Leseprobe

Anna



Fünfzehn Monate zuvor …

Niemand traut dem, was ich sage. Wenn ich zum Beispiel darauf hinweise, dass der Toast verbrennt oder dass gleich die Sechsuhrnachrichten kommen, sind alle ganz erstaunt. Unfassbar! Jetzt kommen tatsächlich gleich die Sechsuhrnachrichten. Gut gemacht, Anna. Wenn ich nicht erst achtunddreißig wäre, sondern achtundachtzig, wäre es mir vielleicht egal. Oder auch nicht. Seit meinem Einzug ins Rosalind House, einem Heim für betreutes Wohnen, sehe ich die Nöte älterer Menschen mit anderen Augen.

»Anna, das ist Bert«, sagt jemand, als ein Mann mit seiner Gehhilfe vorbeischlurft. Man hat mir schon ein halbes Dutzend Leute vorgestellt, die alle mehr oder weniger wie Bert aussehen: alt, grau, gebeugt. Wir sitzen im strahlenden Sonnenschein auf Korbstühlen, und ich weiß, dass Jack mich hergebracht hat, um es für uns beide ein bisschen angenehmer zu machen. Ja, du ziehst in ein Altersheim, aber schau mal, es gibt einen Garten!

Ich winke Bert zu, aber mein Blick bleibt auf Ethan gerichtet, meinen fünfjährigen Neffen, der sich auf der anderen Seite des Rasens von einem Mann in einem blau-rot gestreif
ten Morgenmantel Geldstücke aus den Ohren ziehen lässt. Meine Laune hebt sich. Ethan witzelt immer, er sei mein Lieblingsneffe, und das stimmt, auch wenn ich es vor anderen abstreite. Er ist der jüngste von Jacks Söhnen und zweifellos der netteste.

Als er vier war, habe ich mal eine Runde auf meinem Motorrad mit ihm gedreht. Brayden oder Hank habe ich gar nicht erst gefragt; ich wusste, dass sie mir erklären würden, das sei zu gefährlich, um es anschließend ihrer Mutter zu petzen. Ethan hat nie gepetzt, soweit ich weiß. Brayden und Hank wissen, was mit mir nicht stimmt – ich erkenne es daran, wie sie ständig zu ihrer Mutter schielen, wenn sie mit mir reden. Ethan dagegen weiß es entweder nicht oder es interessiert ihn nicht. Mir ist egal, was von beidem.

»Und das ist Clara.«

Clara steuert in einem beachtlichen Tempo (verglichen mit den anderen Bewohnern) auf uns zu. Vermutlich ist sie über achtzig, aber sie wirkt kräftig und scheint besser beieinander zu sein als die anderen. Mit ihren flaumigen gelb-grauen Haaren erinnert sie mich an ein frisch geschlüpftes Küken.

»Ich freue mich schon die ganze Zeit darauf, Sie kennenzulernen«, sagt sie und gibt mir einen kratzigen Kuss. Eine Duftwolke hüllt mich ein. Normalerweise mag ich es nicht, geküsst zu werden, aber bei ihr wirkt diese Geste erstaunlich normal. Und neuerdings achte ich darauf, Leuten, die sich mir gegenüber normal benehmen, Respekt entgegenzubringen. »Sagen Sie es mir, wenn Sie irgendwas brauchen, Herzchen,
egal was«, sagt sie, bevor sie zu einer riesigen Eiche weiterzieht. Dort angekommen, gibt sie dem Mann in dem blau-roten Morgenmantel einen Kuss auf den Mund, so als würde sie ihr Territorium abstecken.

Neben mir unterhält sich Jack mit Eric, dem Heimleiter – einem untersetzten, rotgesichtigen Mann mit einem buschigen Tom-Selleck-Schnurrbart und einem Kichern, wie man es eigentlich eher von einer achtzigjährigen erwarten würde. Jedes Mal wenn ich es höre (und das ist ziemlich oft, er scheint jeden Satz damit zu beenden), zucke ich zusammen und halte Ausschau nach einem strickenden Altdamenkränzchen. Er und Jack unterhalten sich, und ich höre zu, ohne viel mitzukriegen. »Wir bieten eine Menge Aktivitäten an … dafür sorgen, dass sie aktiv bleibt … Pflege und Aufsicht rund um die Uhr … Erfahrung mit Demenz … die beste Unterbringung für sie …«

Bla, bla, bla. Erics geradezu verzweifeltes Bemühen, einen guten Eindruck zu machen, hätten Jack und mich vor ein paar Jahren einen bedeutungsvollen Blick wechseln lassen, aber jetzt schluckt Jack es einfach. Weder bemerkt er Erics falsches Lachen noch die etwas zu eng sitzende Chinohose noch
den Blick, der alle paar Sekunden nach rechts (in Richtung meines Busens) wandert. Für Eric spricht bisher nur, dass er mich bei unserer Ankunft um Rat wegen einer alten Knieverletzung gebeten hat, die ihm Probleme macht (wahrscheinlich hatte er gehofft, ich würde ihm eine Massage anbieten). Was er brauchte, war ein Arzt, keine Rettungssanitäterin, und das erklärte ich ihm auch, aber ich freute mich, dass er gefragt
hatte. Die interessantesten Gespräche, die ich heutzutage führe, drehen sich um meine Lieblingsfarbe oder mein Lieblingsessen. Ich finde es schön, wenn sich jemand daran erinnert, dass ich ein erwachsener Mensch bin, nicht nur ein Mensch mit Alzheimer.

Jack scheint es vergessen zu haben. Seit ich zu ihm und Helen gezogen bin, hat er aufgehört,
wenn er und Helen in der Küche leise über mich reden. Dass mir der Blick nicht auffällt, den er jedes Mal mit Helen wechselt, wenn ich anbiete, die Jungs zur Schule zu bringen. Dass ich es nicht merke, wenn Helen im Auto hinter mir herfährt, um sicherzugehen, dass ich mich nicht verlaufe.

Jack hat das alles schon einmal durchgemacht – wir beide –, und ich weiß, dass er sich für einen Experten hält. Immer wieder muss ich ihn daran erinnern, dass er Anwalt ist und kein Neurologe. Außerdem ist die Situation anders. Mom wollte ihre Krankheit nicht wahrhaben. Verbissen kämpfte sie um ihre Unabhängigkeit, bis zu dem Punkt, an dem sie das Haus niederbrannte. Aber ich habe nicht vor, gegen das Unvermeidliche anzukämpfen. Deshalb habe ich mich selbst in einem Heim für betreutes Wohnen angemeldet.

Das Gute an dieser Einrichtung, wenn ich es mal von der positiven Seite betrachte, ist, dass nicht jeder verrückt ist. Jack und ich haben uns eine ganze Reihe von auf Demenz spezialisierten Heimen angesehen, und sie hatten alle etwas von einem Zombiefilm, voller verrückter und ins Leere starrender Bewohner. Dieses Heim hier ist wenigstens auch für Leute, die einfach nur alt sind – die sich nicht mehr selbst um ihr Essen und ihre Wäsche kümmern können –, eine Art Senioren hotel (für wohlhabende Senioren, den Nullen auf dem Scheck nach zu urteilen, den Jack heute Morgen ausgestellt hat).

Trotzdem hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Es war schon schlimm genug, als Jack mich in die »Tagespflege« schickte. Im Ernst, so nennt sich das. Ein Tagesprogramm für Leute, die so sind wie ich. Und für Leute, die nicht so sind wie ich, denn da nur fünf Prozent aller Alzheimer-Erkrankungen bei Leuten unter fünfundsechzig auftreten, gibt es nicht sehr viele wie mich. Aus diesem Grund ist meine Situation noch seltsamer. Ich ziehe nicht einfach in irgendeine Pflegeeinrichtung – oh nein. Wir sind den ganzen Weg von Philadelphia bis nach Short Hills in New Jersey gefahren, damit ich in einer Einrichtung wohnen kann, in der es jemanden wie mich gibt. Einen Mann, der ebenfalls an einer frühen Demenz leidet, jemand, auf den Jack durch das Demenz-Netzwerk gestoßen ist. Seit Jack von diesem Mann erfahren hat, hat er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um mich in derselben Einrichtung unterzubringen. Es ist gerade so, als würde er meinen, dass es aus einem Pflegeheim eine Art Ferienlager macht, wenn sich zwei junge Menschen an einem Ort voller alter Leute befinden.

»Möchten Sie Luke kennenlernen, Anna?«, fragt Eric, und Jack nickt eifrig. Luke muss dieser Mann sein. Ich frage mich, ob er sich aus einem Baum abseilen wird oder was in der Art. Er muss schon einen beeindruckenden Auftritt hinlegen, wenn sie erwarten, dass er sich positiv auf meine Stimmung auswirkt.

»Ich möchte zurück auf mein Zimmer«, sage ich.

Jack und Eric wechseln einen Blick, und ich merke, dass ihnen der Wind aus den Segeln genommen ist.

»Natürlich«, sagt Jack. »Soll ich dich hinbringen?«

»Nein. Das schaff ich schon.« Ich stehe auf. Ich will Jack nicht ansehen, aber er erhebt sich ebenfalls und steht dann so dicht vor mir, dass ich nirgendwo anders hinschauen kann. Seine Augen sind voller Gefühl und glänzen feucht, und für einen kurzen Moment kommt der weichherzige Mann zum Vorschein, der er früher war, bevor ihn die Erfahrung mit Demenz und Verlassenwerden hart gemacht hat.

»Anna«, sagt er. »Ich weiß, dass du Angst hast.«

»Angst?«, schnaube ich, doch dann fängt vor meinen Augen alles an zu verschwimmen. Ich habe Angst. Als Zwilling ist man nämlich daran gewöhnt, dass man immer jemanden an der Seite hat, wenn man will. Aber gleich wird Jack gehen. Und ich bin allein.

»Jetzt hau schon ab«, sagte ich schließlich. »In einer halben Stunde habe ich einen Termin zur Pediküre. Die haben hier einen eigenen Wellnessbereich, schon vergessen?«

Jack lacht und wischt sich eine Träne von der Wange. Früher war Jack immer braungebrannt, aber inzwischen hat seine Haut einen gräulichen Ton, fast so bleich wie meine. Ich vermute, das hat etwas mit mir zu tun. »Ethan! Komm her und verabschiede dich von Anna.«

Ethan stürmt über den Rasen und wirft sich in meine Arme. Er drückt mich so fest, dass ich fast keine Luft mehr kriege. »Wiedersehen, Anna Banana.«

Als er mich loslässt, betrachte ich den weißen Verband, der seine linke Wange bedeckt, und versuche, mich an die hässliche rote Brandwunde und die Blasen zu erinnern. Ich muss mich daran erinnern. Sie sind der Grund, warum ich hier bin.


Als ich das erste Mal gemerkt habe, dass mit mir etwas nicht stimmt, war ich im Einkaufszentrum. Ich schleppte meine Tüten zum Ausgang und stellte plötzlich fest, dass ich mich nicht erinnern konnte, wo ich mein Auto abgestellt hatte. Das Parkhaus hatte sieben Ebenen. Im Aufzug starrte ich auf die Knöpfe. Keiner schien mich näher ans Ziel zu bringen als einer der anderen.

Schließlich ging ich zum Parkwächter. Der Mann hinter dem Tresen lachte und sagte, das würde ständig passieren. Er nahm sein Walkie-Talkie und fragte mich nach dem Kennzeichen. Als ich ihn verständnislos ansah, lächelte er. »Fabrikat und Modell?«

Das war eine ganz einfache Frage. Aber je angestrengter ich über die Antwort nachdachte, desto mehr entzog sie sich mir. Wie ein Foto mit einem Fragezeichen über dem Gesicht, ein Verbrecher mit der Jacke über dem Kopf – da war zwar etwas, aber mein Gehirn ließ es mich nicht sehen.

Das Lächeln des Mannes verschwand. »Farbe?«

Ich konnte nur mit den Schultern zucken. Ich wartete darauf, dass er sagte, auch das würde ständig passieren. Er sagte es nicht.

Ich fuhr mit dem Bus nach Hause.

Wäre ich auf das mutierte Gen getestet worden wie Jack, dann hätte ich gewusst, was mich erwartete. Aber die Feststellung, dass es mich in der Blüte meines Lebens dahinraffen würde, passte nicht in meine Lebensplanung.

Von da an passierten mir dauernd solche Sachen. Für gewöhnlich hatte ich eine Erklärung parat. Sicher, ich vergaß oft einen Termin, aber ich hatte durch meine Arbeit als Rettungssanitäterin auch viel um die Ohren. Es war blöd, mich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit zu verlaufen, aber Orientierung war noch nie meine starke Seite gewesen. Leider gab es auch Dinge, die schwieriger zu erklären waren. Wie das eine Mal, als ich meinen Autoschlüssel nicht finden konnte und mit einem Skistock das Seitenfenster einschlug, um die Tür zu öffnen (und dann feststellte, dass das Auto der Familie gegenüber gehörte). Oder als ich an meinem im Dienstplan eingetragenen freien Tag in der Arbeit erschien (zum vierten Mal hintereinander).

Als ich Jack meinem Arbeitskollegen Tyrone vorstellen wollte und mir das Wort »Zwilling« nicht einfiel, begann ich, mir wirklich Sorgen zu machen. Das war ein Jahr nach dem Zwischenfall im Parkhaus. Ich erinnere mich, dass ich Jack anstarrte und mich fragte, ob es wirklich ein Wort für das gab, was wir waren. Ich durchforstete die dunklen, verstaubten Ecken meines Gehirns, aber vergeblich. Schließlich bezeichnete ich ihn als die Person, die meine Mutter zur gleichen Zeit wie mich im Uterus gehabt hatte. Ich weiß noch, dass ich mich an »Uterus« erinnerte, aber nicht an »Zwilling«. Tyrone lachte; er hatte mich schon immer für durchgeknallt gehalten. Aber Jack lachte nicht. Und ich wusste, das Spiel war aus.
Noch am selben Tag kündigte ich. Wenn ich mich nicht mehr an das Wort Zwilling erinnern konnte, was würde dann passieren, wenn mir nicht mehr einfiel, wie man jemanden reanimierte, oder wenn ich auf die Idee kam, ein Unfallopfer mit Verdacht auf eine Halswirbelverletzung zu bewegen? Mein Gefühl sagte mir, dass es vorbei war. Und wenn ich weiß, dass etwas sowieso geschehen wird, dann sehe ich keinen
Sinn darin, es hinauszuschieben.

Das lässt sich auf das Leben insgesamt anwenden. Es bewegt sich langsam in eine Richtung. Ich kann auf der Kriechspur bleiben, mich einfach immer weiter den Hügel hinunterbewegen, dabei Moos und Spinnweben ansetzen, bis ich schließlich bis zur Unkenntlichkeit mit Unrat bedeckt bin, wenn ich zum Stehen komme. Das hat Mom getan. Das tun die meisten Leute. Aber meine Art ist das noch nie gewesen.


Im Rosalind House gibt es eine Menge Medikamente. So viele, dass jeder Bewohner ein eigenes Körbchen dafür hat. Jeden Morgen und jeden Nachmittag fährt die Pflegerin die Körbchen auf ihrem Tisch-auf-Rädern durch die Flure, eine Art Drogendealerin. In meinem Körbchen befindet sich Aricept, eine runde pfirsichfarbene Tablette, die den Abbau eines Stoffes, der Botschaften zwischen den Nervenzellen transportiert, verlangsamen soll. Außerdem Vitamin E, gelb und durchsichtig, lang und dünn. Und zu guter Letzt Celexa, ein starkes Antidepressivum, das dafür sorgen soll, dass einem alles nicht so schlimm vorkommt. Das ist die Tablette, von der ich sicher weiß, dass sie nicht wirkt.

In meiner ersten Woche im Rosalind House mache ich mir nicht die Mühe, mich morgens anzuziehen. Als ich es in der zweiten Woche dann tue, frage ich mich, warum eigentlich. Ich liege hier ja doch nur im Bett, kritzele in mein Notizbuch und starre aus dem Fenster. Allen potentiellen Besuchern (abgesehen von Jack) wurde auf meine Bitte hin mitgeteilt, dass ich mich in einer Einrichtung am anderen Ende des Landes
befinde. (Was soll’s, wahrscheinlich erinnere ich mich sowieso nicht an sie, und auf »Mitleidsbesuche« kann ich gut verzichten.) Eric, der Leiter, schaut immer wieder vorbei und versucht, mich zum Bingo zu überreden. (Da kann er lange warten.) Mehrere Pflegerinnen und andere Leute aus dem Heim waren
da. Verlassen habe ich mein Zimmer nur einmal und war dann dermaßen verwirrt, dass ich nicht mehr zurückgefunden habe. Aber das war kein besonders schlimmer Aussetzer. Zumindest habe ich noch gewusst, dass ich mich im Rosa lind House befinde. Ich wusste, dass ich ein Zimmer habe. Auf diesem kurzen Ausflug habe ich wenigstens gelernt, dass ich mich am richtigen Ort befinde. In einem Heim für betreutes Wohnen.

Heute schneidet vor meinem Fenster ein gutaussehender Gärtner die Buchsbäume. Es ist warm, und er trägt nur ein dünnes weißes T-Shirt, durch das ich seinen Waschbrettbauch bewundern kann. Vor ein paar Jahren hätte ich mich aus dem Fenster gebeugt und um einen Zweig von irgendwas gebeten, vielleicht hätte ich ihn sogar gefragt, ob er Hilfe braucht. (Als Kinder haben Jack und ich viel Zeit mit Mom im Garten
verbracht und gepflanzt und Unkraut gejätet und gedüngt.) Aber jetzt kann ich mich nicht einmal dazu überwinden, das Lächeln des Gärtners zu erwidern. Ich bin zu sehr damit beschäftigt, über Ethan nachzudenken. Über den Zwischenfall.

Es passierte nachts. Ich kann nachts oft nicht schlafen, eine der vielen schönen Begleiterscheinungen »der Krankheit«. Ich war im Wohnzimmer und versuchte herauszufinden, wie man die Xbox benutzt, als ich hinter mir kleine Füße über den Boden tapsen hörte.

»Komm, wir machen Fongu.«

»Fongu« war von Fondue abgeleitet und bestand darin, dass wir auf dem Herd Schokoriegel schmolzen und dann Kekse, Marshmallows oder was sonst gerade da war in die flüssige Masse tauchten. Ich sagte aus mehreren Gründen ja. Erstens: Ich liebe Fongu. Zweitens: Ich bin nicht seine Mutter – es ist nicht meine Aufgabe, mir Gedanken um seine Zähne oder ausreichenden Schlaf zu machen. Drittens: Mein Leben bewegt sich rasend schnell auf einen Punkt zu, an dem ich mich selbst nicht mehr kennen werde, und solange ich mich noch kenne, will ich verdammt noch mal Fongu mit meinem Neffen machen.

Wir machten also Fongu und spielten danach mit der Xbox, und plötzlich roch es verbrannt. Ethan und ich sahen uns an.

»Schei…benhonig!«, sagte ich. »Das Fongu.«

Fluchend rannte ich in die Küche. Wenn ich das Haus abfackelte, würde ich Jack kaum davon überzeugen können, dass ich eine verantwortungsbewusste erwachsene Frau war. Ich riss die Tür auf und wollte nach dem Feuerlöscher greifen, doch statt in der Küche stand ich im Badezimmer. Ich drehte mich um und öffnete eine andere Tür. Ein Schrank voller Handtücher. Ich drehte mich weiter. Wo in Gottes Namen
war die Küche?

Das passierte nicht zum ersten Mal. Ich wusste, dass ich einfach nur ruhig bleiben und eine Weile warten musste, dann würde mir alles wieder einfallen. Aber der Geruch nach Verbranntem wurde immer stärker, und ich konnte Ethan nirgends sehen. Und ich fand nicht einmal mehr aus dem verdammten Badezimmer hinaus!

In diesem Moment hörte ich Ethan schreien. Jack zufolge lief Ethan in die Küche, nachdem ich in die
falsche Richtung gerannt war, und versuchte, den Topf vom Herd zu ziehen. Der Griff war glühend heiß. Er zog seine Hand so hastig zurück, dass der Topf umkippte und die heiße
Schokolade auf seine Wange spritzte. Abgesehen von Ethans Verletzung war das Schlimmste, dass es ihre Meinung über mich bestätigte. Man konnte mir meinen Neffen nicht anvertrauen. Man konnte mich nicht allein lassen, nicht mal eine Sekunde.

»Klopf, klopf.«

Ich drehe den Kopf zur Tür, die ununterbrochen offen steht, dank der Helferfrau, die so dünn ist wie eine Bohnenstange und eine geradezu unheimliche Leidenschaft für Frischluft hegt. Jedes Mal wenn ich versuche, die Tür zu schließen, taucht sie auf wie ein Luftgeist – frische Luft, frische Luft, FRISCHE
LUFT!
Doch als ich jetzt zur Tür sehe, steht da Eric, an der Seite einen Hund, so groß wie ein Löwe. Ich spüre, wie sich alles in meinem Inneren zu einem Schutzschild zusammenzieht.

»Na?«, sagt er. »Wie geht es Ihnen?«

»Gut.« Ich spreche mit dem Hund, da ich den Blick offenbar nicht von ihm abwenden kann.

»Sind alle nett zu Ihnen?«

»Ja.«

Es ist ein Deutscher Schäferhund. Seine Zähne sind gelb und glänzend von Speichel; sein Maul ist zu diesem zähnefletschenden Grinsen verzogen, das einem Hunde immer zeigen, damit man auf der Hut ist. Bin ich zufrieden? Bin ich wütend? Komm doch her und find’s raus.

»Oh«, sagt Eric. »Haben Sie Angst vor Hunden?«

Ich versuche, mutig dreinzuschauen, was mir nicht zu gelingen scheint, da Eric den Hund wegschickt. Auf dem Weg in mein Zimmer bleibt er vor dem Aquarell eines Eichenblatts stehen, das Jack an die Wand gehängt haben muss. Es hat mal meiner Mutter gehört.

»Das ist sehr hübsch«, sagt er.

»Sie können es haben«, sage ich.

Er sieht mich mit gerunzelter Stirn an. »Sie wissen, dass Sie nicht von morgens bis abends in Ihrem Zimmer sitzen müssen. Zweimal am Tag fährt ein Bus in die Stadt. Einige unserer Bewohner gehen gern mal ins Einkaufszentrum oder ins Kino.«

Ich setze mich auf. »Darf ich das?«

»Selbstverständlich. Heute wird die Gruppe von Trish, einer unserer Angestellten, begleitet.«

Ich lasse mich wieder zurücksinken.

»Im Salon gibt es auch Brettspiele«, sagt er. »Wir ermuntern unsere Bewohner, sich dort zu treffen, wenn sie zu Hause sind. Wir haben festgestellt, dass sich unsere Bewohner auf Dauer einsam fühlen, wenn sie die ganze Zeit allein in ihren Zimmern verbringen.«

»Ich bin gern allein.«

Eric setzt sich auf meine Bettkante, auf seiner Stirn erscheint eine steile Falte. Mir wird unbehaglich zumute.
Offenbar ist jetzt der Zeitpunkt für die aufmunternden Worte gekommen. Eric tut mir tatsächlich leid. Er will diese Ansprache genauso wenig halten, wie ich sie hören will. Tief in seinem Innern weiß er wahrscheinlich, dass er auch in seinem Zimmer bleiben würde, wenn er hier wohnen würde. Aber so was
sagt natürlich keiner.

»Gut«, komme ich ihm zuvor, bevor er loslegen kann. (Hauptsächlich weil ich nicht will, dass er auf meinem Bett sitzt.) »Es treffen sich also alle im Salon? Ich gehe nachher hin. Versprochen.«

Eric seufzt. »Sie müssen nicht. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass Sie hier glücklich sind.«

»Ich weiß.« Jeder will, dass ich hier glücklich bin. Wenn ich glücklich bin, müssen sie kein schlechtes Gewissen haben.

Eric platziert seine Hand gefährlich dicht neben meinem Oberschenkel. »Geben Sie uns eine Chance, Anna. Ich will nicht so tun, als wüsste ich, wie es ist, Sie zu sein. Aber ich weiß, dass Ihr Bruder Sie nicht hierhergebracht hat, damit Sie hier eingehen wie eine Primel. Sie haben noch jede Menge Leben vor sich, aber Sie müssen es beim Schopf packen.« Er zwinkert. »Jack hat mir erzählt, dass Sie ein Adrenalinjunkie
waren. Ich muss zugeben, dass ich das ziemlich aufregend finde. Hier steigt das Adrenalin höchstens am Bingoabend.« Er grinst, und ich habe Angst, mich gleich übergeben zu müssen. »Sie haben recht«, sage ich. »Sie haben keine Ahnung, wie es ist, ich zu sein.«


Es heißt, wenn man einen seiner Sinne einbüßt, werden dafür die anderen geschärft. Ich glaube, das stimmt. Es gab mal eine Zeit, da hatte ich eine ziemlich scharfe Zunge. Wenn es einen Witz zu reißen gab, dann war ich immer zur Stelle (um ihn dann schneidiger zu präsentieren als jeder andere). Inzwischen
bin ich nicht mehr so schnell wie früher, dafür bin ich aufmerksamer, vor allem, wenn es um den Gemütszustand anderer Leute geht. Als eine junge Frau mit blonden Stachelhaaren in mein Zimmer stürmt, weiß ich deshalb sofort, dass sie sich nicht nur verlaufen hat, sondern dass ihr auch etwas auf der Seele liegt.


»Oh, äh«, sagt sie. »Wo finde ich denn die Besuchertoilette?«

Wie es aussieht, habe ich nicht die geringste Ahnung. Als ich die Diagnose erhalten habe, erklärte mir mein Neurologe (ich nannte ihn Dr. Brain), dass sich die Erinnerungen meistens in umgekehrter Reihenfolge verabschieden. Das bedeutet, dass meine ältesten Erinnerungen am längsten erhalten bleiben werden und neuere Informationen, einschließlich der über Besuchertoiletten, ziemlich rasch und unwiderruflich in dem schwarzen Loch in meinem Gehirn verschwinden.

»Tut mir leid, weiß ich nicht«, sage ich zu der Frau. Mir fällt auf, dass ihr Gesicht rot und verquollen ist. Nass. »Alles in Ordnung?«

Sie stößt einen Seufzer aus, und eigentlich erwarte ich, dass sie sich umdreht und geht – ihre Suche nach der Besuchertoilette fortsetzt. Das tut sie jedoch nicht.

»Ja.« Sie schnieft. »Ich meine, nein. Es ist wegen meines Großvaters. Er ist … unmöglich.«

»Wer ist denn Ihr Großvater?«

»Bert. Bert Dickens.«

»Oh«, sage ich, obwohl ich mich nicht erinnere, Bert schon einmal begegnet zu sein. »Geht es ihm … gut?«

»Körperlich ja. Geistig weniger. Tut mir leid, ich hätte nicht so bei Ihnen reinplatzen dürfen. Ich will nicht …«

»Sie stören nicht. Ich habe nichts weiter zu tun.« Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. »Was ist denn mit Bert?«

»Sind Sie sicher, dass Sie es hören wollen?«

»Ja.«

»Na gut.« Sie tut ein paar Schritte weiter ins Zimmer. »Die Sache ist die ….«, sie streckt die Hand aus und wackelt mit den Fingern, »… ich werde heiraten.«

Ich musterte den Diamanten und lächle pflichtschuldig, obwohl ich noch nie verstanden habe, warum um diese Glitzersteine so ein Theater gemacht wird. »Glückwunsch.«

»Danke.«

Ich blicke auf meinen Ringfinger, der seit beinahe einem Jahr nackt ist. Der Knöchel scheint stärker hervorzutreten, seitdem ihn kein Gewicht mehr nach unten zieht. »Mag Bert den Mann nicht?«

»Nein. Ich meine, ja. Er mag ihn. Aber er will nicht, dass wir heiraten.«

»Warum denn nicht?«

»Er glaubt, dass auf unserer Familie ein Fluch liegt. Ja, und dabei ist er nicht mal senil. Das hat er schon immer geglaubt. Seine Frau, meine Großmutter, starb, als meine Mom ein Baby war. Und Mom starb, als ich vier war. Er glaubt, wenn ich heirate, dann wirkt der Fluch bei mir weiter.«

»Das mit Ihrer Mutter tut mir leid.«

»Danke.«

»Warum glaubt er denn, dass der Fluch durch die Heirat ausgelöst wird? Warum nicht durch das Baby?«

Sie sieht mich mit einem seltsamen Blick an. Wahrscheinlich ist das nicht besonders hilfreich gewesen.

»Na ja, ich will damit nur sagen, dass seine Theorie nicht wasserdicht ist. Vielleicht könnten Sie ihn davon überzeugen, dass erst das Baby den Fluch auslöst?«

»Aber was ist, wenn ich ein Baby bekomme?«

»Ein Baby wollen Sie auch?«

Sie nickt. Irgendwo tief in mir drin denke ich, dass sie ziemlich gierig ist.

»Glauben Sie denn an den Fluch?«, frage ich.

»Nein. Ich meine, es war Pech, aber … Nein. Ich glaube nicht daran. Jedenfalls will ich, dass mein Großvater zur Hochzeit kommt, und er weigert sich. Er sagt, er kann nicht dabei zusehen, wie ich mein Schicksal besiegele.«

»Sagen Sie ihm, wenn Sie nicht heiraten, ist Ihr Schicksal schlimmer als der Tod.«

Sie beobachtet mich mit zusammengekniffenen Augen.

»Sagen Sie ihm, wenn Sie als Frau dieses Mannes ins Grab steigen, dann tun Sie das als glückliche Frau. Sagen Sie ihm, dass Sie, wenn er recht haben sollte, lieber ein Jahr voller Glück erleben, als nie zu erfahren, was Glück ist.« Ich denke kurz nach. »Und wenn er sagt, dass Sie sich irren, dann fragen Sie ihn, ob er sich wünscht, seine Frau nie geheiratet zu haben.«

»Wow«, sagt sie. »Sie sind gut.«

Es gibt da diesen Spruch, der genau das ausdrückt, was ich meine, und ich versuche, ihn mir ins Gedächtnis zu rufen. Langsam rückt er in Reichweite. »Ein Leben in Angst …« Ich will fortfahren, doch schon ist mir der Rest wieder entglitten. Puff! Verschwunden.

»Ein Leben in Angst gelebt ist ein Leben nur halb gelebt?«

»Ja. Genau.«

»Sie haben recht. Er hat Myrna vergöttert. Niemals würde er sich wünschen, er hätte sie nicht geheiratet. Wenn ich mir diesen abergläubischen Quatsch anhöre, bestärke ich ihn außer dem nur darin, dass es mit diesem Fluch tatsächlich etwas auf sich haben könnte.« Sie seufzt. »Danke für die Stimme der Vernunft. Ich sollte jetzt besser wieder zurückgehen.« Sie deutet mit dem Kopf auf die Badezimmertür. »Meinen Sie, sie
kommt da drin zurecht?«

»Wer?«

»Ihre … Großmutter?« Sie schaut auf das silberne Namensdings an der Wand. »Anna, richtig?«

Es fällt mir oft schwer, etwas zu verstehen, deshalb stört es mich nicht weiter, dass das hier über meinen Verstand geht. Ich will gerade nicken, als wüsste ich, wovon sie redet – als es mir plötzlich dämmert. Sie denkt, dass ich eine alte Frau namens Anna besuche.

»Oh … ja. Es geht ihr bestens.« Ich lächle die junge Frau an, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, falls sie ihn mir überhaupt gesagt hat. »Sie kommt schon sehr bald wieder hier raus.«

Lese die traurig-schöne Geschichte weiter!

»Mitreißend – ein Roman, der uns bei unserer Menschlichkeit packt, unserer Fähigkeit zu lieben und unserem Sinn für Humor.«
Graeme Simsion

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