Lebens- und Liederwelten

Schräge Lieder, schöne Töne
Erinnerungen und Denkausflüge zwischen Anne Kaffeekanne und Cowboy Jim

Seit mehr als 45 Jahren gehört er zu den bekanntesten Kinderliedermachern in Deutschland. Millionen Kinder sind mit seinen Liederhelden und -heldinnen »Anne Kaffekanne«, dem »Hasen Augustin« oder dem »Cowboy Jim aus Texas« aufgewachsen. Aber der Li-la-Launebär war Fredrik Vahle nie. Geprägt vom Aufbruchsgeist der späten 60ger Jahre wollte der habilitierte Linguist nicht nur unterhalten, sondern hatte immer auch eine Botschaft. Ums Miteinander geht es in seinen Liedern, um Selbstwahrnehmung und Fürsorge, um den Mut zur Freiheit, aber auch ums Hinhören und die Stille.

In diesem Buch blickt der sich immer wieder neu erfindende Poet auf sein wandlungsreiches Leben zurück. Keine Biografie hat er geschrieben, vielmehr nimmt er seine Leserinnen und Leser mit auf »Erinnerungsausflüge«. Flanierende, nachdenkliche, ironische und komische Geschichten über das, was Fredrik Vahle wichtig geworden ist. Das heitere Buch eines freien Menschen mit der Experimentierfreude eines Kindes. Ein Buch voller Weisheit und Ermutigung!

Über dieses Buch – und über mich ...

Ich habe gehört, dass, bevor wir diese Welt verlassen, das ganze Leben in einer Art Film in allen Einzelheiten vor uns abläuft. Das findet sich in Beschreibungen von Nahtoderlebnissen und in vielen anderen Quellen. Unserem Bewusstsein scheint viel mehr zugänglich zu sein als das, was wir meinen, aus ihm abrufen zu können. Der sogenannte »Lebensfilm« ist ein letztes Beispiel dafür. Warum nicht etwas versuchen wie eine notwendigerweise subjektive Vorschau auf diesen Bewusstseinsfilm, sinnvoll als Innehalten zur Bewusstwerdung – gelingt das?
Dieses unserem normalen Zeit- und Erlebnisverständnis unerklärliche Phänomen des Lebensfilms weist auf etwas hin. Die Gesamtsicht auf unser Leben bleibt uns nicht erspart, egal, wie wir gestrickt sind. Einen umfassenden Totalfilm meines Lebens kann ich hier natürlich nicht abliefern, obwohl dieses Bestreben in Biografien immer wieder zum Ausdruck kommt. Ich möchte aber versuchen, aus der Sicht dessen, was mir inzwischen im Leben wichtig geworden ist, einen Blick auf mein Leben zu werfen. – Also keine vollständige Biografie, sondern Erinnerungsausflüge aus dem Impuls jetziger Einsicht und der Vorausahnung zukünftiger Ereignisse [...]

Das Soundpanoptikum meiner Kindheit rundet sich mit den Stimmen, die ich damals täglich oder sehr oft hörte. Die Stimme meiner Mutter, mit der ich sehr vertraulich reden konnte, die sehr schön und sanft war und gerade, wenn sie am Telefon sprach, von vielen gelobt wurde, auch als sie schon alt und gebrechlich war. Sie strahlte gerade in der Stendaler Zeit sehr viel Lebensfreude aus, konnte aber auch, wenn sie von etwas enttäuscht war, bockig und knotig werden. Der Vater war der Erzähler in froher Runde, erzählte von Originalen in der Altmark, kannte ostpreußische Witze und Geschichten noch und noch, auch von seiner Kindheit im Ruhrgebiet, in Bochum-Linden. Später hat er Gedichte geschrieben, in denen er versuchte, die herbe Poesie der Elbe und der altmärkischen Landschaft in Worte zu fassen.

»Elbe 1968
Auf dem Wasser
die treibenden Laute.
Bewegtes Sternbild
im Spiegelfluß
bis zum Duft
der Pflanzen am Ufer.
Wie damals die Fischer an den Buhnen.
Sie wechselten unmerklich
und blieben die alten.
Wie damals
verzichtet der Mond nicht
auf die leuchtende Brücke
zwischen Tangermünde
und Jerichow.
Über allem
die stille Weigerung,
etwas anderes
als sich selbst zu wollen.«

Die Stimme meines Vaters hatte etwas Sonorig-Gütiges. Nur, wenn er für etwas nicht die Resonanz bekam, die er sich erwartet hatte, konnte seine Stimme sehr jähzornig, brachial und laut werden, ein beleidigter Heulton konnte darin sein. Oder er konnte lange Zeit stur und verletzt darin sein. Oder er konnte lange Zeit stur und verletzt schweigen, was für uns und andere besonders schlimm war. In das Stendaler Soundpanoptikum gehören unbedingt auch die Pfiffe meines Vaters. Sie bedeuteten beide »nach Hause kommen«, auf unterschiedliche Weise. Es war keine ausgeklügelte Pfeifsprache, kein »Silbo« wie auf La Gomera. Doch die Pfiffe waren so bedeutungsvoll und dringlich, dass sie mir noch heute in den Ohren klingen. Der erste war ein geflötetes Melodiestück, das aus einem Amsellied stammen könnte, sehr schön und fast eine Vorlage für eine Beethovensche Sinfonie. Die Botschaft dieser Pfeifmelodie: »Bitte ohne Eile nach Hause kommen.« Der zweite war ein durchdringender hoher Alarmpfiff, der uns zu verstehen geben sollte: »Höchste Eisenbahn, sofort nach Hause kommen, aber dalli!« Letzteren Pfiff fürchteten wir, denn er bedeutete oft nichts Gutes.
Und dann noch dies von meinem Vater: Er konnte den Kuckucksruf so gut nachahmen, dass er damit tatsächlich einen Kuckuck anlocken konnte, was uns Kinder in großes Erstaunen versetzte. Wir schauten unseren Vater an und dachten, er wird nun selbst zum Kuckuck. Er war überhaupt ein großer Naturkundler und hat es damals in der DDR sogar bis zum Kreis-Pilz-Sachverständigen gebracht.
Mein Bruder konnte sich vieles merken, hatte eine genaue Erinnerung und eher einen sachlichen Ton in der Stimme. Er hat mir auch jetzt bei meiner Stendaler Erinnerungsarbeit sehr geholfen.
Ich höre die Stimmen der Großeltern, die mich rufen, gerade auch die der Eltern meines Vaters, die ich nur ein paar Mal besuchte, die mir aber deshalb besonders prägnant in Erinnerung sind. Das Lachen des Großvaters bei der Verteilung der Opa-Spende für gute Zensuren und die Oma, die mich so richtig westfälisch »Fissiken« nannte …
Diese Stimmen haben mich begleitet, besonders in jener Phase, als ich noch Pulverturmdurchkletterer, Baumwipfelphilosoph, Uchtepirat, Vogelbeobachter, Vogelfänger, Elbdurchquerer und sonst was war. Ich war wirklich viel.
Doch dann kamen meine Eltern aufden eigenartigen Gedanken, dass aus mir »etwas werden müsse«. Und mein Alltag veränderte sich in kurzer Zeit völlig. Die freien Nachmittage schwanden dahin: Am Montagnachmittag musste ich zu einem überaus strengen ältlichen Fräulein zur Englisch-Nachhilfestunde (in der Schule gab es damals nur Russisch), am Dienstag zu den jungen Segelflugbauern (Junge Pioniere), am Mittwoch in die christliche Jungschar zu Herrn Lebeck. Der erzählte atemlos-spannende Geschichten und spielte so schön Geige, dass ich das auch gleich lernen wollte. Doch meine Eltern sagten: »Lern erst mal Klavier« und schickten mich zum Großvater. Am Donnerstag musste ich zum Kirchenchor und am Samstag manchmal zum ornithologischen Verein Stendal, dessen jüngstes Mitglied ich war, zumal ich über Jahre hinwegein ornithologisches Tagebuch führte, in dem ich genau vermerkte, wie viele Buchfinken, Stockenten, Eichelhäher usw. ich während des jeweiligen Tages gesehen hatte. Vögel-zählen, heute »Birdwatching« – bei zunehmendem Vogelartenschwund (besonders schmerzlich: das Verschwinden von Feldlerche und Kiebitz) heute wieder aktuell.

Was sind die Vögel?
Fern und doch nah,
begleiten dich flügel- und flatterfroh
ein Leben lang.
Vom Piepmatz der Kindheit
zu Tante Adeles Kanarienvogel …
Adler und Spatz,
der kleine freche, flinke Flügelflattermann,
der Seelenvogel,
der Freiheitsvogel,
der singt die ganze Winternacht.
Der Verstand will die Vögel zählen,
Ornithologie als gefiederte Wissenschaft:
13 Spatzen
7 Buchfinken
und 1 Mäusebussard,
schrieb ich ins Tagebuch,
jüngstes Mitglied im ornithologischen Verein
von Stendal.
Der Seelenvogel,
der Freiheitsvogel,
der singt die ganze Winternacht,
der lässt sich in keinen Käfig sperren.
Aber auch dies:
Der Vogel als Götterbote:
Wotans Raben
und die Kraniche des Ibykus.
Kranich-Qigong
und der Kranich als Lehrmeister.
Der Gesang der Singvögel –
am schönsten singt der Amsel
und am einfallsreichsten
in den frühen Morgenstunden,
wenn er allein mit der Sonne ist.
Vögel singen dem Himmel zu ...

Man muss ihnen zuschauen und zuhören. Nicht nur als Kind. Und vielleicht kann man sich auf diese Weise etwas von den Kindheitsohren bewahren.

Fredrik Vahle
© Alexander Probst

Fredrik (Fritz) Vahle wurde 1942 in Stendal (Altmark) geboren, lernte beim Großvater etwas Klavier spielen, war keine musikalische Sonderbegabung, aber immer vom Singen und von Musik begeistert. Beide Eltern waren Künstler und siedelten 1956 aus der damaligen DDR in die Bundesrepublik über.

Nach dem Abitur studierte er Deutsch und Politik. Nach Abschluss des Studiums widmete er sich zunehmend dem Kinderlied und veröffentlichte zahlreiche Bücher und Kinderlieder-CDs. Noch heute begeistert er Kinder und Familien mit seinen Liedern. Daneben arbeitet er als Dozent an der Universität Gießen (Promotion in Soziolinguistik, Habilitation über Kindersprache und Kinderlied).

Fredrik Vahle © Alexander Probst
Fredrik Vahle auf der Bühne © Alexander Probst

Wir durfen Fredrik Vahle ein paar kurze Interview-Fragen stellen:

An welches Lied aus Ihrer Kindheit erinnern Sie sich besonders gerne?
Eins geht nicht; wenn, dann etwas zwischen "Hänschen klein" und "Wenn abends die Heide träumt" ...

Gibt es einen Gedankengang, den Sie Ihren Studenten mit Vorliebe mitgeben?
Der Mensch ist als beseelter Organismus auf Ganzheitlichkeit angelegt. Im Singen, Sagen, Sich-Bewegen kann er diese Ganzheitlichkeit als Gottesgeschenk erfahren. Dafür muss er nicht fromm sein, aber sehr aufmerksam.

Welche drei Personen, denen Sie unbedingt einmal begegnen wollten, würden Sie zu einem Abendessen einladen?
Hugo Kükelhaus (der praktischste Philosoph aller Zeiten im "Erfahrungsfeld der Sinne")
Joko Beck (ZEN-Lehrerin)
Angelus Silesius (mystischer Dichter)

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