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SPECIAL zu Gavin Bain »Fake«

"Das ist die Musikindustrie: Zuhälter, Gauner und Huren"

Interview mit Gavin Bain

Wenn wir Ihnen diese Fragen mündlich stellen würden, welchen Akzent würden wir bei Ihren Antworten hören – Amerikanisch oder Schottisch? Und in welcher der Sprachen und Welten fühlen Sie sich zu Hause?
Gavin Bain: Sie würden einen klaren, etwas eigenartigen schottischen Akzent hören. Mein Akzent war immer komisch, ich wurde in Südafrika geboren und ich liebe dieses Land, aber andererseits bin ich stolz, ein Schotte zu sein. Ich wollte immer den Weg für schottische Künstler ebnen, die heute noch übersehen werden, weil in England Plattenfirmen mit ihnen nichts zu tun haben Wollen. Mein Akzent ist überwiegend schottisch, aber meine Stimme hat sich verändert, erst nach acht Bier und ein paar Schnäpsen kommt der der echte Schotte raus ...

Mit einem einfachen Etikettenschwindel haben Sie einen der größten Coups der Musikgeschichte gelandet: Weil Sie als schottische College-Boy-Band mit Ihrem Rap keinen Erfolg bei den Plattenmanagern hatten, haben Sie sich ein amerikanisches Label verpasst einschließlich Westküstenslang und -biographie – und galten plötzlich als Stars der Londoner Musikszene. Was erzählt uns diese Geschichte eigentlich über die Musikindustrie?
Gavin Bain: Es war alles andere als einfach, unsere Neuerfindung war ein Kunstwerk, das bis zu seiner Vollendung mehrere Wochen brauchte – und es war die schiere Angst vor dem Scheitern, die uns antrieb, uns so grundlegend zu verändern. Aber glauben Sie mir, all dies war nur möglich wegen der Zustände in der Plattenindustrie, eine Industrie, die viele als quasi päpstliche Institution ansehen – und wir haben versucht, sie wieder auf den Boden zurückzuholen. Jeder weiß, dass die Musikindustrie schrecklich ist. John Nivens Kill Your Friends zeichnete ein verstörend realistisches Bild einer verkehrten Welt, in der die Künstler von Anfang an aufs Kreuz gelegt werden. Ursprünglich sollte die Musikindustrie Künstlern helfen, einen größeren Bekanntheitsgrad zu erreichen, aber sie ist zu einer Institution der Ausbeutung geworden, es geht schon lange nicht mehr um Musik oder künstlerisches Talent, es geht darum, fette reiche Männer noch reicher zu machen. Geldgierige Geschäftsleute kontrollieren das Leben der Kreativen, und da liegt der Interessenskonflikt. Die wissen, dass es so viele Künstler da draußen gibt, die alle denken, dass sie die besten sind. Diesen Mist durchzusortieren, um wahre Talente zu finden, ist anstrengend und auch überflüssig. Denn sie müssen ja nur eine mittelmäßig begabte Person mit wenig Ehrgeiz in die Form eines One-Hit-Superstars pressen – und den Künstler danach, wenn sie fertig sind, wie ein Stück Abfall entsorgen – so war es in den 80er und 90er Jahren. Das ist die Musikindustrie: Zuhälter, Gauner und Huren – der perfekte Ort für Hochstapler.

Und wie kam es, dass der Schwindel so gut funktioniert hat?
Gavin Bain: Das Komische war, dass wir jeden Moment hätten auffliegen können, man hätte uns ja nur nach der Postleitzahl unseres Heimatortes fragen müssen oder in welcher Klasse wir die Highschool abgeschlossen hatten ... Wir wussten so wenig über das tägliche Leben in Amerika, wir kannten alles nur aus Kinofilmen, Fernsehen und Musik. Aber niemand hat uns in Zweifel gezogen, die Leute wollten uns glauben – und meinten, sie hätten es mit zwei Eminems zu tun und dem kommenden größten Hit. Die Charaktere, die wir erfunden hatten, waren ulkig, charmant – und vor allem waren sie äußerst talentiert. Wir waren die Besten, nur dass Rap auf Schottisch nie ernst genommen worden wäre, was ein Vorurteil ist. Ich wollte der Plattenindustrie beweisen, dass sie im Unrecht ist – und der Welt zeigen, dass du, egal wo du herkommst oder wer du bist, der Beste sein kannst und dass dich niemand aufhalten kann, wenn du an dich glaubst.

Dank des fetten Sony-Plattenvertrags haben Sie drei Jahre das Leben eines Popstars geführt, vermutlich nach dem klischeehaften Dreiklang Drugs, Sex and Rock'n'Roll bzw. Rap'n'Roll  ... Wie unbeschwert war diese Zeit für Sie? Haben Sie sie in vollen Zügen genossen – oder spielte die Angst, eines Tages aufzufliegen, immer mit?
Gavin Bain: Wir waren von der Wahnvorstellung beherrscht, jeden Moment aufzufliegen. Wenn wir das durchziehen wollten, mussten wir
uns sorglos verhalten, wir mussten so denken wie unsere amerikanischen Charaktere, wir durften keine Angst haben. Wenn wir Parties gefeiert haben, haben wir intensiv gefeiert – und da wir Schotten sind, waren wir furchtbar betrunken. Mit dem Plattenvertrag und viel Geld in der Tasche sind wir von unserem Weg ein wenig abgekommen, aber wir hatten einen Job zu machen. Wir haben viel Musik gemacht und sind mit großen Künstlern getourt – und hatten die vermutlich beste Zeit unseres Lebens, wir haben alles gehabt. Wir haben eine ganze Musikkarriere in zwei Jahre gestopft. Nach einem Jahr waren wir so in unsere Rollen eingetaucht, dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwamm und wir tatsächlich
zu Silibil 'n' Brains geworden waren. Wir haben so getan, als sei die Angst nicht da, aber keiner von uns hat gut geschlafen.

Warum haben Sie in dieser Zeit eigentlich keine Platte aufgenommen?
Gavin Bain: Doch, wir haben drei Alben aufgenommen, während wir bei Sony unter Vertrag standen. Wir haben es geschafft, unserem Produzenten und der Plattenfirma Geld aus der Nase zu ziehen, um eine Menge Musik aufzunehmen, mehr als wir laut Vertrag verpflichtet waren. Wir konnten die Platten nur nicht veröffentlichen, denn dann wären wir entdeckt worden und die ganze Party wäre vorbei gewesen.

Am Ende haben Sie selbst den Fake eingestanden, öffentlich vor Publikum, an einem Abend, an dem Sie ein Benefizkonzert für einen todkranken Freund gaben – eine der bewegendsten Szenen in Ihrem Buch. Was hat Sie dazu gebracht?
Gavin Bain: Ich stand mit meinem besten Freund Rob hinter der Bühne und wollte gerade mit meiner neuen Band Hopeless Heroic auf die Bühne gehen, es war ein Benefizkonzert für Ivan, da erhielt ich eine SMS, dass Ivan im Sterben liegt. Ivan hatte mich immer gedrängt, ehrlich zu sein und mich gewarnt, es würde böse enden. Seine Worte jagten durch meinen Kopf und ich fror, ich konnte mich nicht bewegen und nicht auf die Bühne gehen, weil ich alles an mir hasste. Ich hatte das Lügen satt und erkannte, dass ich diese Fassade nicht aufrecht halten konnte. Ich drehte mich zu meinem besten Freund Rob um und fragte ihn, wer ich sei und wer ich sein sollte. Wir hatten beide Tränen in den Augen – und nach ein paar Sekunden sagte er mir, ich solle die Person sein, als die Ivan mich kannte. Und das war Gavin Bain. Dann ging ich auf die Bühne und erzählte den Leuten, wer ich wirklich war und dass ich sie fünf Jahre lang angelogen habe.

War dieser Abend ein Wendepunkt in Ihrem Leben? Was ist seitdem passiert – und welche Lehren haben Sie daraus für sich gezogen?
Gavin Bain: Das war der wichtigste Gig in meinem Leben, es war, als wäre ich auf der Bühne neu geboren worden. Wenn ich eine zweite Chance in der Musik bekommen sollte, dann war dies die Nacht, von der alles abhing. Wenn ich die Leute nicht hätte überzeugen können, dass mein eigentliches Ich besser war als Brains, dann hätte ich nie wieder Musik machen können. Es war außerdem mein erster Gig in nüchternem Zustand, das war beängstigend. Am Ende habe ich gelernt, niemals mich selbst in Zweifel zu ziehen. Ich bereue vieles, aber ich bereue nicht, was wir taten. Ich bin fast verrückt geworden und fast gestorben, aber viele Menschen finden sich ihr ganzes Leben lang nicht. Dadurch, dass ich fünf Jahre als ein anderer gelebt habe, habe ich herausgefunden, was mich wirklich ausmacht und wie weit ich für etwas gehen will, an das ich glaube. Seit dieser Show habe ich so viel gemacht, ich habe im letzten Jahr mehr erreicht als in meinem ganzen Leben zuvor. Ich bin froh, dass ich zu mir gefunden habe und den echten Musiker in mir entdeckt habe. Jetzt mache ich großartige Musik über große Themen – und ich kann etwas mit meiner Musik ändern, ich kann auf Leute einwirken und sie etwas fühlen lassen, das mächtiger ist, als berühmt zu sein oder viel Geld zu verdienen.

Fake Blick ins Buch

Gavin Bain

Fake

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