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SPECIAL zu Frederick Taylor

Ein Phänomen wird besichtigt

Eine Rezension von Mathias Voigt

Einen unbelebten, nicht eben sympathischen „Helden“ hat sich der britische Historiker Frederick Taylor („Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945“) für sein Buch gewählt – die Berliner Mauer, ein Bauwerk, das eine Stadt teilte und Menschen voneinander trennte. Die einen nannten die Mauer einen „antifaschistischen Schutzwall“, die anderen hielten sie für menschenverachtend, ja unmenschlich. Gut 28 Jahre verlief diese Mauer quer durch Berlin und an deren Rändern entlang und isolierte den westlichen Teil der Stadt vom Rest der Welt. Wie konnte jemand auf die Idee kommen, eine solche befestigte und gesicherte Mauer zu errichten?

Rückblick
Für sein Bild von der Mauer geht Frederick Taylor weit zurück in die Geschichte. Er berichtet von einer unwahrscheinlichen Stadtgründung, denn wirklich günstig liegt der Ort nicht. Und er erzählt vom unwahrscheinlichen Aufstieg Preußens, denn wirklich ideal waren die Startbedingungen dieses Königreichs nicht. Berlin ist Hauptstadt des Deutschen Reiches, als die Deutschen unter Hitler den II. Weltkrieg beginnen.

Nach dem II. Weltkrieg
Nach dem Krieg wird die Stadt, wie das ganze Land auch, unter den vier Siegermächten Sowjetunion, Großbritannien, USA und Frankreich aufgeteilt. Dabei liegt Berlin vollständig in der sowjetischen Besatzungszone. In der ersten Zeit haben die Menschen alle Freiheiten. Sie können die Sektoren wechseln, in dem einen leben, in einem anderen arbeiten, dort Theater und Restaurants besuchen, wo es ihnen am besten gefällt in einer langsam wieder aufblühenden Stadt. Aber die sozialen Unterschiede wachsen, und es gibt einen signifikanten Exodus von Bürgern der kurz nach der BRD gegründeten DDR in den Westen und nach „West-Berlin“.

28 Jahre Trennung
Das möchte die Führungsriege um den moskautreuen Walter Ulbricht im Ostteil um jeden Preis verhindern. Und sie entschließt sich dazu, „West-Berlin“ abzuriegeln – eine Maßnahme, die zunächst einmal selbst beim „großen Bruder“, der Sowjetunion, wenig Gegenliebe zu finden scheint. Dieser hatte für ein knappes Jahr (1947/1948) in der so genannten Berlin-Blockade schon einmal alle Verbindungen zur „Trizone“, den amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszonen also, unterbrochen. Vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 hat die von der DDR erdachte Grenze Bestand – zunächst als Stacheldrahtverhau, später in Form der symbolträchtigen Mauer, die auf der östlichen Seite um Vorrichtungen ergänzt wird, die einen illegalen Grenzübertritt nahezu unmöglich machen. Wer versucht, diese Grenze zu überwinden, riskiert sein Leben. Und viele verlieren es bei diesem Versuch.

Kein Krieg um Berlin!
Eine ernüchternde Erkenntnis formt sich aus der Lektüre: Die drei Westmächte scheinen aus unterschiedlichen Gründen so stark mit sich selbst beschäftigt gewesen zu sein, dass der Protest gegen die Mauer verspätet kam und letztlich harmlos ausfiel. Mit ins Kalkül zu ziehen ist allerdings auch, so Taylor, dass alle Siegermächte sich einig darüber waren, keinen Krieg um Berlin zu führen.

Geschichte als Erzählung
Frederick Taylor gelingt – anders als der prosaische Titel und nüchterne Kapitelüberschriften wie „Sand“, „Blut“ und „Beton“ vermuten lassen – eine farbige und facettenreiche Erzählung der Ereignisse. Er verbindet Wissenschaftliches und Atmosphärisches miteinander. So merkt man dem Buch jederzeit die gewissenhafte historische Recherche an. Es lebt aber auch ganz wesentlich davon, dass Taylor die Beteiligten sprechen lässt – Politiker, Fluchthelfer, Flüchtlinge und viele andere mehr. Dabei hat sich der Historiker Taylor entschlossen, nicht neutral zu sein. Er bezieht Position.

Unter den Linden mit einem Espresso
Hätte es anders kommen können? Frederick Taylor erinnert zum Beispiel an den März 1952, als Stalin einen Friedensvertrag und freie Wahlen für ein vereinigtes Deutschland in Aussicht stellt. Dieses Angebot lehnt der damalige Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, ab, da er die ostdeutsche Regierung als Verhandlungspartner nicht akzeptiert. Welche Chance wurde hier möglicherweise vertan? Lange hält sich Taylor allerdings nicht mit Spekulationen auf.

Dafür findet er im Nachwort seines Buches ein ebenso schönes wie optimistisches Schlussbild, wenn er schreibt: „Wer Berlin kannte, als die Stadt im Schatten der Mauer lebte, der genießt nichts mehr, als durchs Brandenburger Tor und über den Pariser Platz zu spazieren, um vielleicht in einem der Cafés Unter den Linden einen Espresso zu trinken.“

Mathias Voigt
(Literaturtest)
Berlin, Dezember 2008

Die Mauer Blick ins Buch

Frederick Taylor

Die Mauer

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