SPECIAL zu Harald Martenstein

Jedes Jahr fängt im Januar an

Rezension von Karl Hafner

Harald Martensteins Kolumnen in „Der Titel ist die halbe Miete“ sezieren unsere Welt.

Ein wenig fühlen sich die Kolumnen von Harald Martenstein immer an, als wollten sie Lebensberatung sein. Nicht so sehr für das alltägliche praktische Handeln, sondern eher als Weg zur Erkenntnis, nach dem Motto: Das ist der Weisheit letzter Schluss. Zugegebenermaßen ist das eine einfache Assoziation, schließlich handelt der erste Text in Martensteins Kolumnensammlung „Der Titel ist die halbe Miete“ eben von der Masse an Ratgeber-Literatur, die in jüngerer Zeit auf den Buchmarkt geworfen wird und gerne das Wort „Anleitung“ bereits im Titel führt.

Martenstein entwirft hier eine Kategorisierung dieser Bücher, denkt ein wenig über die Wichtigkeit von Buchtiteln nach, um zu dem Schluss zu kommen, dass hinter einer Titelidee ein klares, einfaches Prinzip stecken müsse, was am besten die Berufsgruppe der Friseure beherrschen würde. Das Schreiben über Friseurnamen sei ja schon ein eigenes journalistisches Genre. Er selbst hätte da auch einige Vorschläge, etwa „Harmageddon“ oder „Haarabische Liga“, und darüber habe er ein Buch geschrieben mit dem Titel „Anleitung zum Friseurnamenerfinden.“

Deutsche Identität
Vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen und dann wieder zurück, das beherrscht Martenstein perfekt, und am Ende der Texte gibt es eigentlich nur drei mögliche Reaktionen: aha, soso oder hihi. Da wird die unbedeutende Nebensache aufgeblasen, als sei von ihr der Lauf der Welt abhängig. Da wird die Weltpolitik heruntergebrochen auf das eigene kleine Leben. Gewagte Analogieschlüsse wechseln sich ab mit Wortspielereien, die immer soweit gedreht sind, dass man selbst tatsächlich noch nicht darauf gekommen ist. Die große Kunst des Glossenschreibens ist hier so unaufgeregt wie möglich vorgeführt, mit herrlichem „Ich meine ja nur“-Understatement.

Giftige Themen, etwa der Einbürgerungstest mit seinen merkwürdigen Fragen über Länderwappen und Hauptstädte, führen natürlich nonchalant zum deutschen Wesen. Martenstein schlägt eine „praktische Deutsche-Identitäts-Prüfung“ vor: Man müsse unter anderem am Fahrkartenautomaten eine Karte Berlin-Regensburg lösen, „mit Bahncard 50, einfach, mit Platzreservierung und mit Gutschrift der Bahn-Comfort-Punkte auf dem Bahn-Comfort-Konto.“ Man müsse hupen beim Autofahren, mindestens ein zweistündiges Gespräch über Beziehung führen mit konstruktivem Ergebnis, für Freunde asiatisch kochen, außerdem darlegen können, warum der eigene Chef ein Depp ist und die Regierung unfähig und bei einer Partie „Siedler von Catan“ in einer fünfköpfigen Runde mindestens den dritten Platz belegen.

Fragen zu Tibet
„Mehrere Versuche über die Welt von heute“ lautet der Untertitel des Buches, sehr bescheiden und ein wenig größenwahnsinnig zugleich. Oft genug sind es Modeerscheinungen und Trend-Überzeugungen, an denen Martenstein seine Texte aufhängt, um zu zeigen, wie albern viele dieser Erscheinungen doch sind. Das Interesse an der Tibet-Frage eines Herrn M. etwa findet seinen Grund in den tiefen Dekolletés des Sommers, besser gesagt, eben nicht darin, sondern im verzweifelten Blick daran vorbei auf einen gegenüberliegenden Balkon, an dem eine tibetische Fahne hängt, was nun die Nachfrage seiner tief dekolletierten Bekannten provoziert, ob er denn irgendwie in der Tibet-Frage engagiert sei. Eigentlich nicht. Und beinahe selbstverständlich führt die Tibet-Frage eine Kolumne später zu einem tibetischen Restaurant mit dem Namen „Der sechste Tibeter“, obwohl diese Gymnastikübungen doch „Die fünf Tibeter“ heißen würden. So viel zur Tibet-Frage.

Die Welt und große Gefühle
Am deutschen Fernsehen findet Martenstein das Interessanteste, dass fast alle Fernsehmenschen das Fernsehen nicht mögen. Regisseure und Produzenten würden klagen, dass die Sender keine guten Ideen umsetzen wollten. Die Sender-Mächtigen klagen stattdessen, es gäbe keine guten Ideen. ARD und ZDF klagten, ihr Publikum sei zu alt. Bei ungewöhnlicheren Stoffen hieße es dann, das ginge nicht. Wir haben ein zu altes Publikum. Komische Welt!

Während der Fußball-Europameisterschaft denkt Martenstein über große Fragen nach, etwa: Warum gibt es keine gerechte Welt? Weil Fußball interessanter durch Ungerechtigkeiten sei und Gott ja durchaus vergleichbar mit einem Schiedsrichter. Der Text „Über große Gefühle“ beschreibt den Besuch einer öffentlichen Toilette, die eine Website betreibt. der Text „Über Hunde“ fordert ein Hundehaltungsverbot analog zum Rauchverbot, da ja auch Hunde gesundheitsgefährdend sein können - aber kein Verbot ohne eine Übergangsfrist und ein paar Ausnahmeregelungen. Es geht um Umfragen, Gender Studies, die Hölle, das Jahr 2007 - „Das Jahr 2007 begann auch für mich persönlich im Januar“ - um Google, Bücher und Carla Bruni, um Fasten, Busen und Sex mit Tieren und und und. Versuche über die Welt von heute.

Lebensberatung
Natürlich sind das alles keine Versuche. Martenstein schreibt perfekt austarierte Texte, die vor allem deshalb so viel Spaß machen, weil das Erwartbare mit dem Unerwarteten zusammentrifft, eine merkwürdige Symbiose eingeht und man sich am Schluss zum einen gut amüsiert fühlt und dabei immer noch denkt, das musste auch einmal gesagt werden. Selber sagen hätte man es nie können. Sprachwitz und Albernheit, eine exakte Beobachtungsgabe, großes Gespür für den Zeitgeist - daraus bastelt Martenstein Kolumnen, die tatsächlich viel von unserer Welt erzählen, jedoch auch darüber, wie man sich gegen die dummen Seiten davon wehren kann. Mit Humor, wenn möglich, mit Ernsthaftigkeit, wenn nötig. Eigentlich ganz einfach, wenn man das alles nur so gut beherrschen würde wie Martenstein.

Karl Hafner
München, November 2008