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SPECIAL zu Finn Mayer-Kuckuk »Tokio Total«

Wie esse ich das jetzt?

Finn Mayer-Kuckuk im Interview

Wie begann Ihre Liebe zu Japan? Gab es einen ganz konkreten Auslöser?
Als Jugendlichen faszinierten mich historische Romane, die in Japan spielten. Im damals einzige Sushi-Restaurant in meiner Heimatstadt Bonn versuchte ich dann in weihenvollen Einklang mit dem Tao des Ortes zu gelangen. Noch wichtiger war aber vermutlich, dass mir das Essen einfach unheimlich gut schmeckte. Zu der Zeit habe ich Japan aber noch in allerlei Weise romantisch verklärt. Als ich später dort wohnte, merkte ich: Ein Großteil des Landes ist einfach laut, bunt und rümpelig.

Zum ersten Mal kamen Sie als Student nach Japan, bevor Sie 2006 als Korrespondent des Handelsblattes zurückkehrten. Wie haben Sie sich anfangs zurechtgefunden?
Ich war sogar noch während der Dienstzeit des erste Mal da und habe eine Rucksackreise gemacht. Später habe ich in einer kleinen Landstadt studiert. Da hatte ich noch so meine Probleme mit den Sitten des Landes. Die Tipps im Reiseführer und die Realität sind dann doch zwei Paar Stiefel – auch die beste Anleitung lässt noch viele Fragen zu den Sitten offen. Häufig trieb mich nach erfolgreichem Bestellen im Lokal die Frage um: Wie esse ich das jetzt? Beispielsweise, als nur ein Fischkopf kam. Später haben mir Freunde gesagt, dass die Muskeln, die die Augen bewegen, und die Wangen dieses Fischs eine besondere Delikatesse sind. Als Korrespondent habe ich mich dann in mehrfacher Hinsicht besser zurecht gefunden: Ich lebte und arbeitete in einem westlicheren Umfeld, und ich war ja schon gründlich vorbereitet.

Welche Klischees über Japan und die Japaner sind wirklich wahr – und worin irren wir uns?
Erstaunlich viel findet sich in der Realität wieder. Die Freundlichkeit und Zurückhaltung sind ja geradezu legendär, und die gibt es wirklich. Die Leute verbeugen sich tatsächlich oft. Sie essen auch viel rohen Fisch, aber hier muss man schon wieder Einschränkungen machen. Es kommt auch viel Fleisch auf den Tisch. Ein Riesenirrtum ist dagegen die Annahme, Japaner seien effizient. Ich finde sie oft einfach nur umständlich. Die gewundene Arbeitsweise erklärt auch, warum sie so lange im Büro hocken.

Was haben Sie von den Japanern gelernt?
Vieles hat abgefärbt. Neulich habe ich mich dabei ertappt, beim Telefonieren aufzustehen und mich bei der Verabschiedung zu verbeugen. Auf einer Reise nach China haben mich die Leute anfangs auf meine vermeintlich unterwürfige Körpersprache angesprochen. Konkret gelernt habe ich viele nützliche Geschäftssitten – etwa, nach jedem noch so kurzen Treffen eine E-Mail mit Dank und Zusammenfassung zu schreiben. Oder sich bei Partygästen schriftlich fürs Kommen zu bedanken. In Japan ist das Pflicht, doch das kommt auch in anderen Ländern gut an. Noch etwas: Japaner sind im Durchschnitt besonders zuverlässig. Ich habe gemerkt, wie viel einfacher das die Zusammenarbeit macht.

Ändert sich durch das Leben in einem so ganz anderen Land der Blick auf die eigene Kultur? Und wenn ja, was ist Ihnen aufgefallen?
Mir geht es wie anderen deutschen Japan-Bewohnern auch. Wenn ich einige Monate dort bin, möchte ich manchmal nach Deutschland zurück, aber von der ersten Minute im realen Deutschland an wünsche ich mich dann schon wieder zurück nach Japan – hier kommen einem plötzlich alle so pampig vor. Deutsche nehmen sich und ihr Land wahnsinnig wichtig und zeigen das auch. Auf Japanreise wollen sie die Japaner pausenlos belehren. Japaner hören dagegen mehr still zu und denken erst gründlich nach, bevor sie den Mund aufmachen.

In Ihrem Buch „Tokio total“ schildern Sie sehr viele skurrile Erlebnisse und für uns manchmal nur schwer zu durchschauende Verhaltensregeln. Gab es etwas, das Sie ganz besonders verwundert hat?
Bis heute verblüfft mich die Disziplin, mit der sich alle an die zahllosen Regeln halten. Etwa am U-Bahnsteig, wo die Leute an Markierungen für festgelegte Türen der Bahn anstehen. Oft gibt es sogar Wartelinien für die Fahrgäste, die erst den übernächsten Zug nehmen wollen. Die Wartenden rücken dann nach Abfahrt des ersten Zuges wie eine römische Kohorte geschlossen nach. Als Ausländer steht man anfangs dumm dazwischen und drängelt sich unabsichtlich vor. Der Umgang mit sexuellen Fetischen irritiert mich ebenfalls etwas. Japaner legen sich da sehr speziell fest – und die Rotlichtindustrie von Tokio liefert jedem das, was er gerne hätte.

Finden uns die Japaner umgekehrt eigentlich auch so seltsam?
Die Japaner halten es für ganz normal, dass Ausländer seltsam sind. Schließlich trennen sie extrem zwischen „innen“ und „außen“. Dass Nichtjapaner sich daneben benehmen, wundert sie daher gar nicht. Wenn sie nach Deutschland kommen, dann vermissen sie im Gegenteil eher das exotische Humtata-Deutschland mit Pickelhauben, Blasmusik, Lederhosen, gotischen Bögen und Neuschwanstein-Türmen. Das reale, moderne Deutschland ist ihnen also sogar zu normal.

Gibt es etwas typisch Japanisches, auf das Sie nicht mehr verzichten möchten?
Oh ja. Massig Sachen. Jetzt haben Sie aber ein Fass aufgemacht. Wenn ich Japan verlasse, schimpfe ich die ganze Zeit über all das, was fehlt. Wenn ich auf Klos gehe, die einen nicht mit einem Wasserstrahl reinigen können, fühlt sich das inzwischen fast etwas unhygienisch an – als würde ich auf Toilettenpapier verzichten müssen. Auch den Gepäcklieferdienst vermisse ich, der für wenig Geld Koffer oder Kisten genau zu der Zeit da hin bringt, wo man sie haben will – beispielsweise an den Flughafen. Oder die 24 Stunden offenen Convenience Stores, die im ganzen Land flächendeckend immer genau das anbieten, was man gerade braucht. In meinem Kühlschrank sind die Salatsoßen der Firma Kyûpi völlig unentbehrlich. Nirgendwo schmecken gekaufte Soßen so echt wie in Japan.

Was sollte man in Tokio abseits der üblichen Touristenpfade unbedingt gesehen haben? Bitte geben Sie uns einen Insidertipp!
Eine schöne Sache ist es, in eines der Restaurants der Hochhäusern in Shiodome zu gehen und dort beim Essen entweder den Blick über die Bucht von Tokyo oder zur anderen Seite hin über die Stadt zu genießen. Auch der Besuch einer Cosplay-Veranstaltung hat sicherlich etwas. Die Leute verkleiden sich da wie Mangafiguren. Und auf der kleinen mondförmigen Halbinsel Tsukishima (nicht zu verwechseln mit dem Fischmarkt Tsukiji – der schreibt sich mit anderen Schriftzeichen) findet sich eine kleine Straße mit Läden, die Monja-yaki anbieten, Kohl-Pfannkuchen zum Selbermachen auf heißen Eisenplatten. Die Gegend hat so ein bisschen etwas vom Tokio der 50er-Jahre.


Zum Blog des Autors: www.tokio-total.de

Tokio Total

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