Einzigartige Reportagen über Akteure und Hintergründe

Für Menschen, denen Tierschutz, Umweltschutz und gesunde Ernährung wichtig sind

Noch nie wurde so viel Fleisch gegessen wie heute und die Folgen der überbordenden Fleischproduktion für Tiere, Umwelt und Klima sind katastrophal. Alternativen werden gesucht. Kann »neues Fleisch«, das nicht an Tieren, sondern in Nährlösungen wächst, eine solche sein? Wird eine Fleischrevolution alles auf den Kopf stellen oder ist am Ende doch alles nur heiße Luft?

Der Journalist Hendrik Hassel nimmt uns mit auf eine Entdeckungsreise in die Labore und Produktionsräume, in denen heute am »neuen Fleisch« gearbeitet wird. Anschaulich und spannend erzählt er von erstaunlichen Entwicklungen in den Niederlanden, Israel, Russland, China und den USA.

Ein engagiertes Buch, das die enormen Chancen der aktuellen Entwicklungen aufzeigt und gleichzeitig die Herausforderungen thematisiert.

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Noch Utopie – bald Wirklichkeit?

»Es ging so einfach nicht mehr weiter«, sagt er und schaut auf den Boden. Der niedersächsische Unternehmer Stephan Hansen war früher Tierhalter von 60.000 Hühnern, heute ist er Fleischbrauer. Die Mastanlage hatte er von seinem Vater übernommen, sich damit arrangiert, dann darüber geärgert und umgelenkt. Er war einer der Ersten, die hier in der Region auf das Brauen von Fleisch umstellten. Er galt lange als Spinner, bis es ihm immer mehr nachmachten.

Heute gibt er eine Führung durch seine Brauerei. Anfangs war das Interesse groß, doch der Ansturm hat sich gelegt. Eine Schulklasse aus der benachbarten Ortschaft ist gekommen, um zu sehen, wie ihr Fleisch wächst.

Hansen betritt die erste Halle, geht vorbei an den Kontrollbildschirmen. Früher wurden in der Halle die Tage für die 20.000 Tiere mit Kunstlicht verlängert. Je länger das Licht schien, desto schneller wuchsen die Hühner. Tageslicht kam nicht in den Stall. Für die Fleischbrauerei wollte er das ändern. Die Wände links und rechts sind mit großen Fenstern versehen, wo sich am Wochenende die Kinder der Nachbarschaft die Nasen plattdrücken.

In der Halle stehen zwölf runde Kessel, jeweils zwei nebeneinander. Hansen nennt sie Fleischkultivatoren. Kleinere Rohre in verschiedenen Farben kommen vom Vorraum aus der Wand und verlaufen an der Decke quer durch die Halle. In den rosa Rohren sind Aminosäuren, in den grünen Vitamine und in den orangenen Glukose.

Er läuft zwischen den ersten beiden Brauereitanks vorbei. »Hier wächst es«, sagt er mit ruhiger Stimme. Fast so, als wolle er es nicht aufwecken. Das, was früher in den Tieren passierte, geschieht jetzt in den Edelstahlcontainern. Dort bekommen die Hühnerzellen die Nährstoffe, die sie benötigen, um zu wachsen und sich zu teilen. Muskelstrang für Muskelstrang entsteht hier die Basis für Wurst, Hühnerbrust und Chicken Nuggets.

Durch Luken schauen die Kinder in den Kultivator. Nicht wirklich spannend. In den Tanks liegen die Muskelfasern in rosa Flüssigkeit. Stephan Hansen zeigt auf seinem Telefon ein kurzes Video. Eine Zeitraffer-Aufnahme, vier Wochen in zehn Sekunden. Da sieht man tatsächlich die Muskelmasse wachsen. »In 30 Tagen waren damals meine Hühner so groß, dass ich sie abholen ließ, um die Tiere schlachten zu lassen«, sagt Hansen. Das ist jetzt nicht mehr nötig, das Fleisch wächst nun außerhalb der Tiere.

Nach der Führung verlässt Stephan Hansen die Halle, läuft über den Hof und geht in sein Arbeitszimmer. Er schaut auf die Uhr. Es ist 14.25 Uhr. Was ist heute noch zu tun? Er schaut in seinen Kalender, öffnet die Seite des heutigen Tages, Mittwoch, der 3. Mai 2045. Noch ein Mal Kontrollreport des Computers für die Temperaturen in den Kesseln überprüfen, die Abholung für das Fleischwerk fertig machen, dann Feierabend.

Werden wir tatsächlich Fleisch brauen wie Bier? Oder Wurst wachsen lassen wie Salat? Das ist doch nur Science-Fiction und hat wenig mit unserer Welt zu tun. Alles frei erfunden. Fleisch ohne Schlachthäuser, das ist eine Utopie. Ausgeschlossen, dass wir so in Zukunft Fleisch herstellen werden. Oder etwa nicht?



Die Szene oben ist natürlich frei erfunden, und Fleisch ohne Schlachthäuser noch nicht zu haben. Aber es ist möglich, dass die Menschen in Zukunft Fleisch in ausreichender Menge und zu einem vertretbaren Preis herstellen können, ohne ein Tier dafür töten zu müssen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten intensiv an dieser Möglichkeit.


Hendrik Hassel schreibt dazu in seinem Buch: »Zugegeben, es ist eine absurde Vorstellung: Fleisch zu essen, ohne Tiere dafür zu töten.

Als das Forschungsteam um den niederländischen Professor Mark Post im Jahr 2013 den weltersten künstlich hergestellten Burger servierte, zeigte es der Welt: Eine andere Art der Fleischproduktion ist möglich. Was bisher nur Science-Fiction war, wurde eine echte Möglichkeit.

Es war nicht nur ein Triumph der Wissenschaft. Es war so viel mehr. Mark Post präsentierte ein Versprechen. Das Versprechen, dass wir in Zukunft keine Tiere mehr schlachten müssen, um Fleisch zu essen, und dass die Umweltfolgen der Massentierhaltung Geschichte werden könnten. Doch bis heute ist es bei der bloßen Möglichkeit geblieben. Bis heute wurde dieses Versprechen nicht eingelöst.

Für das Buch hatte ich die Gelegenheit, in eine neue Welt einzutauchen. Eine Welt aus Zellen und Nährlösungen, aus mutigen Prognosen und einer ungewissen Zukunft. Eine Welt, in der Forschungsteams die Fleischherstellung revolutionieren wollen. Immer wieder schlugen Türen zu, andere gingen auf.

Ich traf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Konferenzen und diskutierte mit ihnen Zukunftsszenarien. Ich besuchte Firmen in den Niederlanden, in Israel und in den USA. Ich sprach mit Investoren über die Chancen und Risiken einer neuen Fleischproduktion.

Während meiner Recherche musste ich immer wieder an die Worte denken, die mir Shir Friedman, Mitbegründerin des israelischen Start-ups Super-Meat, sagte. Als sie zum ersten Mal von der neuen Art, Fleisch herzustellen, erfuhr, dachte sie: »Wenn das keine Science-Fiction ist, dann ist das krass.«

Wenn den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern das gelingt, dann schauen wir gerade dabei zu, wie Geschichte geschrieben wird. Wir könnten erleben, wie Schlachthäuser überflüssig werden und die Zeit der neuen Fleischherstellung beginnt.«

Berlin, im Sommer 2019

Hendrik Hassel
© privat

Hendrik Hassel, geboren 1988, er arbeitet in Berlin als freier Journalist und Fotograf. Mit 23 Jahren gründete er gemeinsam mit Freunden die Tierschutzorganisation Animal Equality Germany e.V., die er auch leitete. Als Journalist schreibt er regelmäßig über Tiere als Lebensmittel.
Seine Texte wurden bei "Vice", "der Freitag" und anderen Medien veröffentlicht.

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