Fullbanner Hartley Interview

„Frauen haben schon lange die Nase voll, aber uns hatten bisher die richtigen Worte für diese besondere Art der Frustration gefehlt.“

Gemma Hartley über den entscheidenden globalen Schritt zur Emanzipation der Frau und ihr Buch „Es reicht!“

In Ihrem Buch „Es reicht!“ geht es um Emotional Labor. Können Sie uns etwas genauer erklären, was Sie darunter verstehen?

Mit Emotional Labor ist in meinem Buch die unbezahlte, oft nicht wahrgenommene und unsichtbare Arbeit gemeint, die meist von Frauen übernommen wird, damit die Menschen um sie herum sich wohl und glücklich fühlen, in der Regel auf Kosten dieser Frauen. Dazu gehört, für sich selbst und andere sowohl mitzudenken als auch den Bedürfnissen aller Familienmitglieder gerecht zu werden.

Sie hatten über Emotional Labor zunächst im Magazin Harper´s Bazaar einen Beitrag veröffentlicht, der auf ein überwältigendes Echo stieß. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Sie damit offenbar genau im richtigen Moment einen Nagel auf den Kopf getroffen hatten, oder anders formuliert: Warum haben es so viele Frauen endgültig satt?

Ich glaube, die Frauen haben schon lange die Nase voll, aber uns hatten bisher die richtigen Worte für diese besondere Art der Frustration gefehlt. Diese weitergefasste Definition für Emotional Labor nun verbindet sowohl die Belastung durch das Mitdenken für andere mit dem Managen der verschiedenen Bedürfnisse und beschreibt die Art, wie diese beiden Arbeiten sich überschneiden und zusammenspielen. Endlich können Frauen bei dem, was sie tagtäglich erleben, auf einen klaren Begriff verweisen, und ich glaube, dass die überwältigende Resonanz daher rührt.

Mit wieviel Frauen haben Sie über das Thema Emotional Labor im Zuge Ihrer Recherchen gesprochen?

Ich habe mit hunderten Frauen persönlich gesprochen, aber für mein Buch habe ich die Antworten Tausender (aus Kommentaren, E-Mails usw.) berücksichtigt. Alle brannten darauf, über dieses Thema zu sprechen, was die Recherche sehr einfach und angenehm gestaltete. Ich unterhielt mich auch mit Männern, mit Menschen, die sich zu keinem der beiden Geschlechter gehörig fühlen, mit gleichgeschlechtlichen Paaren, alleinerziehenden Vätern und Hausmännern und bezog deren Erfahrungen mit ein. Es interessierte mich, genauer zu untersuchen, wie die kulturelle Prägung unsere Erfahrung von Emotional Labor in allen Bereichen durchdringt, und es war sowohl faszinierend als auch hilfreich, so viele neue Betrachtungsweisen kennenzulernen.

Sie und Ihr Mann haben drei Kinder und sind beide berufstätig. Sie beschreiben Ihren Mann als sehr engagiert im Umgang mit den Kindern und bekräftigen, dass er mehr Hausarbeit übernimmt als die Männer früherer Generationen. Zeigen Männer bei der gerechten Verteilung der Aufgaben immer noch zu wenig Einsatz?

Es stimmt, dass Männer heute mehr Aufgaben übernehmen als ihre Väter oder Großväter. Die Fortschrittlicheren unter ihnen, wie mein Mann, können sogar mit dem Verweis auf ihr Umfeld sagen: „Sieh her, wie viel mehr ich verglichen mit anderen leiste.“ Mehr als andere Männer zu tun, heißt aber noch nicht, dass man genauso viel tut wie seine Partnerin. Sich um Gleichberechtigung zu bemühen, bedeutet, die eigene Arbeit mit der der Partnerinnen zu vergleichen in der Hoffnung, dadurch ein beständiges Gleichgewicht zu erreichen.

Können Sie uns ein Beispiel für eine typische Situation aus Ihrem Familienleben nennen, in der die Emotional Labor, die in einer Aktion steckt, völlig untergeht und gar nicht wahrgenommen wird?

Um das an einem ganz typischen Beispiel zu illustrieren, fällt mir das Schlüsselbrett ein – stellen wir uns dabei vor, Sie würden zu Hause die ganze Organisation hinter der Morgenroutine dirigieren, damit jedes Familienmitglied gut in den Tag startet. Zunächst muss man „nerven“ damit dieses Schlüsselbrett angebracht wird. Man muss viele Male geduldig daran erinnern, dass im Laden für dessen Befestigung noch einiges zu besorgen ist, schließlich schreibt man die Sachen auf die eigene Einkaufsliste und besorgt alles selbst. Man muss immer wieder geduldig nachfragen, ob das Brett nicht vielleicht heute Abend oder morgen schnell angebracht werden könnte – dies ständig vorzubringen, beeinträchtigt die Konzentration auf wichtigere Aufgaben, die ebenfalls erledigt werden müssen. Und dann werden die Schlüssel irgendwo anders hingelegt, völlig egal wie oft man an die Vorzüge erinnert, die es hat, wenn Autoschlüssel an einem festen Platz hängen. Ist man dann diejenige, die gefragt wird: „Wo sind meine Autoschlüssel?“, wägt man ab, ob man damit herausrücken oder ob man jetzt das Schlüsselbrett ins Spiel bringen soll. Entscheidet man sich für letzteres, kommt es zu einer Auseinandersetzung, bei der man selbst diejenige ist, die stets einen Schritt vorausdenken muss. Man muss seine Wortwahl sorgfältig abwägen und ebenso die Tonlage, in der man seinen Frust ausdrückt. Man muss seine eigenen Gefühle in Schach halten und gleichzeitig die Gefühle des Partners steuern. Weil das aufreibend ist, entscheidet man sich oft dafür, einfach zu sagen, wo die Schlüssel liegen. Das erspart beiden Seiten Zeit und Kummer. Nur stimmt das nicht, denn diese komplexe Gefühlsarbeit ist bei so vielen scheinbar geringfügigen Streitpunkten die Regel.

Hat die Tatsache, dass Frauen normalerweise Emotional Labor übernehmen, einen Einfluss auf ihre Karriere?

Ja, und zwar in vielfacher Hinsicht. Die Erwartung, dass Frauen von Natur aus dazu bestimmt seien, fürsorgliche Aufgaben zu übernehmen – dass es ihr Job ist, für das Wohlergehen und Glück anderer zu sorgen – prägt die Erwartungshaltung, mit der Frauen am Arbeitsplatz begegnet wird. Frauen müssen darauf achten, ihre E-Mails mit Bedacht zu formulieren, jederzeit offen und zugänglich für Gespräche zu sein, sie werden in Sitzungen häufig gebeten, Protokolle zu führen, oder es wird von ihnen erwartet, dass sie es übernehmen, die Happy Hour nach Büroschluss zu organisieren. Für sich genommen ist keine dieser Aufgaben besonders aufwändig, aber in Summe werden sie zur Belastung, vor allem, weil an Männer nicht dieselben Anforderungen gestellt werden. Aufgrund dieser zusätzlichen Erwartungen ist es Frauen nicht gestattet, sich im gleichen Umfang wie Männer einer konzentrierten Arbeit zu widmen.

Darüber hinaus werden Frauen von der Emotional Labor zu Hause oft bis an den Arbeitsplatz verfolgt. Frauen befinden sich häufig in Rufbereitschaft für andere Familienmitglieder, und in der Regel sind sie es, die über Textnachricht gefragt werden, wo die Ballettkleidung der Tochter ist, oder von denen erwartet wird, ihren Beruf aufzugeben, um der Familie zur Verfügung zu stehen.

Haben Sie herausgefunden, ob Frauen Emotional Labor von Natur aus besser liegt als Männern?

Es ist ein weitverbreiteter Mythos, dass Frauen einfach von Natur aus „besser mit diesem Zeug umgehen“. Dass das in unseren Genen liegt. Und oberflächlich betrachtet, scheint es tatsächlich zu stimmen, aber in Wirklichkeit wurden wir alle von klein auf so sozialisiert, dass wir in diese kulturell geprägten Geschlechterrollen geschlüpft sind. Tatsächlich sind das gute Neuigkeiten, denn Männer sind demzufolge bestens geeignet, auch Emotional Labor zu leisten. Es ist eine Fähigkeit, die man sich sehr gut aneignen kann. Ich bin zuversichtlich, dass mit etwas gutem Willen und der Bereitschaft, sich auf eine Veränderung kultureller Normen einzulassen, diese gewaltige, frustrierende Kluft bei Emotional Labor für künftige Generationen kein Thema mehr sein wird.

Liegen in Emotional Labor nicht auch verborgene Kräfte, die einem zugutekommen?

Ich glaube, Emotional Labor bringt in vielerlei Hinsicht Nutzen – sie vermittelt Führungsqualitäten, indem sie uns das große Ganze überblicken und die Bedürfnisse aller berücksichtigen lässt. Emotional Labor bringt uns intensiver mit dem eigenen Leben und dem der anderen in Verbindung, sie sorgt dafür, dass alles reibungslos verläuft. Wir sprechen oft darüber, wie stark Frauen durch Emotional Labor belastet werden, aber das liegt daran, dass wir uns alles aufladen und oft in einer Weise dazu gezwungen werden, die uns schadet. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass es für alle Menschen, egal welchen Geschlechts, ein großer Gewinn wäre, wenn sie ihre Fähigkeit zu Emotional Labor entwickeln und ausschöpfen würden.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Männer oft davon abgehalten werden, Emotional Labor zu übernehmen. Könnten Sie etwas genauer beschreiben, was Sie damit meinen?

Kulturell gilt Emotional Labor natürlich nicht als Männer-, sondern als Frauensache und wird daher als unmännlich abgewertet. Allerdings werden Männer auch zu Hause entmutigt, wo die Frauen, obgleich überlastet, oft nicht willens sind, Kontrolle abzugeben in der Überzeugung, dass niemand Emotional Labor so gut ausführen könnte wie sie. Ich habe viele Frauen erlebt, die an den Mythos glauben, Männer seien nicht fähig zu Emotional Labor. Es ist sehr entmündigend und ein Affront, sich Männern gegenüber so zu verhalten, als seien sie nicht in der Lage zu lernen, wie man solche Aufgaben erfüllt. Ich finde, wir sollten Männer wie kompetente Erwachsene behandeln und ihren Fähigkeiten vertrauen, statt sie wie Kinder zu bevormunden.

Nehmen wir einmal an, Emotional Labor wäre keine Frauen-, sondern Männersache. Hätte sie dann Ihrer Meinung nach einen größeren Wert?

Davon bin ich überzeugt. Ich glaube, wenn Emotional Labor kulturell bedingt Männerarbeit wäre, hätte sie größere wirtschaftliche Bedeutung, sie wäre hochgelobt, prestigeträchtig und wertvoll. Meine Hoffnung ist, dass wir bei der Wertschätzung dieser Arbeit einen kulturellen Wandel erleben, indem mehr Männer Emotional Labor übernehmen und merken, wie stark sie ihr Leben bereichert.

Was müsste geschehen, damit Emotional Labor wahrgenommen und beachtet wird?

Ich glaube, wir können einen kulturellen Wandel anstoßen, indem wir über Emotional Labor reden, aber nicht immer erst dann, wenn wir den Punkt erreichen, an dem wir damit überfordert sind, sondern indem wir sie zum Thema unseres kulturellen Diskurses machen. Meiner Meinung nach sind wir schon im Begriff dazu. Es kommt gerade ein weltweiter Austausch über die Lebensrealität von Frauen in Gang, und im Zuge meiner Recherchen traf ich viele Männer, die sich liebend gern an einer Lösung beteiligen möchten.

Auf Widerhall stieß ich vor allem dann bei Leuten (besonders Männern), wenn ich die Rollen vertauschte und fragte, wie es wohl wäre, wenn sie ihre Partnerinnen oder Partner im umgekehrten Fall ständig um Hilfe bitten müssten. Sie bitten müssten, die Betten zu machen. Fragen, ob sie es übernehmen könnten, die Kinder zu baden. Sie bitten, bei der Wäsche zu helfen. Stellt euch vor, eure Partnerinnen sitzen auf dem Sofa und warten auf eure Anweisungen und es ist an euch, auf alles ein Auge zu haben und immer um Hilfe zu bitten, so als wärt ihr für alle Arbeiten allein verantwortlich. Stellt euch außerdem vor, dass ihr trotz des permanenten Bittens und Überprüfens, ob die Aufgaben erledigt wurden, nie gereizt oder entnervt klingen dürft. Ganz schön aufreibend, oder?

Ich glaube nicht, dass Männer es böse meinen, sie sind einfach so geprägt, so wie Frauen dazu geprägt wurden, sich mehr als ihren Teil an Emotional Labor aufzubürden. Aber jetzt sind wir bereit, das Unsichtbare ans Licht zu bringen. Wir sind bereit, gemeinsam voranzugehen.


© Goldmann Verlag
Interview: Elke Kreil

Es reicht.

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