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„In Stockholm herrscht eine große Besessenheit“

Hanna Lindberg
© Lina Alfegren
Hanna Lindberg erzählt im Interview über ihren Solveig-Berg-Thriller "Stockholm Affairs" von der Faszination des Nachtlebens und der Kehrseite perfekter Instagram-Fassaden
Ihre Thrillerserie um die Journalistin Solveig Berg spielt in der Welt des Glamours und der Promis. Stockholm Secrets, der Auftakt der Reihe, dreht sich um den Mord an einem Topmodel und die Jubiläumsparty eines Multimillionärs. Ihr neuer Roman Stockholm Affairs kreist um einen Gourmettempel und dessen gefeierte Starköche. Wie vertraut ist Ihnen die Welt Ihrer Romane?

Ich kenne diese Welt wie meine Westentasche. Als Journalistin habe ich jahrelang über das Stockholmer Nachtleben berichtet. Es fasziniert mich ungeheuer. Natürlich trifft man genau auf den Jetset, den man dort erwarten würde. Promis, die sich in den exklusiven Nachtclubs unter die Jungen und Schönen mischen und in glamourösen VIP-Bereichen Champagner schlürfen. Aber das ist nur Fassade. Daneben gibt es auch diese dunkle Seite mit vielen geheimen Spielregeln und hintergründigen Spannungen. Die Leute streben nach Erfolg, und wer ihn erreicht hat, möchte seine Position unbedingt halten. Unter dem Strich gibt es eine Menge Leute, die bereit sind, weit – sehr weit – für einen Platz im Rampenlicht zu gehen.

Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen, wie Sie auf die Idee zu Stockholm Affairs gekommen sind?

Das geschah auf ziemlich ungewöhnliche Weise. Ich überquerte den zentralen Platz in der Stockholmer Altstadt und kam dabei am alten Rathaus vorbei, ein großes eindrucksvolles Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, das in Stockholm irgendwie in Vergessenheit geraten ist. Es zog mich regelrecht hinein. Im Inneren stieß ich durch puren Zufall auf einen Mann, der bereit war, mir das ganze Gebäude zu zeigen, von den prachtvollen Sälen bis zu den mittelalterlichen Verliesen. Auf Anhieb begann sich die Geschichte in meinem Kopf zu entwickeln. Wie sähe es aus, wenn sich hier ein Gourmetrestaurant befände? Und was würde passieren, wenn hier bei der jährlichen „Gold-Chef-Gala“, sozusagen der „Oscar“-Verleihung für das beste Restaurant, jemand kaltblütig ermordet würde? Genauso fängt das Buch tatsächlich an.

Im Zentrum Ihrer Thrillerserie steht Solveig Berg, eine junge Journalistin, die mit Leidenschaft investigative Recherchen betreibt. Dabei geht sie mitunter beträchtliche Risiken ein. Können Sie Solveig etwas näher charakterisieren?

Solveig Berg ist eine junge Journalistin aus der Großstadt mit einem außergewöhnlichen Drang, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Zu Beginn ihrer Karriere beging sie einen Fehler, der sie den Job kostete und sie verzweifelt auf eine zweite Chance hoffen lässt. Das treibt sie dazu an, umso beharrlicher zu recherchieren, und gibt ihr als Journalistin den richtigen Biss, aber es macht sie auch verletzlich, weil sie sich in extrem gefährliche Situationen begibt.

Solveig ist privat und beruflich krisengeschüttelt. Können Sie kurz die Ausgangssituation umreißen, in der sich Solveig zu Beginn von Stockholm Affairs befindet?

Sie geht auf die Dreißig zu und hat es endlich geschafft, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie ist liiert mit einem dieser typischen Hipster und befindet sich beruflich wieder auf dem richtigen Weg. Sie verfolgt gerade eine Enthüllungsstory über schmutzige Geschäfte hinter den Kulissen von Stockholms Top-Restaurants. Alles läuft wie erwartet, als plötzlich ihre Chefredakteurin ermordet wird. Solveigs Leben gerät aus den Fugen und ihr wird bewusst, dass sie sich einmal mehr auf die Suche nach der Wahrheit machen muss.

Inwieweit hat Ihre Arbeit als Journalistin Ihre Art, Romane zu schreiben, geprägt?

Sehr stark. Ich neige dazu, beim Schreiben auf das Ergebnis zu zielen, mit kurzen Kapiteln im Stil eines Pageturners und einer einfachen, wirkungsvollen und zugleich ausdruckskräftigen Sprache. Einige Kritiker haben meinen Stil als „neu und originell“ bezeichnet. Ich habe lediglich festgestellt, dass meine Schreibe überraschend gut zur Spannungs- und Kriminalliteratur passt.

Würden Sie Solveig als eine Art Alter Ego betrachten, oder gibt es in Wirklichkeit nur wenig Parallelen zwischen Ihnen und Ihrer Protagonistin?

Wir haben ziemlich viel gemeinsam. Solveig ist wie ich Journalistin, und wir wuchsen in der gleichen Nachbarschaft im Süden Stockholms auf. Allerdings ist sie viel mutiger als ich. Die Frage, ob Solveig mein Alter Ego sei, stellt man mir übrigens am häufigsten. Ich erhalte E-Mails, in denen mir Leserinnen und Leser unterbreiten, wer ihrer Annahme nach in Wirklichkeit hinter meinen Romanfiguren steckt, und dabei geht es nicht nur um Solveig.

Neben Solveig spielt Lennie Lee eine wichtige Rolle in Ihren Romanen. Der Ex-Chefredakteur eines illustren Hochglanzmagazins war mit seinen Ambitionen zuletzt grandios gescheitert. Was macht ihn aus Ihrer Sicht zu einem reizvollen Counterpart für Solveig?

Martin „Lennie Lee” ist ein Typ, dem alle Türen offenstanden. Er besaß Geld, Ansehen, eine Loftwohnung und eine atemberaubend schöne Freundin. Ein richtiges Traumleben. Doch dann begann ihm alles zu entgleiten. Als eines seiner Models tot im Hafenbecken nahe des Stockholmer Schlosses aufgefunden wird, kreuzen sich die Wege von Lennie und Solveig. Beide werden in einen Strudel düsterer, gefährlicher Ereignisse gezogen.

Sie schildern den Plot abwechselnd aus der Perspektive von Solveig und Lennie. Wie leicht fällt es Ihnen, sich in diese extrem unterschiedlichen Figuren hineinzuversetzen?

Zu Beginn wirkt Lennie sehr egozentrisch und nicht besonders sympathisch. Wie jemand, dem es nur um sich selbst und seinen eigenen Erfolg geht. Aber er hat auch andere Seiten. Sie kommen zum Vorschein, wenn man als Leser nach und nach begreift, warum er sich so verhält. Letztendlich ist der Unterschied zwischen ihm und Solveig – vielleicht sogar zwischen ihm und uns allen – gar nicht so groß, wie es zunächst aussieht.

Ihre Thriller spielen überwiegend in Stockholm, wo Sie aufgewachsen sind und auch leben. Was gefällt Ihnen besonders gut an Stockholm als Schauplatz für einen Thriller?

Auf Besucher aus dem Ausland wirkt Stockholm tendenziell schön und wie aus dem Ei gepellt. Das ist zwar richtig, aber in der Stadt herrscht auch eine große Besessenheit. Gerade weil Stockholm am Rande Europas liegt, sind die Leute paradoxerweise darauf bedacht, dass ihnen keiner der aktuellen Trends aus Berlin, New York oder Tokio entgeht. Die Stockholmer sind besessen von Status und Erfolg. Am Flughafen Stockholm/Arlanda angekommen, stößt man zuerst auf eine lange Galerie mit Porträts erfolgreicher Leute, die sich auf ihrem Gebiet hervorgetan haben. Etwas Derartiges ist mir in anderen Städten nie begegnet. Als Schriftstellerin interessiert es mich, die Kehrseite dieser perfekten Instagram-Fassade zu beleuchten.

Können Sie schon etwas über den nächsten Fall für Solveig Berg verraten?

Ja, das Buch wird noch 2019 in Schweden erscheinen. Die Geschichte dreht sich um verhängnisvolle Liebe, zerstörerische Leidenschaften und Familiengeheimnisse und spielt unter jungen Youtubern und Profibloggern. Sie ist also wieder sehr aktuell und urban. Und womöglich sogar noch spannender.


Interview: Elke Kreil

Stockholm Affairs

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