VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE - BERTELSMANN
Menü

SPECIAL zu Ernst Peter Fischer »Der kleine Darwin«

Evolution für die Westentasche

Rezension von Henrike Strehler

Ernst Peter Fischer, renommierter Wissenschaftspublizist und Autor zahlreicher Bücher, zeigt einmal mehr, dass er selbst komplizierte naturwissenschaftliche Sachverhalte auch für den Laien leicht verständlich erklären kann. So wundert es kaum, dass er in seinem neuesten Werk die Geschichte der Evolutionstheorie so spannend und amüsant erzählt, dass alle Erinnerungen an die trockenen Erklärungen im Biologie-Unterricht schnell vergessen sind.

Angefangen bei einem kurzen biografischen Abriss über Leben und Werk des Vaters der modernen Evolutionstheorie, Charles Darwin, führt uns Ernst Peter Fischer behutsam immer tiefer in die Materie. Nach einer Erläuterung der Schlüsselbegriffe steigen wir im nächsten Kapitel tiefer in die wissenschaftlichen Grundlagen der Theorie ein, die dann zu guter Letzt am Beispiel des modernen Menschen und unserer Gesellschaftsstruktur praktisch angewandt wird, so dass wir das Wirken der Evolutionstheorie in unserem Alltag entdecken können.

Der Vater der Evolutionstheorie
Charles Darwin kommt 1809 in Mittelengland zur Welt. Nach einem eher ziellosen Studium der Medizin und Theologie beginnt seine wahre Forscherkarriere an Bord der HMS Beagle, einem königlichen Schiff, dessen Welt umspannende Vermessungsfahrt von 1831 bis 1836 unter anderem auch auf die Galapagosinseln führt. Darwins Hauptaufgabe bei der Weltumseglung besteht darin, die vorgefundene Fauna soweit möglich zu sammeln oder zu beschreiben und auch – angeregt durch den Geologen Charles Lyell – nach Fossilien zu graben.

Auch die einzigartige Tierwelt der Galapagosinseln wird dokumentiert – obwohl Darwin seinen Beobachtungen erst nach der Rückkehr die richtige Bedeutung beimessen wird. 1837 formuliert er in seinem Notizbuch erstmals die revolutionäre These, dass mit den Arten als Reaktion auf ihren Lebensraum eine „Form von Evolution“ stattfinden muss, anders ließen sich z. B. die vielen verschiedenen Finkenarten auf den Galapagosinseln kaum erklären. Nicht genug damit, dass er somit die jahrhundertealte Theorie von der Unwandelbarkeit der Arten verwirft, wagt er es obendrein, seine Beobachtungen gleich auf den Menschen auszudehnen und ihn somit statt als göttliche Schöpfung lediglich als „Ableger der Tierwelt“ zu betrachten.

Eine revolutionäre These
Warum Darwin dann rund zwanzig Jahre zögerte, bis er seine Theorien veröffentlichte, bleibt nur auf den ersten Blick rätselhaft. Zum einen muss er geahnt haben, welch gesellschaftspolitische Sprengkraft in seiner Erklärung für die Entstehung der Arten steckte. Schließlich deutete alles darauf hin, dass sich die Arten durch Mutationen weiterentwickelten, die sie besser an ihre jeweiligen Umweltbedingungen anpassten – was im Umkehrschluss nahe legt, dass die weniger angepassten Individuen und Populationen bei diesem Selektionsprozess auf der Strecke blieben. Dieser „struggle for existence“, der den Dreh- und Angelpunkt des evolutionären Prozesses bildet, ist immer wieder missverstanden worden: „Viele Menschen wollen anscheinend den „Kampf ums Dasein“ falsch verstehen, um ihre Machtgelüste auszuleben“, wie Ernst Peter Fischer treffend bemerkt.

Darüber hinaus hatte Darwin wahrscheinlich auch Skrupel, das von der Kirche propagierte Schöpfungsmodell öffentlich anzuzweifeln, und er wusste, dass „der Gedanke der Evolution mehr ein Anfang als ein Ende“ ist, und es noch mühsame Forschungsarbeit erfordern würde, um seine Theorie schlüssig zu belegen. Und so ist sein weithin bekanntes Hauptwerk Origin of Species by the Means of Natural Selection auch ein Fundus an Beispielen aus der Flora und Fauna, nur an die Frage nach der Entstehung des Menschen wagt sich Darwin erst 13 Jahre später mit The Descent of Man.

Das Wichtigste in Kürze – Schlüsselbegriffe und Unterscheidungen
Nach dieser Skizzierung der Entstehungsgeschichte der Evolutionstheorie legt Ernst Peter Fischer auf den folgenden 90 Seiten fundiert aber trotzdem knapp und gut verständlich die Grundlagen zum Verständnis der Theorie. Wir lernen im Schnellkurs, was genau im wissenschaftlichen Diskurs mit „Art“ und „Artbildung“ gemeint ist, was „Selektion“ ist und wie sie funktioniert, und dass im evolutionären Zusammenhang „Fitness“ nicht allzu viel mit Sport zu tun hat. Eine kurze Abhandlung über Gene und deren Rolle im evolutionären Prozess leitet hin zu „Evo-Devo“, was keine neue Musikrichtung, sondern vielmehr die „Evolutionäre Entwicklungsbiologie“ meint, die den spannenden Zusammenhang zwischen der Evolution der Gene und der Entwicklung der Gene hin zu einem funktionierenden Organismus zu erklären versucht.

Im Folgenden begegnen wir einem weiteren alten Bekannten aus dem Schul-Biologie-Unterricht, Jean Baptiste Lamarck, und lernen die Unterschiede zwischen Darwinismus und Lamarckismus kennen, wir sehen, wie ein grafisches Schema, eine Art „Stammbaum“, der Evolutionsgeschichte aussehen könnte, und dass man bei der Anfertigung solcher Stammbäume unterscheiden muss, „ob Merkmale deshalb vergleichbar sind, weil sie einen gemeinsamen Ursprung haben, oder weil sie als ähnlich gut gelungene Anpassung der Evolution entstanden sind“.

„Homologie“ und „Analogie“, „Divergenz“ und „Konvergenz“, „Phylogenese“ und „Ontogenese“ – all diese kompliziert klingenden Fremdwörter verlieren ihren Schrecken wenn sie von Ernst Peter Fischer anhand einleuchtender Beispiele gut verständlich erklärt werden. Falls dem Leser trotzdem wegen der schieren Fülle der Begriffe der Kopf schwirrt, kann er anhand der gut strukturierten Unterkapitel problemlos jederzeit nachschlagen, so dass der Mittelteil des schmalen Bändchens eine Art erzählendes „Lexikon“ im besten Sinne darstellt.

Stammen wir vom Affen ab? Die Evolution und der Mensch
Nach der trotz aller Beispiele und allem Sprachwitz eher theoretischen Begriffsklärung widmet sich Ernst Peter Fischer im letzten Teil seines Werks dem Gebiet der Evolutionstheorie, das uns allen am meisten unter den Nägeln brennt, nämlich dem Menschen selbst.

„Stammen wir tatsächlich vom Affen ab?“ dürfte wohl die am heftigsten diskutierte These in der Rezeptionsgeschichte der Darwinschen Ideen sein. Und Ernst Peter Fischer belegt mit modernen Forschungsergebnissen, dass diese Frage mit einem deutlichen „Ja“ beantwortet werden muss. Zwar stammt der Mensch nicht von den heute existierenden Menschenaffen und auch nicht nur von einer, sondern eher von zwei Affenarten (den Schimpansen und den Bonobos) ab, doch letztendlich sind auch wir nur ein vernunftbegabtes Tier.

Und noch dazu eigentlich kein besonders lebensfähiges. Durch die Weiterentwicklung der menschlichen Intelligenz ist der Kopfumfang des Menschen so weit angewachsen, dass wir Menschen im Vergleich zu anderen Säugetieren völlig unterentwickelt – wirklich als „physiologische Frühgeburt“ – zur Welt kommen müssen, um das Leben der Mutter nicht bei der Geburt zu gefährden. Deshalb brauchen Menschenkinder auch sehr viel mehr Fürsorge und Aufmerksamkeit in den ersten Lebensmonaten als alle anderen Tiere, was wiederum zur Folge hat, dass nur eine beschützende soziale Struktur, wie wir sie in der Familie finden, überhaupt das Fortbestehen der Art garantieren kann.

Von der Natur zur Kultur
Insofern ist die menschliche Familie kein Kulturgut, das wir nur aufgrund unserer Vernunftbegabung als bestes Lebenskonzept erfinden konnten, sondern vielmehr „eine biologisch begründete Tatsache, deren Zustandekommen im evolutionären Kontext verstanden werden kann.“ Ein erstaunlicher Schluss.

So nimmt es kaum Wunder, dass sich auch die populärwissenschaftlich viel diskutierte Tatsache, dass Männer und Frauen sich in ihrem Denken und Handeln grundsätzlich voneinander unterscheiden, anhand der Evolutionstheorie erklären lässt, wie Ernst Peter Fischer hier anhand eindeutiger Belege zeigen kann.

Die spannendste Frage bleibt in diesem Zusammenhang jedoch, wie und warum der Mensch in seiner Entwicklung von der Natur zur Kultur gelangte. Ein Phänomen, das sich zumindest auf den ersten Blick nicht durch die üblichen evolutionären Muster erklären lässt. Warum gibt es Kunst, wie konnten sich die Wissenschaften ausbilden, warum versucht der Mensch, sein Wissen ständig zu erweitern? Auch auf diese Fragen weiß die Evolutionstheorie eine Antwort, die uns Ernst Peter Fischer auf den letzten Seiten des Bandes offenbart. Ein gelungener Abschluss für diese tour de force durch die Evolutionstheorie.

Leseabenteuer und Nachschlagewerk in einem
Obwohl nur 208 Seiten dünn, steckt in diesem Bändchen tatsächlich – wie der Untertitel verspricht – „Alles, was man über Evolution wissen muss“. Und darüber hinaus auch noch so einiges mehr. Ernst Peter Fischer ist ein Meister des Erzählens, immer wieder lockert er den wissenschaftlich fundierten Text mit erheiternden Anekdoten auf und würzt so manch trockenen Diskurs mit reichlich Sprachwitz. Ein kurzweilig zu lesendes Buch, das sich auch als kompaktes Nachschlagewerk zum Thema eignet und keine Fragen offen lässt.

Henrike Strehler
München, Januar 2009

Der kleine Darwin Blick ins Buch

Ernst Peter Fischer

Der kleine Darwin

Kundenrezensionen (1)

€ 9,95 [D] inkl. MwSt. | € 10,30 [A] | CHF 13,50* (* empf. VK-Preis)

Oder mit einem Klick bestellen bei

Weiter im Katalog: Zur Buchinfo