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Fran Cooper: »Die Leute von Nr. 37«, Roman, Heyne

Fran Cooper über ihren Roman »Die Leute von Nr. 37«

»Ich wollte Paris so schildern, wie es sich anfühlt, wenn man wirklich dort lebt«

Fran Cooper über ihren Roman und das Leben in Paris

Cooper, Fran
© privat

Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Roman gekommen?
Fran Cooper: Erstens bin ich neugierig. In Paris haben wir in einer Wohnung gelebt, deren Fenster vorne und wie hinten hinaus den Blick auf andere Wohngebäude boten. Fasziniert habe ich mir all die Leben vorgestellt, die um uns herum geführt werden. Man begegnet auf der Treppe zufällig irgendwelchen Nachbarn oder schnappt kleine Ausschnitte ihrer alltäglichen Gewohnheiten auf und schon beginnt man zu überlegen, wie ihre Leben wohl wirklich aussehen. Mich fesselt diese Gleichzeitigkeit von Nähe und Distanz, dass wir in Großstädten häufig ganz dicht mit Menschen zusammenleben, die vollkommene Fremde für uns bleiben. Ich bin im August nach Paris gezogen, und es war extrem heiß. Ich weiß noch, wie ich in der ersten Nacht durch das offen stehende Fenster das Schnarchen eines Mannes hören konnte. Ich glaube nicht, dass ich dem Mann jemals begegnet bin, obwohl ich fast drei Jahre in diesem Haus gewohnt habe! Auf so engem Raum zusammengedrängt, hört man die Leute streiten, lachen, sich lieben, sich trennen, und dennoch lernt man sie nie wirklich kennen. Darüber wollte ich auf jeden Fall schreiben.

Zweitens gehörten wir zu einer tollen Gruppe von Autoren, und solche kleinen Skizzen über die unterschiedlichen Bewohner eines Pariser Altbaus passten sehr gut zu den Veranstaltungen, an denen ich teilnahm, also sowohl bei The Other Writers‘ Group, einer Schreibwerkstatt im Buchladen Shakespeare & Company, als auch bei Spoken Word Paris, wo montagabends jeder in einem stickig heißen Kellerraum fünf Minuten Bühnenzeit bekam, um etwas Selbstgeschriebenes vorzulesen. Die Schriftstellerin Lisa O’Donnell, mit der ich im Sommer 2014 begann, im Rahmen des Womentoring Project zusammenzuarbeiten, schlug mir dann vor, die vielen kleinen Geschichten zu einem Roman zu verweben.

Drittens und am wichtigsten: Ich wollte Paris so schildern, wie es sich anfühlt, wenn man wirklich dort lebt. In Großbritannien und noch stärker in den Vereinigten Staaten herrscht ein äußerst verzerrtes Bild von dieser wundervollen Stadt vor, in der jeder angeblich ständig ein Baguette unter dem Arm trägt und der Eiffelturm gleichermaßen gütig über alle Bewohner blinkt und glitzert. Paris ist eine enorm gespaltene Stadt. Die Obdachlosigkeit nimmt immer besorgniserregendere Züge an. Menschen ohne Geld und Angehörige von Minderheiten werden nach draußen in die Vorstädte gedrängt und dort weitgehend sich selbst überlassen. Es gibt soziale Initiativen, die Menschen andere Postleitzahlen zur Verfügung stellen, damit die bei Jobbewerbungen überhaupt eine Chance haben. Viele Firmen laden Bewerber aus sozial benachteiligten Vierteln nämlich nicht einmal zu Vorstellungsgesprächen ein. Der Front National hat eine beträchtliche und weiter wachsende Gefolgschaft, selbst in der Großstadt, wo der Bildungsgrad hoch ist und noch vergleichsweise viele Möglichkeiten existieren. Man begegnet hier Rassismus, Fanatismus, Islamophobie, purer Angst. Über dieses Paris wollte ich gerne schreiben. Eins, das wunderschön und magisch ist, ja, aber das auch von vielen derselben Probleme heimgesucht wird, die wir derzeit überall antreffen.

Erzählen Sie uns etwas über Ihre Recherchen und den eigentlichen Schreibprozess
Fran Cooper: Die Recherche bestand vor allem darin, in Paris die Welt um mich herum genau zu beobachten. Wenn wir Freunde besuchten, prägte ich mir immer das Aussehen ihres Wohnhauses ein, die Besonderheiten der Nachbarn, denen wir im Treppenhaus über den Weg liefen, und alles, was ich über die Historie des Hauses erfahren konnte. Außerdem informierte ich mich eingehend über politische Fragen und die rechtsextreme Bewegung in Frankreich, ein Thema, über das ich kurioserweise bereits vor Jahren in der Schule ein Referat verfasst hatte. Wir wohnten in Paris in der Nähe des Boulevard du Montparnasse, der zu den zentralen Demorouten der Rechtsradikalen zählt. Entsprechend häufig stolperten wir aus unserem Haus direkt in irgendwelche Proteste gegen Homoehe, Abtreibung, Scheidung, Einwanderer usw. Auf die Spuren dieser Geisteshaltung stieß ich Paris überall — Aufkleber, Flugblätter, kleinere Versammlungen an abseits gelegenen Plätzen. Als ich mit dem Schreiben des Romans begann, besaß ich eine gewaltige Menge an Material, darunter Dinge, die ich gelesen und im klassischen Sinne recherchiert hatte, und einen Berg an Erinnerungen und Bildern, die aus unserer Pariser Zeit in meinem Kopf abgespeichert waren.

Die Leute von Nr. 37 Blick ins Buch

Fran Cooper

Die Leute von Nr. 37

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