht darum, in den Krieg zu gehen, sondern nur darum, zwei Jahre lang täglich einige einfache militärische Übungen auszuführen, die meinen Körper stärken und meinen Charakter bilden würden. ‹Meine Herren›, erwiderte ich, ‹die Funktion entwickelt das Organ. Ich werde Ihrem Aufruf Folge leisten, doch nach zwei Jahren einfacher militärischer Übungen müssen Sie mir gestatten, einen Menschen zu töten, eine Alte zu erstechen, ein Mädchen zu schänden, eine Bibliothek in Brand zu stecken und eine Kirche auszurauben.›»

Rom, eine zwiespältige Beziehung

Sobald Flaiano seine Uniform ausziehen durfte, kehrte er nach Rom zurück. Seit seinem 12. Lebensjahr hatte er dort gelebt – zur Welt gekommen war er am 5. März 1910 in dem kleinen Hafenstädtchen Pescara. Mit Rom, der Ewigen Stadt, der er mit seinem Film «La dolce vita» ein unvergängliches Denkmal setzte, blieb Ennio Flaiano immer in einer Art Hassliebe verbunden. In einem Interview sagte er einmal: «Seit fünfzig Jahren denke ich daran, fortzuziehen und mich in ein anderes Klima zu verpflanzen, und jedes Mal, wenn ich von Rom abreise, ist es mein größter Schmerz, dorthin zurückzukehren…» Vor allem die Welt der Via Veneto, auf der sich die gelangweilte, verwöhnte und des Wohlstands überdrüssige Gesellschaft bewegte, die ihn und Fellini zu «La dolce vita» inspirierte, schien ihm unerträglich. Dennoch gehörte er dazu und war in den Kreisen der Künstler, der Schriftsteller und Filmleute für seine geistreichen Aussprüche, seine Kalauer und seinen ironischen Humor berühmt. Bis zu seinem Tod kam Flaiano von Rom nicht los, hier starb er am 20. November 1972 an seinem zweiten Herzinfarkt.

Alles hat seine Zeit Blick ins Buch

Ennio Flaiano

Alles hat seine Zeit

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