SPECIAL zu Harald Martenstein

Zwischen den Welten

Rezension von Tina Full

Harald Martensteins erster Roman beginnt mit Josephs Heimkehr aus dem Krieg in "die Stadt", und er endet mit der Heimkehr, denn er erzählt von einer Kriegsgeneration, die nicht bei sich ankommt, die immer auf der Suche bleibt. Er erzählt von der schwierigen Situation für die Männer, die aus dem Krieg zurückkehren, und von der schwierigen Situation für die Ehefrauen, die zu Hause ihr Leben weiterleben, auf ihre Männer warten und mit der Zeit des Wartens überdrüssig werden.

Noch als Joseph Kriegsgefangener ist, schickte ihm seine Frau Katharina eine Scheidungsklage ins Lager, doch Kriegsgefangene sollten damals aus "humanitären Gründen" nicht geschieden werden. Katharina arbeitet, bis er heimkommt und auch noch einige Zeit danach, als "Schönheitstänzerin" in der "Rheingoldschänke". Die Bar ihrer Schwester Rosalie ist mit drei Dachkammern ausgestattet, so genannten "Chambres séparées", in denen die Damen Freier empfangen.

Martenstein erzählt vom Schicksal einer ganzen Generation, auch deswegen schreibt er wohl immer von der Heimkehr in "die Stadt". Sie steht für viele Städte nach dem Krieg, und dennoch beschreibt er sie so präzise, dass es sich erkennbar um Mainz handelt.

Held und Verbrecher
Der "Vorfall", wie der Autor ihn nennt, ereignet sich an der Ostfront in Russland während des Zweiten Weltkriegs. Die deutsche Einheit lagert in der Nähe von Jelnja, darunter auch Joseph, der Großvater des Ich-Erzählers. Ein Offizier kündigt Josephs Einheit an, dass es neue Gefangene gibt, ein russischer Kommissar sei auch dabei. Mehr sagt der Offizier nicht, aber für die Soldaten beinhalten seine Worte den Befehl zu töten.
Joseph und vier weitere Männer gehen mit dem Kommissar an den Waldrand, um den Befehl auszuführen, um den Kommissar hinzurichten. Joseph lässt schießen und befiehlt: "Feuer!" Doch seine Soldaten treffen nicht tödlich, deswegen greift Joseph selbst zur Waffe:

"Er nahm seine Pistole, drückte den Lauf gegen die Schläfe des Kommissars, dessen unverletztes Auge geöffnet war, und zog durch. (…) Er dachte in solchen Momenten oft an Katharina. Sie müsste ihn sehen. Wie hart er war."

Während eines Heimaturlaubs berichtet Joseph seiner Frau Katharina von dem "Vorfall" mit dem Kommissar. Zunächst ist Joseph für Katharina ein Held. Doch wenn sie sich streiten, bewertet Katharina sein Handeln anders. Dann schimpft sie ihn einen Verbrecher und droht sogar, ihn bei der Polizei anzuzeigen.
Je nach Katharinas Stimmung ist Joseph Held oder Verbrecher. Und auch der Leser wird unsicher in seiner Beurteilung, denn die Trennlinie zwischen Held und Verbrecher ist hauchdünn. Joseph selbst nennt sich schlicht einen "Realisten".
Für seinen Einsatz an der Ostfront wird Joseph später die so genannte "Ostmedaille" bekommen, die in der Soldatensprache "Gefrierfleischorden" heißt, denn zumindest eine Erfrierung ist Bedingung für die Auszeichnung. Joseph hatte eine erfrorene Fußzehe.

Bitterernst und komisch
Josephs Enkel, der Ich-Erzähler, muss, bevor er diesen "Vorfall" schildert, erst einmal tief Luft holen, durchschnaufen. Der Leser spürt förmlich, wie schwer es dem Enkel fällt, über seinen Großvater, den Mörder, zu schreiben.
Durch den gesamten Roman hindurch unterbricht der Erzähler hin und wieder den Erzählfluss, lässt den Leser am Prozess des Schreibens teilhaben, zieht sich dann aber wieder ein paar Zeilen weiter völlig zurück und lässt nur die Figuren sprechen, so dass diese manchmal auch selbst zu "Ich"-Erzählern werden.
Martenstein lässt seinen Erzähler mitunter über das Erzählen selbst reflektieren:

"Wer aus dem Abstand einiger Jahre auf die Zeit blickt, die wir Gegenwart nennen, sieht etwas anderes als das, was man gesehen hat, als die Gegenwart noch Gegenwart war. Jede Geschichte kann man unendlich oft erzählen, indem man sie immer wieder von einem anderen Punkt in der Geschichte aus betrachtet. Ein Ende gibt es nicht, es geht immer weiter."

Diese Aussage fasst die Erzählweise Harald Martensteins treffend zusammen. Der Leser macht sich die unterschiedlichen Perspektiven der Protagonisten zu eigen und gelangt damit zu Bewertungen, die sich widersprechen. Martensteins Blick auf seine Romanfiguren bleibt meist ironisch distanziert, was ihnen bisweilen eine Komik gibt, die dem Sujet gut tut. Diese Ironie zeigt sich auch in Martensteins Sprache, die gerade durch ihre Klarheit besticht. Es ist ein Roman über eine schwere Zeit, der den Leser auch schmunzeln lässt - und ein Ende hat der Roman dann schließlich doch, eines, das überrascht und staunen lässt.
Wenn es die Geschichte erfordert, springt der Erzähler Generationen zurück. Sein Urururgroßvater sei der Heigl gewesen, ein Räuber aus den bayerischen Wäldern, eine Art bayerischer Robin Hood. Der Heigl ist für die weitere Geschichte wichtig, weil er die Schizophrenie in die Familie gebracht hat. Ein schweres Erbe, wie sich herausstellen wird.

Unsichtbare Besucher
"Sie sah ihn nicht an. Aber sie warf ihn auch nicht raus." Dieser Satz beschreibt die Beziehung der Eheleute nach dem Krieg. Es ist ein Sich-Ertragen, ein Einander-Nicht-Rauswerfen. Katharina sammelt ärztliche Atteste über die blauen Flecken, die Joseph ihr von Zeit zu Zeit zufügt, in der Überzeugung, dass ihr die Atteste im Falle einer Scheidung nützlich sein würden.
Joseph ist nach seiner Rückkehr vor allem müde. Warum liebt sie ihn nicht mehr? - das ist die Frage, die ständig an ihm nagt. Er versammelt immer mehr Tiere in ihrer gemeinsamen Wohnung: unter anderem Vögel, ein Chamäleon, eine Blindschleiche und eine Echse, Heuschrecken und eine Katze. Die Tiere vermehren sich prächtig und bilden so einen merkwürdigen bis komischen Kontrast zur unfruchtbaren Ehe.
Katharina entwickelt immer mehr Ticks. Sie hat Angst vor Eindringlingen und braucht immer mehr und immer bessere Türschlösser, die Joseph bereitwillig an der Wohnungstür anbringt. Mit der Zeit entrückt sie der Realität immer mehr, hat Visionen und sieht nicht-reale Wesen. Irgendwann lässt sich Joseph auf ihre fixen Ideen ein, akzeptiert die Unsichtbaren, die sie sich ausdenkt, als real existierend, spricht zuweilen sogar mit ihnen. Wenn Joseph und seine Frau Kaffee trinken, stehen meist mehr als zwei Tassen auf dem Tisch, weil Katharina ihre ausgedachten Freunde dazu einlädt.
Doch eines Tages empfängt auch Joseph, der Realist, einen nur ihm sichtbaren Besucher aus einer anderen Welt …

Tina Full
Frankfurt, März 2007