Franz Alt: Flüchtling – ein Quereinstieg mit kurzen Einblicken in das Buch

Der Flüchtling aus Bethlehem

Er hieß Jeschua (Jesus), war das uneheliche Kind einer jungen Frau (natürlich nicht einer »Jungfrau«), wurde vor etwa 2.000 Jahren in Bethlehem geboren, galt als Hurensohn und musste vor dem Kindermörder Herodes nach Ägypten fliehen. Und später lobte er seine Freunde für ihre Gastfreundschaft: »Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen« (Matthäus 25,35). Am 25. November 2015 zitierte der Fraktionsvorsitzende der Linksfraktion, Dietmar Bartsch, dieses Jesus-Wort. Ungewöhnlich für einen Links-Politiker.

Dieser Jeschua spielt die Hauptrolle in der berühmtesten und populärsten Flüchtlingsgeschichte der Welt – an jeder Weihnachtskrippe.

»Als die Sterndeuter (griechisch: ›magoi‹) wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn König Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod von Herodes.« (Matthäus 2, 13-15)

Ein die Welt an jedem Weihnachtsfest bewegendes Flüchtlingsschicksal vor 2.000 Jahren. [...]

Wer ist heute Herodes, und wie wirkt dieser Herodes in uns? Herodes steht für die Macht. Die psychologische Propaganda der Kriegsvorbereitung läuft immer auf die moralische Vernichtung des »Feindes« hinaus. So war es damals, so ist es heute. Herodes will angeblich »hingehen nach Jerusalem und das Kind anbeten«. In Kriegszeiten wird immer gelogen. Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit. Bei Herodes, bei George W. Bush, bei François Hollande. Statt anbeten wollte Herodes töten. Politiker reden von Frieden und bereiten den Krieg vor. Sie wollen, um ihre Macht zu festigen, töten, was sie bedroht

Wenn unsere Geld- und Machtinteressen auf dem Spiel stehen, reden wir mutig und fromm wie Hollande bei der Trauerfeier für die 130 Toten bei den Anschlägen in Paris. Wir reden von Frieden und meinen den Krieg. Gegen diese Heuchelei hat sich Jesus am deut-lichsten in seiner Bergpredigt ausgesprochen, indem er sich klar gegen das Gesetz der Rache, also des »Auge um Auge und Zahn um Zahn« wendet. Wenn wir dieses alte Gesetz nicht überwinden, wird eines Tages die ganze Welt blind und zahnlos. Und unser Reden von Gott wird zu einer Ideologie des Götzen. Der Flüchtling aus Bethlehem wusste, wovon er sprach. Er musste für seine Überzeugung in den Tod.

Und für uns heißt die Frage aller Fragen: Wer in uns ist stärker – Herodes oder der Liebesgott Jesu?