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Special zu Georg Pieper »Überleben oder Scheitern«

Die Kunst, in Krisen zu bestehen und daran zu wachsen
Trauma-Psychologe Georg Pieper im Gespräch

Wer nicht selbst betroffen ist, kennt es ganz sicher aus dem Bekanntenkreis: Depressionen, Burn-out, ein Gefühl der Überforderung. Was können wir dieser Hilflosigkeit dem Leben gegenüber heutzutage entgegensetzen?

Wir müssen versuchen, unsere natürlichen Grenzen wieder mehr zu akzeptieren und wegkommen von der Idee, immer präsent, erreichbar und verantwortlich für alles zu sein. In Zeiten der Globalisierung und bedingt durch die Medien, Fernsehen, Radio, Internet, E-Mail und Facebook, sind wir permanent mit Problemen und Themen konfrontiert und beschäftigt, die auf Dauer das Gefühl der Unkontrollierbarkeit und der Überforderung erzeugen. Das vergeudet Kräfte, die dann im Alltag fehlen, an den Stellen, wo wir tatsächlich etwas gestalten und beeinflussen können.
Wenn wir uns mehr auf die Familie, den Freundeskreis und die Arbeitskollegen konzentrieren, uns in kleinen Gruppen engagieren, erleben wir viel direkter eine gewisse „Selbstwirksamkeit“, die vor Depression und Burn-out schützen kann.

Ein Schicksalsschlag als Chance? Viele Menschen sagen nach einer Krise, sie seien daran gewachsen. Wie ist das möglich? Redet man sich da nicht Dinge schön, weil man sie sonst nicht ertragen könnte?

Nach einem traumatischen Erlebnis glauben die meisten Menschen anfangs, die Folgen nicht ertragen zu können und vielleicht sogar daran zu zerbrechen. Wenn sie dann jedoch mit der Zeit die Erfahrung machen, dass sie in der Lage sind, sich aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu lösen, wenn sie (wieder) Vertrauen zu anderen Menschen aufbauen können, spüren sie das allmähliche Wachsen neuer Kräfte, die ihnen ein Überleben ermöglichen. Diese Überlebenskräfte stellen für viele Menschen eine vollkommen neue Erfahrung in ihrem Leben dar, und sie beginnen, ihr bisheriges Wertesystem zu überdenken. Angesichts der Erkenntnis, dass alles endlich ist, sind viele Dinge, denen sie früher nachgejagt sind, wie zum Beispiel materieller Erfolg, unwichtiger geworden. Stattdessen zählen konkrete positive menschliche Begegnungen, familiärer Zusammenhalt und Freundschaften, spirituelle Erfahrungen und Verbundenheit mit der Natur nun wesentlich mehr. Das erleben sie als Bereicherung in ihrem Leben.

Hatten Sie schon Fälle, bei denen sogar Sie dachten: Hier sehe ich wirklich keinen Ausweg mehr? Fälle, in denen das Leid tatsächlich unerträglich wurde?

Besonders in Fällen, in denen es um den Verlust eines Kindes geht, habe ich oft daran gezweifelt, dass es möglich ist, mit einem solchen Ausmaß an Leid weiterzuleben. Und auch bei einigen anderen schlimmen Ereignissen habe ich den Betroffenen auf ihre Frage, ob man mit einer so grausamen Erfahrung weiterleben könne, ehrlich geantwortet, dass ich es nicht wisse. Im langen und schmerzhaften Prozess des Durcharbeitens ihrer traumatischen Erfahrungen habe ich dann aber immer wieder erfahren, dass es Wege und Möglichkeiten zurück ins Leben gibt, wo ich selber keine mehr gesehen hatte. Diese Erlebnisse helfen mir heute, darauf zu vertrauen, dass es neue Wege für Menschen gibt, auch wenn wir sie im Moment noch nicht sehen können. Es ist wie bei einem Verdurstenden, der durch die Wüste läuft und ein Wasserreservoir, das sich unter der Erde befindet, nicht sehen kann. Nur wenn er den letzten Funken Hoffnung aktivieren kann und zu graben beginnt, wird er überleben.

Doch es geht nicht nur um uns selbst: Wie können wir Menschen unterstützen, die gerade einen schweren Schicksalsschlag erlebt haben? Kann ein Außenstehender das Leid überhaupt richtig ermessen?

Wir können Menschen, die gerade einen schweren Schicksalsschlag erlebt haben, in erster Linie beistehen. Das entstandene Leid können wir nicht rückgängig machen, und oft können wir auch nicht von Anfang an ermessen, was es für den Betroffenen bedeutet. Beistehen heißt, langfristig da bleiben, zuhören, Tränen zulassen und aushalten, nachvollziehen, wie schlimm eine durch einen schweren Schicksalsschlag entstandene Situation für den Betroffenen ist. In diesem Prozess des „Dabei-Bleibens“ entsteht etwas Neues: Der Betroffene fühlt Beistand, der ihm neue Hoffnung geben kann, und der Zuhörer entwickelt mehr und mehr Verständnis. Gleichzeitig wird beiden klar, wie groß der Wert der Normalität ist. Der Zuhörer erkennt, wie dankbar er sein kann, Normalität in seinem Leben zu haben, und durch die erfahrene Unterstützung wachsen Kräfte beim Betroffenen, wieder in die Normalität zurück zu kommen.

Sie schreiben in Ihrem Buch „Überleben oder Scheitern“ darüber, wie wir besser mit persönlichen Krisen und Lebensängsten umgehen können. Was können wir tun, um uns schon im Vorfeld für solche Schicksalsschläge zu wappnen?

Es ist sinnvoll, sich klar zu machen, dass Schicksalsschläge nicht nur den Anderen passieren, sondern auch auf uns zukommen können. Die Beschäftigung mit Menschen, die schlimmste traumatische Situationen bewältigt haben, kann uns Mut machen, unsere eigenen persönlichen Krisen und Lebensängste aktiv anzugehen. Wir können sehr viel lernen von diesen Menschen, so dass wir dann in kritischen Situationen nicht vollkommen kopflos, sondern überlegter reagieren.

Überleben oder Scheitern Blick ins Buch

Georg Pieper

Überleben oder Scheitern

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