SPECIAL zu Federica de Cesco

Eine Ahnung von Freiheit

Buchempfehlung

Dolkar ist eine junge Architektin, die in einem der renommiertesten Züricher Architekturbüros arbeitet. Kaum etwas verbindet die moderne junge Frau noch mit ihrer tibetischen Herkunft – bis sie durch Zufall erfährt, dass ihre Mutter Sonam am Rücken tiefe Narben hat, die von schwersten Misshandlungen herrühren. Erstmals versucht Dolkar, von ihrer sehr verschlossenen Mutter mehr über deren Vergangenheit zu erfahren. Widerstrebend beginnt Sonam, ihrer Tochter etwas von ihrer Familie und deren Geschichte zu erzählen...

Herrin der Türkise
Dolkars Großmutter Longsela war in Lhasa, der Hauptstadt Tibets, als „Herrin der Türkise“ bekannt. Sie wuchs als Tochter eines Medizingelehrten in für die damalige Zeit ungewöhnlicher Freiheit auf und begleitete ihren Vater häufig auf seinen Reisen. Eines Tages wurden die beiden und ihre Begleiter unterwegs von Kanam, dem Anführer eines kriegerischen Nomadenstammes, aufgehalten. Alo, der kleine Sohn des Nomaden, war nach einem Sturz lebensbedrohlich erkrankt, und Longselas Vater sollte ihm helfen.

Ewiger Dank
Dem Vater gelang es, den Jungen zu retten. Zum Dank zeigte der Nomadenführer Kanam dem Arzt und seiner Tochter eine Fundstelle besonders wertvoller Türkise. Diese Steine sollten für Longsela wenige Jahre später den Grundstock ihres Erfolges als Juwelenhändlerin bilden. Doch nicht nur die Edelsteine schienen Kanam und Longsela zu verbinden:

Geheimnisse des Herzens
„Bei diesen Worten lächelte Longsela, neigte den Kopf zum Abschied. Da verließ Kanams Blick das Gesicht ihres Vaters und richtete sich kurz auf sie. Was für Quellen der Sanftheit in ihm auch immer fließen mochten, er hielt sie sorgsam verborgen. Viele Jahre später sollte sie sich an jenes geheimnisvolle Gefühl des Schwindels erinnern, das dieser Blick in ihr erweckt hatte: der fast körperliche Eindruck eines gemeinsamen Schicksals, reich gefüllt mit Dingen, die nicht begriffen werden können, bevor sie kommen. Doch damals fiel zwischen ihnen kein Wort.“

Glück und erste Schatten
Longsela entwickelte sich zu einer geschickten und überaus erfolgreichen Edelsteinhändlerin. Sie heiratete einen sanftmütigen Übersetzer und gebar ihrem Mann drei Kinder: Lhamo, Kelsang und die ungestüme Sonam. Es war ein sorgloses und harmonisches Leben, das die Familie in ihrem schönen Haus in Lhasa führte. Doch dann fielen die Schatten der großen Politik auch auf Longselas Familie. Die Chinesen besetzten Tibet, erst langsam und beinahe unauffällig, dann mit zunehmend brutaler Gewalt.

Leiden im Lager
Während Longsela und ihr Mann auf Reisen waren, wurden ihre Kinder verschleppt und in ein chinesisches Arbeitslager gebracht. Lhamo, die älteste Tochter, und der Sohn Kelsang passten sich den veränderten Verhältnissen an, doch die eigensinnige Sonam blieb eine trotzige Außenseiterin im sozialistischen Umerziehungscamp. Sie versuchte zu fliehen, doch immer wieder wurde sie eingefangen. Erst nach Jahren entkam sie aus dem Lager und gelangte mit Hilfe eines Nomaden nach Indien und von dort weiter in die Schweiz.

Wie im Nebel
Beharrlich versucht Dolkar, von ihrer Mutter mehr über diese traumatische Zeit zu erfahren, denn die Einzelheiten liegen für sie immer noch wie im Nebel. Was genau ist Sonam damals in jenem Lager passiert, und unter welchen Umständen gelang ihr endlich die schwierige Flucht nach Indien? Warum haben die Geschwister untereinander fast keinen Kontakt mehr, und welche Schuld scheint immer noch auf Sonams Bruder zu lasten, der seit vielen Jahren als buddhistischer Mönch in einem Schweizer Kloster lebt?

Sonam schweigt
Doch Sonam schweigt und weigert sich hartnäckig, über ihre Flucht zu reden. So muss Dolkar erst selbst nach Tibet reisen, um in den Überresten ihrer beinahe untergegangenen Heimat nach ihrer Vergangenheit zu suchen – um dabei unversehens ihre Zukunft zu finden.

Zauber und Tragik
Federica de Cesco erzählt in diesem überaus berührenden Roman nicht nur die wechselvolle Geschichte einer Familie über vier Generationen hinweg, sondern auch die Geschichte Tibets. Zauber und Tragik dieses faszinierenden Landes entfalten sich im leidvollen Schicksal seiner Bewohner. De Cesco, die weitgereiste Autorin, benennt in einem Interview, was für sie das Wichtigste überhaupt ist: Freiheit. So vermittelt ihr Roman nicht nur eine Ahnung davon, was Tibet ausmacht, sondern auch die lebendige Hoffnung auf eine Wende für das so lang schon geknechtete Land.

Ulrike Künnecke
Literaturtest

Berlin, August 2009