Ich weiß, was ich gesehen habe. Niemand glaubt mir.
Wirst du mir glauben?

Anna Fox lebt alleine in ihrem schönen und großen Haus in New York. Nach einem traumatischen Vorfall leidet sie unter einer psychischen Störung (Agoraphobie), weswegen sie ihre vier Wände eigentlich überhaupt nicht mehr verlässt. Ihre Zeit verbringt sie damit Online Schach zu spielen, mit Fremden zu chatten, zu viel Wein zu trinken, schwarz-weiß Filme anzuschauen – ach ja, und ihre Nachbarn durchs Fenster mithilfe der Zoomfunktion ihrer Kamera zu beobachten.

Eines Tages ziehen die Russels im Haus gegenüber ein – Vater, Mutter und Sohn. Dies macht Anna den Verlust ihres früheren Lebens umso bewusster, insbesondere als die neue Nachbarin sie besucht. Kurze Zeit später wird sie Zeugin eines brutalen Verbrechens. Anna will helfen – als sie es vor die Tür schafft, holt sie die Panik ein. Als sie aus ihrer Ohnmacht wieder erwacht, will ihr niemand glauben. Denn angeblich ist nichts passiert ...




Jetzt mitmachen & gewinnen!

Unter allen Teilnehmern verlosen wir:

2x je ein Paket, bestehend aus
• einem Exemplar von A. J. Finns »The Woman in the Window«
• Chio Mikrowellen Popcorn (Süß oder Salzig)
• einer Alfred Hitchcock DVD-Sammelbox mit 14 Klassikern des großen Regisseurs
• einer blauen Kuscheldecke

Außerdem gibt es weitere 5 Exemplare von »The Woman in the Window« mit Chio Mikrowellen Popcorn (Süß oder Salzig) zu gewinnen.

Wie kannst du gewinnen?


Finde einfach alle Wörter in unserem Buchstabengitter und kreuze an, wie viele Wörter sich horizontal und vertikal versteckt haben.
Tipp: Alle Wörter haben mit »The Woman in the Window« zu tun.

Gewinnspielfrage: Wie viele Wörter haben sich in unserem Buchstabenkreuz versteckt?

Einsendeschluss ist der 23.04.2018.

Bitte das obenstehende Formular ausfüllen. Mitarbeiter der Verlagsgruppe Random House GmbH und deren Angehörige sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Der Rechtsweg sowie eine Auszahlung der Sachpreise in bar sind ausgeschlossen. Wir behalten uns die Veröffentlichung der Gewinner vor. Hinweis: Mehrfacheinträge erhöhen nicht die Gewinnchancen. Automatisierte E-Mails und Sammel-Teilnahmen können aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht berücksichtigt werden.

Bitte beachten Sie, dass eine Teilnahme am Gewinnspiel nur möglich ist, wenn obige Einwilligung in den Erhalt der Werbung erteilt wurde.
Es gelten ergänzend die AGB Gewinnspiel.
Unsere Datenschutzhinweise finden Sie hier.

Vielen Dank für deine Teilnahme!

Du bekommst nun von uns eine E-Mail. Vergiss nicht, den Link darin zu bestätigen, um in den Lostopf für das Gewinnspiel zu »The Woman in the Window« zu kommen.

Ob du richtig lagst und gewonnen hast, erfährst du von uns nach der Auslosung Mitte April per E-Mail!

Viel Erfolg wünscht dir das Blanvalet-Verlagsteam

Leseprobe

Sonntag,
24.Oktober
Eins


Gleich kommt ihr Mann nach Hause. Diesmal erwischt er sie.

Es gibt nicht einen Streifen Vorhang, nicht eine einzige Jalousie in Nummer 212 – dem rostroten Stadthaus, in dem früher die frischverheirateten Motts wohnten, bis sie sich vor Kurzem wieder entheirateten. Ich habe mit keinem von ihnen beiden je persönlich ein Wort gewechselt, aber gelegentlich checke ich online bei ihnen ein: in seinem LinkedIn-Profil, auf ihrer Facebook-Seite. Ihr virtueller Hochzeitstisch bei Macy’s hat ihre Ehe überdauert: Ich könnte ihnen immer noch Suppenschüsseln kaufen.

Wie gesagt: Nichts verdeckt die Fenster. Ausdruckslos starrt Nummer 212 über die Straße, rötlich und ungeschlacht, und ich starre zurück, beobachte, wie die Herrin des Anwesens ihren Innenarchitekten ins Gästezimmer führt. Was ist bloß mit diesem Haus los? Es ist ein Totenbett der Liebe.

Sie ist wirklich hübsch, ein echter Rotschopf mit grasgrünen Augen und einem Archipel an winzigen Leberflecken, das sich über ihren ganzen Rücken ausbreitet. Viel schöner als ihr Mann, ein gewisser Dr. John Miller, Psychotherapeut – selbstverständlich bietet er Paartherapien an – und einer unter 436 000 John Millers online. Dieses spezielle Exemplar praktiziert nahe Gramercy Park und nur auf Privatrechnung. Laut notarieller Beurkundung hat er 3,6 Millionen für sein Haus bezahlt. Offenbar brummt das Geschäft.

Über seine Frau weiß ich mehr und weniger zugleich. Jedenfalls ist sie keine große Inneneinrichterin; vor acht Wochen sind die Millers hier eingezogen, aber die Fenster sind immer noch nackt, ts-ts. Dreimal die Woche geht sie zum Yoga, trippelt die Treppe hinunter, die Zauberteppich-Matte zusammengerollt unter einem Arm, die Beine in knallenge Lululemon gezwängt. Und offenbar arbeitet sie irgendwo als Freiwillige – montags und freitags verlässt sie das Haus um kurz nach elf, etwa zu der Zeit, zu der ich aufstehe, und kehrt zwischen fünf und halb sechs zurück, gerade wenn ich mich vor meinen Abendfilm setze (Heute im Programm: Der Mann, der zu viel wusste, zum x-ten Mal. Mein Lebensfilm: Die Frau, die zu viel guckte).

Mir ist aufgefallen, dass sie sich nachmittags gern einen Drink genehmigt, so wie ich auch. Ob sie sich auch gern vormittags einen Drink genehmigt? So wie ich?

Nur ihr Alter bleibt mir ein Rätsel, obwohl sie sicher jünger ist als Dr. Miller, auch jünger als ich (und mobiler); ihren Namen kann ich nur vermuten. Für mich heißt sie Rita, weil sie wie die Hayworth in Gilda aussieht. »Ich bin nicht im Geringsten interessiert« – ich liebe diesen Satz.

Ich persönlich bin sehr interessiert. Nicht an ihrem Körper – der bleichen Kammlinie ihrer Wirbelsäule, den gestutzten Schwingen ihrer Schulterblätter, dem babyblauen BH, der ihre Brüste umklammert: Immer wenn die vor meine Linse kommen, in welcher Form auch immer, wende ich den Blick ab. Ihr Leben interessiert mich. Ihrer beider Leben. Zwei mehr als meinem.

Der Ehemann bog eben um die Ecke, kurz nach zwölf, nicht lang, nachdem seine Gemahlin, den Innenarchitekten im Schlepptau, die Haustür zugedrückt hat. Es handelt sich um eine Aberration: Sonntags kehrt John Miller mit unfehlbarer Präzision um Viertel nach drei nach Hause zurück.

Und doch marschiert der gute Doktor in diesem Moment über den Bürgersteig, Dampfwolken vor dem Mund ausstoßend und den schwingenden Aktenkoffer an der Hand, an der ein blinkender Ehering prangt. Ich zoome auf seine Füße: auf Hochglanz polierte ochsenblutrote Oxfords, die das herbstliche Sonnenlicht einfangen und mit jedem Schritt wegkicken.

Ich hebe den Sucher und zoome auf seinen Kopf. Meiner Nikon D5500 entgeht so gut wie nichts, nicht mit dieser Opteka-Linse: wuscheliges Mergelhaar, dünndrahtige Billigbrille, stoppelige Inseln in den flachen Teichen seiner Wangen. Er lässt seinen Schuhen mehr Pflege zukommen als seinem Gesicht.

Zurück zu Nummer 212, wo Rita und der Innenarchitekt sich mit Hochgeschwindigkeit entkleiden. Ich könnte die Auskunft anrufen, mir die Festnetznummer der Millers geben lassen, sie warnen. Aber das tue ich nicht. Wie bei Tierdokumentationen: Wie beim Filmen greifst du beim Observieren nicht in den Lauf der Natur ein.

Dr. Miller ist vielleicht noch eine halbe Minute von seiner Haustür entfernt. Seine Frau bestreicht mit ihrem Mund den Innenarchitektenhals. Runter mit ihrer Bluse.

Weitere vier Schritte. Fünf, sechs, sieben. Noch zwanzig Sekunden, bestenfalls.

Sie packt seine Krawatte zwischen den Zähnen, lächelt ihn an. Ihre Hände nesteln an seinem Hemd. Er weidet sich an ihrem Ohr.

Ihr Gemahl springt über eine hochstehende Gehwegplatte. Fünfzehn Sekunden.

Ich kann fast hören, wie die Krawatte hastig über Kragen und Kopf gezogen wird. Rita fegt sie durchs Zimmer.

Zehn Sekunden. Ich zoome wieder ran, bis die Kameraschnauze praktisch zu zucken beginnt. Seine Hand taucht in die Tasche und mit einem Schlüsselring wieder auf. Sieben Sekunden.

Sie löst ihren Pferdeschwanz, lässt das Haar über die Schultern schwingen.

Drei Sekunden. Er erklimmt die Stufen.

Sie legt die Arme um seinen Hals, küsst ihn leidenschaftlich.

Er rammt den Schlüssel ins Schloss. Dreht.

Ich zoome auf ihr Gesicht, auf die weit aufgerissenen Augen. Sie hat es gehört.

Ich schieße ein Foto.

Und dann klappt sein Aktenkoffer auf.

Ein Schneegestöber an Papieren verteilt sich im Wind. Ich ziele mit der Kamera wieder auf Dr. Miller, auf das knappe »Shit«, das sein Mund formt; er stellt den Aktenkoffer an der Türschwelle ab, stampft ein paar Seiten unter diesen glänzenden Schuhen fest, sammelt weitere und klemmt sie sich unter die Arme. Ein freiheitsliebender Zettel hat sich in der Astgabel eines Baumes verfangen, doch er sieht ihn nicht.

Wieder auf Rita, die eilig mit den Armen in die Ärmel taucht, sich das Haar zurückstreicht. Sie flüchtet aus dem Zimmer. Der Innenarchitekt hüpft, unvermittelt alleingelassen, vom Bett, hebt seine Krawatte auf, stopft sie in die Hosentasche.

Ich atme aus, als würde Luft aus einem Ballon zischen. Ohne es zu merken hatte ich den Atem angehalten.

Die Haustür geht auf: Rita stürmt die Stufen hinunter, ruft ihrem Mann etwas zu. Er dreht sich um; ich nehme an, dass er lächelt – sehen kann ich es nicht. Sie bückt sich und liest ein paar Papiere vom Gehweg auf.

Der Innenarchitekt erscheint in der Tür, eine Hand in der Hosentasche, die andere grüßend erhoben. Dr. Miller winkt zurück. Er steigt zur Haustür hoch, hebt seinen Aktenkoffer an, und die beiden Männer geben sich die Hand. Sie gehen ins Haus, Rita bildet die Nachhut.

Na schön. Vielleicht beim nächsten Mal.


Montag,
25.Oktober
Zwei



Der Wagen dröhnte eben vorbei, langsam und düster wie ein Leichenwagen, mit in der Dunkelheit aufblitzenden Heckleuchten. »Neue Nachbarn«, erkläre ich meiner Tochter Olivia.

»In welchem Haus?«

»Auf der anderen Seite vom Park. Zwei-null-sieben.« Inzwischen stehen sie, verschwommen wie Gespenster, auf der Straße in der Abenddämmerung und exhumieren Kartons aus dem Kofferraum.

Sie schlürft.

»Was isst du da?«, frage ich. Heute ist chinesischer Abend, versteht sich; sie isst Lo Mein.

»Lo Mein.«

»Aber nicht, während du mit Mommy redest, klar?«

Sie schlürft wieder und kaut. »Mo-om.« Es ist ein ständiger Zankapfel zwischen uns; sie hat gegen meinen Willen das Mommy zu etwas Stumpfem, Plumpem abgewetzt.

»Lass es gut sein«, rät Ed – allerdings ist er Daddy geblieben.


»Du solltest rübergehen und Hallo sagen«, schlägt Olivia vor.

»Das würde ich wirklich gern, Hase.« Ich wandere nach oben, in den ersten Stock, wo ich einen besseren Blick habe. »Weißt du, dass hier jetzt überall Kürbisse stehen? Alle Nachbarn haben einen. Die Grays sogar vier.« Ich habe den Treppenabsatz erreicht, das Glas in der Hand, und der Wein schwappt gegen meine Lippe. »Ich wünschte, ich könnte dir einen Kürbis aussuchen. Sag Daddy, er soll dir einen besorgen.« Ich nehme einen Mundvoll Wein, schlucke. »Sag ihm, er soll gleich zwei besorgen, einen für dich und einen für mich.«

»Okay.«

Ich erblicke mich im dunklen Spiegel der Gästetoilette. »Bist du glücklich, Süße?«

»Ja.«

»Nicht einsam?« Sie hatte nie wirkliche Freunde in New York; sie war immer zu schüchtern, zu klein.

»Nö.«

Ich spähe in das Dunkel am oberen Ende der Treppe, in die Düsternis über uns. Tagsüber fällt die Sonne durch das kuppelförmige Oberlicht; nachts ist es ein weit aufgerissenes Auge, das in die Tiefe des Treppenaufgangs starrt. »Vermisst du Punch?«

»Nö.« Auch mit dem Kater kam sie nicht klar. An einem Weihnachtsmorgen attackierte er sie, zog seine Krallen in zwei blitzschnellen Streichen über ihr Handgelenk, einmal von oben nach unten und links nach rechts. In einem grellen Gittermuster trat das Blut aus der Haut, ein rotes Tic-Tac-Toe, und Ed hätte den Kater fast aus dem Fenster geschleudert. Jetzt halte ich Ausschau nach ihm und entdecke ihn zusammengerollt auf dem Sofa in der Bibliothek, von wo aus er mich beobachtet.

»Lass mich mit Daddy reden, Hase.« Ich erklimme die nächste Treppe, spüre den Läufer rau unter meinen Sohlen. Rattan. Was haben wir uns nur dabei gedacht? Das Material zieht Flecken magnetisch an.

»Hey, Schlafmütze«, begrüßt er mich. »Neue Nachbarn?«

»Ja.«

»Hast du nicht erst neue Nachbarn bekommen?«

»Das war vor zwei Monaten. Auf Zwei-zwölf. Die Millers.« Ich kehre um und gehe die Stufen wieder hinunter.

»Und wo ziehen die neuen Leute ein?«

»In Zwei-null-sieben. Auf der anderen Seite des Parks.«

»Die Nachbarschaft verändert sich.«

Ich erreiche den Treppenabsatz, umrunde ihn. »Sie haben nicht viel mitgebracht. Nur ein Auto voll.«

»Schätze, der Umzugswagen kommt später.«

»Schätze ich auch.«

Stille. Ich trinke einen Schluck.

Jetzt bin ich wieder im Wohnzimmer, am Kamin, die Ecken sind in Schatten getaucht. »Hör mal …«, setzt Ed an.

»Sie haben einen Sohn.«

»Was?«

»Einen Sohn«, wiederhole ich und presse die Stirn gegen die kalte Fensterscheibe. In dieser Ecke von Harlem sind noch keine Natriumdampflampen gesprossen, und die Straße wird nur von einem Zitronenschnitz Mond erhellt, trotzdem kann ich ihre Silhouetten ausmachen: ein Mann, eine Frau und ein großer Junge, die Kartons zur Haustür verfrachten. »Ein Teenager«, ergänze ich.

»Halt dich zurück, meine Schöne.«

»Ich wünschte, du wärst hier«, sage ich, ehe ich mich bremsen kann.

Es kommt völlig unerwartet. Für Ed auch, so wie es sich anhört. Es bleibt still.

»Du brauchst mehr Zeit«, sagt er irgendwann.

Ich bleibe still.

»Die Ärzte meinen, zu viel Kontakt ist ungesund.«

»Ich bin die Ärztin, die das gesagt hat.«

»Du bist eine von ihnen.«

Ein Knacken hinter mir – ein Funke im Kamin. Die Gasflammen setzen sich murmelnd im Kaminrost.

»Warum lädst du die neuen Nachbarn nicht zu dir ein?«, fragt er.

Ich leere mein Glas. »Ich glaube, für heute reicht es.«

»Anna.«

»Ed.«

Ich kann ihn fast atmen hören. »Tut mir leid, dass wir nicht bei dir sind.«

Ich kann fast mein Herz hören. »Mir auch.«

Punch hat mich nach unten verfolgt. Ich hebe ihn auf einen Arm, ziehe mich in die Küche zurück. Lege das Telefon auf die Küchentheke. Noch ein letztes Glas vor dem Zubettgehen.

Ich packe die Flasche an ihrer Gurgel, drehe mich zum Fenster um, zu den drei auf dem Gehweg spukenden Gespenstern, und erhebe den Wein in einem stillen Toast.


Dienstag,
26.Oktober
Drei


Letztes Jahr um diese Zeit wollten wir das Haus verkaufen, hatten sogar schon eine Maklerin engagiert; Olivia sollte im folgenden September in eine Schule in Midtown wechseln, und Ed hatte für uns ein Sanierungsobjekt in Lenox Hill aufgetrieben. »Das wird lustig«, versprach er. »Ich werde ein Bidet einbauen, nur für dich.« Ich boxte ihn gegen die Schulter.

»Was ist ein Bidet?«, fragte Olivia.

Doch dann ging er, und sie ging mit ihm. Deshalb hat es mir aufs Neue das Herz durchbohrt, als ich mir gestern Abend die ersten Worte unserer tot geborenen Annonce ins Gedächtnis rief: HARLEM-JUWEL– LIEBEVOLL RESTAURIERTES BAUDENKMAL AUS DEM 19. JAHRHUNDERT! DAS IDEALE HEIM FÜR EINE FAMILIE! Über Juwel und Baudenkmal hätte man streiten können, denke ich. Harlem ist unstrittig, 19. Jahrhundert ebenso (1884). Liebevoll restauriert kann ich bezeugen, und teuer dazu. Ideales Heim für eine Familie stimmt auch.

Mein Wirkungsbereich und seine Außenposten:

Untergeschoss: besser gesagt Maisonette, laut der Maklerin. Unter Straßenniveau, aber über die gesamte Etage und mit separatem Eingang; Küche, Bad, Schlafzimmer, kleines Arbeitszimmer. Eds Arbeitsplatz über acht Jahre hinweg – immerzu war der Tisch mit Blaupausen belegt, pinnten Auftragsbesprechungen von Handwerkern an der Wand. Gegenwärtig vermietet.

Garten: oder besser Innenhof, erreichbar über das Erdgeschoss. Ein See aus Kalksteinplatten; darauf zwei nicht mehr benutzte hölzerne Liegestühle; dazu eine im hintersten Eck lümmelnde Esche, staksig und einsam wie ein Teenager ohne Freunde. Oft habe ich das Bedürfnis, sie zu umarmen.

Erdgeschoss: first floor bei uns, ground floor für die Briten, premier étage für die Franzosen (ich bin weder das eine noch das andere, habe aber einen Teil meiner Assistenzzeit in Oxford verbracht – in einer Maisonette, wie es der Zufall will – und in diesem Juli mit einem Online-Kurs Französisch angefangen). Küche – offen und »erlesen« (wieder die Maklerin), mit einer Tür nach hinten zum Garten sowie einem Seitenausgang, der direkt in den kleinen Park führt, welcher zwischen unserem Haus und dem nächsten liegt. Dielen aus Weißbirke, inzwischen mit Merlot-Klecksern gesprenkelt. Im Flur eine Toilette – das rote
Gelass, wie ich es nenne – in »Tomato Red« laut dem Benjamin-Moore-Katalog. Wohnzimmer mit Sofa und Couchtisch und ausgelegt mit einem Perserteppich, der sich immer noch weich unter den Sohlen anfühlt.

Erster Stock: die Bibliothek (Eds; überladene Regale, rissige Buchrücken, stockfleckige Schutzumschläge, alles eng gepackt) und das Arbeitszimmer (meines; karg, luftig, ein
Mac-Desktop auf einem IKEA-Tisch – mein Onlineschach-Schlachtfeld). Zweite Toilette, hier eingebläut in »Heavenly Rapture«, wobei »himmlische Verzückung« ein hochgestecktes Ziel für eine Toilette ist. Und eine tiefe Abstellkammer, die ich eines Tages in eine Dunkelkammer umwandeln könnte, falls ich je von Digital zu Film wechseln sollte. Doch ich glaube, ich verliere allmählich das Interesse.

Zweiter Stock: das Eltern-(Mutter-?)Schlafzimmer mit Bad. Dieses Jahr habe ich viel Zeit im Bett verbracht; es ist eine dieser Schlafsystem-Matratzen, die zweifach einstellbar sind. Ed hat seine Seite fast daunigweich programmiert; meine ist auf »hart« eingestellt. »Du schläfst auf Beton«, meinte er mal und klopfte dabei mit den Fingern auf das Laken.

»Und du auf einem Kumulus«, erklärte ich ihm. Danach gab er mir einen langen und sinnlichen Kuss.

Als beide gegangen waren, in diesen schwarzen, leeren Monaten, als ich kaum das Bett verlassen konnte, wälzte ich mich ständig wie eine langsame Woge von einem Ende zum anderen, wobei ich mich abwechselnd in das Laken ein- und wieder auswickelte.

Außerdem das Gästeschlafzimmer mit angeschlossenem Bad.

Dritter Stock: zu früheren Zeiten die Dienstbotenetage, jetzt Olivias Reich, das darüber hinaus über ein zweites Gästezimmer verfügt. Manchmal gehe ich nachts in ihrem Zimmer um wie ein Gespenst. An anderen Tagen stehe ich in der Tür und schaue dem langsamen Reigen der Staubflocken im Sonnenschein zu. Manchmal suche ich den dritten Stock wochenlang nicht auf, bis er zu einer Erinnerung zu zerfließen beginnt, so wie das Gefühl des Regens auf meiner Haut.

Wie dem auch sei. Morgen spreche ich wieder mit ihnen. Währenddessen kein Lebenszeichen von den Menschen jenseits des Parks.


Mittwoch,
27.Oktober
Vier


Ein schlaksiger Teenager schießt aus der Haustür von Nummer 207 wie ein Rennpferd aus der Startmaschine und galoppiert die Straße entlang nach Osten, an meinem Haus vorbei. Ich bekomme ihn nur kurz zu sehen – ich bin früh aufgewacht, nach einer langen Nacht mit Goldenes Gift, und hadere gerade mit mir, ob ein Schluck Merlot weise wäre; doch meine Augen erhaschen noch einen blonden Schopf und einen Rucksack, der nur mit einem Riemen an einer Schulter hängt. Dann ist er weg.

Ich kippe Wein in ein Glas, lasse mich nach oben treiben und an meinem Schreibtisch nieder. Greife nach meiner Nikon.

In der Küche von 207 sehe ich den Vater, groß und breit, von hinten angeleuchtet durch einen Fernseher. Ich presse die Kamera ans Auge und zoome rein: die Today Show. Ich könnte nach unten gehen und meinen eigenen Fernseher einschalten, sinniere ich, gleichzeitig und parallel zu meinem Nachbarn schauen. Oder ich gucke einfach so, auf seinem Gerät, durch die Linse.

Das gefällt mir besser.

Es ist schon eine Weile her, seit ich die Fassade betrachtet habe, aber Google liefert mir die Streetview-Ansicht: weißer Stein, ein Anflug von Beaux-Arts, gekrönt von einem Balkon auf dem Dachfirst, einem sogenannten Witwensteg. Von meinem Haus aus sehe ich natürlich nur die Seite ihres Hauses; die Ostfenster gewähren mir freien Blick in die Küche, in ein kleines Wohnzimmer im ersten Stock und in
das Zimmer darüber.

Gestern rückte ein Kommando von Umzugsleuten an, die Sofas und Fernseher und einen antiken Kleiderschrank ins Haus schleppten. Der Ehemann dirigierte den Trupp, seine Frau habe ich seit dem Abend ihres Einzugs nicht mehr gesehen. Ich frage mich, wie sie wohl aussieht.

Es ist Nachmittag, und gerade als ich dabei bin, Rook&Roll Schachmatt zu setzen, läutet jemand an der Tür. Ich schlurfe nach unten, schlage kurz auf den Öffner, entriegele die Wohnungstür und sehe meinen Mieter im Hausgang stehen, unrasiert und sexy. Er sieht wirklich gut aus: markantes Kinn und Augen so tief und dunkel wie Falltüren. Gregory Peck nach einer langen Nacht (ich bin nicht die Einzige, die so denkt. David hat gelegentlich Damenbesuch, habe ich bemerkt. Gehört, genauer gesagt).

»Ich fahre heute Abend nach Brooklyn«, meldet er sich ab.

Ich streiche mir mit der Hand durchs Haar. »Okay.«

»Brauchst du noch was, bevor ich verschwinde?« Es klingt wie ein Angebot, wie eine Zeile aus einem Film Noir. Du spitzt einfach die Lippen – und bläst.

»Danke. Ich habe alles.«

Er sieht an mir vorbei, kneift die Augen zusammen. »Soll ich eine Birne wechseln? Ist ganz schön dunkel hier drin.«

»Ich hab’s gern düster«, sage ich. Wie meine Männer, hätte ich am liebsten hinzugefügt. Ist das ein Witz aus Airplane? »Dann viel …« Spaß? Vergnügen? Sex? »… Vergnügen.«

Er dreht sich um.

»Du weißt, dass du auch einfach durch die Kellertür reinkommen kannst«, erkläre ich ihm und probiere es mit Leichtigkeit. »Gut möglich, dass ich zu Hause bin.« Ich hoffe auf ein Lächeln. Er wohnt jetzt seit zwei Monaten hier, und ich habe ihn noch kein einziges Mal lächeln sehen.

Er nickt. Er geht.

Ich schließe die Tür.

Ich studiere mich im Spiegel. Ein Speichenrad von Falten rund um die Augen. Ein Legatobogen aus dunklem Haar, hier und dort grau getigert, der mir lose auf die Schultern fällt; Stoppeln in den Armbeugen. Mein Bauch ist erschlafft, Grübchen tüpfeln meine Schenkel. Beinahe transparent blasse Haut, violett fließende Adern an den Armen und Beinen.

Grübchen, Tüpfel, Stoppeln, Falten: Ich muss an mir arbeiten. Früher war meine Bodenständigkeit durchaus reizvoll, fanden manche Männer, fand Ed. »Du warst für mich immer das Mädchen von nebenan«, sagte er traurig, kurz vor dem Ende.

Ich schaue auf meine Zehen, die sich auf den Fliesen einrollen – lang und dünn, einer (oder zehn) meiner Pluspunkte, aber inzwischen eher Marderkrallen. Ich durchwühle meinen Medizinschrank, in denen sich die Pillenbehälter stapeln wie Totempfähle, und fördere einen Nagelknipser zutage. Endlich ein Problem, das ich beheben kann.


Donnerstag,
28.Oktober
Fünf


Gestern wurde die Verkaufsurkunde online gestellt. Meine neuen Nachbarn heißen Alistair und Jane Russell; sie haben dreikommavierfünf Millionen Dollar für ihre bescheidene Herberge bezahlt. Google verrät mir, dass er Partner in einer mittelgroßen Beraterfirma ist und zuvor in Boston stationiert war. Sie lässt sich nicht ausforschen – Jane Russell in eine Suchmaschine einzugeben, ist ein fruchtloses Unterfangen.

Sie haben sich eine lebendige Nachbarschaft ausgesucht.

Das Heim der Millers gegenüber – lasst alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet – ist eines von fünf Stadthäusern, auf die ich aus den nach Süden gehenden Straßenfenstern meines Hauses blicken kann. Im Osten stehen die Gray Sisters, die eineiigen Zwillinge: identische Gesimse über den Fenstern, die gleichen flaschengrünen Haustüren. Im rechten Haus – der etwas graueren Schwester, finde
ich – wohnen Henry und Lisa Wasserman, langjährige Anwohner, »seit vier Jahrzehnten und bald fünf«, tönte Mrs. Wasserman, als wir einzogen. Sie war vorbeigekommen, um uns (»ins Gesicht«) zu sagen, wie sehr sie (»und mein Henry«) die Ankunft »des nächsten Yuppie-Clans« in einer »früher mal richtig netten Nachbarschaft« missbilligte.

Ed tobte. Olivia taufte ihren Plüschhasen Yuppie.

Die Wassermänner, wie wir sie wenig originell nannten, haben seither kein Wort mehr mit mir gewechselt, obwohl ich inzwischen auf mich allein gestellt und mein eigener Clan bin. Genauso wenig wohlgesonnen scheinen sie den Bewohnern der zweiten Gray Sister zu sein, einer Familie mit dem passenden Nachnamen Gray. Zwillingsmädchen im Teenager-Alter, der Vater Partner in einer kleinen, aber feinen Firma für Unternehmensübernahmen, die Mutter eine eifrige Lesekreis-Gastgeberin. Das Buch des Monats, angepriesen auf ihrer Meetup-Seite und in diesem Moment seziert von acht Frauen zwischen vierzig und fünfzig im Wohnzimmer der Grays: Im Dunkeln von Thomas Hardy.

Ich habe es ebenfalls gelesen und mir ausgemalt, ich wäre Teil der Gruppe, würde Kuchen mümmeln (keiner zur Hand) und Wein nippen (machbar). »Wie fandest du das Buch, Anna?«, würde Christine Gray mich fragen, und ich würde antworten: »Finster.« Dann würden wir beide lachen, was der Lesekreis tatsächlich in diesem Moment tut. Ich versuche mit ihnen zu lachen. Und nehme einen Schluck.

Westlich der Millers wohnen die Takedas. Der Mann ist Japaner, die Mutter weiß, ihr Sohn überirdisch schön. Er ist Cellist; in den warmen Sommermonaten übt er hinter weit geöffneten Salonfenstern, und Ed schob unsere daraufhin oft ebenfalls hoch. Eines Abends in einem längst vergangenen Juni tanzten wir, Ed und ich, zu den Klängen einer Bach-Suite: Mein Kopf auf seiner Schulter, seine Finger fest hinter meinem Rücken verschränkt, so schwebten wir durch die Küche, während der Junge von gegenüber unwissentlich nur für uns spielte.

Im letzten Sommer wanderte seine Musik immer wieder von seinem Haus zu meinem, näherte sich meinem Wohnzimmer, klopfte höflich ans Fenster: Lass mich rein. Ich tat es nicht, ich konnte nicht – ich öffne nie die Fenster, nie –, trotzdem konnte ich sie murmeln und flehen hören: Lass mich rein. Lass mich rein!

Nummer 206–208, ein leer stehendes Backstein-Doppelhaus, flankiert das Haus der Takedas. Eine Baugesellschaft hat es im November vorletzten Jahres gekauft, aber eingezogen ist bisher niemand. Ein Mysterium. Fast ein ganzes Jahr klammerte sich ein Gerüst wie ein hängender Garten an die Fassade; dann verschwand es über Nacht – das war ein paar Monate, bevor Ed und Olivia mich verließen –, und seither tut sich nichts mehr.

Dies also ist mein südliches Imperium mit seinen Untertanen. Mit keinem dieser Menschen bin ich befreundet; die meisten sind mir nur ein- oder zweimal begegnet. Stadtleben, nehme ich an. Vielleicht hatten die Wassermänner nicht unrecht. Ich frage mich, ob sie wohl wissen, was aus mir geworden ist.

Eine verlassene katholische Schule grenzt östlich an mein Haus, lehnt sich praktisch daran an: St. Dymphna, schon seit unserem Einzug verrammelt. Wir drohten Olivia gern, sie dorthin zu schicken, wenn sie sich nicht benehmen wollte. Schartiger Backstein, verdreckte, dunkle Fenster. Wenigstens ist es mir so in Erinnerung; es ist schon einige Zeit her, seit ich es das letzte Mal zu Gesicht bekommen habe.

Und im Westen grenzt mein Haus an den Park – winzig, nur zwei Grundstücke breit und zwei tief, mit einem schmalen Backsteinpflasterweg, der unsere Straße mit der nördlich von uns verbindet. An beiden Enden hält jeweils ein flammend belaubter Bergahorn Wache; ein niedriger Eisenzaun säumt beide Seiten ein. Es ist, wie die viel zitierte Maklerin sagte, ein Idyll.

Und dann ist da das Haus jenseits des Parks: Nummer 207. Die Lords verkauften es vor zwei Monaten, räumten es umgehend und flogen nach Süden zu ihrer Ruhestandsvilla in Vero Beach. Auftritt Alistair und Jane Russell. Jane Russell! Meine Physiotherapeutin hatte noch nie von ihr gehört. Blondinen bevorzugt, sagte ich.

»Kann ich nicht bestätigen«, erwiderte sie. Bina ist noch jung, vielleicht liegt es daran.

Das war erst vorhin; bevor ich ihr widersprechen konnte, hatte sie mein Bein über das andere geflochten und mich dadurch nach rechts kippen lassen. Der Schmerz verschlug mir den Atem. »Deine Sehnen brauchen das«, versicherte sie mir.

»Hexe«, keuchte ich.

Sie presste mein Knie auf den Boden. »Du bezahlst mich nicht dafür, dass ich nett zu dir bin.«

Ich verzog das Gesicht. »Kann ich dich dafür bezahlen, dass du verschwindest?«

Bina besucht mich einmal die Woche, um mir zu helfen, das Leben zu hassen, wie ich gern sage, und um mir Updates über ihre sexuellen Abenteuer zu geben, wobei die ungefähr so aufregend sind wie meine eigenen. In Binas Fall allerdings, weil sie so wählerisch ist. »Die eine Hälfte der Typen auf diesen Apps verwendet Fotos, die mindestens fünf Jahre alt sind«, beschwert sie sich, wobei sich ein
Wasserfall von Haaren über ihre eine Schulter ergießt, »und die andere Hälfte ist verheiratet. Und die andere Hälfte ist aus gutem Grund Single.«

Das macht drei Hälften, aber ich debattiere nicht aber mathematische Feinheiten, während mir das Rückgrat ausgerenkt wird.

Vor einem Monat bin ich auf Tinder gegangen, »nur aus Neugier«, wie ich mir einredete. Tinder hatte Bina mir erklärt, verkuppelt dich mit Menschen, die deinen Weg kreuzen. Aber wenn du mit niemandem den Weg kreuzt? Wenn du dich immer auf denselben 350 Quadratmetern bewegst und nie darüber hinaus?

Ich weiß es nicht. Das erste Profil, das aufleuchtete, war das von David. Sofort habe ich mein Account gelöscht.

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A. J. Finn

The Woman in the Window

Ein Haus, das sie nicht verlassen kann. Ein Verbrechen, das nur sie gesehen hat. Eine Gefahr, die über allen schwebt.

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