Im Interview: Gregory D. Roberts über SHANTARAM und IM SCHATTEN DES BERGES

Gregory David Roberts hat angekündigt, sich endgültig aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. In einem letzten Interview anlässlich des Erscheinens von IM SCHATTEN DES BERGES, beantwortet er noch einmal Fragen zu seiner Auffassung von Literatur und wie seine Bücher entstehen.

Wie viel von Ihren beiden Romanen entspricht der Realität?
Einige Elemente aus meinem Leben sind genau so beschrieben, wie sie sich ereignet haben, andere dagegen sind fiktiv und aus meinen Erfahrungen heraus gestaltet. Meine Bücher sind Romane, keine Autobiografien, und sämtliche Figuren und Dialoge sind frei erfunden. Für mich spielt es keine Rolle, was an den Büchern aus der Realität übernommen wurde oder nicht – für mich ist es wichtig, wie viel Wahrheit sie den Menschen mit auf den Weg geben können.

Wieso haben Sie sich dafür entschieden, Romane zu schreiben statt Autobiografien?
Weil ich Schriftsteller und kein Sachbuchautor bin. Meine Romane handeln nicht von mir. Das Thema von SHANTARAM ist Leben im Exil. Jede Figur dieses Romans ist eine vertriebene Person, die einen bestimmten Aspekt der Erfahrung des Vertriebenseins repräsentiert. Das Thema von IM SCHATTEN DES BERGES ist die Suche nach Liebe und Glaube. Jede Figur dieses Romans – auch Lin, der als Erzähler fungiert – sucht in irgendeiner Weise nach Liebe oder Glaube oder beidem. Beide Romane behandeln bestimmte Themenkomplexe, nicht mein Leben.

Würden Sie uns erläutern, weshalb für Sie die Ich-Form als Erzählperspektive die einzig überzeugende ist?
In meiner Auffassung von Literatur macht der Wahrheitsgehalt von vermittelter Erfahrung die literarische Qualität eines Werks aus. Der allwissende, allmächtige, auktoriale Erzähler, der alles weiß, was in den Köpfen seiner Figuren vorgeht, steht meiner Ansicht nach im Widerspruch zur Erfahrung des Menschseins. Denn wir können zwar manchmal ahnen, was andere empfinden, und sie auch danach fragen – aber wir können es niemals wissen.

Die einzige Erzählperspektive, die dicht an der realen Erfahrung bleibt, ist die Ich-Form. Literatur muss dicht an der Wahrheit der Erfahrung und frei von Tricks sein.

Aber Ihr nächster Roman ist in der dritten Person geschrieben, nicht wahr?
Ja. Er ist auch in meinem Verständnis nicht literarisch, sondern ein Unterhaltungsroman.

In anderen Interviews haben Sie von zwei Bezugsebenen in Ihrem Werk gesprochen. Können Sie das erklären?
Wenn die Leserschaft sich intensiver mit IM SCHATTEN DES BERGES befassen möchte, könnte sie die Aeneis und das Gilgamesch-Epos lesen und überall Parallelen zu meinem Roman entdecken. Bei SHANTARAM habe ich in Anlehnung an die Bibel und Dantes Inferno gearbeitet, und man kann überall im Text Bezüge zu diesen beiden Werken finden.

Wieso haben Sie sich für die Aeneis und das Gilgamesch-Epos entschieden?
Das Thema von IM SCHATTEN DES BERGES ist die Suche nach Liebe und Glaube, und jene beiden Werke sind große Epen über eine Suche. Ich bin vollkommen verrückt nach Vergil. Ich liebe seine Werke, ich liebe seinen Geist. Und das Gilgamesch-Epos ist einfach eine geniale Schrift.

Sie haben mal eine Figurenwand erwähnt. Können Sie uns das erklären?
Wenn ich einen neuen Roman beginne, ordne ich den Figuren Gesichter zu und steckte die an eine Pinnwand. Ich habe eine Vorstellung davon, wie eine Figur aussieht, suche mir Gesichter, die zu dieser Vorstellung passen, und stelle die dann an der Figurenwand zusammen. Häufig benutze ich Gesichter von Schauspielern, weil sie so eine facettenreiche Mimik haben.

Wenn ich diese Gesichter vor mir sehe, hilft mir das dabei, sie in ihrer Umgebung zu imaginieren, und sie werden real für mich und leben manchmal jahrelang mit mir. Die Figurenwand für IM SCHATTEN DES BERGES habe ich beispielsweise schon 2010 zusammengestellt.

Wie sieht Ihr typischer Schreibtag aus?
Als Erstes schaue ich eine Weile auf meine Figurenwand. Dann dusche ich, ziehe mir frische Sachen an, trinke irgendwas, das Kaffee enthält, und fange an zu schreiben. Wenn man mir sagt, dass ich lange nichts gegessen habe, mache ich eine Pause und esse etwas, und danach schreibe ich weiter. Was ich dann tue, bis ich nicht mehr kann. Danach entspanne ich mich bei irgendwas wie Boston Legal oder The Walking Dead. Anschließend dusche ich und lege mich schlafen, und so geht das, bis das Buch fertig ist.

Und das Schreiben selbst? Ist das bei Ihnen ein sehr lebhafter Vorgang oder eher still?
Wenn ich keine Nachbarn damit störe, schreie ich von Zeit zu Zeit hemmungslos herum. Ich tanze und wedele mit den Armen, springe durch die Gegend und karriole mit meinem Schreibtischstuhl durchs Zimmer, wenn er Rollen hat. Ich höre Musik, und manchmal entsteht so eine perfekte Harmonie zwischen Rhythmus und Stimmung der Musik und dem Text, dass ich der Musik quasi folge beim Schreiben.

Und wie wählen Sie die Musik aus?
Ich erstelle mir Listen der Titel, passend zu den Stimmungen. Musik hilft mir dabei, dieses Zusammenspiel aus Melodie und Text harmonisch zu gestalten und immer auf den Rhythmus zu achten, der sowohl im Leben als auch in der Kunst enorm wichtig ist.

Schreiben Sie immer zuerst alles von Hand?
Ja. Ich neige zum Fabulieren, und sprachliche Eleganz ist mir wichtiger als Knappheit. Beim Schreiben von Hand kann man sich blumigere Eskapaden erlauben als im nüchternen Licht eines Bildschirms. Ich schreibe gern von Hand, aber auch mit der Tastatur. Die handschriftliche Fassung ist nur die erste. Alle weiteren werden am Computer ausgearbeitet.

Gibt es an Ihrem Denken oder an Ihrer Erzählerfigur Lin etwas spezifisch Australisches?
Ja, ich glaube schon. In Australien gibt es ein Sprichwort, demzufolge jeder einfache Dienstbote oder Seemann so gut ist wie sein Herr. Die Menschen in Australien haben sich der strengen Hierarchien des alten Europa entledigt und sich ein anderes, gleichberechtigteres Denken zugelegt. Ich bin wohl auch ein bisschen stolz darauf, dass Lin Australier ist, weil für mich der australische Nationalcharakter mit zwischen-menschlicher Wärme und Offenheit assoziiert ist.

Haben Sie eine Lieblingsfigur in IM SCHATTEN DES BERGES?
Die eigenen Romanfiguren sind wie eigene Kinder. Da kann man keine Lieblinge haben – man liebt sie alle. Ich muss aber gestehen, dass ich eine besondere Schwäche für Karla habe, die man in IM SCHATTEN DES BERGES ausführlicher erleben wird als in SHANTARAM.

Und Oleg, der lächelnde Russe, der Gitarre spielt, ist in der sechzehnten Fassung des Buches plötzlich aufgetaucht und geblieben bis zur Endfassung, der dreiund-zwanzigsten, weil er mir zunehmend ans Herz gewachsen ist.

Und nicht zuletzt natürlich Lin. Es hat mir Spaß gemacht, ihn zu gestalten, und ich mag ihn in diesem Buch sogar ein bisschen mehr als in SHANTARAM.

An welchem Teil von „IM SCHATTEN DES BERGES“ hatten Sie beim Schreiben am meisten Freude?
Der Teil über die Ausgangssperre hat mir viel Spaß gemacht. Diese Ausgangssperren können echt interessant sein. Um die vierzig Touristen, die einige Tage lang in einem Billighotel eingesperrt sind, finden für gewöhnlich Möglichkeiten, sich zu amüsieren, die nicht den in Indien üblichen Moralvorstellungen entsprechen. Meine Darstellung ist nicht übertrieben.

Und welcher Teil ist Ihnen beim Schreiben am schwersten gefallen?
Generell empfinde ich Sexszenen, mitreißenden Humor, lebensnahe Dialoge und tiefgründige Gedanken als größte Herausforderung beim Romanschreiben.

Welche Ratschläge würden Sie jungen Autoren und Autorinnen geben?
Da bislang nur zwei Bücher von mir erschienen sind, bin ich vermutlich nicht der geeignetste Mensch unter der Sonne, um Ratschläge übers Schreiben zu erteilen. Aber da ich schon mein ganzes Leben lang schreibe, geht es wohl in jedem Fall in Ordnung, wenn ich von meinen Erfahrungen berichte.
Am wichtigsten ist es, täglich zu schreiben. Man muss sich als schreibende Person definieren. Man sollte von Hand schreiben, in Notizbüchern. Man muss natürlich nicht einen ganzen Roman von Hand verfassen, sollte aber immer ein Notizbuch in einem brauchbaren Format bei sich haben, in dem man sich jeden kleinen Einfall oder jede interessante Beobachtung notiert.

Wenn man alleine in einem Park ist, könnte man sich beispielsweise an sechs unterschiedliche Beschreibungen eines Baumes machen. Oder man notiert andere Beobachtungen, schreibt Dialoge, die man entweder erfunden oder irgendwo gehört hat, schildert das Lächeln einer Frau oder den Gang eines Mannes, die Laute eines Zuges, der am Bahnhof einfährt, die Lichteffekte der Sonne auf Wasser und den neugierigen Blick eines Hundes.

Wenn man sich bereit fühlt, könnte man damit beginnen, Kurzgeschichten zu schreiben. Zu Anfang missraten sie meist, aber man muss hartnäckig weiterschreiben. Kurzgeschichten sind der beste Weg, um sich beim Schreiben weiterzuentwickeln und zugleich die Dämonen aus dem eigenen Leben soweit auszutreiben, dass sie nicht in den Romanen ihr Unwesen treiben müssen.
Nach fünfzig oder sechzig Kurzgeschichten plus ein paar Gedichten und Essays, mit denen man sein Werkzeug schön scharf hält, könnte man mit dem ersten Roman beginnen – indem man zum Beispiel seine beste Kurzgeschichte ausbaut, so dass man insgesamt auf etwa 130 Manuskriptseiten kommt. Diesen Entwurf könnte man dann in eine Schublade legen, von einem Gefängnisaufseher konfiszieren lassen oder ihn verlieren, während man aus einem Fenster springt. Danach schreibt man die nächste Fassung, die besser gerät als die erste.

Danach legt man auch diesen Roman in eine Schublade, lässt ihn von einem Gefängnisaufseher konfiszieren oder verliert ihn, während man aus einem Fenster springt, und schreibt den nächsten, der noch besser wird. Den versucht man dann unter allen Umständen zu veröffentlichen. Dazu sollte man sich aber einen Literaturagenten oder eine Literaturagentin nehmen, damit man dieser Person das Reden überlassen kann. Sobald von der Agentur ein Vertragsabschluss erreicht wurde, sollte man sich mit den Menschen in seinem Verlag anfreunden. Die Mitarbeiter von Agenturen und Verlagen, die man kennenlernt, wenn man einen Buchvertrag bekommen hat, gehören einem Netzwerk an, das einen entscheidenden Einfluss auf die Laufbahn von SchriftstellerInnen hat. Deshalb sollte man in jedem Fall entgegenkommend sein, alles tun, was für Marketing oder PR-Zwecke vonnöten ist, und die Beziehungen, die entstehen, achten und pflegen.

Sobald das Buch erschienen ist, sollte man an jedem Literaturfestival teilnehmen, das sich anbietet. Ich habe das immer sehr genossen und werde es jetzt vermissen, nachdem ich mich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen habe.

Und man sollte sich nie vor Abgabeterminen fürchten – sie sind Freunde. SchriftstellerInnen sind die größten Zauderer des Universums. Dabei entstehen die besten Texte oft, wenn man alles andere ausblendet, um einen Abgabetermin zu schaffen.

Gibt es bezüglich der Art des Schreibens etwas, das Sie anderen AutorInnen mit auf den Weg geben könnten?
Den Schreibraum von negativen Energien befreien. Wenn man sich monatelang an einem Ort aufhält, um einen Roman zu schreiben, sollte dieser Ort eine positive Ausstrahlung haben, ebenso wie die Menschen, mit denen man zu tun hat.



Dieser Text entstammt einem längeren Interview (übersetzt aus dem Amerikanischen von Sibylle Schmidt), das wir auf Anfrage gerne komplett zusenden. Mail an: presse@randomhouse.de

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