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SPECIAL zu Grant McKenzie

Der Sturz der Götter

Rezension von Bianca Reineke

Hochschwebende Träume, ehrgeizige Lebensziele und das ehrlich gemeinte Versprechen, auf ewig befreundet zu bleiben – diese köstliche Mischung prägt die Zeit des Schulabschlusses. Junge Menschen, beneidenswert unbelastet, mit dem Geschmack der Freiheit auf den Lippen, ihrer unbegrenzten Möglichkeiten sicher, feiern jubelnd ihren Einstieg in das wahre Leben und stürzen sich voller Hoffnung und Elan in die verheißungsvolle Zukunft.

Von den Coolen und denen, die daneben stehen
Später, wenn die eiskalte Realität in den Gesichtern und Seelen ihre Spuren hinterlassen hat, verklärt sich die Schulzeit im sanften Licht der Nostalgie. Pures Glück, sorgenfreie Existenz und der süße Duft der Unschuld umweht diese magische Zeit, in der die erste Liebe und tiefe Freundschaften erblühten.

In der Rückschau vergisst man leicht, dass es stets Menschen gab, deren Schulzeit so gar nichts Glückliches und Unbeschwertes hatte. Die Außenseiter wurden schon damals gerne übersehen, für niedere Dienste auserkoren und zum Gespött der Coolen gemacht. Und – noch bitterer für diese Underdogs: Nicht jeder dieser oftmals pickligen und unscheinbaren Computerfreaks wird eines Tages als Silicon-Valley-Tycoon wie ein reicher Phönix aus der Asche steigen, um den Helden von damals zu zeigen, wie weit es ein blasser Streber bringen kann.

Im Erstlingswerk des Journalisten Grant McKenzie, der in Schottland geboren wurde, aber seit 25 Jahren in Kanada lebt und arbeitet, prallen die Lebenswelten der Coolen und Uncoolen aufeinander. Es entwickelt sich ein mörderisches Inferno, das zahlreiche Opfer am Wegesrand zurück lässt.

Mörderische Erpressung
In das Leben von Zack Parker und Sam White bricht urplötzlich und mit brachialer Gewalt das Chaos ein, als ihre Familien entführt werden und ein unbekannter Täter Unsummen an Lösegeld und die Durchführung von Gewalttaten von ihnen fordert. Blind vor Angst und Panik befolgen die Männer die unfassbaren Anweisungen des Unbekannten und machen sich so selbst zu Verbrechern und Gejagten.

Der erfolgreiche Schönheitschirurg Zack und der gescheiterte Schauspieler Sam werden unfreiwillig zu ungleichen Verbündeten und versuchen verzweifelt, der Polizei zu entkommen und gleichzeitig ihre Frauen und Töchter zu retten. Sie wissen nicht, wer ihnen diese grausamen Aufgaben stellt und warum sie dazu gezwungen werden, gegen ihr Gewissen zu handeln, und das stürzt die Männer - und den mitfühlenden Leser - in ohnmächtige Verzweiflung.

Töten um zu retten
Dass Zack und Sam über Leichen gehen müssen, um das Leben ihrer Lieben zu retten, macht sie zu gesuchten Mördern und raubt ihnen schließlich den letzten Rest an Würde und Menschlichkeit. Zurück bleiben gebrochene Menschen, die verzweifelt im Nebel stochern und niemals zur Ruhe kommen.

Als sein eigenes Haus, in dem er Frau und Tochter vermutet, vor Sams entsetzten Augen in die Luft fliegt, die Polizei zwei Leichen darin findet und Sam als Verdächtiger eingestuft wird, tauchen er und Zack immer tiefer in die Unterwelt der amerikanischen Großstadt ein. Sie stolpern dabei in die Fänge von Klein- und Großkriminellen, denn sie nehmen dankbar jede Hilfe an, die ihnen geboten wird. Dass sie damit endgültig die letzte moralische Grenze überschreiten, ist ihnen kaum noch bewusst, zu sehr bestimmt die Angst um das Leben der geliebten Familien ihre Gedanken.

Als Sam vom unbekannten Drahtzieher der Entführung per Handy zu einem ehemaligen Mitschüler geschickt wird, der als Obdachloser unter einer Brücke lebt, beginnt sich das Dunkel allmählich zu lichten: Sowohl Sam und Zack als auch der seelisch gebrochene Davey waren einst Schüler der gleichen High School. Allerdings ist den Männern immer noch unklar, welches Motiv dem unmenschlichen Hass zugrunde liegt, der sie dazu zwingt, abscheuliche Verbrechen zu begehen, um ihre Familien zu retten.

Alte Rechnungen
In einem dramatischen Showdown offenbart sich der Täter und konfrontiert die Opfer des mörderischen Puppentanzes mit seinem unstillbaren Hass auf all diejenigen, die sich während der Schulzeit in der allgemeinen Bewunderung sonnten, während sie Normalsterblichen mit verletzender Arroganz begegneten.

Nach der Lektüre dieses packenden Debütromans, stellt man sich unwillkürlich die Frage, wie oft man wohl selbst im Laufe seines Lebens ohne böse Absicht jemanden gekränkt und verletzt hat, ohne dies auch nur wahrgenommen zu haben. Dass sich daraus schwelender Hass entwickeln kann, der in wütende Aggression umschlägt, ist auf erschreckende Weise vorstellbar.

Der beängstigende Verdacht, dass „Die Stimme des Dämons“ jeden ereilen kann, setzt sich hartnäckig im Kopf des Lesers fest. Durchblättern Sie ihr Jahrbuch, ihre Abi-Zeitung oder ihr Abschlussheft, blicken sie in die Gesichter ihrer ehemaligen Mitschüler, deren Namen ihnen kaum noch einfallen, und auch Ihnen werden kalte Schauer über den Rücken laufen …

Bianca Reineke
Cuxhaven, März 2009