Heiner Koch: zu Gott ums Eck

Heiner Koch: Zu Gott ums Eck. Wie Kirche zu den Menschen kommt

Glauben in Ost und West

»Das ist doch nicht normal!« In diesem Satz, der mehr Vorwurf als Feststellung ist, schwingt gemeinhin emotionale Empörung mit. Irgendetwas, irgendwer verstößt da gerade ganz massiv gegen unser Weltbild, unsere Verhaltensvorstellungen. Im Rheinland sagt man auch gern mal: »Normal is dat nich.« In dieser Formulierung freilich schwingt schon mehr Gelassenheit gegenüber dem Andersartigen mit. Es ist mehr ein Wort gewordenes Kopfschütteln als eine emotionale Empörung. Vielleicht auch die unbewusste Erkenntnis: Was ist schon normal?

Ist es normal zu glauben? In einigen Regionen Deutschlands ist es so normal, dass man schon die Frage danach als »unnormal« empfinden würde. Aber diese Landkarte verändert sich zunehmend, das ist ebenfalls »normal«. Auch im stärker kirchlich geprägten Westdeutschland nimmt die »Glaubens-Normalität« ab. Insgesamt gehören rund 23,3 Millionen Deutsche der katholischen Kirche an. Vermutlich empfindet der Großteil der Gläubigen – in Westdeutschland – diese Zugehörigkeit als normal. Aber spätestens bei der Frage nach der Glaubenspraxis kommt man auch dort mit »normal« nicht mehr sehr weit: Früher war es normal, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Heute ist das – trotz weiterhin bestehender Sonntagspflicht für Katholiken – nicht mehr normal. Laut Statistik der Deutschen Bischofskonferenz liegt der Gottesdienstbesuch im Durchschnitt bei knapp 10 Prozent. […]

»Normal« ist für die Berliner etwas anderes. Normal heißt hier in Bezug auf Glauben und Religion: Es gibt keinen Gott. Erst recht nicht solch einen »komplizierten « Gott, wie ihn die christliche Botschaft verkündet – mit ihrer »Drei in Eins«-Trinitätslehre, mit ihrem Gedanken »im Tod ist das Leben«, mit diesem Jesus, der zugleich »wahrer Mensch und wahrer Gott« ist. Von Wundern, Jungfrauengeburt und anderen »Kuriositäten« gar nicht erst zu reden. Und dann ist das auch noch ein Gott, mit dem ich in intensiver Beziehung leben soll – auf den hin ich mich als gläubiger Christ ausrichte, von dem ich mich berufen weiß und vor dem ich Verantwortung für mein Handeln und Tun trage. 16 Prozent der Berliner gehören der evangelischen und gut 9 Prozent der katholischen Kirche an, im Westen sind es mehr, im Osten deutlich weniger. Normal findet für die meisten Berlinerinnen und Berliner die Welt ohne Gott statt. Für sie beginnt das Leben mit der Geburt und endet mit dem Tod – mehr gibt es nicht. Die Welt ist geworden aus einer Materie, die immer da war, und sie wird genauso wieder zerfallen ins Nichts oder in irgendetwas, was immer das auch sein mag. Auf jeden Fall gibt es nichts, was die letztlich greif- und erforschbare Dimension des Lebens übersteigt. Alles andere sind irreale Utopien, für die es in dieser Welt keinen Ort gibt. Allenfalls Träume für die, die sich mit der Wirklichkeit der Welt und der ihres Lebens nicht abfinden können, Vertröstungen für die, die mit der Trostlosigkeit ihres Lebens nicht zurechtkommen. Diese Haltung faktischer Gottlosigkeit ist hier in Berlin und in Ostdeutschland normal. Diese Normalität ist den meisten Menschen in ihrer Familie und in der sie umgebenden Gesellschaft eingeflößt worden. [...]

»Sagen Sie nie, in Berlin seien die meisten Menschen ungläubig«, sagte mir einmal ein erfahrener Lokalpolitiker. Das habe ich inzwischen auch so erfahren. Aber ich werde sie deshalb trotzdem nie vereinnahmen, auch nicht als quasi anonyme Christen. Dennoch habe ich die gute und tiefe Erfahrung gemacht, wie sehr manche vermeintlich »Ungläubigen« doch eine Ahnung von jener liebenden und beschützenden Kraft haben, die wir Christen Gott nennen. Es ist gut, dass Christen in aller Entschiedenheit ihren Glauben und die christliche Botschaft für diese Menschen wachhalten: Dass es vielleicht doch einen Gott gibt, der uns trägt, der uns liebt und der uns auch in schlechten Stunden nicht fallen lässt. Dieses klare Zeugnis sind wir Christen den Menschen und unserer Gesellschaft schuldig. Denn so kann man lernen, dass die Grenzen der Kirche und des christlichen Glaubens nicht die Grenzen des Gottgläubigseins darstellen. Und das ist ein Segen auch für uns Christen.

Was ist schon normal? Die späte Taufe der alten Dame Mut zur Veränderung Neugierig geworden?

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