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SPECIAL zu Florence Ehnuel »Das schöne Geschlecht der Männer«

Von der reinen Lust am Schauen

Buchempfehlung von Sabine Schmitt

Üblicherweise sind es die Frauen, die als das schöne Geschlecht bezeichnet werden. Unter dem Pseudonym Florence Ehnuel beschreibt eine französische Philosophieprofessorin, warum auch Männer diese Auszeichnung verdienen. Den männlichen Körper hinreichend zu würdigen, heißt für die Autorin, sich seinem Anblick ohne Scham hinzugeben. Denn Männer sind für sie eine nie versiegende Quelle der Lebensfreude.
„Ich genieße sie mit dem Blick, ich verschlinge sie gierig mit den Augen, mache ihnen mit ein paar Worten fröhlich ein Kompliment. Ich kann nicht genug bekommen von ihrem schönen Geschlecht. Die Lust, das Verlangen, die Freude reißen uns mit.“

Spätes Erwachen
Mit Mitte dreißig erfindet Florence Ehnuel sich neu und entdeckt, dass es ihr großen Spaß macht, den männlichen Körper bewusst und en detail anzusehen. Der Körper eines Mannes sei es wert, genüsslich betrachtet zu werden, denn nur so ließe er sich angemessen wertschätzen. Männerkörper und besonders deren intime Zonen seien schön und inspirierend, bekennt die Autorin.
„Es bot sich mir ein hinreißendes Schauspiel, dessen ich nie müde wurde und dessen sorgfältige Pflege mir ein ernstes Anliegen ist. Dieser Anblick ist für mich zum Lebensglück geworden.“

Die Bürde des Körpers
Die Freude am Betrachten des männlichen Körpers sei für sie nicht immer selbstverständlich gewesen, teilt Florence Ehnuel ihren Lesern freimütig mit. In dem eher prüden Haushalt, in dem sie aufwächst, gilt das unausgesprochene Gebot, den eigenen Körper vor fremden Blicken zu verbergen, ihn besser ganz aus den Gedanken zu verbannen und niemals über ihn zu sprechen. Früh lernt das Kind, sich ohne fremde Hilfe zu waschen, um der Mutter den lästigen Dienst und sich selbst deren schlecht verhohlenen Ekel zu ersparen. Eine Vorstellung vom nackten Männerkörper bekommt die Kleine spät, denn der Bruder hat als einziger Mann im Haus ein eigenes Bad.

Haar in der Suppe
Die erste Begegnung mit dem anderen Geschlecht prägt ein Aufklärungsbuch mit technisch-nüchternen Abbildungen. Zum Glück gibt es da noch eine ältere Schwester, die bereits Erfahrungen in Sachen Liebe gesammelt hat. Mit einfühlsamen Erläuterungen gelingt es ihr den Schock, den die unpersönlichen Darstellungen bei dem noch unbedarften Kind auslösen, zu mildern.
„Man sah das – mittels welcher Querschnitt-Technik auch immer – in die Vagina eingeführte Geschlecht des Mannes. Ich fiel aus allen Wolken, als ich erfuhr, was dieser Vorgang bedeutete, denn er passte zu meinen bisherigen Vorstellungen in etwa so gut wie ein Haar, das in einer Suppe schwimmt.“

Uncharmant und obszön
Alle Männer aus ihrer näheren Umgebung erscheinen der Autorin zunächst als eher vulgäre Wesen und verursachen der Heranwachsenden nach eigenem Bekunden Angst und Ekel. Entweder sind sie dicht behaart, wie der Liebhaber ihrer Mutter, der „in jeder Hinsicht etwas Massives, Grobes“ an sich hat und jegliches Feingefühl vermissen lässt. Oder überwältigend hässlich wie der Onkel, der eine Libido ausstrahlt, mit der das Mädchen nicht umzugehen weiß. „Kein Charme, keine Zärtlichkeit und ein ausgesprochener Hang zur Obszönität“, fasst die Autorin die früheren Eindrücke zusammen.

Sehnsucht nach Nähe
Trotz der eher abturnenden Begegnungen mit Männern, brennt in der jungen Frau eine Sehnsucht nach einem warmen Körper und zärtlich-lustvollen Berührungen, eine Lebenslust, die sich am Ende stärker erweist als das beengende soziale und kulturelle Umfeld. Sich aus dessen Korsett zu befreien, sei ein langer und mühsamer Prozess, den auf sich zu nehmen durchaus lohne, verrät die Autorin.
„Die Lebenslust zwingt uns, unsere Grenzen und unsere Ängste zu überwinden, wir schleppen sie aber dennoch immer mit uns herum, und irgendwann holen sie uns ein. Man braucht lange, um mit ihnen fertig zu werden und sie in den Wogen der Lust und der Begierde aufzulösen.“

Versöhnung mit der Männlichkeit
Florence Ehnuel gelingt es dennoch die Fesseln der Vergangenheit abzustreifen. Ein erster Schritt zur Versöhnung mit der Männlichkeit ist die Ehe mit einem „ganz wunderbaren, zärtlichen und aufmerksamen“ Mann, mit dem sie vier Kinder bekommt. Als die Beziehung auseinander geht, ist die mittlerweile Sechsunddreißigjährige nach der intensiven Phase als Mutter und Ehefrau frei, ihre Sexualität neu zu definieren. Noch während der Ehe sei es ihr schwergefallen, den nackten Körper ihres Mannes offen zu betrachten, bekennt sie. Nun wendet sie ihren Blick den Männern zu, die ihr begehrenswert erscheinen, und diesmal schaut sie genau hin. Das Ergebnis: Leben fühlt sich leichter, freier und sinnlicher an als je zuvor. Besonders aus dem Anblick eines Männerkörpers schöpft sie neue Energie und Lebenslust.

Lustvoll leben
Florence Ehnuel beschreibt ihre Beziehungen zu verschiedenen Liebhabern, denen sie zugetan ist, und die Details der Männerkörper, die sie so staunend betrachtet. Offen und unkonventionell berichtet sie über ihre sexuellen Begegnungen und das Begehren, ohne dass die Schilderungen jemals Gefahr liefen ins Gewöhnliche abzudriften. Ihre Berichte sind frei von voyeuristischen Tendenzen, stets feinfühlig verfasst, die Sprache fast schon poetisch.
„Das schöne Geschlecht“ ist ein Plädoyer für den unverklemmten Umgang der Geschlechter miteinander und besonders ein Appell an die Frauen, die Ketten einer lustfeindlichen Erziehung zu sprengen und sich der Freude am anderen – ebenfalls schönen – Geschlecht hinzugeben.
„In meinem Schoß entspringt ganz eindeutig eine meiner Lebensadern. Da dieses Feuer vor allem brennt, wenn ich mit meinem Geliebten oder sonst einen Mann zusammen bin, der mir Lust bereitet, sind die Männer für mich ein ganz besonderer Quell der Freude. Ihnen gilt meine größte Wertschätzung und ich bin ihnen unendlich dankbar.“

Sabine Schmitt
Mainz, November 2009