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Francesco Abate, Massimo Carlotto »Ich vertraue dir«

SPECIAL zu Francesco Abate, Massimo Carlotto »Ich vertraue dir«

Aufstieg und Fall des Ziggy Stardust

Rezension von Bianca Reineke

Auf den ersten Blick ist Gigi Vianello ein glücklicher und äußerst erfolgreicher Mann: Charmant, gut aussehend und ein Liebling der Frauen. Offiziell gehört sein Herz allein der netten und attraktiven Bianca Soro, mit der er sein Leben teilt und von der er sein gut laufendes Feinschmeckerrestaurant in der sardischen Hauptstadt Cagliari, das „Chez Momò“, führen lässt. Doch Gigi würde die Bindung zu seiner Lebensgefährtin nie so eng werden lassen, dass er Bianca heiraten würde, wovon die Arme allerdings nichts weiß. Dazu liebt er seine Unabhängigkeit viel zu sehr – und seinen exklusiven Lebensstil, zu dem sein Porsche Cayenne und das ausschließlich aus Schottland importierte Mineralwasser in blauen Flaschen gehören.

Ein schillerndes Chamäleon
Aber auch rein äußerlich fällt Gigi gleich auf den ersten Blick aus der Rolle. Aufgrund einer angeborenen Heterochromie hat Gigi zwei verschiedenfarbige Augen, was ihm eine gewisse Ähnlichkeit zu David Bowie verleiht, dessen Augen genauso unterschiedlich sind. Bowies Musik zieht sich auch wie ein Leitfaden durch die Geschichte von „Ich vertraue dir“.

Ähnlich wie der britische Künstler, der schon immer gerne mit verschiedenen Identitäten spielte, ist auch Gigis bürgerliches Leben nichts weiter als eine schillernde und beeindruckende Kulisse. Denn in Wirklichkeit benutzt er das Restaurant nur als Tarnung, um seine alles andere als appetitlichen Aktivitäten zu verschleiern. Gigi Vianello handelt nämlich mit minderwertigen, ja oftmals verdorbenen oder die Gesundheit gefährdenden Lebensmitteln, die er aus der ganzen Welt für einen Spottpreis erwirbt, neu etikettiert und dann für ein Vielfaches ihres ursprünglichen Preises als angeblich exklusive Ware an Supermärkte und Restaurants verkauft.

Üble Machenschaften eines Charmeurs
Der Journalist und Autor Francesco Abate und Massimo Carlotto, der in den 70er Jahren in einen mysteriösen Mordfall verwickelt war und seit langem als erfolgreicher Kriminalschriftsteller arbeitet, wirkten für „Ich vertraue Dir“ erstmals als Team zusammen, und das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist brillant.

Der arme, von Ekel und Übelkeit geplagte Leser fragt sich bei der Lektüre des Buches allerdings des Öfteren, wie weit verbreitet solche Manipulationen im Lebensmittelhandel tatsächlich sind. Doch die beiden sardischen Autoren des Buches bleiben eine Antwort auf diese Frage schuldig und haben mit Gigi Vianello eine Figur geschaffen, der der Leser trotz all seiner Betrügereien und Eskapaden erstaunlicherweise nicht wirklich böse sein kann.

Manipulation und eiskalter Verrat
Auch als man erfährt, dass Gigi seinen Aufstieg in der Branche Lebensmittelmanipulation nach seinem Universitätsabschluss und einer kurzen Karriere als Drogendealer in den Diskotheken Venetiens einem schnöden Verrat zu verdanken hat, verzieht man nur kurz das Gesicht, ganz so als müsse man eines jener Lebensmittel aus dubioser Quelle verspeisen.

Zu Gigis Kundenkreis als Dealer zählte auch die vergnügungssüchtige und oberflächliche Sabrina Sambin. Deren Vater Ilario Sambin ist Chef einer Genossenschaft von mehr als zwanzig Supermärkten in Norditalien. Der Patriarch macht Gigi irgendwann klar, dass er den weiteren Drogenkonsum seiner Tochter nicht weiter dulden würde. Gigi hängt daraufhin seine Karriere als Rauschgifthändler sofort an den Nagel, was Sambin dermaßen beeindruckt, dass er den jungen Mann näher kennen lernen möchte. Da sich Sabrina in der Zwischenzeit obendrein noch in Gigi verliebt hat, sieht Ilario Sambin in Gigi bald nicht nur den zukünftigen Schwiegersohn, sondern auch den legitimen Nachfolger seiner nicht ganz lupenreinen Geschäfte mit Lebensmitteln.

Keine Spure von Ganovenehre
Doch trotz des Vertrauens, das die gesamte Familie Sambin in Gigi setzt, liefert dieser sie schließlich ohne jegliche Skrupel an die Justiz aus, und so wandern Ilario und Tochter Sabrina ins Gefängnis. Gigi selber sichert sich die lukrativen Handelskontakte Sambins und baut sich weit weg vom Schauplatz seines Verrats auf Sardinien eine eigene Existenz als erfolgreicher Lebensmittelmanipulator auf. In der Konsequenz wird er als erfolgreicher Restaurantbetreiber ein anerkanntes und respektiertes Mitglied der höheren Kreise Cagliaris.

Auf einer der zahlreichen Partys, die Gigi regelmäßig besucht, lernt er Maruccia Sinis, die Ehefrau des Juweliers Carlo Alberto Pedesvilla kennen, und gewinnt spontan ihr Vertrauen: Maruccia gesteht ihm, dass ihr Mann zeugungsunfähig sei und das Paar keine Kinder bekommen könne. Sie gehe allmählich auf die Vierzig zu und wünsche sich - ebenso wie ihr Mann - sehnlichst einen Erben. Gigi gibt der am Boden zerstörten Maruccia den Rat, sich doch von einem anderen Mann schwängern zu lassen und ihren Gatten im guten Glauben zu belassen, dass ihre vergeblichen Versuche doch von Erfolg gekrönt seien.

Sex, Drugs und der langsame Untergang
Gigi ahnt bei dieser Gelegenheit nicht, dass Maruccia seinen Rat wörtlich nehmen und niemand anderen als ihn höchstpersönlich als Samenspender auserkoren würde. Und tatsächlich lässt sich Gigi auf dieses Experiment ein, bedeutet es doch für ihn ein sexuelles Abenteuer ohne offensichtliche Konsequenzen.

Anfangs scheint Gigis Plan auch aufzugehen, Maruccia wird tatsächlich schwanger und verspricht überglücklich, das Geheimnis der eigentlichen Vaterschaft für immer in ihrem Herzen zu bewahren. Doch beide haben nicht mit dem Misstrauen des gehörnten Ehemannes gerechnet, der das Wunder der plötzlichen Empfängnis anzweifelt und beginnt, unangenehme Nachforschungen anzustellen. Maruccia gerät durch das Misstrauen ihres Mannes immer mehr unter Rechtfertigungsdruck, und als sie schließlich droht, Gigis gesamte Existenz mit ihren hysterischen Reaktionen ernsthaft in Gefahr zu bringen, weiß sich dieser nur noch einen Ausweg aus der Situation.

Wie so oft scheint es Gigi wieder einmal gelungen zu sein, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Und doch kann er sich dieses Mal nicht so recht in Sicherheit wiegen, zu tief verstrickt ist er in das selbst gesponnene Geflecht seiner Handlungen und Beziehungen. In dieser für Gigi ungewohnten Situation tauchen außerdem Schatten aus seiner Vergangenheit auf, mit denen er selbst wohl nicht mehr gerechnet hatte, und so nimmt die verschlungene Geschichte rasant Fahrt auf und erhält eine überraschende Wendung …

Ein Antiheld in der Tradition Tom Ripleys
„Ich vertraue dir“ führt vor Augen, was passiert, wenn Vertrauensbruch und Verrat in einer Gesellschaft zum Regelfall wird und sich zwischenmenschliche Beziehungen zunehmend als fragil und unzuverlässig erweisen. Der Roman macht aber auch auf ebenso überzeugende wie mitreißende Weise deutlich, dass es das „perfekte“ Verbrechen nun einmal nicht gibt.

Dass der Antiheld Gigi Vianello in seiner Skrupellosigkeit und Eiseskälte dennoch charmant und beinahe liebenswert erscheint, zeigt das schriftstellerische Können seiner Schöpfer. Francesco Abate und Massimo Carlotto haben mit ihm eine faszinierende Figur in der Kriminalliteratur geschaffen, die in ihrer Komplexität Patricia Highsmiths Tom Ripley das Wasser reichen kann.

Den beiden Autoren Abate und Carlotto ist mit diesem Kriminalroman ein außergewöhnlich fesselnder Kriminalroman gelungen, und es ist zu hoffen, dass sie „Ich vertraue dir“ noch weitere spannende Co-Produktionen folgen lassen.

Bianca Reineke
Cuxhaven, Februar 2009