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Jack Ketchum, Horrorliteratur, Heyne Hardcore

Gewinnspiel zum Horrorbuch "Jagdtrip" von Jack Ketchum

DALLAS, HENRY & JACK

von Kristof Kurz

Seine Bücher sind heftig und schockierend, seine Sprache ist von eigentümlicher Poesie. Jack Ketchum gilt als einer der eindringlichsten Spannungsautoren Amerikas. Gewalt, psychische Abgründe sowie die Kehrseiten unserer zivilisatorischen Moral sind seine Themen. In der Fanszene groß geworden, wird Ketchum mittlerweile auch vom Feuilleton wahrgenommen. Nur die wenigsten aber wissen von seiner schicksalhaften Begegnung mit Henry Miller.

      An einem stürmischen Winterabend irgendwann Mitte der Siebziger stapfte ein gewisser Dallas Mayr im strömenden Regen durch Manhattan. Er war wütend, hasste seinen Job als Literaturagent, und nur ein einziger Grund hielt ihn jetzt noch davon ab, zu kündigen: Zu den Klienten der Agentur zählte der skandalumwitterte Schriftsteller Henry Miller, der zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits fünfundachtzig Jahre alt war und sich nach Kalifornien zurückgezogen hatte, um sich der Aquarellmalerei zu widmen.
      Schon als Teenager war Dallas vom Werk des nonkonformistischen Autors tief fasziniert. Er stahl Wendekreis des Steinbocks aus dem Gemischtwarenladen seines Vaters (seine Eltern hätten ihm eine derartige Lektüre nie erlaubt), zog sich damit zu heimlichen Lesestunden in den Wald zurück und entdeckte einen Künstler, der ihm aus der Seele sprach und dem er nacheifern wollte: Hier wurden Grenzen ausgelotet, hier wurde die Geschlechtlichkeit unverblümt thematisiert – so unverblümt, dass Millers Bücher bis Anfang der Sechzigerjahre in den USA verboten waren und eingeschmuggelt werden mussten. Millers Werk hatte prägenden Einfluss auf Dallas, es eröffnete ihm das Universum der Literatur und der Kunst.
      Später hatte er Miller um eine Audienz gebeten, die ihm dieser jedoch mit Verweis auf seinen schlechten Gesundheitszustand verweigert hatte. Nun sollte sich der langgehegte Traum doch noch erfüllen, da Dallas seinen Chef in der Agentur so lange angefleht hatte, bis dieser ihm die Betreuung Millers übertrug. Dallas flog auf eigene Kosten und unter dem Vorwand, Miller einige zu unterzeichnende Verträge persönlich überbringen zu müssen, von New York nach Kalifornien. Endlich stand er vor der Tür des Anwesens in Pacific Palisades, in dem sein großes Vorbild seinen Lebensabend verbrachte.
      Ich klingelte, und seine Sekretärin Connie Perry begrüßte mich an der Tür. Sollte Connie je Geldsorgen haben, konnte sie sich mühelos als Playboy-Centerfold bewerben. Es dauerte eine Weile, bis ich diese hochgewachsene blonde Schönheit mit der angenehmen Stimme in Verbindung brachte, die ich so oft am Telefon gehört hatte. Ich hatte sie als effizient und meist freundlich kennengelernt, allerdings nicht erwartet, dass sie so hübsch war. Ich hätte es besser wissen müssen. Immerhin handelte es sich hier um Henry Miller – der es selbst nach all den Jahren noch schaffte, sich mit schönen Frauen zu umgeben. […]
      Genauso wenig hatte ich erwartet, in sein Schlafzimmer geführt zu werden. Doch genau das geschah.
      »Er weiß, dass Sie ihn besuchen wollen«, sagte Penny. »Aber er schläft noch. Er macht ein Nickerchen.«
      Als ich ihn so im Bett liegen sah, geriet ich einen Augenblick lang in Panik. Hatte ich einen schrecklichen Fehler gemacht? Der Körper unter der Decke sah so furchtbar winzig und zerbrechlich aus, als gehörte er einem Sechsjährigen. Sollte er sich als unausstehlicher kranker alter Mann entpuppen, würde dieses Gespräch unerträglich werden. Ich wollte den früheren Henry, den energischen, lebhaften Henry. Wecken Sie ihn um Gotteswillen nicht auf, hätte ich im ersten Moment am liebsten gesagt. Sie berührte ihn sanft an der Schulter und teilte ihm mit, dass ich jetzt hier sei. Ich schwöre, dass ich noch nie einen Mann so schnell vom Schlaf- in den Wachzustand wechseln gesehen habe. Von einer Sekunde auf die andere war er putzmunter. Nicht einmal ein Blinzeln verriet, dass er gerade noch geschlafen hatte. Er begrüßte mich herzlich, verließ das Bett, setzte sich und fragte mich, ob ich nicht auch Platz nehmen wollte. Hier war sie, die Lebenskraft, die ich mir gewünscht hatte.
      Sein hohes Alter schien wie weggeblasen, diese plötzliche Energie widersprach zutiefst der offensichtlichen Schwäche seines Körpers, sein papierenes Fleisch, das unter dem Morgenmantel fast zu verschwinden schien, wurde von einem unbezwingbaren Willen gesteuert. Ich war erleichtert und schämte mich, weil ich auch nur für einen Augenblick an seiner Vitalität gezweifelt hatte. Er hatte ein wundervolles breites Lächeln und lange, weiche Hände, mit denen er einen beim Reden oft berührte – die Hände eines Malers oder Pianisten. Auf seine Art war er wunderschön.
      […]
      Henry wusste genau, wie er mir die Nervosität nehmen konnte. Was ich auch sagte, wie ich es auch sagte, er hörte interessiert zu. Schon bald versuchte ich gar nicht mehr, Eindruck auf ihn zu machen – das war auch gar nicht nötig. Ich durfte Fehler machen, er schätzte eine redliche Bemühung viel höher als einen schnellen Erfolg. Und endlich, als mir bedeutend wohler in meiner Haut war, konnte ich die Dinge loswerden, die ich ihm unbedingt sagen wollte.
      […]
      Miller war wie seine Bücher: obszön, sanft, gütig, deftig, witzig. Manchmal schien er sich zu widersprechen, und er gebrauchte nicht selten das Wort fuck. Obwohl er mich gerade erst kennengelernt hatte, sprach er freien Herzens über Gott, Liebe und die Dinge, die ihm wichtig waren. Verblüfft erkannte ich, dass ich über alles mit ihm reden konnte. Völlig ohne Vorbehalte.
      […]
      »Jedem Individuum wohnt eine Größe inne, sobald dieses Individuum durch und durch menschlich wird«, hat Miller einmal geschrieben. Ich glaube, dass dieser gebrechliche kleine Mann ein solches Individuum war. Er war immun gegenüber allen moralischen und körperlichen Anfeindungen und Verletzungen. Diesen Zustand der Gnade hatte er erreicht, indem er ein hartes, gutes Leben geführt hatte, brutal und zärtlich, mit dem Bauch und dem Verstand, ohne darin einen Widerspruch zu sehen. Und selbst wenn er nicht mehr schrieb, setzte er seine Arbeit fort, drückte er sein Genie aus, indem er einfach nur lebte.


Inspiriert von dieser schicksalhaften Begegnung kündigte Dallas kurz darauf seinen Job in der Agentur, um professioneller Schriftsteller zu werden. Einige Jahre später arbeitete er gerade an seinem ersten
Roman, als er aus den Abendnachrichten von Millers Tod erfuhr. Jenes zweistündige Gespräch mit dem großen Schriftsteller hatte ihm den Mut verliehen, literarisches Neuland zu betreten. Sein Debüt Off Season (Beutezeit) sollte fast ebenso heftig und kontrovers diskutiert werden wie Millers Werke. Und das Pseudonym, unter dem er es veröffentlichte, wurde zu einem Namen, der weit über das Horrorgenre hinaus die zeitgenössische amerikanische Literatur beeinflussen sollte: Jack Ketchum.


Kursivierter Text aus Jack Ketchums autobiografischer Kurzgeschichte Henry Miller and the Push aus dem Sammelband Book of Souls

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