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Flucht und Trauma: Wie wir traumatisierten Flüchtlingen wirksam helfen können

Interview mit Bosiljka Schedlich

Bosiljka Schedlich lebt in Berlin. Sie wurde in Kroatien geboren. Ist Übersetzerin und Sozialpädagogin. Lange Zeit war sie Geschäftsführerin des Südost e.V. in Berlin, jetzt Geschäftsführerin der Stiftung Überbrücken. Seit den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien ist sie tätig in der Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge aus diesem Gebiet. Schedlich initiierte und leitete zahlreiche Projekte. Sie ist Trägerin des Moses–Mendelssohn–Preises des Landes Berlin zur Förderung der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und zwischen den Völkern, Rassen und Religionen und des Bundesverdienstkreuzes am Bande 2005, und 2006 war sie, gemeinsam mit »1000 Frauen für den Frieden«, nominiert für den Friedensnobelpreis. Bosiljka Schedlich ist ebenso Trägerin des Katharina–von–Bora–Preises und wurde mit dem Titel Katharina–Botschafterin 2014 ausgezeichnet.



Udo Baer: Du hast jahrelang intensiv und umfangreich mit traumatisierten Flüchtlingen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien gearbeitet – vor allem Frauen. Was brauchen sie am meisten?

Bosiljka Schedlich: Sie brauchen, was ein normaler Mensch braucht. Eine Wohnung. Sie brauchen eine Arbeit, eine Beschäftigung. Sie brauchen gesundheitliche Versorgung und Bildung. Da sie in der Fremde fremd sind, brauchen sie auch eine Unterstützung, um in der Fremde nicht mehr so fremd zu sein, das heißt, sie brauchen Sprachunterricht und, am Anfang, eine soziale Betreuung, auch Begleitung zu den Ämtern und zu den Ärzten. Traumatisierte Flüchtlinge brauchen zusätzlich, neben der Stärkung des Gesunden durch das normale Leben, auch eine therapeutische Unterstützung, um das, was krank und zerstört worden ist, zu überwinden, zu heilen. Dieses ist durch unterschiedliche Arten möglich, aber nach einer Weile sind die Menschen in der Lage, zu sehen, dass die Erde in der Fremde dieselbe wie zuhause ist. Wenn sie gut betreut worden sind, sind sie in der Lage, zu erkennen, dass es in der Fremde Menschen gibt, die auch Ähnliches erlebt haben – in früheren Kriegen, oder Menschen, die aus anderen Ländern oder anderen Orten der Welt dorthin gekommen sind. Das hilft ihnen, anzukommen, bei sich, in der Fremde und in der Welt. Das hilft ihnen auf jeden Fall, die Rolle des Opfers zu verlassen und wieder Mensch zu sein, der mit all seinen Kräften und seiner Kreativität das Leben neu aufbaut.

Udo Baer: Worin haben sich Traumafolgen bei traumatisierten Frauen bzw. Männern gezeigt?

Bosiljka Schedlich:
Ich habe mit Frauen und Männern gearbeitet – da gab es gewisse Unterschiede. Gleich war: das Nicht-Schlafen-Können, die Unruhe. Gleich war die nicht vergehen wollende Angst. Gleich war, dass sie sich unter den Tisch warfen, sobald ein Flugzeug oder Hubschrauber vorbeikam. Oder zu Silvester, wenn die Knaller herumflogen, dann erlebten diese Menschen die größte Angst. Es waren die Bombenangriffe, die hochkamen. Gleich war, dass sie alle Fenster aufreißen mussten, weil sie nirgends Luft bekamen. Gleich war, dass sie jeden Menschen in Uniform fürchteten und dass sie jedes Amtspapier fürchteten und mit jedem sofort zu mehreren Beratungsstellen rannten, weil sie, also in Deutschland, in der Angst lebten, ausgewiesen zu werden, und deswegen jedes Amtspapier die Bilder des Krieges hochbrachte, die Bedrohung.
Und sie wussten, dass die Täter in der Heimat noch frei sind, dass sie bewaffnet sind, dass ihre Häuser zerstört sind, dass sie nicht wissen, wohin. Gleichzeitig hing eine Weile nach dem Friedensvertrag von Dayton das Damoklesschwert über ihren Köpfen – dass sie zurück müssten. Diese Situation hat eine sehr breite, sehr starke Retraumatisierung ausgelöst, die gleich am Anfang dazu geführt hat, dass mehrere, auch jüngere, nach außen gesund wirkende Menschen, gestorben sind, an Gehirnschlag u.ä. Und dass viele schwere Krankheiten – Schilddrüsen, Magenkrankheiten, Krebs – bekommen haben.

Udo Baer
: Was dürfen Menschen, die mit traumatisierten Flüchtlingen zu tun haben – im Kindergarten, in der Schule, in der Beratungsstelle, wo auch immer – was dürfen sie nicht falsch machen, was müssen sie wissen?

Bosiljka Schedlich:
Die Menschen, die mit Traumatisierten arbeiten, sollten unbedingt zu einer Schulung gehen. Sie sollten lernen, was ein Trauma ist und welche Folgen es hat. Es gibt auch heute noch bei den Jüngeren kaum jemanden, der nicht die Spuren der Traumatisierung von seinen Vorfahren übernommen und Ängste hat. Gut wäre es für alle, bei Fachleuten zu lernen, wie sie sich zu verhalten haben. Und dieses muss auf sie selbst bezogen sein. Im Inneren selbst kommen Ängste auf. Schon beim Anblick der Schüler, die ständig aus dem Fenster gucken oder monatelang nichts sagen ... Die Lehrer haben Angst davor, was in diesen Schülern steckt, was aus ihnen hervorbrechen kann.
Ich habe erlebt, dass sogar Psychologen, die nicht geschult darin waren, was Trauma ist, Angst hatten vor Menschen, die auf dem Boden hockten. Sie hatten das Gefühl, dass diese Flüchtlingsmänner gleich aufspringen und sie wie ein Löwe angreifen und erwürgen würden. Wenn sie sich damit beschäftigen und zum Beispiel die Rolle, die Haltung des Mannes einnehmen, der da unten am Boden hockt, dann erkennen sie sofort: Der Mann, der unten hockt, ist voller Angst [...]

Udo Baer: Was machen Menschen im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen falsch? Worauf muss man achten? Was muss man vermeiden?

Bosiljka Schedlich: Man darf keine Angst vor den verängstigten Menschen haben. Man muss auf sie zugehen. Und man muss Kinder wie Kinder betrachten. Man muss Menschen wie Menschen betrachten. Man muss Mitgefühl entwickeln. Man muss Empathie für sie entwickeln, sich vorstellen, dass sie etwas Schlimmes hinter sich haben und dass sie eine Weile brauchen, ehe sie wieder lachen können, ehe sie wieder angstfrei werden – das dauert manchmal jahrelang, manchmal ein Leben lang. Die Vorstellung ist wichtig, dass Menschen etwas Schlimmes durchgemacht haben und dass sie Hilfe und Zuneigung und ein Lächeln benötigen, eine Frage »Was brauchen Sie? Kann ich Ihnen helfen?« Das ist das, was die Menschen brauchen, egal an welchem Ort, in den Schulen, auf den Ämtern und anderswo. Ein freundliches Wort und eine Annahme als Menschen. Sie erwarten nicht mal immer, dass man ihnen etwas gibt. Sie erwarten aber, dass man in ihnen einen Menschen sieht, der gleichwertig ist, der Würde hat. Auch wenn er die Sprache nicht spricht oder wenn er aus einem anderen Land kommt.

Udo Baer:
Wenn du heute die Flüchtlinge siehst, die nach Deutschland kommen – was geht da in dir vor? Was wünschst du dir?

Bosiljka Schedlich: Ich sehe durch sie die Flüchtlingskolonnen aus meinem Land, Ex-Jugoslawien, in unterschiedliche Richtungen. Ich sehe die Kolonnen des Zweiten Weltkrieges, in ganz Europa. Ich sehe auch die deutschen Vertriebenen und flüchtenden Menschen. Es ist gleich, welcher Nationalität die Menschen sind. Es ist gleich, zu welcher Zeit und an welchem Ort. Die Flüchtlinge haben überall das gleiche Schicksal, dass sie alles verlieren, dass man ihnen alles wegnimmt, dass viele von ihnen getötet werden, dass viele ihre Angehörigen verlieren, dass viele verwundet bleiben, am Körper und die meisten von ihnen an der Seele, und dass sie dann zusätzlich erleben, dass man in ihnen die Bedrohung sieht, dass man in ihnen die Täter sieht und nicht die Opfer eines Krieges. Die Opfer, die eine Annahme als Mensch und einen Schutz und eine Unterstützung brauchen. Das sehe ich.

Ich sehe allerdings, dass sich zum Beispiel in Deutschland die Situation verändert hat. Das geht auch von der Regierung aus und das ist für mich entscheidend, weil sich dort der Dirigierstock befindet, der auch die Stimmung in der Bevölkerung beeinflusst. Dort ist die Stimmung so, dass man sich um diese Menschen kümmern muss, dass Deutschland ein großes, das stärkste europäische Land ist, dass es mit diesen Flüchtlingen leicht umgehen kann und ihnen helfen kann, in Deutschland anzukommen und dort zu bleiben, solange in ihren Ländern der Krieg herrscht.

Ich sehe, dass die Situation in manchen anderen europäischen Ländern, vor allem in denen in Osteuropa, anders ist. Dass die Angst der Menschen, auch bei den Regierungen, groß ist und die Verweigerung vor den Flüchtlingen. Das entsprichtder Haltung, die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vorhanden war, als die Vertriebenen kamen, die man nicht haben wollte. Wahrscheinlich brauchen diese Länder auch eine Weile, bis sie entspannt werden und sich in der Wiege der Demokratie sicherer fühlen.

Es ist gut, dass wir eine EU haben, in der man sich dabei gegenseitig unterstützen kann, aber es ist schon eine schmerzliche Wunde zu sehen, dass Stacheldraht vor den Flüchtlingen aufgebaut wird, dass Polizei und Militär, Panzer und Hubschrauber dorthin geschickt werden, wo Menschen fliehen, gleich ob sie alt oder jung sind, Männer oder Frauen, Alte oder Kinder. Diese Menschen bringen den Frieden aus diesen Ländern, sie retten ihn sozusagen. Sie wollen leben und nicht fanatisch auf irgendeiner Seite kämpfen, um zu zerstören und jemanden umzubringen.
Ich glaube, dass wir alle etwas für uns und für den Frieden insgesamt tun, wenn wir diesen Menschen helfen, das Erlebte zu überwinden und die Zeit, die sie bei uns verbringen, dafür zu nutzen, dass sie arbeiten lernen, dass sie etwas sparen, damit sie ihre Häuser und ihre Länder wieder aufbauen können. Sie alle wollen nicht Schmarotzer sein, die von Sozialhilfe leben. Die Chance sollte ihnen gegeben werden – es sind bei uns viele Arbeitsplätze frei – dass sie schnell die Sprache erlernen, dass sie die Qualifikationen erlernen, dass sie Jobs annehmen können.

Udo Baer: Herzlichen Dank.

Flucht und Trauma Blick ins Buch

Udo Baer, Gabriele Frick-Baer

Flucht und Trauma

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