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Flucht und Trauma: Wie wir traumatisierten Flüchtlingen wirksam helfen können

Viele Flüchtlinge haben große Angst, wieder in ihr Herkunftsland zurückgeschickt zu werden

»Als ich mit meiner Familie endlich in München angekommen war, war ich unendlich froh. Wir waren in Sicherheit, wir wurden freundlich empfangen, wir bekamen zu essen, ein Schlaflager, Windeln, Kleidung, Getränke, das war großartig, das war überwältigend. Doch dann blieb die Unsicherheit oder wurde immer stärker, wurde immer mächtiger. Wir wussten nicht, wo wir hinkamen, wir wussten nicht, ob wir bleiben konnten, wir hörten von diesen und jenen Flüchtlingen dieses oder jenes Gerücht. Dann kamen wir in einen anderen Ort, in eine ehemalige Kaserne, und lebten dort. Auch das war viel besser als auf der Flucht, und bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich war sehr dankbar, und gleichzeitig war ich unsicher, und ich wusste nicht, wo ich bin und wie ich bin und wer ich bin.«



Was Flüchtlinge, die akute traumatische Erfahrungen hinter sich haben, als Erstes und Wichtigstes brauchen, sind Sicherheit, Schutz und Geborgenheit. Doch das ist leider auch nach der Ankunft hier in Deutschland nicht direkt durchsetzbar, zumindest nicht schnell und nicht in dem Maß, wie viele gerade diese drei Hilfestellungen brauchen. Also wird der auf der Flucht begonnene traumatische Prozess fortgesetzt. Die Menschen können sich nicht nur nicht erholen, sondern die Verunsicherungen addieren sich zu den anderen Extremsituationen vorher, die in ihnen lebendig sind.

Viele Flüchtlinge haben große Angst, wieder in ihr Herkunftsland zurückgeschickt zu werden. Von den Flüchtlingen aus den Bürgerkriegsländern des ehemaligen Jugoslawien wissen wir, dass der unsichere Status extrem belastet. Als die Bürgerkriegshandlungen zu Ende waren, hieß es in Deutschland, dass die Flüchtlinge aus Kroatien, Bosnien, Serbien und anderen Gegenden wieder zurück in die Heimat sollten, um das Land dort wieder aufzubauen. Doch dort gab es Ruinen, und dort herrschten vor allem die Täter, und diese waren weiterhin bewaffnet. Ganz ähnlich ist für viele heutige Flüchtlinge die Vorstellung, wieder nach Syrien, nach Eritrea, in den Irak oder Afghanistan und andere Länder zurück zu müssen, sich den Tätern auszuliefern und wieder in den Schrecken des Traumas zurückkehren zu müssen.

Alle Menschen, die mit Traumatisierten arbeiten, wissen, dass das Schaffen von Sicherheit und die Vermeidung von Täterkontakt erste Schritte sind, um überhaupt mit heilenden Prozessen beginnen zu können. Wenn über den Flüchtlingen das Damoklesschwert schwebt, wieder in die Täterstrukturen zurückkehren zu müssen, oder wenn sie mit neuen Tätern und Täterinnen konfrontiert werden, die z. B. ihre Flüchtlingsunterkunft abzubrennen drohen, ist an Trauma-Heilung nicht zu denken. Dann setzt sich der traumatisierende Prozess fort.

Flucht und Trauma Blick ins Buch

Udo Baer, Gabriele Frick-Baer

Flucht und Trauma

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